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Studie zu ärztlichen
Werthaltungen unter aktuellen Herausforderungen
Ergebnisse einer Befragung unter Ärzten(innen) in Schleswig-Holstein
Teil I: Hintergrund,
Fragestellungen und Methodik der Studie. Rücklauf, Non-Response-Analyse
und Repräsentativität. Freie Kommentare und Kritikpunkte an
der Studie. Aktuelle Herausforderungen und Belastungen der Ärzteschaft.
Beginnend mit dieser
Ausgabe und weitergeführt in der April- und Mai-Ausgabe des Schleswig-Holsteinischen
Ärzteblattes stellen wir zentrale Ergebnisse unserer Studie zu ärztlichen
Werthaltungen unter aktuellen Herausforderungen vor.
Vor dem Einstieg in
Grundlagen und Ergebnisse der Studie möchten wir allen Ärzten,
die sich an der Befragung beteiligt haben, aufrichtig danken! Mit der
Beantwortung des (zugegeben sehr umfangreichen und komplexen) Fragebogeninstrumentes
konnten wir wertvolle und hoffentlich für weitere Diskussionen fruchtbare
Daten gewinnen. Dank auch für die zahlreichen freien
Kommentare.
Die Studie zu ärztlichen
Werthaltungen und Herausforderungen wurde ermöglicht durch die (finanzielle
und tatkräftige) Unterstützung der Ärztekammer Schleswig-Holstein,
die den Fragebogenversand, die Rückantwortkontrolle sowie die Erinnerungsschreiben
übernahm. Hier gilt unser besonderer Dank Marion David und Mitarbeitern
vom Ressort I: Verantwortung, Koordination Geschäftsstelle
sowie Thomas Neldner, Vorstandsreferent der Ärztekammer Schleswig-Holstein.
Wichtige inhaltliche Anregungen zum Fragebogen und zur Befragung kamen
aus der Kammerversammlung, dem Ausschuss Ärztinnen der Ärztekammer
sowie dem Vorstand der Ärztekammer, insbesondere vom Präsidenten
Dr. Franz Bartmann. Dr. Karl-Werner Ratschko danken wir ebenfalls für
wertvolle Kritik. Ralf Büchner, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen
Vereinigung Schleswig-Holstein bis 2008, gab uns wichtige Anmerkungen.
Hintergrund und
Fragestellungen der Studie:
Ein Ausgangspunkt für die Befragung war die Beschäftigung mit
dem englischen und nur schwer ins Deutsche zu übersetzenden Begriff
medical professionalism und die von verschiedenen amerikanischen
und europäischen Fachgesellschaften initiierte Physicians
Charter (siehe hierzu auch Ausgabe 8/2006, Seite 32 ff.: Der ärztliche
Beruf vor alten und neuen Herausforderungen [new medical professionalism]).
Die Autoren der Charta sahen verschiedene Herausforderungen der Ärzteschaft,
die eine Bekräftigung von (ärztlichen) Werthaltungen in Form
von Grundprinzipien (fundamental principles) und Selbstverpflichtungen
(commitments, professional responsibilities) notwendig erschienen
ließen (Abb. 1).
Grundprinzipien
fundamental principles
Vorrang des Patientenwohls
Patientenautonomie
soziale Gerechtigkeit |
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Selbstverpflichtungen
responsibilities, commitments
fachliche Kompetenz
Aufrichtigkeit
Vertraulichkeit
angemessene Beziehungen
Qualitätsentwicklung
gleicher Zugang
gerechte Verteilung
Wissenschaftlichkeit
Interessenskonflikte
Selbstregulierung der Profession |
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Abb.
1: Die drei Grundprinzipien und zehn Selbstverpflichtungen der Physicians
Charter, übersetzt aus: Medical professionalism in
the new millennium:
a physicians charter, Lancet 2002;359:520-22. |
Veränderungen
inner- und außerhalb der Arbeitswelt der Ärzte und ihre Auswirkungen
auf deren Gesundheitszustand (z. B. auch Burn-Out-Thematik,
Substanzmissbrauch), Berufszufriedenheit und Arbeitsfähigkeit wurden
in zahlreichen v. a. angelsächsischen Ärztebefragungen untersucht,
jüngst auch in einer Studie der Sächsischen Landesärztekammer
in Zusammenarbeit u. a. mit dem Institut und der Poliklinik für Arbeits-
und Sozialmedizin der Technischen Universität Dresden (siehe Ärzteblatt
Sachsen, Ausgabe Juli und Oktober 2008, sowie Januar 2009: Gesundheitszustand
und Berufszufriedenheit der Ärztinnen und Ärzte im Freistaat
Sachsen). Die Autoren stellten als Ergebnis der Befragung eine hohe
berufliche Belastung bei gleichzeitig hoher Berufszufriedenheit fest (u.
