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Kammer-Info aktuell

Zynisch den Alltag bestehen
Tilman Schlegelberger

„Dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück.“ (Gottfried Benn)

Auf meinem letzten Flug nach Korea fragte mich die charmante Stewardess, welches Menu ich haben wolle, es gäbe „Western style“ und „Korean style“. Meinen Wunsch nach Western style beantwortete sie mit einem freundlichen aber überraschenden „we only have Korean style!“ Hier gab es eine Scheinalternative, die in der Hälfte der Fälle wohl nicht entlarvt worden wäre.

In unserem Gesundheitssystem sieht es noch anders aus. Es verspricht, was es nicht halten kann. Man erlebt täglich die scheinbare Vernunft der Regulierungen und lebt chronisch mit Unbehagen und Widerstand. Mit zahlreichen mehr gut gemeinten als wirklich guten Argumenten ist in unserer ärztlichen Dienstleistung eine Normalität entstanden, die zur Unvernunft als Norm strebt. Das ist die ganz normale Verlogenheit, die uns umgibt, und die wir täglich ein- und ausatmen müssen. Zahlreiche Beispiele vertragsärztlicher Provokation beweisen, dass ein Einhalten der Strukturen erfolgt, ohne dass die Sinnfrage gestellt werden darf.

Dr. Tilman Schlegelberger
(Foto: Privat)

Wir dürfen zum Beispiel bei einem 35-Jährigen als Ausdruck unserer ärztlichen Vorsorge alle zwei Jahre seinen Cholesterinspiegel bestimmen. Dieses Kümmern wird, wenn er erst 45 Jahre alt ist, durch jährliche digitale Palpation der Prostata erweitert. Das wird auch noch extrabudgetär belohnt. Die Dokumentationsbögen der Krebsvorsorgeuntersuchung wurden eines Tages abgeschafft, ohne dass wir erfahren hätten, wozu wir so lange differenzierte Daten gesammelt hatten. Zur Gesundheitsuntersuchung liefern wir seit Jahren Angaben, über deren Verwertung ein so großes Rätsel liegt, dass keiner sich traut, die Rätselfrage zu stellen.

In ähnlicher Weise dokumentieren wir im Rahmen der Disease Management Programme, ohne dass je glaubhaft wäre, dass solche Programme der Betreuung der Erkrankten wirklich dienen. Wir ließen uns gern durch entsprechende Auswertung aufmuntern und motivieren, doch auch hier macht der verlässliche Vertragsarzt weiter, ohne die Frage zu stellen. Er hat das Vertrauen verloren. Nicht dass es nicht eine positive Antwort gäbe, sondern dass solche Fragen zu stellen Sinn macht. „Das normale Dasein in seiner unmerklichen Schrecklichkeit zu ermessen“ (Siegfried Kracauer, „Das Ornament der Masse“, 1930), ist unsere unausweichliche Herausforderung.

Inzwischen sind alle Vertragsärzte zu Qualitätsmanagern ihres Tuns geworden. Der geforderte stetige Verbesserungsprozess, in dem aufgrund kritischer Ergebniskontrollen Weichen zur Korrektur gestellt werden sollen, kommt an den starren Vorgaben unseres Systems zum Erliegen. Scheinheilige Regelungen entziehen sich solcher Kritik und Verbesserbarkeit.

In unserem MVZ gilt es, eine vertragsärztliche Stelle neu zu besetzen. Die Stelle muss ausgeschrieben werden, obwohl die Besetzung durch den Wunschkandidaten gesichert ist. Zu hoffen ist, dass kein anderer die Ausschreibung liest, denn er würde enttäuscht. Das ist wieder Verlogenheit. Struktur steht über Sinn - und über der Würde.

Zu lange stand in allen berufspolitischen Bemühungen die Honorierung der ärztlichen Leistung im Vordergrund. Dies hat zu zahlreichen Kompromissen geführt, die unter beachtlichem und dankenswertem Einsatz der Verantwortlichen zu einem Mindestmaß an Gerechtigkeit geführt haben. Wir kommen - was nicht einmal alle Kollegen sagen können - finanziell zurecht. Wir fühlen uns durch manche Abrechnungs- und Honorarregelungen gedemütigt, durch Pseudoziffern, Auflagen, Ausschlüsse und Zwänge, bleiben aber im Interesse des Ganzen, auch der ganzen Existenz, im System. Das stillschweigende Mitmachen im vertragsärztlichen Alltag der vielfältigen Verlogenheiten berührt jedoch die Würde des Arztes und der Person.

Konformismus ist im hohen Grad Charakterzug unserer Gesellschaft. Das wäre in diesem Fall das demütige Hinnehmen des Unsinnigen. Da kann einfaches, ehrliches Benennen wenigstens den falschen Schein von Vernunft wegnehmen, Klarheit herstellen und insoweit rehabilitieren. Statt zu resignieren und ohne Frage und Sage zu arbeiten, halten wir es mit Axel Honneth, der versucht, „im lieb gewordenen Alltag der institutionellen Ordnung den Abgrund einer verfehlten Sozialität, im routinierten Meinungsdisput die Umrisse einer kollektiven Täuschung zu erkennen“. „Aber nur der Rest an Bindung an diese Kultur hat es ihnen ermöglicht, in ihre Arbeit die Verve, die Sorgfalt und die Energie zu legen, die für eine gelungene Kritik gesellschaftlicher Selbstverständnisse notwendig sind.“ (in: „Idiosynkrasie als Erkenntnismittel“, in „Der Kritische Blick“, 2002)

So habe ich diese Kritik versucht, die wohl meine Bindung und Verantwortung bezeugen darf, jedoch nur im Bemühen um die notwendige Ehrlichkeit. Am Ende halte ich es mit Peter Sloterdijk: „Zwänge des Überlebens und Selbstbehauptungswünsche haben das aufgeklärte Bewusstsein gedemütigt. Es ist krank an dem Zwang, vorgefundene Verhältnisse, an denen es zweifelt, hinzunehmen, sich mit ihnen einzurichten und am Ende gar deren Geschäfte zu besorgen.“ (in: „Kritik der zynischen Vernunft“, 1983)

Ein Überleben als Zyniker - ist das ärztliches Schicksal im Zeitalter der ganz normalen Verlogenheit?

Dr. Tilman Schlegelberger, MVZ Blücherplatz, Blücherplatz 11, 24105 Kiel


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009

S. 54, 56