zur Rubrikensuche
zum Inhaltsverzeichnis

Kammer-Info aktuell

„Der Turm“ - der Wende- und Ärzteroman
Horst Kreussler

Fast wäre der Roman des Jahres im schleswig-holsteinischen Reinbek beim 100-jährigen Rowohlt-Verlag erschienen, wenn das Lektorat nicht mehr Kürzungen des epischen Manuskripts verlangt hätte, als der Autor verantworten konnte. Am 18. November kam nun der Schriftsteller und Arzt Uwe Tellkamp in den Norden und las in einer Veranstaltung des Hamburger Literaturhauses aus seinem aufsehenerregenden Roman „Der Turm“ und gab Auskunft über die Entstehung. Seit der Verleihung des Deutschen Buchpreises durch den Börsenverein des deutschen Buchhandels ist Tellkamp ein allseits gefragter Autor, der auch in Hamburg Scharen von Signierung begehrenden Zuhörern anzog. In der Tat, wohl jeder an der Vorgeschichte der deutschen Wiedervereinigung von 1989 Interessierte oder gar selbst „von drüben“ Kommende mit ähnlichen Erfahrungen wird von dem fast 1 000 Seiten umfassenden Band in den Bann gezogen.

Uwe Tellkamp (Foto: Sven Paustian/SV)

Es ist eine präzise Gesellschaftsbeschreibung, eine intensive, zugleich kritische Rückschau in die (ostdeutsche) Vergangenheit - ähnlich wie bei Marcel Proust, neben Thomas Mann eines seiner literarischen Vorbilder - beschrieben in einer lebendigen, kraftvollen, variantenreichen Sprache.

Tellkamp fabuliert zum Teil autobiografisch über die Konflikte des Bildungsbürgertums im nostalgischen Dresdener Villenviertel Weißer Hirsch (hier der Turm genannt), zwischen Aufbegehren und Anpassung, zwischen innerer Emigration und dem Versuch der Ausreise. Hauptpersonen sind neben anderen Arzt- und Akademikerfamilien der chirurgische Oberarzt Richard Hoffmann, seine Frau Anne (Krankenschwester) und der ältere Sohn Christian, der Medizin studieren will und am Ende zum Strafgefangenen der Volksarmee wird.

Medizinisches durchzieht das Buch, besonders ausgeprägt zunächst im Kapitel neun „Alltag bei Äskulap - Leid eines Pflichtassistenten“. Hier wird bei einer Schenkelhalsfraktur-Op zweierlei deutlich: das gewissenhaft-penible Leistungsstreben der Ärzte (Tellkamp: „Nichts wäre bei uns schlimmer gewesen als Pfusch“), aber auch eine Unbarmherzigkeit, Kälte, Unkollegialität.
In Kapitel 24 „In der Klinik“ dürften sich viele ärztliche Leser an die schmerzliche Diskrepanz zwischen West- und Ost-Medizin erinnern, wenn Richard Hoffmann nach der Lektüre eines Fachartikels der führenden Hamburger Handchirurgen um Dr. Buck-Gramcko resigniert: „... danach wusste er, dass sie keines der Ergebnisse anwenden konnten, weil sie die technischen Voraussetzungen dazu nicht besaßen. Das alte Lied. Und da wunderte man sich, dass die Menschen davonliefen ...“ (S. 295).

Beim anschließenden Stationsrundgang mit einem Kollegen aus der Gynäkologie findet sich eine anrührende Szene menschlicher Zuwendung des Arztes als Helfer und Tröster bei alten, durch unzureichende Versorgung verwirrten und todgeweihten Patientinnen (S. 298).

Auch im Kapitel 15 „Wer hat den schönsten Tannenbaum“ hat Tellkamp, der nach der Wende in Leipzig, New York und seiner Heimatstadt Dresden Medizin studierte und dann in Dresden an einer unfallchirurgischen Klinik tätig war, eigene Erfahrungen verarbeitet. Mit feinem Humor beschreibt er den Wettstreit der medizinischen Abteilungen um den schönsten Weihnachtsbaum. Im Gespräch mit dem Rektor des Krankenhauses berichtet Richard Hoffmann von den Schwierigkeiten seiner chirurgischen Abteilung:

„Die Oberschwester ist auf dem Striezelmarkt gewesen, beim Tannenbaumverkauf. Nur Lahme, Krumme und Versehrte.“ Damit drohte die Chirurgische Klinik den Prestigewettstreit um den schönsten Tannenbaum zu verlieren, und das ausgerechnet gegen die Innere Medizin! Das durfte nicht sein, wurde in einer eigens angesetzten Konferenz beschlossen. In der Orthopädie hatte Wernstein ein rachitisches Exemplar entdeckt ... in der Augenklinik ein wohlproportioniertes, anmutiges, doch kaum fünf Dioptrien hohes Exemplar; in der Urologie eine ungeschlachte Douglasfichte, unten drei Meter breit, aber nur zweifünfzig hoch ... Die Neurologie trat mit einem Exemplar vom Striezelmarkt an, es war unten einen Meter breit und dreifünfzig hoch, schmal, spröde und reizbar, denn es hatte sofort genadelt und bis jetzt nicht damit aufgehört“ (S. 178).

Gibt es eine unterschwellige Botschaft an die heutigen Ärzte? Mehr Dankbarkeit für Freiheit, manche Sicherheit und relativen Wohlstand? Ein Appell zu ethischem Verhalten nach innen und außen, zu mehr menschlicher Medizin? Vielleicht ist das zum Teil herauslesbar - auch wenn der Autor es auf Befragen nicht expressis verbis gelten lassen wollte: „Die Medizin damals und heute, in Ost und West, ist einfach anders.“

Uwe Tellkamp: „Der Turm“, Roman, 1. Auflage, Suhrkamp Verlag Frankfurt 2008, ISBN 978-3-518-42020-1, 973 S., 24,80 Euro.

Dr. jur. Horst Kreussler, An der Karlshöhe 1, 21465 Wentorf

Hinweis
Eine Rezension von Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt über das Buch „Der Turm“ finden Sie hier


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009

S. 50, 51