a. Zufriedenheit mit dem Verantwortungsumfang, Sinnerleben in der Arbeit,
Einbringen eigener Vorstellungen). Der eigene Gesundheitszustand wurde
von den Ärzten überwiegend positiv beurteilt.
Wir wollten in unserer
Befragung andere - und unseres Wissens für die deutsche Ärzteschaft
bisher kaum untersuchte - Fragestellungen ansprechen. Unsere eher professions-soziologische
Schwerpunktsetzung fokussierte auf Werte und ethische
Grundhaltungen der Befragten vor dem Hintergrund aktueller beruflicher
Herausforderungen, weniger auf deren vielfach untersuchten psychologischen
Folgen für Befindlichkeit, Stress, Zufriedenheit.
Unsere Fragestellungen waren im Einzelnen:
Welche aktuellen Herausforderungen
und Problemfelder werden als besonders belastend und widersprüchlich
zur persönlichen Auffassung vom Arztberuf angesehen? Wie sieht das
professionelle Grundverständnis aus, welchen ärztlichen Aufgaben
wird besondere Wichtigkeit beigemessen? Wem sieht sich der Arzt/die Ärztin
vor allem verpflichtet? Besteht eher Homogenität oder
Heterogenität auf Werteebene/Handlungsebene innerhalb der Ärzteschaft?
Welchen Einfluss haben bestimmte Merkmale (Geschlecht, Alter, Tätigkeitsort,
Fachgebiet) auf das Antwortverhalten, lassen sich charakteristische Antwortmuster
identifizieren? Ergänzend wurden Fragen zur Berufs- und Lebenszufriedenheit,
zur persönlichen Verausgabung und erfahrenen Gratifikation sowie
zum Arztberuf als freier Beruf aufgenommen.
Methodik: Studiendesign
und Stichprobe, Fragebogeninstrument
Im Zeitraum von Februar bis Juni 2008 wurde eine geschichtete Zufallsstichprobe
von insgesamt 4.933 in Schleswig-Holstein tätigen Ärzten(innen)
postalisch befragt. Die Schichtung der Stichprobe erfolgte nach Geschlecht,
Alter (< 40 Jahre und > 40 Jahre), Tätigkeitsort (Praxis oder
Krankenhaus) und Fachgebiet1. Es ergaben sich aus den Schichtungsmerkmalen
insgesamt 48 Untergruppen, wobei jede der Untergruppen (theoretisch) mit
200 Personen besetzt werden sollte, um auch im Gruppenvergleich und bei
einer erwarteten Antwortrate von 50 Prozent noch statistisch signifikante
Unterschiede aufdecken zu können. Tatsächlich konnten 34 Untergruppen
nur mit weniger als 200 Personen besetzt werden (z. B. die Gruppe weibliche
Fachärzte psychiatrisch tätig, niedergelassen, < 40 Jahre
mit sechs Personen); diese Gruppen wurden voll ausgeschöpft.
Aus datenschutztechnischen Gründen erfolgten Ziehung der Stichprobe,
Versand der Fragebögen, Rückantwortkontrolle und Versand maximal
zweier Erinnerungsschreiben durch die Ärztekammer Schleswig-Holstein.
Die Anonymisierung erfolgte über die Organisation der Rückantworten
analog zum Briefwahlverfahren. Weder Mitarbeitern der Ärztekammer
noch des Instituts für Sozialmedizin war es dadurch möglich,
ausgefüllte Fragebögen bestimmten Teilnehmern zuzuordnen.
