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Kieler Hochschulmedizin
im Krieg
Zerstörung der Kliniken und medizinischen Institute
im 2. Weltkrieg
Karl-Werner Ratschko
Am 7. Mai 1945 wurde Kiel von der 46. Infanteriebrigade der 15. schottischen
Division besetzt. Im Hafen befanden sich zu diesem Zeitpunkt 350 deutsche
Schiffe, überfüllt mit zehntausenden von teilweise verwundeten
und kranken Flüchtlingen und Soldaten. Es gab keine Lebensmittel,
kein Wasser, keine medizinische Versorgung. Kiel war so stark zerstört,
dass an eine Unterbringung der Flüchtlinge in der Stadt nicht zu
denken war.1 Der vorliegende Bericht schließt an eine
Darstellung der Geschichte der Akademischen Heilanstalten der Christian-Albrechts-Universität
im Schleswig-Holsteinischen
Ärzteblatt 3/2008, S. 56-61, an.2
Vorgeschichte
Das 1862 fertig gewordene Krankenhaus für Chirurgie und Innere Medizin
war der Anfang der stärker fachlich ausgestalteten Akademischen Heilanstalten.3
Bis zum Beginn des 1. Weltkriegs folgte eine immer stärker werdende
Differenzierung der medizinischen Fächer und damit verbunden eine
rege Bautätigkeit. Durch das Ansteigen der Studentenzahlen und der
Kieler Bevölkerung war jeder Neubau bei Bezug schon wieder zu klein,
Folge waren ständige Um- und Ergänzungsbauten. Die Akademischen
Heilanstalten in Kiel waren am Ende der Weimarer Republik nicht nur Stätte
praktischer Ausbildung für Medizinstudenten, sondern auch unentbehrlicher
Bestandteil der stationären Versorgung der Bevölkerung Kiels
und seiner weiteren Umgebung. Hieran änderte sich auch in den Jahren
nationalsozialistischer Herrschaft nicht viel. Planungen für Neu-
und Erweiterungsbauten wurden wegen der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitungen
nicht realisiert.
Kiel mit seinem Werftgelände und unmittelbar benachbarten militärischen
Anlagen von der Krupp Germaniawerft in der Hörn bis zu den unterirdischen
Ölbunkeranlagen in Mönkeberg war für die alliierten Bombenangriffe
ein wichtiges Ziel. So war die Marinestadt schon zu einem frühen
Zeitpunkt nach Beginn des Krieges ein Luftschutzort erster Ordnung mit
einer Vielzahl von Luftschutzanlagen. Nur hatte man leider vergessen,
trotz ihrer unmittelbaren Nähe zu militärischen Anlagen, auch
für die Kliniken und medizinischen Institute der Universität
Bunker und Schutzräume zu bauen.
Bomben auf Krankenhäuser und medizinische Institute
Am 7./8. April 1941 wurden beim ersten schweren Angriff auf Kiel auch
die Kliniken und Institute in Mitleidenschaft gezogen. Die Reaktion der
besonders betroffenen Klinikdirektoren (A. W. Fischer, Chirurgie; E. Philipp,
Frauen; E. Rominger, Kinder) war bemerkenswert. Unverzüglich wurde
damit begonnen, in der Provinz Ausweichkrankenhäuser einzurichten,
um für die Patienten den Stress der Luftalarme und die Gefahr durch
Bombardierungen zu vermindern. Nachteil dieser Auslagerung von Betten
war die Aufsplitterung der einzelnen Krankenhäuser, die durch den
Transport der oft gerade erst frisch operierten Patienten zu erwartenden
Gefährdungen und die besonders unter den ohnehin erschwerten Arbeitsbedingungen
erheblichen organisatorischen Belastungen. Der Klinikbetrieb wurde in
beschädigten Häusern und in Bunkern fortgeführt. Teilzerstörungen
wurden so schnell wie möglich zumindestens provisorisch repariert.4
Die Kosten der Einrichtung und des Betriebs sicherer Unterbringungsmöglichkeiten
in der Provinz beliefen sich 1941 auf 140 000 RM (Reichsmark), in den
Folgejahren etwa auf 250 000 RM. Ihre Übernahme sollte Provinzbürokratien
und drei Reichsministerien5 beschäftigen, ohne dass bis
zum Kriegsende eine Lösung gefunden werden konnte.
