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33. Interdisziplinäres
Forum der Bundesärztekammer
Fortschritt und Fortbildung in der Medizin
Uta Kunze
Fortschritt der Fortbildung in der Medizin
Renommierte Experten aus allen Fachbereichen der Medizin referierten auf
dem 33. Interdisziplinären Forum Fortschritt und Fortbildung
in der Medizin, dem im Januar jedes Jahres stattfindenden zentralen
Fortbildungskongress der Bundesärztekammer. Ziel des Forums ist es,
neue Erkenntnisse medizinischer Forschung zu vermitteln und seit längerer
Zeit genutzte Verfahren einer kritischen Würdigung zu unterziehen.
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| Betonte die Wichtigkeit
der Fortbildung: Dr. Franz Bartmann |
Dr. Franz Bartmann,
Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung
der Bundesärztekammer und Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein,
begrüßte die Teilnehmer des Forums, Referenten und Organisatoren.
Ein besonderer Gruß galt Prof. Dr. Dr. h. c. Karsten Vilmar, Ehrenpräsident
der Bundesärztekammer, der an allen 33 Foren anwesend war.
Den Titel des Forums Fortschritt und Fortbildung in der Medizin
wandelte Dr. Bartmann in einem Wortspiel zu Fortschritt der Fortbildung
in der Medizin um und wies damit auf den am Vortage des eigentlichen
Forums stattfindenden Workshop Blended Learning - Grundwissen für
Fortbildungsverantwortliche hin. Die Bundesärztekammer fördert
den neuen Ansatz des Blended Learning, der den interkollegialen
Austausch in Präsenzveranstaltungen mit internetgesteuertem Selbststudium
kombiniert. Blended Learning stelle eine ideale Form des Informationstransfers
dar und sei zudem weitgehend orts- und zeitunabhängig. Dadurch würden
Ärzte von unnötigen zeitlichen Belastungen befreit und könnten
ihre Fortbildung stärker ihrem individuellen Bedarf anpassen.
Dr. Bartmann betonte, dass berufsbegleitende Aktualisierung des Wissens
und kontinuierliche Erweiterung der fachlichen Kompetenz seit jeher zum
ärztlichen Selbstverständnis gehören. Ärztinnen und
Ärzte bilden sich fort, weil sie wissen, dass sie nur so ihren hohen
beruflichen Anforderungen gerecht werden können und weil sie Freude
am lebenslangen Lernen haben, wie es auch im kollegialen Fachgespräch
gepflegt wird.
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| Eröffnete
das Forum: Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Dr. h.
c. Jörg-Dietrich Hoppe |
Anschließend
eröffnete Prof. Dr. Dr. h. c. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident
der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, das diesjährige
Forum, welches sich mit wissenschaftlichen Themen aber auch solchen mit
politischem Hintergrund, wie Nutzen und Grenzen von wissenschaftlichen
Leitlinien im ärztlichen Alltag beschäftigt. Weitere Themen
waren der Umgang mit Patienten mit multiresistenten Erregern in Klinik
und Praxis, die Prävention psychischer Erkrankungen im Kindes- und
Jugendalter, die Komorbidität von körperlichen und psychischen
Erkrankungen, sowie die Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis.
Am Samstag fand - wie in den Vorjahren - eine Veranstaltung der Arzneimittelkommission
der deutschen Ärzteschaft zum Thema geschlechtsspezifische Arzneimitteltherapie
statt.
Multiresistente Erreger bereiten enorme Probleme in der Patientenversorgung
Dr. Christine Geffers, Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité-Universitätsmedizin,
führte in die Thematik ein.
Typischerweise sind multiresistente Erreger (MRE) dadurch charakterisiert,
dass sie gegen die normalerweise gegen sie eingesetzten Antibiotika resistent
sind. Eine Behandlung kann dann nur noch mit Substanzen erfolgen, die
üblicherweise nicht primär ausgewählt werden, da sie weniger
gut wirksam sind, mehr Nebenwirkungen haben oder teurer sind, als die
nicht mehr zur Verfügung stehenden Mittel der Wahl. Multiresistente
Erreger schränken somit die Therapieoptionen ein und sind mit einer
erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert.