Inhaltliches Substrat des Fragebogens waren zahlreiche internationale
und nationale Publikationen zu ärztlichen Werthaltungen (Chartas,
Gelöbnisse, Berufsordnungen), außerdem zu Berufsbelastungen
und Problembereichen ärztlichen Handelns und zum professionellen
Selbstverständnis. Der Fragebogen enthielt neun Themenbereiche: Herausforderungen
im ärztlichen Beruf, Verantwortungsbereiche des Arztes und Grundwerte,
ärztliche Aufgaben und deren Wichtigkeit, erlebte und erwartete Berufszufriedenheit,
Zufriedenheit mit verschiedenen Aspekten des Lebens, der Arztberuf als
freier Beruf sowie Akteure zur Stärkung und Weiterentwicklung
des ärztlichen Berufsstandes. Abschließend wurden einige soziodemografische
Hintergrundvariablen erhoben, die unter anderem der Zuordnung zu einer
der oben genannten Merkmalskombinationen dienten. Freie Kommentare konnten
am Ende des Fragebogens notiert werden. Die Fragen und ihre Items werden
mit ihren jeweiligen Ergebnissen dargestellt. In einem qualitativen Pretest
mit ärztlichen und nichtärztlichen Wissenschaftlern und niedergelassen
Ärzten sowie in einem quantitativen Pretest an 50 zufällig ausgewählten
Hausärzten wurde das Instrument im Vorfeld auf Verständlichkeit
und Praktikabilität geprüft (und angepasst).
Methodik: Dateneingabe
und Datenverarbeitung, statistische Auswertung
Die Fragebögen wurden per Scanner eingelesen und die Antworten mittels
spezieller Software (TeleForm v9 von Verity Inc.) in SPSS für Windows
(Version 15.0, SPSS Inc.) überführt. Die erfassten Daten wurden
auf Vollständigkeit und Übereinstimmung mit den Originaleintragungen
in die Fragebögen überprüft (EDV-gestützt und durch
visuellen Abgleich). Die Rohdaten wurden anschließend auf Plausibilität
untersucht, wo notwendig bereinigt und der weiteren Auswertung zugeführt.
Für die deskriptive Statistik wurden entsprechende Maßzahlen
(u. a. Mittelwert, Standardabweichung) berechnet, für die schließende
Statistik u. a. multivariate Verfahren wie binäre logistische und
lineare Regression eingesetzt. Das Signifikanzniveau für den Fehler
1. Art wurde auf < fünf Prozent festgesetzt.
Ergebnisse: Rücklauf,
Repräsentativität der Studie und Non-Response-Analyse
Von den 4.933 verschickten Fragebögen wurden insgesamt 2.923 nach
maximal zweimaliger Erinnerung zurückgeschickt, was einer (rohen)
Rücklaufquote von 59,3 Prozent entspricht. Ausgeschlossen wurden
von der weiteren Auswertung Fragebögen mit Nennungen im soziodemografischen
Abschnitt wie nicht mehr ärztlich tätig, arbeitslos,
freigestellt, im Ruhestand, ausschließlich
administrativ/in Lehre tätig sowie mit Doppelnennungen sowohl
in Praxis als auch im Krankenhaus tätig. Komplett unausgefüllte
Fragebögen oder Fragebögen ohne soziodemografische Angaben wurden
ebenfalls ausgeschlossen. Zwei Personen konnten, weil verzogen,
nicht kontaktiert werden. Insgesamt lag der bereinigte Rücklauf bei
2.800 von 4.838 Fragebögen, entsprechend 57,9 Prozent. Tabelle 1
zeigt die Verteilung der Schichtungsmerkmale nach Erhebungswelle (Erstantwort,
1. und 2. Erinnerungswelle und Gesamt), sowie die Verteilung der Merkmale
innerhalb des Ärzteverzeichnisses von Schleswig-Holstein. Erläuterungen
hierzu finden sich direkt in der Legende.
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| Tab.
1: Soziodemografische Merkmale nach Antwortwelle. a mit der 2. Erinnerung
wurde auch noch einmal ein Duplikat des Fragebogens versandt. b ÄVZ:
Daten aus dem Ärzteverzeichnis der Ärztekammer Schleswig-Holstein,
einbezogen sind Nichtfachärzte, sowie Fachärzte der eingeschlossenen
Fachgebiete. c hierin enthalten sind Personen, bei denen nicht alle
zur Einteilung notwendigen Merkmale (Alter, Geschlecht etc.) vorhanden
waren. Für das Merkmal Geschlecht sowie die Untergruppen der
Nicht-Fachärzte und der Fachärzte psychiatrisch tätig
weicht die beobachtete Zusammensetzung stärker von der des ÄVZ
ab. |
Eine schriftliche
Nachbefragung der Non-Responder erfolgte nicht. Ein indirektes Verfahren,
um auf die (soziodemografische) Zusammensetzung der Gruppe der Non-Responder
zu schließen, stellt die Analyse nach Antwortwellen dar (Wave
Analysis). Sie unterstellt, dass die Zusammensetzung der letzten
Antwortwelle dem der Non-Responder nahe kommt. Im Vergleich zur Erstantwortwelle
zeigte die Zusammensetzung der 2. Antwortwelle tendenziell eine höhere
Beteiligung von männlichen, jungen Krankenhausärzten ohne Facharzttitel.