Die chirurgische Klinik wurde 1941 durch Sprengbomben erheblich beschädigt.
Teile der Frontmauern wurden fortgerissen, Bomben detonierten im Innern
auf der Flurdecke im Lehrflügel. Im Herbst 1941 wurde am Ostende
der Klinik mit dem Bau eines Operationsbunkers begonnen, der ab 1943 in
seinem oberen Geschoss auf der Höhe des Kellergeschosses der Klinik
eine vollständige Operationsabteilung enthielt. Der Operationsbetrieb
kam nicht einen Tag zum Erliegen.6 Im August 1944 brannte der
obere Stock der chirurgischen Klinik vollständig aus. Viele Patienten
waren anfangs nur in Neustadt i. H. und Haffkrug, gegen Ende des Krieges
auch in Schleswig untergebracht.
Eine Doktorarbeit aus dem Jahre 1951 gibt Hinweise zur Qualität der
chirurgischen Versorgung vor dem Krieg im Vergleich zu 1945/46. Bei etwa
gleich großer Patientenzahl lag die Sterblichkeit 1937/38 bei 5,7
und 1945/46 mit 7,8 Prozent nur geringfügig höher. Nicht unerwartet
war ein Ansteigen der Sterblichkeit der septischen Allgemeininfektionen
auf fast das Dreifache sowie der chirurgischen Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes7
auf etwa das Doppelte festzustellen.8 Ergebnisse, die bei den
katastrophalen Versorgungsverhältnissen zu Respekt vor den Leistungen
von Ärzten und Pflegepersonal führen müssen, auch wenn
o. a. Arbeit aus heutiger Sicht methodisch nicht unbedingt zufrieden stellen
kann.
Erste Schäden durch Brandbomben trafen schon im Februar 1941 das
alte Direktorhaus der Frauenklinik. Die anfangs kleine Ausweichstation
für Wöchnerinnen und ihre Säuglinge im 80 km entfernten
Grömitz bot eine sichere Unterbringung. Der Bau eines Bunkers für
die Frauenklinik in Kiel wurde Ende 1941 bewilligt und in Angriff genommen,
wegen Materialmangels allerdings nicht fortgeführt. Im Januar 1944
gab es empfindliche Schäden an der Klinik, die eine Verlegung des
Kreißsaales vorübergehend in das Städtische Krankenhaus
Kiel erforderlich machte. Nach Zerstörung des Haupthauses am 22.
Mai 1944 erfolgte eine Erweiterung in Grömitz um zunächst 74
Betten, die Entbindungsräume wurden in den Operationsbunker der Chirurgischen
Klinik verlegt. Auf engstem Raum wurden bis Ende September 1944 hier 200
Entbindungen und über 300 große Operationen durchgeführt.
Zerstörungen weiterer großer Teile der Klinik im Juli/August
1944 führten zur Verlegung des Entbindungs- und Operationsbetriebes
in das Erdgeschoss des Marine-Hochbunkers in Kiel-Wik. Ab 28. September
1944 fanden hier alle Geburten und Operationen statt. Zweimal in der Woche
gingen Transporte mit frisch entbundenen oder operierten Frauen nach Grömitz.
Bis zum Transport waren die Frauen in dreifach übereinander gestellten
Feldbetten untergebracht. Diese Zustände hielten teilweise bis 1949
an: In vier Jahren fanden im Bunker allein 1 537 kleine vaginale Eingriffe,
635 Laparotomien, 425 plastische und 142 große vaginale Operationen
statt. 2 592 Fehlgeburten wurden behandelt und 1 474 Frauen bis Mitte
1946 entbunden. Zu Beginn des Jahres 1945 waren nach der zeitweisen Übersiedlung
der Medizinischen Fakultät auch noch 50 bis 80 Betten in Schleswig
zu betreuen.