Insbesondere in Krankenhäusern gewinnen MRE immer mehr an Bedeutung.
Dies liegt zum einen an deren realer Zunahme, an dem erhöhten durch
Isolierungsmaßnahmen verursachten Aufwand bei der Versorgung von
Patienten mit MRE, zum anderen aber auch an der verstärkten Wahrnehmung
dieses Themas in der Öffentlichkeit.
Daten zur Resistenzsituation in Deutschland sind größtenteils
über die Resistenzstudie der Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG), GENARS
(German Network of Antimicrobial Resistance Surveillance), SARI (Surveillance
der Antibiotikaanwendung und bakteriellen Resistenzentwicklung auf deutschen
Intensivstationen) und EARSS (European Antimicrobial Resistance Surveillance
System) zu erhalten. Überwiegend stammen diese Daten von hospitalisierten
Patienten und werden als Anteil resistenter Isolate bezogen auf getestete
Isolate angegeben. In den wenigen Daten zur Resistenzsituation im ambulanten
Bereich zeigen sich in den letzten zehn Jahren kaum Veränderungen.
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| Ließ kein
Forum aus: Ehrenpräsident Prof. Dr. Dr. h. c. Carsten Vilmar
(re.), Prof. Dr. Christoph Fuchs (Fotos: rat) |
Bei den Erregern im
Krankenhaus zeigt sich eine starke Zunahme des gegen Methicillin resistenten
Staphylococcus aureus (MRSA). Der Anteil von MRSA ist in den letzten Jahren
von 2,4 Prozent auf knapp 23 Prozent gestiegen. Über die letzten
Jahre sind die MRSA-Anteile jedoch auf einem hohen Niveau stabil geblieben,
ein weiterer Anstieg war nicht zu verzeichnen.
Bei den Enterokokken zeigt insbesondere E. faecium eine Zunahme der Resistenz
gegenüber Aminopenicillinen und Glykopeptiden. Bemerkenswert sind
auch die zunehmende Resistenzbildung bei E. coli (zum Teil verursacht
durch Zunahme der ESBL [extended spectrum beta-lactamase]) bildenden Stämme
und bei P. aeruginosa. Belastbare Daten zur Häufigkeit oder zu Trends
in der Resistenzentwicklung von MRE als Erreger von Infektionen sind jedoch
kaum verfügbar. Die verlässlichsten Daten liefert hier das KISS
(Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System). Fünf Prozent der in
den letzten fünf Jahren gemeldeten postoperativen Wundinfektionen
waren durch MRSA verursacht, bei den nosokomialen Infektionen, die sich
auf Intensivstationen entwickeln, sind MRSA inzwischen bei 4,4 Prozent
die Infektionserreger. Im KISS zeigt sich auf Intensivstationen ein starker
Anstieg der ESBL.
Prof. Dr. Markus Dettenkofer,
Leiter der Sektion Krankenhaushygiene am Institut für Umweltmedizin
und Krankenhaushygiene in Freiburg, beantwortete in seinem Referat die
Frage:
Einzelzimmer - Isolierung von Patienten mit multiresistenten Erregern
- ist es damit getan?
Generell soll durch Isolierungsmaßnahmen die Transmission von Risikoerregern
verhindert werden. Für die Prävention von Übertragungen
zum Schutz vor einer Kolonisierung und gegebenenfalls nachfolgenden Infektion
wird die räumliche Trennung oft als die zentrale Maßnahme eingeschätzt.
Dies wird von Prof. Dr. Dettenkofer mit dem Fokus auf Methicillin resistente
Staphylococcus aureus (MRSA), Vancomycin resistente Enterokoken (VRE)
und extended spectrum beta-lactamase (ESBL) bildende Gram-negative Erreger
in Bezug auf die wissenschaftliche Evidenz und klinische Praxis kritisch
hinterfragt.
Zusammenfassend kommt Prof. Dettenkofer zu folgendem Ergebnis:
Auch resistente Erreger wie MRSA, VRE und ESBL werden in den meisten Fällen
durch die Hände (Handschuhe) des medizinischen Personals übertragen.
