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Schleswig-Holstein

„Auswirkungen des demografischen Wandels“

Besorgnis erregende Fakten und Zahlen zur schrumpfenden und alternden Bevölkerung präsentierte in Reinbek der wohl bekannteste Bevölkerungswissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen - er machte aber auch Hoffnung.

Beim diesjährigen Frühjahrsvortrag des Krankenhauses Reinbek St. Adolfstift war es wiederum ein prominenter Redner, der unangenehme Wahrheiten mit Humor verkündete: Prof. Raffelhüschen, geboren 1957 im nordfriesischen Niebüll, promoviert und habilitiert in Kiel, als Ökonom und Demograf tätig an den Universitäten Freiburg (Forschungszentrum Generationenverträge) und Bergen, bekannt geworden als Mitglied der Rürup-Kommission für Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme.

Zunächst einmal zerpflückte der blondmähnige Professor genüsslich gängige Vorurteile über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und den demografischen Wandel. Die solidarische GKV verteile doch sinnvollerweise um von den Gesunden hin zu den Kranken? Falsch, so der Experte, die Umverteilung gehe im Wesentlichen von den Jungen hin zu den Alten. Aber die „alten Kranken“ verbrauchen doch nur das mehr, als sie heute an Beiträgen leisten, was sie in früheren Jahren selber zuviel gezahlt haben? Auch falsch. Verteilt werden könne nur heutiges Geld, also die aktuellen Beitragszahlungen der Jungen per Generationenvertrag: „Das klappt aber nur deshalb, weil noch genügend jüngere Beitragszahler da sind, längerfristig geht das aber nicht mehr!“

Längerfristig? Das heißt, der demografische Wandel, also die Minderzahl an Jüngeren („Unterjüngung“) und das längere Leben der Alten, darstellbar an der Umkehrung der Bevölkerungspyramide, ist ein Problem der Zukunft, das wir mit sofortigen bevölkerungspolitischen Maßnahmen entschärfen können? Auch falsch: „Dies Problem ist Gegenwart, die zu „dünnen“ Jahrgänge leben bereits, die Entwicklung hin zu einer tendenziell abnehmenden Bevölkerung ist unumkehrbar.“

Aber schuld daran haben vor allem die heutigen Älteren? Auch falsch. Wenn Politiker aus den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 40 und 50 Jahren dies behaupteten, liegen sie schief, so der Professor: „Diese Jahrgänge haben eigentlich kein Problem, sie selbst mit ihrer geringen Reproduktionsrate - sie sind das Problem!“

Worin besteht das Problem? Im Jahre 2031 werde es doppelt so viel Rentner geben wie heute. Erwerbstätige müssten viel mehr Nichterwerbstätige ernähren. 75 Prozent der Alten seien als Pflegefälle zu erwarten. Die Pflegeversicherung habe aber in den wenigen Jahren ihres Bestehens nur geringe Reserven bilden können. Dagegen sei die heutige Situation kein Problem.

Nach soviel „Schwarzmalerei“ lag im vollbesetzten Saal die Sehnsucht nach einem Hoffnungsschimmer in der Luft, und Prof. Raffelhüschen enttäuschte nicht. Mit der Zurückweisung des letzten Vorurteils („Die Deutschen sterben aus“) kam die rhetorische Wende. Ja, wir werden weniger, vielleicht 70 statt jetzt rund 82 Millionen, das sei schwer vorherzusagen. Wir werden bis 2075 eine Art „Urnenstruktur“ der ehemaligen Bevölkerungspyramide bekommen, d. h. wenige Junge sorgen für wenige Alte. Dann aber gibt es eine Finanzierbarkeit der Sozialleistungen - wie heute schon bei der Altersrente - auch bei der Kranken- und Pflegeversicherung. Damit das geht, so Raffelhüschen, darf aber die Schuldenlast für künftige Generationen nicht zu groß werden.

Zwei Reformkonzepte böten sich an: die Bürgerversicherung (Einbeziehung der Privatversicherten) mit geringem Effekt oder die Kopfpauschale mit Subventionierung Bedürftiger aus progressiv gestalteten Steuern. Eine kollektivistische Lösung à la englisches Gesundheitswesen lehnte er vehement ab. In Kauf zu nehmen sei dabei, dass ordnungs- und wettbewerbspolitische Maßnahmen im marktwirtschaftlichen Sinn zum Aus für etwa die Hälfte der Krankenhäuser führen könnten. Fazit: „Wir sind auf den demografischen Wandel so gut wie nie vorbereitet - wir können und wir müssen umsteuern.“
Dr. jur. Horst Kreussler


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2009

S. 30