zur Rubrikensuche
zum Inhaltsverzeichnis

Schleswig-Holstein

Honorarreform
Spielraum lässt kaum Hoffnung

Die Honorarreform sorgt weiterhin quer durch die Fachgruppen in ganz Schleswig-Holstein für extreme Verunsicherung und Unzufriedenheit in den Praxen. Der von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) erstrittene erweiterte Spielraum in der Honorarverteilung lässt kaum Hoffnung aufkommen, wie Reaktionen aus den Fachgruppen zeigen.

„Die größten Probleme gibt es zurzeit nur dort, wo KVen ihre Ärzte nicht richtig oder nicht ausreichend aufklären“, behauptete Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt unlängst in einem Zeitungsinterview in Zusammenhang mit der Honorarreform. Fest steht, dass Schleswig-Holstein eines der Bundesländer mit den größten Problemen ist. Die Honorarreform sorgt bundesweit angeblich für einen Mittelzufluss von 2,7 Milliarden Euro für die ambulante Versorgung. In Schleswig-Holstein scheint davon nichts anzukommen. Zwar hat die KVSH nach einer Entscheidung des erweiterten Bewertungsausschusses wieder Spielraum in der Honorarverteilung, doch die Vorsitzenden der Fachgruppen bleiben skeptisch - denn das Honorarvolumen insgesamt verändert sich nicht.

Vielmehr ist zu erwarten, dass der innerärztliche Verteilungskampf nun wieder an Schärfe zunehmen wird, befürchtet Dr. Doris Hartwig-Bade. Die Berufsverbandsvorsitzende der HNO-Ärzte in Schleswig-Holstein berichtet von aufgebrachten Kollegen, da vielen von ihnen Verluste ins Haus stehen. Die neuen Spielräume der KV begrüßt sie, weil damit zumindest die schlimmsten Verluste zu begrenzen sind - allerdings auf Kosten anderer Ärzte. „Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass sich die derzeitigen Gewinner anschließend benachteiligt fühlen“, befürchtet die Lübecker Ärztin. Die innerärztliche Solidarität wird nach ihrer Einschätzung nicht so stabil sein, dass sich gerichtliche Auseinandersetzungen vermeiden lassen.

Dr. Christian Hauschild
Dr. Bernhard Bambas
Nicolay Breyer (Fotos: di)
Wer aber sind die vermeintlichen Gewinner der Honorarreform? Laut KVSH gibt es in jeder Fachgruppe Ärzte, die hinzu gewinnen und solche, die verlieren. Anteilig soll es unter den Kardiologen am meisten Gewinner geben. Von den 46 in der Gruppe geführten Kollegen sollen 30 mehr Honorar erhalten, 16 weniger. Unter dem Strich sollen für die Gruppe neun Prozent mehr Honorar zur Verfügung stehen. Dem Berufsverband der niedergelassenen Kardiologen sind solche Darstellungen zu undifferenziert. Der Landesvorsitzende Dr. Martin Hinrichsen gibt zu bedenken, dass seine Fachgruppe bei der vorangegangenen Reform massive Verluste hingenommen hatte. Die jetzt erfolgten Korrekturen sieht er nur als Verlustausgleich. „Wir werden zu Unrecht als die großen Gewinner hingestellt“, sagt Hinrichsen. Er schlägt vor, Korrekturen innerhalb der Fachgruppen vorzunehmen und die Grenzen zwischen den Gruppen nicht erneut zu verschieben. Sonst, so die Befürchtung des Flensburger Arztes, könnte die vergleichsweise kleine Gruppe der Kardiologen erneut zum Opfer einer Honorarreform werden.