Bei der Prävention hat die Unterbringung in einem Einzelzimmer nicht
die Bedeutung, die ihr oft zugewiesen wird. Die räumliche Isolierung
von Patienten mit multiresistenten Erregern ist nur ein Element in einem
Bündel von Maßnahmen, mit der Händehygiene als entscheidendem
Schritt. Wenn die Hände vor und nach Patientenkontakt nicht desinfiziert
und Handschuhe nicht gewechselt werden, kann auch kein Einzelzimmer helfen.
Die allfällige Personalknappheit verschärft das Problem zusätzlich.
Im Gegenteil kann die Einzelzimmerisolierung - die ja zum Schutz Anderer
erfolgt - zu einer gefährlichen psychischen Isolation von betroffenen
Patienten führen, die dann z. T. über Wochen nur noch wenige
und wenn, dann vermummte Menschen wahrnehmen. Mehrere solcher
Fälle sind bekannt, und in diesem Sinne ist der kritische Appell
zu unterstützen: Let MRSA-positive patients live a normal life.
Die Evidenzlage für die strikte Isolierung ist nicht einheitlich.
Die zentrale Aufgabe einer modernen Krankenhaushygiene ist es, nicht nur
in Guidelines, sondern auch in der medizinischen Praxis vor Ort ein entschiedenes,
aber vor allem auch rationales und wirksames Herangehen zu fördern
und zu gewährleisten.
Risikobewertung und -management im Hinblick auf Erreger mit besonderen
Resistenzen und Multiresistenzen in Heimen waren das Thema des Beitrages
von Dr. Nicoletta Wischnewski aus dem Robert Koch-Institut in Berlin.
Die Empfehlungen Infektionsprävention in Heimen der Kommission
für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert
Koch-Institut (RKI) dienten als Grundlage des Referates (www.rki.de >
Infektionsschutz).
Nutzen und Grenzen von wissenschaftlichen Leitlinien im ärztlichen
Alltag
Anhand mehrerer Themen, wie der Herzinsuffizienz, dem Kreuzschmerz und
der Depression wurden der Nutzen und die Grenzen von wissenschaftlichen
Leitlinien im ärztlichen Alltag diskutiert.
Die Experten auf dem 33. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer
betonten, dass Behandlungsleitlinien im ärztlichen Alltag unverzichtbar
sind, sie setzen Standards für eine gute medizinische Versorgung,
dürfen aber nicht zum Selbstzweck werden.
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| Prof. Dr. med.
habil. Jan Schulze |
Prof. Dr. med. habil.
Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer,
wies darauf hin, dass gerade in Zeiten eines immer schnelleren Erkenntniszuwachses
Leitlinien ein wirkungsvolles Instrumentarium seien, die Qualität
und Wirtschaftlichkeit der medizinischen Versorgung flächendeckend
zu verbessern. Voraussetzung dafür aber sei, dass sie den aktuellen
Stand des medizinischen Wissens abbilden und die Therapiefreiheit wahren.
Durch solche Leitlinien werde wissenschaftlich begründete Medizin
in der Praxis als Handlungskorridor für eine individuelle Behandlung
und Betreuung der Patienten eingeführt. Vor dem Hintergrund knapper
finanzieller Ressourcen dienten Leitlinien auch dazu, die maßgeblichen,
aktuellen diagnostischen und therapeutischen Standards darzulegen, um
in der Auseinandersetzung mit den Kostenträgern bestehen zu können.
Nach Schulze seien Leitlinien darauf ausgerichtet, unter Berücksichtigung
der verfügbaren Ressourcen gute klinische Praxis zu fördern
und die Ärzteschaft sowie die Öffentlichkeit über die jeweils
aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse zu informieren.
Als gutes Beispiel für die Praxis nannte Prof. Schulze die im Rahmen
des Sächsischen Betreuungsmodells entwickelten Ebenen
übergreifenden Diabetes-Leitlinien. Dadurch wurde die Diabetikerbetreuung
in Sachsen nachhaltig verbessert, die HbA1c- und Blutdruckwerte wurden
im Beobachtungszeitraum kontinuierlich und signifikant abgesenkt.