Ein auf Selbstselektion
der Antwortenden beruhender Non-Response-Bias ist also generell nicht
auszuschließen. Dies verbietet u. E. auch eine künstliche Auf-
bzw. Abgewichtung einzelner über- oder unterrepräsentierter
Merkmalsgruppen, um künstlich Repräsentativität unserer
Ergebnisse für die gesamte Ärzteschaft Schleswig-Holsteins herzustellen.
Streng genommen können wir nur über den Teil unserer Kollegenschaft
etwas aussagen, der uns geantwortet hat.
Ergebnisse: Freie
Kommentare und Kritikpunkte an der Studie
Insgesamt lagen rund 600 freie schriftliche Kommentare vor, von kurzen
Anmerkungen zu einzelnen Fragen bzw. Items hin zu langen Schilderungen
der erlebten Berufssituation. Wann immer möglich werden die Kritikpunkte
zu einzelnen Fragen sowie grundsätzliche Anmerkungen auszugsweise
bei den (Einzel-)Ergebnissen beschrieben. Prinzipiell fanden sich einerseits
Befürworter der Studie, die die Möglichkeit zur Partizipation
und zur Meinungsbildung an einer für die Ärzteschaft wichtigen
Thematik positiv bewerteten. Auf der anderen Seite kamen Gegenstimmen,
die bezweifelten, dass derartige (quantitative) Studien grundsätzlich
Werthaltungen abbilden und zu Veränderungen führen könnten.
Uneinheitlich wurde auch das Fragebogeninstrument bewertet: Einerseits
von vielen als zu lang, thematisch überfrachtet
eingeschätzt, auf der anderen Seite als nicht detailliert genug
und zu oberflächlich. Andere wiederum begrüßten,
dass sie durch den Fragebogen für viele Bereiche ihrer Arbeitssituation
thematisch sensibilisiert worden wären. Einzelne Items schienen nicht
gleichermaßen Praxis- wie auch Krankenhausärzte angesprochen
zu haben, wenngleich wir uns bemüht hatten, für beide Gruppen
entsprechende Beispiele aufzunehmen bzw. grundsätzliche Einschätzungen
abzufragen. Es wurde auch angemerkt, dass einige soziodemografische Angaben
hätten ergänzt werden können, so z. B. die Frage nach Umfang
des Umsatzes durch privat Krankenversicherte bzw. Individuelle Gesundheitsleistungen
(IGeL), eine detailliertere Aufschlüsselung der Arbeitszeit nach
Tätigkeit sowie der Einkommensverhältnisse und Aufwendungen.
Ergebnisse: Aktuelle
Herausforderungen
Weibliche und männliche Ärzte, ambulant und stationär arbeitende
Ärzte, Fachärzte wie Nicht-Fachärzte sehen sich in ihrer
Arbeit zahlreichen aktuellen wie auch grundsätzlichen Herausforderungen
und Problemen gegenüber. Die Herausforderungen können dabei
von außen einwirken (z. B. ökonomische Zwänge,
rechtliche Anforderungen) wie auch von innen (z. B. innerärztliche
Spezialisierung, veränderte Selbstdefinition der Ärzte),
teilweise sind externe und interne Herausforderungen bei genauerer Betrachtung
eng miteinander verbunden (z. B. IGeL).
Wir hatten 23 zentrale Themen aus verschiedenen Publikationen sowie dem
Kontakt zu Praktikern gewonnen. Jedes einzelne wurde dreifach
angesprochen: 1. Fühlen sich die befragten Ärzte davon betroffen
und wenn ja, wie stark belastet es sie? 2. Welche der Herausforderungen
sehen die Ärzte im besonderen Widerspruch zu ihrer persönlichen
Auffassung vom Arztberuf? Insgesamt waren drei Antwortmöglichkeiten
vorgesehen. 3. Sehen die befragten Ärzte Auswirkungen auf die Behandlung
und den Gesundheitszustand ihrer Patienten? Hierzu wurde angemerkt, dass
separat nach Behandlung und Gesundheitszustand hätte gefragt werden
sollen, da einige Herausforderungen z. B. negative Auswirkungen auf die
Behandlung, aber keine auf den Gesundheitszustand der Patienten hätten.