Als solche fühlen sich schon jetzt die meisten niedergelassenen Orthopäden. Ihr Berufsverbandsvorsitzender von Schleswig-Holstein, Dr. Christian Hauschild, bezeichnet die Honorarreform für seine rund 180 Kollegen als „Katastrophe“ und „Schritt in die falsche Richtung, weil die Reform zu einer schlechteren Patientenversorgung führt“. Problem für die Orthopäden ist der niedrige Fallwert bei zugleich hohen Betriebskosten der orthopädischen Praxen - durchschnittlich rund 200 000 Euro im Jahr. „Wir brauchen Röntgen- und Sonographiegeräte, haben hohe Raumkosten und beschäftigen qualifiziertes Personal - das passt nicht mit einem niedrigen Fallwert zusammen“, sagt Hauschild. Die Orthopäden trifft auch, dass einzelne genehmigungspflichtige Leistungen nicht extra vergütet werden, sondern schon im Ordinationskomplex enthalten sind. Mit den erweiterten Spielräumen der KVSH verknüpft Hauschild schon mittelfristig keine großen Hoffnungen, weil die Kassenärztliche Bundesvereinigung es nach seiner Auffassung zuvor versäumt hat, die Betriebskosten nachvollziehbar und transparent in der korrekten Höhe zu berücksichtigen. Nun erwartet Hauschild Verteilungskämpfe unter der Ärzten. Leidtragende werden nach seiner Einschätzung die Patienten sein, da die Versorgung „dramatisch schlechter“ ausfallen werde. Erste orthopädische Praxen haben nach seinen Informationen bereits Mitarbeiter entlassen.

Von einer „hochexplosiven Stimmung“ unter seinen Kollegen berichtet Nicolay Breyer. Der Vorsitzende des schleswig-holsteinischen Hausärzteverbandes glaubt nicht, dass die KVSH mit dem erweiterten Spielraum in die Lage versetzt worden ist, den Praxen wirksam zu helfen, denn: „Es wird wieder nur umgeschichtet.“ Der Verband setzt nun seine Hoffnungen in Verträge nach Paragraf 73 b, die man zusammen mit der Ärztegenossenschaft aushandeln will.

Im Berufsverband der Augenärzte arbeitet man an einem Konzept, wie die Fachgruppe mit den durch die Honorarreform zu erwartenden Verlusten umgehen soll. Das Konzept soll nach Auskunft des Landesvorsitzenden Dr. Bernhard Bambas in diesem Monat vorgestellt werden. Nach Auskunft des Arztes aus Bad Segeberg schwanken die Verluste je nach Region im Norden zwischen zwei und 27 Prozent. Landesweit soll der Verlust im Durchschnitt bei 13 Prozent liegen. Unter den 178 niedergelassenen Augenärzten in 135 Praxen gibt es nach seiner Einschätzung kaum Hoffnung, dass sich durch den erweiterten Spielraum der KVSH mittelfristig etwas an der derzeitigen Situation ändern wird. „Keiner glaubt, dass es perspektivisch besser wird“, sagte Bambas.

Unter den niedergelassenen Fachärzten für Innere Medizin trifft die Honorarreform die fachärztlichen Internisten ohne Schwerpunkt besonders schwer. Nach Auskunft des Landesvorsitzenden im Berufsverband Deutscher Internisten (BDI), Dr. Klaus Heger, sind alle 68 Kollegen dieser Gruppe in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Grund: Ihr Regelleistungsvolumen liegt unter dem der Hausärzte, umfasst aber auch Leistungen wie Endoskopie und Sonografie. Damit fehlen dieser Gruppe wichtige Einnahmen aus qualifikationsgebundenen Zusatzbudgets. Um diese Internistengruppe vor der Pleite zu bewahren, sind nach Einschätzung Hegers Änderungen in der Honorarverteilung unvermeidlich. Zugleich ist ihm klar, dass damit Ärger zwischen den Fachgruppen programmiert ist. „Das wird eine schwierige Aufgabe für den KVSH-Vorstand“, sagte Heger. Weniger dramatisch fallen nach seinen Angaben die Verluste für die hausärztlichen Internisten aus. Der Arzt aus Glückstadt klärt in seiner Praxis Patienten, die sich über die Hintergründe der Honorarreform erkundigen, auf. Die von der Politik in den Raum gestellten Daten über vermeintliche Honorarerhöhungen entlarvt er dabei als „Zahlenspiele“. Seine Erfahrung: „Die Patienten begreifen sehr schnell, dass die Versprechungen der Politik nicht stimmen.“ (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009

S. 39-41