Die Implementation der integrativen Leitlinien, die konkrete Therapiezielfestlegungen
und konkrete Überweisungskriterien enthielten, verbesserte die Kooperation
und Kommunikation zwischen den Versorgungsebenen - die Patienten wurden
in einem früheren Stoffwechsel-Stadium an Spezialisten (Schwerpunktpraxen)
überwiesen als zuvor. Je früher überwiesen wurde, umso
besser waren die Ergebnisse von HbA1c und Blutdruck in der gesamten Region.
Die bessere Kooperation zwischen den Versorgungsebenen führte zur
Anwendung effektiver und effizienter Therapiestrategien und im Ergebnis
zur schrittweisen Adhärenz an die Therapieziele, wie sie in den Leitlinien
empfohlen wurden, erklärte Schulze.
Prävention
psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter
Epidemiologische Studien zeigen, dass rund 15 Prozent aller Kinder und
Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr an psychischen Auffälligkeiten
oder psychischen Erkrankungen leiden.
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Im Rahmen des
Themenkomplexes Komorbidität von körperlichen und
psychischen Erkrankungen ging Prof. Dr. Fritz Hohagen, Direktor
der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des
UK S-H, Campus Lübeck, auf das Risiko für körperliche
Erkrankungen bei psychischen Störungen ein. So ist z. B. Depression
ein unabhängiger Risikofaktor für somatische Morbidität
und Mortalität. Das Sterblichkeitsrisiko ist bei depressiven
Männern 3,1fach erhöht. |
Rund fünf Prozent
sind ambulant oder stationär behandlungsbedürftig. Zwischen
Prävalenzraten und Inanspruchnahmeraten bestehen regelmäßig
erhebliche Differenzen, wobei erstere stets höher liegen als letztere,
so Prof. Dr. Dr. phil. Helmut Remschmidt, ehemaliger Direktor der Klinik
für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der
Philipps-Universität in Marburg. Psychische Störungen von Kindern
und Jugendlichen seien nicht nur für die Betroffenen und ihre Familien
schwerwiegend, sondern stellten auch ein gewaltiges gesellschaftliches
und ökonomisches Problem dar. Er weist darauf hin, dass der Austausch
und die Verbreitung moderner präventiver, diagnostischer und therapeutischer
Methoden dazu beitrage, Leid zu verringern und die ökonomische Situation
der Betroffenen zu verbessern. Dabei komme der Prävention ein außerordentlich
wichtiger Stellenwert zu. Man unterscheidet zwischen universeller Prävention,
die sich an eine vollständige nicht-selektierte Population richtet
und gezielte Präventionsmaßnahmen, die sich entweder an Individuen
oder Gruppen mit einem erhöhten Risiko richten (selektive Prävention)
oder an bereits identifizierte Hochrisikogruppen mit präklinischer
Symptomatik (indizierte Prävention). Es lägen zahlreiche Beweise
für die Wirksamkeit präventiver Interventionen bei psychischen
Störungen im Kindes- und Jugendalter vor, dennoch bestehen in Deutschland
und auch in anderen Ländern noch erhebliche Defizite im Hinblick
auf ihre Anwendung, so Prof. Remschmidt. Wirksame präventive Interventionen
richten sich auf die Reduktion von Risikofaktoren und die Förderung
von protektiven Faktoren. Ganz wichtig ist die Prävention von Schulverweigerung
und Abbruch, da diese mit einer Vielzahl von anderen Probleme assoziert
sind und eine Reduktion der Zahl der Schulabbrecher geeignet ist, auch
andere psychische Störungen zu verhindern oder in ihrer Intensität
zu reduzieren.
Prof. Dr. Dipl.-Psych. Andreas Warnke, Klinik und Poliklinik für
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität
Würzburg, schilderte in seinem beeindruckenden Referat die Möglichkeiten
der Prävention bei ADHS und Legasthenie:
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| Beeindruckendes
Referat über Prävention bei ADHS und Legasthenie: Prof.