Bis Mai 1946 war der Südflügel der Frauenklinik für Geburtshilfe
wieder provisorisch hergerichtet, im Mai 1948 war durch weitere Baumaßnahmen
die Räumung des Bunkers möglich und ein Hörsaal stand zur
Verfügung. Weitere Baumaßnahmen bis 1956 führten dann
zu einem wieder ohne Einschränkungen nutzbaren Klinikbau.9
Wegen der Luftkriegsgefahren wurde ein großer Teil der Kinderklinik
im Jahre 1941 in das leerstehende Herrenhaus des Gutes Behl bei Plön
verlegt, hinzu kam für an Tuberkulose erkrankte Kinder das LVA-Heim
Stilles Tal in der Nähe. In Kiel verblieben die Poliklinik
und zwei Stationen. Am 22. Mai 1944 wurde die Kinderklinik mit allen vier
Häusern am Lorentzendamm völlig zerstört. Neun Kinder,
eine Ärztin, zwei Schwestern und der Gärtner kamen dabei ums
Leben. Bis zu deren restlosen Zerstörung befand sich die Kinderklinik
anschließend in der evakuierten Privatklinik Dr. Koreuber und wurde
dann nach Plön in das Hotel Zur Post verlegt.
Für die Hals-Nasen-Ohrenklinik war im westlichen Anbau des alten
Hauptgebäudes, das 1928 von der Inneren Medizin geräumt worden
war, nach Umbauten Platz geschaffen worden, für die Unterbringung
der Hautklinik bot sich der östliche Teil des Gebäudes an, der
1930 bezogen wurde. Sie wurden im Krieg stark zerstört, die Ohrenklinik
konnte nach notdürftigen Reparaturen 1945 die nach Schleswig verlagerte
Klinik wieder aufnehmen.
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| Wie eine Mondlandschaft
wirkt das zerstörte Universitätsklinikum im April 1945.
Die teilweise schwer erkennbaren Gebäude und Ruinen können
anhand der Skizze s. u. zugeordnet werden. Das Foto wurde am 04.04.1945
von der amerikanischen Luftaufklärung erstellt, veröffentlicht
in Jensen, J. (Hg.), Kriegschauplatz Kiel, Luftbilder der Stadtzerstörung
1944/45, Neumünster 1989, 39. |
1942 brannte der Dachstuhl
der Augenklinik völlig aus, die Etage darunter wurde schwer beschädigt.
Die klinischen Patienten wurden zunächst in die Frauenklinik, dann
in die Chirurgie aufgenommen. Dort wurden im Bunker auch die Operationen
durchgeführt. Die Poliklinik fand ebenfalls im Bunker der Chirurgen
in einem winzigen Raum Unterkunft. Vier Wochen nach der Wiederherstellung
der Klinik gab es neue schwere Bombenschäden, im Februar 1944 wurde
die Klinik nach Neustadt verlegt, im April war auch der Hörsaal zerstört.
Es folgte eine kaum glaubhafte Odyssee: Bei Kriegsende wurde die Augenklinik
nach Schleswig-Stadtfeld verlegt. Im November 1945 wurde sie dort mit
Frist von wenigen Stunden auf die Straße gesetzt, konnte dann im
Marinelazarett Bordesholm (in einer ehemaligen Druckerei der Inneren Mission)
unterkommen. Weitere Stationen
der Klinik waren das ehemalige Kloster und das Amtsgericht Bordesholm.
Die Poliklinik blieb zunächst im Bunker der Chirurgie, dann fand
sie Platz in einem Haus in Bordesholm. Nach Wiederaufbau mit insgesamt
100 Betten konnte die Klinik im November 1948 wieder genutzt werden.10
Im Mai 1944 wurden das Untersuchungsamt des Hygiene-Instituts, im August
1944 der Hörsaal, Kurssaal und die Tierställe zerstört.
