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Kammer-Info aktuell

Der Professor und der Rüpel. Oder: Vom Missbrauch der Macht
Martin Gattermann
„Praemium incertum petis, certum scelus“ (Seneca)

Skeptiker des heute so hektischen und oft geschwätzigen Informationsflusses und des damit nicht selten verbundenen ungehobelten Wortes finden gelegentlich Bestätigung, ja Genugtuung. So spülte jüngst ein Befundmitteilungs-Fax eines größeren Krankenhauses gewissenmaßen als eine ungewollte Zugabe eine hausinterne Mitteilung mit:

Sehr geehrter Herr Professor ...,
in der Sitzung des Direktoriums am 27. November 2008 ist beschlossen worden, dass Herr ärztlicher Direktor Dr. ... und Herr Verwaltungsdirektor ... mit der Chefärztin bzw. den Chefärzten der ...-Klinik ab 2009 Mitarbeitergespräche führen.
Für Sie ist das Mitarbeitergespräch für den
20. Januar 2009, 15:00 Uhr,
vorgesehen. Das Gespräch findet in meinem Dienstzimmer statt. Bitte teilen Sie meinem Vorzimmer mit, ob Sie den Termin wahrnehmen können.
Mit freundlichen Grüßen
Verwaltungsdirektor


Es ist müßig, daran zu erinnern, dass uns Ärzten, die wir die Halbzeit unserer Berufstätigkeit überschritten haben, in der „Medizinsoziologie“ die drei Pyramiden für Ärzte, Pflegedienst und Verwaltung so beigebracht wurde, dass die ärztliche die höchste sei. Sie rutschte schon während unseres Studiums und der ersten Krankenhausjahre immer weiter ab und wurde von der Verwaltung, wohl sogar vom Pflegedienst überflügelt. Wie viele neue Pyramiden für Qualitätssicherung etc. inzwischen dazugekommen sein mögen, ist müßig wahrzunehmen, weil unsere Innovationswut hier mit Sicherheit alle Modelle sehr kurzlebig sein lässt.

Nehmen wir an, es sei gesichert, dass die Verwaltung von oft finanziell maroden Krankenhäusern recht ausschließlich das Sagen hat, bleibt dennoch dieser elektronische Brief anstößig.

Der Chefarzt, immerhin Professor, hat zu erscheinen. Kurzfristig, geladen zum Rapport. Die unangenehme Gesprächsatmosphäre ist förmlich zu spüren, man wittert regelrecht die Fallen eines solchen Sechs-Augen-Austausches. Nicht einmal kosmetisch werden eine „kompetente Analyse“, „Hilfestellungen“ und gar „gemeinsame Lösungen“ avisiert, noch wird ein Termin „abgestimmt“. Nein, das ist blankes Diktat.

Ich habe die Antiquiertheit, immer noch die medizinische Leistung als zentrales Anliegen eines Krankenhauses zu sehen, und die Vermessenheit, bei allem Respekt vor den Mitarbeitern in der Pflege, im Service etc., uns Ärzte als die eigentlichen Leistungsträger zu sehen. Ohne unsere Arbeit, oft genug Mühe, und unsere Verantwortung gäbe es (noch?) keine Medizin.

Wie kommt ein Verwaltungsdirektor dazu, seine in diesem Sinne eigentlichen Leistungsträger derart zu behandeln? Und: Wie kommen wir Ärzte dazu, dies so hinzunehmen? Wir haben eine Kultur unseres Handelns, und haben alles Recht, sie andernorts einzufordern.

Wenn das gemeinsame Ringen um die bestmögliche Versorgung unserer Patienten gerade in den Zeiten echten oder vorgeblichen Ressourcenmangels erfolgreich sein soll - gemeinsam von Ärzten, nicht­ärztlichen Mitarbeitern und unseren Verwaltern -, kann dies nur gelingen, wenn man Respekt voreinander hat. Und die minimale Auswirkung dieses Respekts wäre die Höflichkeit.

Wenn ich also den Verfasser einer solchen „Mail“ als Rüpel bezeichne, dann meine ich damit, dass er seinen Ärzten - und wohl auch allen anderen Mitarbeitern seiner Klinik - keinen Respekt zollt. Die fehlende Höflichkeit scheint mir dies zu beweisen. Und wenn er diesen Respekt derartig verweigert, ist er nicht nur unhöflich, sondern auch noch ein recht schlechter „Vorgesetzter“. Wenn man dies erkannt hat, hat man nicht nur das Recht, sondern die Pflicht aufzubegehren. Dies hätte dann am Geringsten etwas mit gekränkter Eitelkeit und viel mit der Einsicht in die Polyvalenz wirksamen Behandelns zu tun.

Wer „Mitarbeitergespräche“ derart einfordert, sollte sich über den eigenen Umgang mit seinen „Mitarbeitern“ Rechenschaft ablegen. Das wäre allemal wichtiger als das Rechenschaftabverlangen von zum Rapport Einbestellten. Es ist ja anzunehmen, dass der Herr Verwaltungsdirektor seine „Mitarbeiteranalyse“ nirgendwo vortragen muss. Sacrosanctus est.
Dr. Martin Gattermann, Pestalozzistr. 16, 25826 St. Peter-Ording


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009

S. 49, 50