Dr. Dipl.-Psych. Andreas Warnke (li.) und Prof. Dr. Dr. phil. Helmut
Remschmidt |
Bei bis zu zwei Drittel
der Kinder mit ADHS sind neben der Kernsymptomatik komorbide Störungen
gegeben. Umschriebene Entwicklungsstörungen, insbesondere die umschriebene
Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) werden bei 20-25 Prozent aller
Kinder mit ADHS festgestellt.
Umgekehrt finden sich bei Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung
gehäuft Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität.
Beide Störungsbilder sind auch komorbid mit anderen psychischen Störungen,
u. a. Angststörungen, depressiven Entwicklungen, Ticstörungen.
Schließlich können sich in Folge der Lebensbeeinträchtigungen,
die sich aus den Störungsbildern ergeben, sekundär Anpassungsstörungen
ausbilden, die sich wesentlich wiederum in Angststörungen, Depression
und Störungen des Sozialverhaltens ausdrücken können.
Die Prävention hat sich somit zum einen auf die Primärstörungen
ADHS und Legasthenie zu konzentrieren, andererseits auf die sekundäre
Psychopathologie, die sich aus den Lebensproblemen durch Störungsbilder
ergeben kann.
Bei der Legasthenie setzt die Prävention bereits durch vorschulische
Früherkennung ein. Ein Screening-Instrument ist das Bielefelder-Screening-Verfahren
(BISC). Präventiv bedeutsam ist im Schulalter die frühe Übungsbehandlung
des Lesens und Rechtschreibens und der schulische Nachteilsausgleich,
der in den einzelnen Bundesländern durch so genannte Legasthenie-Erlasse
geregelt wird.
Bei ADHS ist eine primäre Prävention durch Optimierung der erzieherischen
Führung und situative Alltagsstrukturierung möglich. Wichtig
ist die Aufklärung und Beratung der Eltern und des sozialen Umfeldes
in Kindergarten und Schule. Zur Prävention sekundärer psychischer
Fehlentwicklungen ist die Behandlung mit Psychostimulantien hinsichtlich
der Kernsymptome anderen Verfahren überlegen wirksam. Psychotherapeutisch
sind die Verhaltenstherapie des Kindes zur Verminderung von impulsivem
und desorganisiertem Verhalten, Elterntraining und Interventionen in der
Familie, sowie im Kindergarten und Schule wesentliche Hilfestellungen,
erläuterte Prof. Warnke in seinem Referat.
Paradigmenwechsel in der Adipositasforschung
Fortschritte in der Medizin - die Ergebnisse der von der DFG geförderten
Klinischen Forschergruppe, geleitet von Prof. Dr. Achim Peters, Universität
Lübeck Selfish Brain: Gehirnglucose und metabolisches Syndrom,
stellen einen Paradigmenwechsel in der Adipositasforschung und Diabetologie
dar.
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| Selfish-Brain:
Prof. Dr. Achim Peters erläuterte Ursachen des metabolischen
Syndroms |
Die Selfish Brain-Theorie
besagt, dass das menschliche Gehirn bei der Regelung der Energieversorgung
des Organismus vorrangig den eigenen, vergleichsweise hohen Bedarf deckt.
Das Gehirn verhält sich sozusagen selbstsüchtig
(engl.: selfish).
Die Selfish Brain-Theorie knüpft nahtlos an die Tradition der lipo-
und glukostatischen Theorien an. Jedoch - und das ist die Neuerung - geht
sie erstmals von einem weiteren Regelkreis aus, der dem Blutzucker- und
Fettregelkreis übergeordnet ist.
Gemeint ist ein Regelkreislauf, mit dem die zerebralen Hemisphären,
das Integrationsorgan des gesamtem Zentralnervensystems, die ATP-Konzentration
ihrer Neuronen regulieren. Die zerebralen Hemisphären stellen so
das Primat der Energieversorgung des Gehirns sicher und werden somit in
der Selfish Brain-Theorie als zentrale Instanz für den Energiestoffwechsel
angesehen. Bei Bedarf bewirken die zerebralen Hemisphären einen Energiefluss
vom Körper zum Gehirn zur Aufrechterhaltung des Energieniveaus.