Viele Herausforderungen würden und müssten durch die Ärzte
gepuffert werden, um negative Auswirkungen auf die Patienten
zu vermeiden.
Tabelle 2 gibt die
Ergebnisse für die drei Fragenteile wieder (Herausforderungen
... belasten, ... stehen im Widerspruch zur persönlichen
Auffassung vom Arztberuf, ... haben Auswirkungen auf Behandlung
und Gesundheitszustand der Patienten). Zusätzlich wurde eine
Faktorenanalyse (Hauptkomponenten-Analyse, Varimax-Rotation) der 23 Items
von Fragenteil 1 durchgeführt. Es konnten vier Faktoren identifiziert
werden; die angebotenen Herausforderungen ließen sich damit vier
Bereichen zuordnen: 1. externe Kontrollen und administrative Anforderungen.
2. (moderne) fachliche Anforderungen. 3. Wettbewerbs- und Kostendruck.
4. Externe Motivatoren.
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Tab.
2: Herausforderungen im ärztlichen Arbeitsfeld. Geordnet nach
Bereichen aufgrund Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse, nach
Varimax-Rotation). a Der Mittelwert (MW) errechnet sich aus folgenden
Wertekodierungen: 1 = (die Herausforderung) trifft auf mich zu, belastet
überhaupt nicht; 2 = trifft zu, belastet ein wenig; 3 = trifft
zu, belastet ziemlich; 4 = trifft zu, belastet stark; die Antwort
trifft auf mich nicht zu wurde nicht in die Mittelwertberechnung
einbezogen; %b gibt die relative Häufigkeit der Antwort trifft
auf mich nicht zu an. c Diese Items stehen im besonderen Widerspruch
zur persönlichen Auffassung vom Arztberuf; angegeben sind Ränge
nach Häufigkeit der Nennungen. d Der Mittelwert (MW) zur Frage
Sehen Sie Auswirkungen der Herausforderungen auf Behandlung
und Gesundheitszustand Ihrer Patienten? berechnet sich aus folgenden
Wertekodierungen: 1 = ja, negative (Auswirkungen); 2 = teils positive,
teils negati-
ve; 3 = ja, positive; die Antwort keine Auswirkungen wurde
nicht in die Mittelwertberechnung einbezogen; %e gibt die relative
Häufigkeit der Antwort keine Auswirkungen an. |
Ergebnisse: Unterschiede
im Antwortverhalten nach Arztgruppe
Für die als stark belastend wahrgenommenen Items weitere Dokumentationen,
Schreibkram (Bereich externe Kontrollen und administrative
Anforderungen) sowie schwierige Vereinbarkeit von Familie
und Beruf (Bereich externe Motivatoren) soll im Folgenden
der Einfluss der Schichtungsmerkmale (Arztgruppen) dargestellt
werden. Grundlage ist die Mittelwertberechnung für Fragenteil 1 (Herausforderungen
... belasten), wie in der Legende zu Tab. 2 dargestellt. Zwischen
weiblichen und männlichen Ärzten bestanden nur geringe Mittelwertunterschiede
für weitere Dokumentationen, Schreibkram (3,42 vs. 3,49,
Standardabweichung [STD] 0,703), ebenso für die schwierige
Vereinbarkeit von Familie und Beruf (3,09 vs. 3,01, STD 0,928).
Für die jungen Ärzte (< 40 Jahre) zeigte sich eine stärkere
Belastung durch die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf
als für die älteren Ärzte (3,30 vs. 2,93, STD 0,929). Dokumentationen,
Schreibkram wiesen dagegen fast identische Mittelwerte auf (3,46
vs. 3,45, STD 0,705). Im Vergleich Krankenhausärzte vs.
Praxisärzte gaben die Krankenhausärzte stärkere
Belastungen durch Dokumentationen, Schreibkram an (3,48 vs.
