HPV-Impfung
- nötig sind sachliche Informationen
Mehr als hundert verschiedene HPV-Typen gibt es, also Arten des Humanen
Papillom-Virus. Etwa 40 von ihnen sind in der Lage, Veränderungen am
Gebärmutterhals zu verursachen. 13 davon sind als hochriskant zu bewerten,
von ihnen können einige wenige Krebs hervorrufen. Bei der jetzigen
Diskussion über eine möglichst flächendeckende Impfung, wie
sie die Pharmaindustrie haben möchte, muss bedacht werden: Diese Impfung
richtet sich keinesfalls gegen den Krebs, es ist vielmehr eine Impfung gegen
Viren. Und eine Virusinfektion ist nicht dem Zervixkarzinom gleichzusetzen.
Dies stelle Prof. em. Dr. Winfried Kahlke zu Beginn einer Veranstaltung
des Arbeitskreises Interdisziplinäres Ethik-Seminar am UKE in Hamburg
fest. Das Thema: HPV-Impfung gegen Zervixkarzinom - Chancen, Risiken,
Entscheidungskonflikte.
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Prof.
em. Dr. Winfried Kahlke
(Fotos: wl) |
Dr.
med. Ass. jur. Jasper Kiehn |
Angst und Unsicherheit
Nach den Worten von Winfried Kahlke ist die Zahl der entsprechenden Erkrankungen
seit der Einführung von Früherkennungsmaßnahmen vor einigen
Jahren deutlich gesunken. Im
Herbst 2006 seien zwei Impfstoffe zugelassen worden, die geeignet seien,
die riskanten Viren zu eliminieren. Nun gebe es einen Streit unter den
Wissenschaftlern: Im November 2008 haben 13 Gesundheitswissenschaftler
ein Manifest veröffentlicht, in denen sie im Zusammenhang mit der
Impfung einiges kritisch beleuchten. Selbstverständlich werden Medikamente,
auch Impfstoffe, nach ärztlicher Indikation eingesetzt. Die andere
Seite ist das dahinter vermutete große Geschäft der Industrie,
das an sich noch nicht ehrenrührig sei, so Winfried Kahlke: Diese
Impfstoffe sind aber noch nicht lange getestet, und dennoch drängt
die Industrie bereits sehr stark auf den Markt, selbst wenn der positive
Nutzen einer solchen Impfung überhaupt noch nicht erwiesen ist.
Kritikwürdig sei, dass Ärzte und Wissenschaftler sich beeinflussen
lassen und für eine schnelle Zulassung gesorgt haben. Dagegen wenden
sich die genannten 13 Wissenschaftler, die bezweifeln, dass die Impfung
tatsächlich den hohen Nutzen hat, wie er versprochen und in aufwändigen
Anzeigenkampagnen beinahe täglich beschworen wird. Winfried Kahlke:
Der Entwicklungsprozess ist alles andere als abgeschlossen. Betroffen
sind von der Kampagne vor allem die jungen Mädchen, die sich impfen
lassen sollen, und deren Mütter, denen eine Entscheidung abverlangt
wird. Angstmacherei? Ziemlich sicher ist das so. Auf jeden Fall
ist eines der Resultate der Kampagne eine starke Verunsicherung: Sie
muss ernst genommen werden, sagte Winfried Kahlke, und es
ist schwierig auch für die Ärzte, die jetzt aufgefordert sind,
die Entscheidung ihrer Patientinnen mit zu tragen. Und das zu einer Zeit,
in der gesicherte und ausreichende Informationen nicht vorliegen!
Wichtig vor allem: Aufklärung
Dr. med. Ass. jur. Jasper Kiehn vom Referat Berufsordnung der Ärztekammer
Hamburg erklärte, derzeit sei eine Schaden-Nutzen-Bewertung der Impfung
schwierig. Andererseits werde sie bereits millionenfach angewandt, es
gebe sie in der Hälfte aller Länder. Jasper Kiehn erinnerte
an den rechtlichen Rahmen einer solchen Impfung: Sie ist nur unter
der Voraussetzung der Entscheidungsfreiheit möglich. Dazu muss es
Aufklärung geben, und hier erwarte ich Entscheidungskonflikte, da
Minderjährige betroffen sind. Sicher können Infektionskrankheiten
verheerende Folgen haben. Zwar gebe es in Deutschland keine gesetzliche
Impfpflicht mehr, in manchen Ländern aber werde bereits überlegt,
eine solche Impfpflicht gegen Papillomaviren einzuführen. Eltern
müssten sachlich aufgeklärt werden, da sie das Recht und die
Pflicht haben, für das minderjährige Kind zu sorgen. Sie sollten
nach den Worten von Jasper Kiehn dabei bedenken, dass es hier um eine
präventive Maßnahme geht. Die Jugendlichen sollten in die Entscheidung
einbezogen werden, da grundsätzlich gelte: Selbstbestimmung vor Fremdbestimmung,
und: In deren Indikationsalter von zwölf bis 17 Jahren kann
man ihnen selbst kaum eine Entscheidung abverlangen - Alter, geistige
und sittliche Reife sind zu unterschiedlich. Der Inhalt der Aufklärung
müsse geeignet sein, zur Entscheidung beizutragen, dazu gehöre
auch, den potenziellen Nutzen gegen mögliche Risiken abzuwägen.