Die Selfish Brain-Theorie geht von einem aktiven Energy on Demand
Vorgang aus. Kontrolliert wird er von zerebralen ATP-Sensoren, die sensibel
auf Veränderungen von ATP in den Nervenzellen des gesamten Gehirns
reagieren.
Die Entstehung von Adipositas lässt sich mit der Selfish Brain-Theorie
als Allokationsversagen erklären. Statt Energie aus dem Körper
anzufordern, wird Energie in Form von Nahrungsaufnahme zugeführt.
Dadurch kommt es zu einem energetischen Stau in der Lieferkette,
die von der Umwelt durch den Körper bis zum Gehirn als größten
Endverbraucher führt.
Prof. Dr. Michael Deuschle, Leiter der Arbeitsgruppe stressbezogene Erkrankungen
beim Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, erläuterte
den Zusammenhang zwischen Schizophrenie einerseits und kardio-vasculären
und metabolischen Erkrankungen andererseits. Es gäbe Hinweise, dass
das genetische Risiko für Schizophrenie und Diabetes mellitus assoziiert
sein könnte. Vor allen Dingen jedoch ist die Lebensführung schizophrener
Patienten bezüglich Diät, körperlicher Aktivität und
Rauchen bedeutsam für das kardio-vasculäre Risiko. So erkläre
sich, dass bereits vor Zulassung atypischer Antipsychotika die Prävalenz
von Diabetes mellitus und KHK bei schizophrenen Patienten gegenüber
der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht sei. Zum beschriebenen
Risikoprofil komme nun möglicherweise noch der Einfluss von Antipsychotika
auf Stoffwechselfunktionen. Pharmako-epidemiologische Studien legen nahe,
dass insbesondere Olanzapin und Clozapin mit einem erhöhten Risiko
für Diabetes mellitus Typ II assoziiert sind. Das zuschreibbare Risiko
Antipsychotika-induzierter Diabetesfälle pro Jahr wird zwischen 0,5
und zwei Prozent geschätzt. Es scheint naheliegend, dass vor allen
Dingen die Gewichtszunahme unter Olanzapin und Clozapin zum erhöhten
Diabetes-Risiko beiträgt. Bedauerlicherweise ist die Gewichtsänderung
unter psychopharmakologischer Therapie sehr variabel und im Einzelfall
nicht vorhersehbar. Bei längerfristiger antipsychotischer Therapie
ist jedoch von einem zeitlich anhaltend erhöhten Diabetes-Risiko
auszugehen. Gewichtszunahme in den ersten Behandlungswochen prädiziert
den weiteren Gewichtsverlauf. Dies legt nahe, dass sehr früh im Behandlungsverlauf
sekundär-prophylaktische Maßnahmen zur Gewichtsregulation ergriffen
werden sollten oder über eine Medikamenten-Änderung entschieden
werden sollte. Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass einzelne Diabetesfälle
unter antipsychotischer Therapie auch ohne Gewichtzunahme aufgetreten
sind. Dies betrifft insbesondere schwere diabetische Zwischenfälle,
teils mit Ketoazidosen in den ersten Behandlungstagen und Wochen in Einzelfällen.
Vermutlich liegt dies an direkten pharmakologischen Effekten, einerseits
auf die Insulinrezeptor-Empfindlichkeit, andererseits auf die Insulinsekretion.
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| Podium zum Thema
Nutzen und Grenzen von wissenschaftlichen Leitlinien im ärztlichen
Alltag |
Wichtig ist deshalb
ein metabolisches Monitoring von antipsychotisch behandelten Patienten,
das einerseits durch den Nervenarzt, andererseits durch den Hausarzt erfolgen
könnte. Erkannte metabolische Risiken für kardio-vasculäre
Erkrankungen werden bislang offenbar bei schizophrenen Patienten nicht
adäquat versorgt, sodass neben der Diagnostik auch im Bereich der
Therapie von Risikofaktoren Verbesserungsmöglichkeiten liegen.
