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Geriatrie
in Schleswig-Holstein
Wir alle werden immer älter - diskutiert wird überall in Fachkreisen
der so genannte demografische Wandel. Dieser Wandel bedeutet unter anderem,
dass künftig weniger jüngere Menschen für immer mehr ältere
Menschen sorgen müssen. Darauf verwies in einem Vortrag Angelika
Bähre vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend
und Senioren in Kiel: Das Gesundheitsministerium Schleswig-Holstein
muss sich den großen Herausforderungen stellen, die sich durch den
demografischen Wandel ... in den nächsten Jahrzehnten für die
gesundheitliche Versorgung und Pflege ergeben werden, da sich gravierende
Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung ergeben.
Dazu gehören Geburtenrückgang einerseits und steigende Lebenserwartung
andererseits. Sie führen dazu, dass im gesamten Bundesgebiet allein
bis 2020 die Zahl der über 60-Jährigen um 24 Prozent ansteigt.
Besonders stark, so Angelika Bähre vom Referat Krankenhauswesen und
Medizinische Rehabilitation, wird die Zahl der über 75-Jährigen
zunehmen - um 50 Prozent bis 2020.
Vorausblickend
Im nördlichsten Bundesland hat sich die Krankenhausplanung schon
Ende der Achtzigerjahre mit der älter werdenden Bevölkerung
beschäftigt und darauf reagiert. Bereits 1990 wurden in Flensburg,
Kiel, Neumünster und Itzehoe in 180 Planbetten geriatrische Patienten
versorgt. Außerdem gab es noch eine Tagesklinik in Lübeck.
Angelika Bähre: Schleswig-Holstein hat als erstes Bundesland
eine geriatrische Landesplanung aufgestellt und durch ein zweiphasiges
Konzept im Krankenhaus - nämlich ein vollstationäres und tagesklinisches
Versorgungsangebot - ein umfassendes geriatrisches Versorgungskonzept
entwickelt und umgesetzt. Heute sind im aktuellen Krankenhausplan
des Landes 13 geriatrische Kliniken und angeschlossene Tageskliniken ausgewiesen.
Sie bieten mit insgesamt knapp 600 Betten und fast 200 Plätzen für
die ältere Bevölkerung eine umfassende Diagnostik, Behandlung,
Therapie und Frührehabilitation an. Neben der medizinischen und psychosozialen
Behandlung ist das Ziel einer solchen geriatrischen Therapie die Wiederherstellung
und Erhaltung der Fähigkeiten, die für eine selbstständige
Lebensführung nötig sind.
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| Geriatrische
Kliniken in Schleswig-Holstein (Stand: 11/2008)(Quelle: MSGF) |
Daneben ist Schleswig-Holstein,
und zwar wiederum als erstes Bundesland, bemüht, die Gesundheitsversorgung
älterer Menschen mit einem ganz neuen Angebot flächendeckend
und Kassenarten übergreifend zu regeln. Das passiert mit dem bundesweit
einmaligen Modellprojekt Ambulante geriatrische Versorgung
(AGV) - ein weiterer Baustein in der flächendeckend gestuften medizinischen
Versorgung von älteren Menschen. Dazu gehört die ambulante Versorgung
in Kooperation mit den niedergelassenen Ärzten der jeweiligen Region.
Seit 2007 wird dieses Projekt an vier Modellkrankenhäusern für
die Dauer von zwei Jahren an 440 Patienten aus jeweils vier Regionen erprobt,
wobei die niedergelassenen Ärzte einbezogen sind. Dazu sagt Angelika
Bähre: Die Etablierung dieses spezifischen Versorgungsangebots
mit gleichzeitiger Erprobung eines flexiblen Finanzierungs- und Abrechnungssystems
ist ein weiteres Ziel dieses Modellprojekts. Als eine Schwäche
im neuen System gelte derzeit noch, dass auch bei einer Ausweitung der
AGV auf alle Geriatrien im Lande bis zu zwei Drittel der geriatrischen
Patienten allein aufgrund der Entfernung zu einer klinischen Geriatrieeinrichtung
nicht in den Genuss der AGV kommen würden.
Festzustellen ist aber, dass die langfristigen Vorteile dieses Systems
die Entscheidung für die AGV rechtfertigt: die geringeren Wiederaufnahmen
in die stationäre Geriatrie; die Entlastung eben dieser stationären
und teilstationären Systeme; die deutlich höhere Mobilität
im häuslichen Umfeld und ein wirklich präventiver Ansatz im
Sinne der Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit
von Fremdhilfe.
Interview
Wir haben über das Thema mit Dr. Martin Willkomm, Jahrgang 1960,
gesprochen. Er ist seit sechs Jahren Chefarzt des Krankenhauses Rotes
Kreuz Lübeck und Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft klinisch-geriatrischer
Einrichtungen in Schleswig-Holstein.
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| Dr.
Martin Willkomm (Foto: Privat) |
SHÄ: Sie kennen
die Sicht des Ministeriums zur Situation der Geriatrie im Land - was sagen
Sie als Praktiker dazu, Herr Dr. Willkomm?
Dr. Martin Willkomm: Ich kann diese positive Sicht nur voll und
ganz unterstützen! Die Geriatrie in unserem Land besteht in der Tat
aus gut miteinander vernetzten und damit funktionierenden Bausteinen.
