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Arzt und Patient im
technischen Zeitalter*
Was hat sich verändert?
Karlheinz Engelhardt
(* Antje und Dr. Rolf
Burger gewidmet)
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| Bernhard
Naunyn |
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Medizin ist, wie einer
meiner klinischen Lehrer sein schönes Buch genannt hat, in Bewegung1.
Die naturwissenschaftlich-technischen Fortschritte, die ich hier nicht
aufzählen will, sind riesig. Was ich als Arzt, als Patient und teilnehmender
Beobachter in mehr als fünfzig Jahren erlebt habe, das geht in diesen
Artikel ein. 1909 sagte der Internist Bernhard Naunyn (1839-1925): Die
Medizin wird eine Wissenschaft sein oder sie wird nicht sein. Mit
Wissenschaft meinte er Naturwissenschaften, Experimente und die sich entwickelnde
Technik. Der Siegeszug der naturwissenschaftlichen Medizin begann bereits
im 19. Jahrhundert und setzt sich bis heute fort. Wenn man nicht mehr
an eine postmortale Existenz glaubt, ist eine Lebensspanne von 80 bis
90 Jahren zu kurz2. Für viele Menschen ist die Medizin
an die Stelle der Religion getreten. Glaube und Hoffnung beziehen sich
auf die Verlängerung des irdischen Lebens und auf eine möglichst
hohe Lebensqualität.
Ein antitechnischer Affekt wäre falsch. Technik und die mit ihr verbundene
Spezialisierung können dem Patienten nützen. Beide sind teuer
und haben zu der oft zitierten Kostenexplosion beigetragen.
Eines der häufigsten Wörter, die man heute hört, wenn über
medizinische Dienstleistungen gesprochen wird, heißt
Kosteneffizienz.
Unser technisches Zeitalter ist gleichzeitig ein ökonomisches: Für
Manager werden Krankenhäuser zu Dienstleistungsunternehmen, die wie
andere Betriebe in der freien Wirtschaft miteinander konkurrieren und
Marktstrategien entwickeln, um die Erwartung der Kunden zu
befriedigen3. Zufriedene Krankenhauskunden sind
Mittel für den Geschäftserfolg. Auch die einweisenden Ärzte
werden in diesem Konzept zu Kunden4. Wenn man sich beständig
fragt, was technische Angebote plus Freundlichkeit finanziell einbringen,
dann wird allerdings ärztliches durch betriebswirtschaftliches Denken
ersetzt. Auch bei niedergelassenen Ärzten ist ein Anbieter-Kunden-Verhältnis
im Rahmen der Individuellen Gesundheitsleistungen (IGel) nicht mehr unbekannt.
Trotz aller Fortschritte und der gestiegenen Lebenserwartung gibt es ein
Gesundheitsparadox5: Viele Menschen sind mit ihrem leibseelischen
Befinden unzufrieden. Sie haben unrealistische Erwartungen von der Allmacht
der Medizin oder stehen ihr skeptisch gegenüber. Diese Unzufriedenheit
erklärt teilweise die große Popularität alternativer Heiler.
Felix Anschütz6 kritisierte auf dem deutschen Internistenkongress
1985 Übertechnisierung, Überdiagnostik und Übermedikation
der modernen Medizin. In unserer technischen Ära haben sich die diagnostischen
und therapeutischen Interventionsmöglichkeiten vervielfacht, deshalb
ist heute die ärztliche Aufgabe schwerer als früher, die Methoden
und Mittel kritisch einzusetzen. Wenn wir zu einseitig auf Technik fokussieren,
kommt der Patient mit Anamnese und Krankengeschichte zu kurz7.
Hat moderne Diagnostik das Arzt-Patient-Verhältnis gewandelt?
Bildgebende Verfahren wie Sonographie, Herzkatheter, Magnetische Resonanztomographie
(MRT), Computertomographie (CT), aber auch Labortests haben die Diagnostik
organischer Krankheiten präzisiert. Das ist von großem Nutzen.
Es gibt aber auch Nachteile, wenn High-tech-Diagnostik nicht von Anamnese
und unmittelbarer Untersuchung geleitet wird. Dazu ein Beispiel: Eine
Frau, Mitte vierzig, hat akute unkomplizierte Kreuzschmerzen ohne Zeichen
der Roten Flagge. Bei ihr wird ein MRT angeordnet, das normal
ausfällt. Sowohl MRT als auch CT können jedoch Befunde zeigen,
die mit den aktuellen Beschwerden kausal nicht korreliert sind. Wenn bei
gesunden Menschen die Lendenwirbelsäule mit MRT untersucht wurde,
zeigte sich, dass nur 36 Prozent dieser beschwerdefreien Personen normale
Befunde hatten, 27 Prozent hatten sogar eine Protrusion einer Bandscheibe.
Unindizierte Hightech-Untersuchungen können zu unnötigen Operationen
führen8,9.
Die zunehmenden Kapazitäten von Geräten
lässt die Zahl der Untersuchungen ansteigen. Das gilt auch für
die koronare Angiographie10. Wo Apparate sind, werden sie eingesetzt.
Patienten, aber auch wir Ärzte erwarten oft zu viel von neuen Technologien,
die teilweise defensiv zur Absicherung gegen mögliche Gerichtsprozesse
angewendet werden. Obwohl Patienten mit stabiler Angina pectoris optimal
mit Medikamenten behandelt werden können, wird oft initial zu einer
perkutanen koronaren Intervention geraten. Im Jahre 2004 wurden in den
USA mehr als eine Million koronarer Stents gelegt, davon 85 Prozent bei
stabiler Angina11. Mit
6 835 Herzkatheteruntersuchungen pro Million Einwohner war bereits 1999
die Zahl dieser Interventionen in Deutschland die höchste europäische,
56 Prozent der perkutanen transluminalen koronaren Angioplastien wurden
hierzulande bei chronisch-stabiler Angina gemacht12. Sorgfältige
Anamnese und körperliche Untersuchung würden viele invasive
Darstellungen der Herzkranzgefäße überflüssig machen.