Weitergearbeitet wurde im Marinesanitätsamt in Kiel-Wik. Nach einem
Zwischenaufenthalt in der Prosektur des Städtischen Krankenhauses,
die ihrerseits im April 1945 zerstört wurde, fand die weitere Arbeit
im Milchhygienischen Institut statt, das kurz vor Kriegsende auch noch
einen schweren Bombenschaden erlitt. Dieser Schaden wurde gleich nach
Kriegsende behelfsmäßig beseitigt. Die Funktionsfähigkeit
des Hygienischen Instituts und besonders auch des angeschlossenen Medizinaluntersuchungsamtes
hatte aus Gründen der Seuchenprävention und -bekämpfung
besondere Priorität.
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| Die Zeichnung
stammt aus dem Landesbauamt Kiel II, veröffentlicht in Hofmann,
E., Jaeger, R., Schmidt-Künsemüller, F. A. (Bearb.), Allgemeine
Entwicklung der Universität, 2. Teil, Neumünster 1965, Abb.
15 nach S. 192 |
Lageplan der
Universität nach dem Stande von 1945:
1 Universitätshauptgebäude 2 Universitätsbibliothek
3 Chemisches Institut 4 Anatomisches Institut 5 Physikalisches Institut
6 Zoologisches Institut 7 Physiologisches Institut 8 Kunsthalle 9
Seeburg - Studentenheim 10 Boots- und Fechthalle 11 Augenklinik 12
Personalgebäude und Wäschemagazin 13 Kuratorialdienstgebäude
14 Anthropologisches Institut und Institut für Physikochemische
Medizin 15 Frauenklinik 16 Direktorwohnhaus 17 Villa Klein-Elmeloo
18 Hauptverwaltung 19 Personalwohnhaus 20 Hals-Nasen-Ohrenklinik 21
Hautklinik und Isolierhaus 22 Hauptküche 23 Wirtschaftsgebäude
und Kesselhaus 24 Ärztecasino 25 Außenstation der Chirurgischen
Klinik 26 Pharmakologisches Institut 27 Gewächshäuser 28
Botanisches Institut 29 Gärtnerhaus 30 Hygieneinstitut 31 Chirurgische
Klinik 32 Pathologisches und Gerichtsärztliches Institut 33 Inspektorwohnhaus
34 Historisches Seminar 35 Mineralogisches Institut 36 Medizinische
Klinik 37 Fliegeruntersuchungsstelle 38 Germanistisches und Nordisches
Institut 39 Universitätssportplatz 40 Waschanstalt 41 Zahn- und
Kieferstation, Homiletisches Seminar und Institut für Politik
42 Häuser Fleckenstraße 26-32 43 Kinderklinik 44 Seminargebäude
45 Geologisches Institut |
In der Nacht vom 28./29.
April 1942 wurde das Anatomische Institut durch einen Bombenangriff dadurch
schwer in Mitleidenschaft gezogen, dass der gesamte linke Flügel
des Instituts einschließlich des großen Hörsaals vollkommen
vernichtet wurde. Durch bessere Ausnutzung der Räume und Ersatzbeschaffung
des zerstörten Inventars gelang es dem Anatomen Freerksen die Funktionsfähigkeit
des Instituts wieder herzustellen.11 Am 5. Juni 1944 jedoch
bat der exponierte Nationalsozialist, Mitglied der NSDAP seit 1932, Gaudozentenführer
usw. den Rektor, ihn von seinem Amt als Prorektor zu entbinden. Als Grund
gab er an, dass das Anatomische Institut beim letzten Bombenangriff derart
schwere Bombenschäden davongetragen habe, dass nur eine radikale
Umstellung des Betriebes die Weiterführung der Arbeit möglich
mache. Dadurch müsste er häufig einige Tage von Kiel abwesend
sein.12 Im Personal- und Vorlesungsverzeichnis des Wintersemesters
1944/45 ist er nur noch in seinen Lehrstuhl- und Direktorfunktionen und
als Mitglied des Senats der Universität zu finden. Für den Institutsdirektor
Freerksen kam es noch schlimmer: Am 14. September 1944 teilte er dem Kurator
mit, dass das Anatomische Institut in der Nacht vom 26. zum 27. August
1944 durch Brandbomben total zerstört worden sei. Am 17. September
folgt die Mitteilung, dass das Institut nach seiner Totalzerstörung
seinen wissenschaftlichen Forschungsbetrieb in der Landwirtschaftlichen
Schule in Lensahn fortführe.13
Das Physiologische Institut wird ebenfalls im August 1944 vollständig
zerstört und nach Mohrkirchschwesterholz bei Kappeln verlegt. Der
Institutsdirektor Holzlöhner, überzeugter Nationalsozialist
seit 1932, seit März 1945 auch Rektor der Universität, 1942
in Dachau an Menschenversuchen mit tödlichem Ausgang beteiligt, beging
am 14. Juni 1945 Selbstmord.