Die 13 geriatrischen Kliniken sehen sich keineswegs als Konkurrenz zu
den Akutkrankenhäusern. Wir haben hier einen ganz klar definierten
Versorgungsbaustein - nehmen wir nur die Lübecker Klinik: 90 Prozent
meiner Patienten kommen zu mir, nachdem sie zuvor woanders - also im Akutkrankenhaus
- behandelt worden sind. Ein Patient kann nach einem Schlaganfall sicher
sein, dass er zu uns zur Weiterbehandlung kommt und nach drei Wochen wieder
entlassen wird. Jüngere Patienten sehen wir übrigens gar nicht,
etwa solche nach einem Sturz mit dem Motorrad. Wer aber älter ist
als 60 Jahre, kommt in die geriatrische Klinik. Warum? Weil er in der
Regel multimorbid ist, wenn er beispielsweise an den Folgen eines Schlaganfalls
leidet.
SHÄ: Wie sehen Sie den Bedarf der geriatrischen Krankenhäuser?
Dr. Martin Willkomm: Ich sehe ihn auf jeden Fall flächendeckend.
Keine Region darf ausgenommen sein. Schleswig-Holstein ist nun mal ein
Flächenland, wir müssen es schaffen, von Geesthacht bis Flensburg
geriatrische Patienten zu versorgen. Das gelingt uns derzeit recht gut,
wenn wir mal die Inseln ausnehmen. Lassen Sie mich hinzufügen, dass
es überall auch gut klappt mit der ambulanten Weiterversorgung. Ein
wichtiger Baustein hierbei ist die geriatrische Tagesklinik. In der Regel
sind die Patienten sechs Stunden täglich unter dem Klinikdach. Dann
werden sie nach Hause entlassen, und das an jedem Wochentag. An den Wochenenden
trainieren sie ihre Selbstständigkeit zu Hause.
SHÄ: Wie stehen die niedergelassenen Kollegen zur Geriatrie?
Dr. Martin Willkomm: Hier hat es in den letzten Jahren einen ausgeprägten
Wandel gegeben. Die niedergelassenen Kollegen sind heute sehr interessiert
an unserem Fachbereich. Wir haben beispielsweise hier in Lübeck -
wie auch anderswo - einen gut funktionierenden Qualitätszirkel. Diese
Zirkel werden in der Regel von einem niedergelassenen Kollegen geleitet.
Die Kollegen holen sich in diesen Zirkeln geriatrische Themen, etwa geriatrische
Assessmentbausteine oder Schmerztherapie im Alter, und die Ärztekammer
unseres Landes vergibt dafür die entsprechenden Weiterbildungspunkte.
Allein in unserer Klinik in Lübeck haben in den vergangenen drei
Jahren zehn niedergelassene Kollegen hospitiert. Das mag Ihnen nicht viel
erscheinen, es zeigt aber das große Interesse dieser Kollegen. Und
wenn Sie davon ausgehen, dass das in den anderen geriatrischen Kliniken
genauso aussieht, dann kommen Sie auf die stolze Zahl von mehr als einhundert!
Ja, die Niedergelassenen sehen die Geriatrie mittlerweile als überaus
wichtig an. Und zwar egal, wohin Sie schauen - Fort- und Weiterbildung
stehen an allen geriatrischen Standorten, ob Kiel, Itzehoe, Flensburg,
Neumünster, Eutin oder anderswo ebenfalls hoch im Kurs. Wir haben
eine sehr fruchtbare Kommunikation zwischen den Niedergelassenen und den
geriatrischen Kliniken, überall im Land.
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SHÄ: Da erscheint
es fast überflüssig, wenn ich wissen möchte, ob Sie trotz
dieser als gut geschilderten Situation Wünsche haben
Dr. Martin Willkomm:
lassen Sie es mich so ausdrücken:
Die geriatrische Versorgung ist in Schleswig-Holstein auf einem guten
Weg. Ich hoffe und wünsche, dass das so weitergeht. Die üblichen
Liegezeiten von drei Wochen dürfen nicht aus ökonomischen Gründen
reduziert werden. Unsere Patienten haben viele Krankheiten. In der Regel
kommen diese Menschen liegend zu uns, und sie verlassen uns nach Ablauf
der dreiwöchigen Behandlung mobil. Wir haben in allen diesen geriatrischen
Kliniken ein multidisziplinäres Team mit einer großen Zahl
von Therapeuten, unter anderen Psychologen, Sprach- und Schlucktherapeuten
- alle diese Kolleginnen und Kollegen brauchen die dreiwöchige Behandlungszeit.
Nehmen Sie noch eine Zahl: 70 bis 80 Prozent der von uns behandelten Patienten
gehen in ihr häusliches Umfeld zurück - wir sprechen vom selbst
bestimmten Umfeld. Diese sehr günstige Prognose sollte durchaus bekannt
gemacht werden - so wie hier im Ärzteblatt. Während in den Akutkrankenhäusern
die Verweildauer immer mehr verringert worden ist, ist dies bei uns nicht
im gleichen Maße geschehen - im Interesse der älteren Patienten.
Für sie steht das jeweilige geriatrische Team überall im Land
zur Verfügung.
SHÄ: Besten Dank für diese Erläuterungen, Herr Dr. Willkomm.
(wl)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2009
S. 34-37
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