Zum allgemeinen Nutzen zählte Jasper Kiehn den Schutz vor einer HPV-Infektion
durch bestimmte Virentypen, in deren Folge es zu Zellveränderungen
und möglicherweise Gebärmutterhalskrebs kommen könne. Angeblich
sei die Frage von Nutzen und Risiken bereits geklärt, seit die Ständige
Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO) die fragliche Impfung
empfohlen habe.
Offene Fragen
Dennoch seien viele Fragen offen, sei etwa über eine Langzeitwirkung
der Impfung nichts bekannt. Auch über das Studiendesign wisse man
so gut wie nichts. Über den therapeutischen Nutzen wisse man
ebenso wenig, stellte Jasper Kiehn fest, man könnte auch
fragen: Soll die propagierte Impfung Voraussetzung für sexuelle Kontakte
sein? Zum Vergleich des Risikos Impfnebenwirkungen gegenüber
einem Erkrankungsrisiko lasse sich ebenfalls nichts sagen. Andererseits
sind die Ärzte zu Aufklärung und Behandlung nach anerkanntem
Standard verpflichtet, das wäre hier die STIKO-Empfehlung.
Jasper Kiehn forderte sachliche und ausgewogene Informationen, die geeignet
sein müssten, auf keinen Fall Angst zu schüren. Einwurf einer
Teilnehmerin: Gestern gab es in einer bekannten Boulevardzeitung
einen groß aufgemachten Aufruf zu Impfung - wo ist da die nötige
Kompetenz?! Entscheidungskonflikte könne es geben, wenn Eltern
die HPV-Impfung ablehnten,
wenn sie etwa das Kindeswohl gefährdeten durch eine missbräuchliche
Ausübung elterlicher Sorge. Oder: Was tun, wenn ein Mädchen
gegen den Willen der Eltern geimpft werden möchte? Der Arzt
muss auf jeden Fall abwägen - er kann auf keinen Fall zur Impfung
gezwungen werden, wenn er selbst nicht davon überzeugt ist. Er muss
zu seiner eigenen Unsicherheit stehen und notfalls zu einem Kollegen überweisen.
Jasper Kiehns Fazit: Die Impfung gegen HPV-Viren muss freiwillig sein.
Dazu sind ausgewogene Informationen für eine Nutzen-Risiko-Abwägung
nötig. Minderjährige müssen in die Entscheidung einbezogen
werden. Geklärt werden müssen die offenen Fragen auch deshalb,
weil eine Langzeitwirkung der Impfung längst nicht gesichert ist.
(wl)
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| Dr. phil.
Anke Steckelberg |
Dr. phil. Anke
Steckelberg, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität
Hamburg, berichtete von einer kürzlichen Studie mit Frauen, in
der es um informierte Entscheidung gegangen sei. Nötig seien
evidenzbasierte Informationen, die die vorhandenen Optionen zu Screening,
Diagnostik, präventiven und therapeutischen Interventionen darlegten.
Nach den erzielten Ergebnissen können wir feststellen:
Werbekampagnen wie in diesem Fall behindern jegliche Aufklärung!
Sie führen vielmehr zu Angst und verursachen bei den Müttern
ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich nicht so entscheiden, wie die
Werbeleute das möchten. Beispielsweise seien die befragten
Frauen in der Mehrzahl überzeugt gewesen, dass die in der Kampagne
erwähnten Testergebnisse hundertprozentig richtig seien: Sie
haben jetzt erstmals erfahren, dass beispielsweise nicht jede HPV-Infektion
automatisch einen Tumor verursacht, dass die Infektionen sich vielmehr
in der Mehrzahl selbst zurückbilden. Solche Informationen
seien für die Frauen bedeutsam, nötig sind nach Auffassung
von Anke Steckelberg weitere Evaluationen, um die Wirksamkeit der
Impfung zu überprüfen. Näheres dazu finden Interessierte
in einer Broschüre, die das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit
veröffentlicht hat, zu dem auch der Deutsche Ärztinnenbund
und Pro Familia gehören (www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de).
Nach einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung (20.12.2008) hat
sich inzwischen der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) an die Impfkommission
gewandt und sich auf das bereits erwähnte Manifest der 13 Wissenschaftler
bezogen. Möglicherweise sei der Schutz vor Gebärmutterhalskrebs
deutlich niedriger, als es der Öffentlichkeit vermittelt werde,
hatten die Wissenschaftler argumentiert. Die bislang veröffentlichten
Daten seien nicht überzeugend. Dazu heißt es im Bericht
der Zeitung: Dem widersprach der STIKO-Vorsitzende Friedrich
Hofmann: Wir hatten gute Daten vorliegen, dass die Impfung die
Vorformen des Krebses verhindern kann, sagte er. Wir haben
zwar gelesen, dass die STIKO die Kritik zurückgewiesen hat,
sagte der G-BA-Vorsitzende Rainer Hess, aber das reicht uns
nicht. In dem Brief fordere der G-BA die Impfkommission daher
zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den klinischen Studien
auf. Die STIKO muss die vorliegenden Daten noch einmal nachbewerten. |
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009
S. 66-68
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