Das Esmarchhaus, dem ehemaligen Direktorhaus der Chirurgie, in dem die
Institute für Physikochemie und Anthropologie untergebracht waren,
wurde 1944 zerstört. Der Anthropologe Weinert verlegte seinen Dienstsitz
aus eigener Machtvollkommenheit gleich nach Göttingen. Das Pathologische
Institut blieb bis auf die Prosektur weitgehend unzerstört. Das Pharmakologische
Institut wurde durch einen Blindgänger, der bis in den Keller durchfiel,
ernsthaft beschädigt, konnte aber weiter genutzt werden.
Das Ende
Die Folgen der Zerstörungen und die daraus resultierenden Maßnahmen
für die Versorgung der Patienten sind schwer zu fassen, da durch
Improvisationskunst und hohe Einsatzbereitschaft viele Mängel einigermaßen
überbrückt werden konnten. Hinzu kam jedoch ein chronischer
Ärztemangel. Die durch Einberufungen verminderte Zahl der planmäßigen
Ärzte konnte in einem gewissen Umfang durch (weibliche) Hilfsassistenten
(gemeint sind Ärztinnen) und verstärkte Inanspruchnahme von
medizinischem Assistenzpersonal behelfsmäßig ausgeglichen werden.
Allerdings waren auch viele ambulant tätige Ärzte zum Wehrdienst
einberufen, sodass Hilfsassistenten knapp waren. Hinzu kam
erhöhter Personalbedarf durch Aufteilung von Klinikbereichen in verschiedene,
weit auseinander liegende Klinikstandorte. Der Transport der Patienten
über schlechte Straßen in wenig komfortablen Fahrzeugen war
eine weitere Belastung. Patienten mussten auch nach frischen Eingriffen
über weite Wege mit ungeeigneten Transportmitteln in unzulänglich
ausgestattete Krankenhäuser transportiert werden.
Im Verlauf des Jahres 1944 war der Schaden an den Gebäuden der Universität
derart umfangreich, dass der Universitätsbetrieb ab Herbst in Kiel
nicht mehr fortgeführt werden konnte. Wie dem Bericht des Rektors
Predöhl vom 18. September 1944 zu entnehmen ist14, musste
sich die Universität zu einer Verlagerung des gesamten Lehr- und
Forschungsbetriebs, auch der Medizin entschließen. Vorgesehen
war hierfür zunächst in Anknüpfung an die vorhandenen Schwerpunkte
der Osten des Gaus. Die Medizin sollte in den Bereich Neustadt
und Grömitz, die Philosophische Fakultät und die Staats- und
Rechtswissenschaftliche Fakultät in den Lübecker Raum. Für
die Medizin gab es jedoch Schwierigkeiten, da sich Neustadt nicht als
geeignet erwies. Es bot sich als neue Lösung die Landesirrenanstalt
in Schleswig an. Die höchst problematische Schleswiger Lösung
hätte sogar ermöglicht, die gesamte Universität mit Ausnahme
des Instituts für Weltwirtschaft, das in Ratzeburg untergekommen
war, an einen Ort zu evakuieren. Da der Raum in Schleswig jedoch nicht
im notwendigen Umfang für die Universität freigegeben wurde,
bestand dann die Absicht, wenigstens die Kliniken nach Schleswig und die
theoretischen Institute der Medizin und der Naturwissenschaft nach Rendsburg
zu verlegen. Auch dieser Weg erwies sich in den damaligen chaotischen
Zeiten als nicht realisierbar, sodass das eilige Ausweichen der Universität
in greifbare Unterkünfte jeglicher Art als letzte Möglichkeit
blieb. So gab es z. B. Kliniken in Schleswig, Neustadt, Grömitz,
Behl und medizinische Institute in Mohrkirchschwesterholz, Lensahn, im
Kieler Institut für Milchwirtschaft, in Göttingen. Die Fortführung
von Forschung und Lehre war nach den verheerenden Angriffen im Januar,
April und Juli/August 1944 eigentlich nicht mehr möglich, wurde jedoch
noch weiter provisorisch durchgeführt bis durch einen Ministerialerlass
des Reichserziehungsministeriums vom 12.10.1944 die Universität geschlossen
wurde. Die Patientenversorgung war hierdurch jedoch nicht betroffen.