Geschlechtsspezifische Arzneimitteltherapie
Die diesjährige Veranstaltung der Arzneimittelkommission der deutschen
Ärzteschaft beschäftigte sich mit geschlechtsspezifischen Unterschieden
in der Arzneimitteltherapie und ging in insgesamt fünf Referaten
detailliert auf den pharmakoepidemiologischen Hintergrund für Unterschiede
im Arzneimittelverbrauch zwischen Männern und Frauen, geschlechtsspezifische
Unterschiede in der Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Arzneimitteln
ein. Spezifische Aspekte der Arzneimitteltherapie bei Frauen wurden an
den Beispielen Arzneimitteltherapie in der Kardiologie, Psychopharmakatherapie
in der Schwangerschaft und Hormonersatztherapie (HRT) erläutert.
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| Beim Abendvortrag
Sterben und Tod in Bildender Kunst und Literatur: Dr.
Dr. med. dent. Hans-Walter Krannich |
Prof. Dr. Petra A.
Thürmann, Direktorin des Philipp Klee-Institut für Klinische
Pharmakologie, HELIOS Klinikum Wuppertal, gab in ihrem Vortrag einen Überblick
über die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Wirkung und
Wirksamkeit von Arzneimitteln. Während heute geschlechtsspezifische
Unterschiede in der Verteilung von Arzneistoffen sowie beim Arzneistoffmetabolismus
gut bekannt und auch z. T. klinisch relevant sind, liegen weiterhin nur
wenige systematisch erhobene Daten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden
in der Pharmakodynamik vor. Am Beispiel des so genannten Phase-I Metabolismus
und der Beeinflussung der Cytochrom-P450-Enzyme durch genetische Polymorphismen
bzw. Sexualhormone wurden klinische Konsequenzen der geschlechtsspezifischen
Unterschiede im Metabolismus verdeutlicht. Aufgrund der auffälligen
Häufung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) bei Frauen
werden mögliche Gründe für arzneimittelinduzierte Organschäden
(z. B. Lebertoxizität) und Unverträglichkeitsreaktionen bei
Frauen diskutiert. Insbesondere bei älteren Frauen sind altersabhängige
Unterschiede in der Verteilung von Arzneistoffen (z. B. in Folge des oftmals
niedrigen Körpergewichts) bzw. altersbedingter physiologischer Veränderungen
(z. B. eingeschränkte Nierenfunktion) zu beachten, da sie zu schwerwiegenden
UAW in Folge nicht angepasster Dosierung bzw. nicht adäquater Berücksichtigung
von Arzneimittel-Interaktionen führen können.
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| Über geschlechtsspezifische
Aspekte der Arzneimitteltherapie in der Psychiatrie: PD Dr. Stephanie
Krüger |
Der Vortrag von Prof.
Dr. Vera Regitz-Zagrosek (Berliner Institut für Geschlechterforschung
in der Medizin, Center for Cardiovascular Research, Charité) verdeutlichte
am Beispiel von Digitalisglykosiden, Betablockern, ACE-Hemmern und Acetylsalicylsäure
geschlechtsspezifische Unterschiede und deren klinische Bedeutung in der
Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen. Aufgrund dieser Unterschiede
ist es wichtig, dass auch nach Zulassung von (neuen) Arzneimitteln geschlechtsspezifische
Unterschiede in versorgungsnahen klinischen Studien überwacht und
Unterschiede in der Wirksamkeit bzw. Sicherheit von Arzneimitteln untersucht
werden.
