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Herta Betzendahl
Sehnsucht nach Heilwerden
Dierk Schäfer
Sie rief und alle kamen und brachten ihre Gaben.
Die Kieler Psychotherapeutin Herta Betzendahl lud, wie schon zum 80.,
nun auch zum 85. Geburtstag eine illustre Schar von Gratulanten zu einem
Symposium zusammen, diesmal über die Sehnsucht nach Heilwerden.
Nun können wir alle an den Gaben, den Vorträgen und den zusätzlich
geschenkten Beiträgen teilhaben, denn es gibt wieder eine Dokumentation.
Der Titel setzt den Rahmen, und so geht es in den Beiträgen nicht
in erster Linie um Gesundung im körperlichen Sinne, sondern um Heilung
und die Sehnsucht danach. Da das Symposium zu Ehren einer Psychotherapeutin
stattfand, lag es nahe, den Focus auf seelische Heilung zu legen. Doch
auch die Heilung in ihrer transzendenten Dimension wird in vielen Beiträgen
aufgegriffen.
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| Herta Betzendahl
(Foto: Privat) |
Den Auftakt macht
die Jubilarin selbst mit ihrem Beitrag über Selbsterziehung.
Hinter allem scheinbar Sinnlosen stehe das Selbst,
das sich treu bleiben müsse und sich so selbst erziehe mit der Suche
nach Klarheit, wenn alles verstellt scheint und dem Weitermachen
im Vertrauen auf Gott. Herta Betzendahl hat die pränatale Vulnerabilität
entdeckt und weiß viele Beschwerden und Krankheitsbilder auf traumatisierende
vorsprachliche Erfahrungen, vorgeburtlich und in frühester Kindheit
zurückzuführen. Dies ist plausibel bei Kriegstraumatisierungen
und vergleichbaren gewaltsamen Einwirkungen auf die werdende Mutter und
das Kind. Mitunter gerät jedoch die allgemeine Kulturkritik, mit
der die Autorin nicht spart und in die man als kritischer Zeitgenosse
zuweilen einstimmen mag, in eine so nicht haltbare Kausalitätskette.
Doch Herta Betzendahl hat recht mit ihrer Kritik an oft genug zu oberflächlich
erhobenen Patientendaten. Nicht nur das Geburtsdatum ist wichtig. Oft
bieten der Geburtsort und der Lebenslauf der Mutter während der Schwangerschaft
und der des Kindes in den ersten Jahren Hinweise, die zum Kern eines nun
akut gewordenen Problems führen.
Klaus-A. Hoppe leitet die Obdachlosenhilfe einer Kirchengemeinde in Kiel.
Sein Beitrag mündet in den Kernsatz, bei seiner Klientel sei vieles
nicht heil und wohl auch nicht zu heilen. Gerade darum aber sei die Sehnsucht
nach Heilung groß, und man gehe, gemeinsam mit der Klientel den
Weg der Heilung in der Hoffnung, dass teilweise gefundenes Heil auf Erden
Vollendung findet im Himmlischen Heil.
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Der Beitrag von Pastor
em. Rainer Sieg kann gleich als Predigt verstanden werden. Er geht von
der Heilungsgeschichte Naemanns (2. Könige 5, 1-19) aus und macht
dem säkularisierten Zeitgenossen mit dem Spruch medicus curat,
natura sanat den Unterschied zwischen Gesundung und Heil deutlich:
Nicht kerngesund unbedingt, aber heiler und mit vertieften Einstellungen.
Nicht müde werden, sondern leise dem Wunder, wie einem Vogel, die
Hand hinhalten (Hilde Domin). Damit greift Susanne Bachmann ihr Thema
auf: Gespräche und Therapien mit Kriegskindern. Die Traumatherapeutin
gehört zur Liste ihrer Professionen und sie präsentiert Schicksale,
die man selber nicht gelebt haben möchte.
Peter Vetter, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, stellt
die Methode der Mikroanalyse vor, die hier nicht dargestellt werden kann.
Nur so viel: Vetter setzt wirklich die Lupe an und nimmt das ganze Leben
des Analysanden samt seiner Vorfahren minutiös in den diagnostisch-therapeutischen
Blick.
Als alte Frau und Psychotherapeutin stellt sich Helga Spranger vor und
fragt provozierend:
Warum müssen wir unbedingt heil sein? Paradiese
sind es eben nicht, an die sie glaubt, und dass jemand für
ihr Heil habe sterben müssen ...; die Kreuzestheologie ist ihre Sache
nicht, und sie trifft damit auf die volle Sympathie des Rezensenten. Helga
Spranger schreibt vom Heil als Zufriedenheitsversprecher harter
Zeiten, der für Menschen mit transzendentem, spirituellen oder
religiösen Zugang ein leichter Weg sein mag, aber für die anderen
blieben irdische Bruchstellen, die womöglich nie nicht zu heilen
seien, und die Hoffnung auf Heil als unversehrtes Ganzes beruhe (hier
vergaß [?] sie ein für mich) auf einem Irrtum.
Helga Sprangers Beitrag mag manchen als Misston im Kanon der heilsehnsüchtigen
anderen Texte auffallen, doch er scheint mir ein nötiges Korrelat
zum sonstigen Duktus zu sein.
Den Beschluss der Vorträge macht Landesbischof Knuth mit seinem Grußwort
an die Jubilarin. Altern ist kein Fehler der Natur, sagt er
und führt uns in großem Bogen durch die Geschichte der Menschheit,
speziell durch die biblische Tradition, und zeigt uns die Bedeutung des
Alters und die Stellung der alten Menschen. Ich will euch tragen
bis ins Alter ... heben und tragen und erretten, zitiert nach Jesaja
(46,4) und schlägt damit den inhaltlichen Bogen zur Sehnsucht nach
Heilung.
Die Vorträge - wie auch die geschenkten Beiträge,
auf die hier nicht eingegangen wurde, sind nachzulesen in Herta Betzendahl
(Hrsg.), Sehnsucht nach Heilwerden, Books on Demand GmbH, Norderstedt,
2008, ISBN-13 9787-3-8334-7632-7, 187 Seiten, 10,90 Euro.
Dipl.-Psych. Dipl.-Theol. Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087
Bad Boll
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009
S. 53, 54
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