Die letzte Fakultätssitzung vor der Kapitulation des Nordabschnitts
des Rest-Reiches am 5. Mai 1945 fand am 20.04.1945 statt. Laut Protokoll
wurde mitgeteilt, dass Holzlöhner zum Rektor ernannt worden sei,
es folgte eine wissenschaftliche Aussprache über eine Habilitationsarbeit,
der Leiter der zahnärztlichen Station Bichlmayr hatte einen Antrag
auf Zulassung von Studierenden zur Zahnheilkunde beantragt u. Ä.
Zur Evakuierung findet sich im Protokoll folgende Anmerkung: Bericht
über die Evakuierung nach Schleswig, die weiter gute Fortschritte
macht.15 Tage später wurde Kiel von den ersten
Voraustrupps der britischen Truppen erreicht, Mitte Mai auch Schleswig.
Der Krieg endete auch für die Universität in einem beispiellosen
Durcheinander von Elend, Not und Zerstörung.
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Haben
Sie Interesse an einer Mitgliedschaft oder Spende an die Gesellschaft
der Freunde und Förderer der Medizin- und Pharmaziehistorischen
Sammlung Kiel e. V.?
Wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle der o. g. Gesellschaft,
Brunswiker Str. 2, 24105 Kiel, Tel. 0431/880-5721, Fax 0431/880-5727,
E-Mail medmuseum@med-hist.uni-kiel.de, Internet www.med-hist.uni-kiel.de
Bankverbindung
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für Familien 21 Euro
für Schüler/Studenten 5 Euro
für korporative Mitgl. 62 Euro
Mitgliedsbeiträge und Spenden sind steuerlich absetzbar.
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Vortrag (gekürzt) am 4. Dezember 2008 anlässlich der Mitgliederversammlung
der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Medizin- und Pharmaziehistorischen
Sammlung Kiel e. V.
Dr. Karl-Werner Ratschko M. A., Havkamp 23, 23795 Bad Segeberg
Literatur
- Jürgensen,
1989: 30
- http://www.aeksh.de/shae/index.htm.
- Schipperges, 138-
139.
- Jürgensen,
CAU, 183-184.
- Reichserziehungsministerium,
Reichsinnenministerium, Reichsluftfahrtministerien.
- Jäger, 152.
- Magen und Zwölffingerdarmgeschwüre,
Darmverschlüsse, Darmeinklemmungen und Gallensteinleiden.
- Johnsen, S. 11,
34-35.
- Philipp, S.100
ff.
- Röper, S.
34-36.
- LAS Abt. 47 Nr.
2081, Bericht Freerksen an das REM über Wiederaufbau des Anatomischen
Instituts v. 9.2.1943.
- LAS Abt. 47 Nr.
2045, Schrb. Freerksen an Predöhl v. 5.6.44.
- LAS Abt. 47 Nr.
2750, Schrb. Freerksen an Kurator v. 14.09.1944 und 17.09.1944. Bei
beiden Schreiben fehlt - sehr un-gewöhnlich - die damals übliche
Grußformel "Heil Hitler".
- LAS Abt. 47 Nr.
2082, Bericht des Rektors der Universität Kiel über die Evakuierungsmaßnahmen
der Kieler Universität v. 18.09.1944.
- LAS Abt. 47.6 Nr.
16, p. 274, 275.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2009
S. 56-61
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