Der Vortrag von Prof. Dr. Martina Dören (Klinisches Forschungszentrum
Frauengesundheit, Charité) gab einen aktuellen Überblick über
die tatsächlichen und behaupteten Wirkungen und Risiken
der HRT. Aufgrund großer internationaler Studien wie z. B. der Womens
Health Initiative (WHI)-Studie, aber auch WHI-ähnlicher Studien
(z. B. Million Women Study, MWS) ist heute eine valide Nutzen-Risiko-Bewertung
der HRT möglich. Dabei muss zwischen der Inzidenz unerwünschter
Ereignisse während bzw. nach Abbruch der Interventionsphase mit oraler
HRT unterschieden werden. Am Beispiel des Frakturrisikos, des Auftretens
von Mamma- bzw. kolorektalen Karzinomen, des Risikos für Schlaganfälle
und Herzinfarkte, der Beeinflussung kognitiver Partialfunktionen sowie
des Risikos für Gallensteine und Cholezystektomien wurden Vorteile,
insbesondere aber die inzwischen gut dokumentierten Risiken der mehrjährigen
HRT diskutiert. Die auch im Arzneiverordnungs-Report 2008 berichtete Abnahme
in der Verordnung von Östrogenen und Kombinationspräparaten
(gegenüber 1999 Rückgang um 64 Prozent) zeigt, dass die Ergebnisse
der o. g. klinischen Studien inzwischen auch in der Praxis beachtet und
Sexualhormone nur noch selten zur Prävention von Erkrankungen der
Frau in der zweiten Lebenshälfte eingesetzt werden. Mit Ausnahme
der (kurzfristigen) Behandlung erheblicher klimakterischer Beschwerden
und/ oder Symptomen der vaginalen Atrophie gibt es heute keine gesicherten
Anwendungsgebiete der HRT mehr.
PD Dr. Stephanie Krüger (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie
und Psychotherapie der Charité) erläuterte geschlechtsspezifische
Aspekte der Psychopharmakotherapie in der Schwangerschaft. Grundsätzlich
sollte dabei zwischen dem Risiko für kindliche Fehlbildungen durch
Toxizität der verordneten Psychopharmaka, perinatale Komplikationen
und neuropsychologische Entwicklungsstörungen bzw. Langzeitwirkungen
beim Kind nach Einnahme von Psychopharmaka in der Schwangerschaft unterschieden
werden.
Da die Schwangerschaft für Frauen mit psychiatrischen Erkrankungen
häufig eine Zeit erhöhten Risikos für das Auftreten erneuter
Krankheitsepisoden darstellt, ist ein abruptes Absetzen von Psychopharmaka
nach Feststellung einer Schwangerschaft, z. B. aus Furcht vor einer teratogenen
Schädigung, ebenfalls mit Risiken verbunden. Eine qualifizierte Information
zu den Risiken von Psychopharmaka in der Schwangerschaft ist deshalb unverzichtbar.
Wichtige Vertreter der verschiedenen Wirkstoffklassen der Psychopharmaka
werden hinsichtlich ihres Fehlbildungsrisikos bei Einnahme während
der Schwangerschaft dargestellt. Nur im gemeinsamen Gespräch zwischen
Ärztin/ Arzt und Patientin kann entschieden werden, ob eine Reduktion
bzw. ein Absetzen der Psychopharmaka während der Schwangerschaft
gerechtfertigt ist.
Der diesjährige Abendvortrag zum Thema Sterben und Tod in Bildender
Kunst und Literatur von Dr. Dr. med. dent. Hans-Walter Krannich,
ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer Niedersachsen,
hinterließ bei den Zuhörern bei seinem Gang durch verschiedene
Epochen tiefe Eindrücke.
Dr. Bartmann dankte allen Referenten und Teilnehmern des diesjährigen
Forums für die Vorträge und Diskussionen, als Fortschritt der
Fortbildung in der Medizin ging er nochmals auf das Blended Learning
ein, welches es ermögliche, sich unabhängig von Zeitpunkt und
Ort fortzubilden. Dennoch sei die tradierte Form der Präsenzveranstaltung
mit Vorträgen keinesfalls obsolet, wie das diesjährige Forum
(z. B. der Vortrag von Prof. Warnke zur Legasthenie) gezeigt hat. Die
neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Forschergruppe von Prof. Peters
über die Entstehung des metabolischen Syndroms bezeichnete Dr. Bartmann
als Sternstunden der Medizin.
Dr. Bartmann schloss das diesjährige Forum mit der Einladung, auch
in Zukunft neugierig zu sein. Als voraussichtliche Themen für das
Jahr 2010 sind geplant: Therapie depressiver Störungen, individuell
zielgerichtete Therapie maligner Tumoren, aktuelle Themen aus dem HNO-Bereich,
Anti-Aging -Wunsch und Wirklichkeit.
Dr. Uta Kunze, Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bismarckallee 8-12,
23795 Bad Segeberg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009
S. 56-64
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