3,44, STD 0,702) als die Praxisärzte, auch die schwierige Vereinbarkeit
von Familie und Beruf belastete die Krankenhausärzte stärker
(3,26 vs. 2,79, STD 0,931). Das Item Dokumentationen, Schreibkram
zeigte für die Fachärzte hausärztlich tätig (3,59)
sowie die Fachärzte operativ tätig (3,54) die höchsten
Belastungen, für die Fachärzte diagnostisch tätig mit 3,03
die niedrigste Belastung (STD 0,704). Die Fachärzte psychiatrisch
tätig gaben insgesamt geringere Belastungen durch die schwierige
Vereinbarkeit von Familie und Beruf an (2,75) als z. B. die Nicht-Fachärzte
(3,43, STD 0,929). Insgesamt fällt auf, dass die Unterschiede zwischen
den Arztgruppen im Lichte dieser Items eher gering sind.
Dies bestätigte
sich auch in den für diese Items durchgeführten logistischen
Regressionen. Für das Item Dokumentationen, Schreibkram
zeigten sich zwar für die Merkmale Ärzte > 40 Jahre
(Referenz Ärzte < 40 Jahre) sowie Facharzt diagnostisch
tätig (Referenz Nicht-Fachärzte) signifikant
niedrigere Belastungen (Odds Ratio 0,54 bzw. 0,34), allerdings mit recht
breiten Konfidenzintervallen. Fachärzte operativ tätig
wiesen mit einer Odds Ratio von 3,48 signifikant höhere Belastungen
auf als die Nicht-Fachärzte. Für das Item schwierige Vereinbarkeit
von Familie und Beruf konnten die stärkeren Belastungen von
jungen Ärzten und Krankenhausärzten bestätigt werden, ebenfalls
die geringere Belastung der psychiatrisch tätigen Fachärzte.
Diskussion und
Zusammenfassung:
Wir konnten bedeutende und als besonders belastend wahrgenommene Bereiche
im ärztlichen Arbeitumfeld identifizierten: externe Kontrolle und
Administration, die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie
eine als unangemessen empfundene Entlohnung stellen zentrale Herausforderungen
dar. Moderne fachliche Anforderungen scheinen insgesamt weniger
zu belasten. Die viel gescholtene Fortbildungspflicht wird sogar als für
die Patienten besonders positive Anforderung gesehen. Und selbst die EbM
und ihre Leitlinien erfreuen sich trotz eines gewissen Belastungspotenzials
noch einer eher positiven Würdigung. Unterschiede zwischen den von
uns abgegrenzten Arztgruppen sind zwar vorhanden, aber geringer ausgeprägt
als erwartet.
In der April-Ausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes werden
wir näher darstellen, wem sich der Arzt bzw. die Ärztin besonders
verpflichtet fühlt. In diesem Zusammenhang werden wir
darstellen, welche Bedeutung dem Individualwohl (des Patienten) einerseits
und dem Gemeinwohl sowie der Wirtschaftlichkeit des (Gesundheits-)Systems
andererseits beigemessen werden.
Thies Hendrik Schröder,
Prof. Dr. Dr. phil. Heiner Raspe
1 Die Zuordnung der Fachgebiete erfolgte per definitionem: Facharzt diagnostisch
tätig (FD): Laboratoriumsmedizin, Mikrobiologie/Virologie, Pathologie,
Radiologie; Facharzt hausärztlich tätig (FH): Facharzt für
Allgemeinmedizin, Praktischer Arzt (hausärztlich), Innere Medizin
(hausärztlich); Facharzt konservativ tätig (FK): Anästhesiologie,
Innere Medizin (nicht-hausärztlich), Kinder- und Jugendmedizin, Neurologie,
Nuklearmedizin, Physikalische/Rehabilitative Medizin, Facharzt operativ
tätig (FO): Augenheilkunde, Chirurgie, Frauenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde,
Dermatologie und Venerologie, Neurochirurgie, Urologie; Facharzt psychiatrisch
tätig (FP): Kinder- und Jugendpsychiatrie, Nervenheilkunde, Psychiatrie,
Psychosomatik. Gebiete mit überwiegend beratender Tätigkeit
(Humangenetik, Arbeitsmedizin, FA für öffentliches Gesundheitswesen
u. a.), zahnmedizinische Fächer (Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie) wurden
nicht in die Stichprobe eingeschlossen. Die Gruppe der Nicht-Fachärzte
(KF), setzte sich aus Personen zusammen, bei denen (noch) kein Facharzttitel
im Ärzteverzeichnis geführt wurde.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2009
S. 36
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