In unserer medizinischen Kultur ist es heute viel leichter, eine medizinische
Intervention zu empfehlen als von ihr abzuraten. Trotzdem wird die genaue
Indikation wichtiger denn je: Dazu gehören Anamnese, die Information
des Patienten über Nutzen und Risiken von Prozeduren und das Bewusstsein
von potenziellen finanziellen Konflikten der Interessen, denn Hightech
hat einen viel höheren Preis als das Gespräch. Ich bin mir sicher,
dass viele Ärzte, nicht zuletzt Hausärzte, die Gefahr erkennen,
dass Hightech-Prozeduren Anamnese und unmittelbare Untersuchung in den
Hintergrund treten lassen können.
Im technischen Zeitalter der Medizin vertrauen wir auf objektive Befunde.
Das ist sinnvoll bei organischen Krankheiten, aber wenigstens 20 bis 30
Prozent der Patienten eines Hausarztes haben funktionelle Störungen13,
die sich bildgebenden Verfahren und Labortests entziehen. Da funktionelle
Störungen nicht in das biomedizinische Krankheitsmodell passen, werden
Studenten zu wenig in der Diagnose und Therapie funktioneller Symptome
trainiert. Wir sind geneigt, solche Patienten als schwierig
zu bezeichnen, weil ihre Beschwerden keine objektive Pathologie haben.
Sie sorgen sich aber wegen der Ursache ihrer Beschwerden und erwarten
Verständnis, Erklärung und Behandlung, nicht nur einen Ausschluss
organischer Krankheiten14.
Wie wirkt sich die Komplexität heutiger Therapie aus?
Im Vergleich zur Arzneimitteltherapie vor vierzig oder fünfzig Jahren
haben wir heute glücklicherweise eine Vielfalt von wirksamen Mitteln,
die wir auch der forschenden Industrie verdanken. Wir benötigen allerdings
objektive Informationen mit Nutzen und Nebenwirkungen. Kein Zweifel, die
pharmakologischen Fortschritte sind groß, aber die Nebenwirkungen
sind nicht zu vernachlässigen. Aufgrund einer Meta-Analyse15
wurden 1994 für die USA mehr als 100 000 Todesfälle durch medikamentöse
Nebenwirkungen geschätzt.
Typisch für unsere Zeit ist die enge Verflechtung von Industrie und
Medizin bei der Entwicklung und dem Absatz medizinischer Geräte und
Medikamente. Dieser medizinisch-industrielle Komplex16 bedingt,
dass die meiste medizinische Fortbildung durch Sponsorship
der Industrie gefördert wird, die ärztliches Wissen und gleichzeitig
den Absatz ihrer Produkte steigern will. Ca. 90 Prozent der deutschen
medizinischen Fortbildung werden von der Industrie gesponsert17.
Die ärztliche Aufgabe medikamentöser Therapie ist heute angesichts
der reichen Palette effektiver Arzneimittel schwerer als früher geworden,
denn Nutzen, mögliche Nebenwirkungen und Interaktionen sind abzuwägen.
Dieses balancierte Arzneimittelwissen wird gefährdet, wenn wir unsere
diesbezüglichen Informationen vorwiegend über pharmazeutische
Firmen beziehen. So kann man erleben, dass ein firmenbezahlter Chefarzt
über die Therapie der arteriellen Hypertonie spricht, ohne auf Nebenwirkungen
der Medikamente einzugehen. Fortbildungsredner, die persönliches
Geld vom Phar- mahersteller akzeptieren, sollten die Zuhörer über
potenzielle finanzielle Konflikte der Interessen aufklären und ihre
Position als bezahlte Sprecher offenlegen.
Unparteiische Fortbildung ist nötig. Von der Industrie bezahlte Referenten
können nur schwer eine ausgewogene Übersicht geben18. Neue Medikamente
sind nicht stets besser, ihr Sicherheitsprofil ist inkomplett. Weil Patienten
nicht selten denken, was teuer ist, muss gut sein, ist Aufklärung
erforderlich.
Wegen der komplexeren Therapie ist mehr mit dem Kranken über die
Mittel zu sprechen, die er regelmäßig einzunehmen hat. Er ist
nicht mit dem Beipackzettel allein zu lassen. Nur jeder siebente Patient
versteht den Sinn der Arzneibehandlung, wenn er die Klinik verlässt19.
Sind Patienten über ihre Medikamente für Herzinsuffizienz, Angina
pectoris, Asthma oder chronisch-obstruktive Bronchitis gut orientiert,
dann wirken sie durch die positiven Kontexteffekte besser und werden regelmäßiger
genommen20. Weil wir heute so vielfältig und wirksam eingreifen können,
vergessen wir manchmal, dass Heilung und Symptomerleichterung nicht nur
der Chemie des Arzneimittels, sondern auch dem Gefühl und Wissen
des Kranken zuzuschreiben sind, dass er ärztlich gut betreut wird.
Positive Kontexteffekte21 wie freundliches ärztliches Zuhören
und Hoffnung des Patienten sind genauso bedeutsam wie das richtige Pharmakon.
Alterung als medizinische Herausforderung
Vor 100 Jahren war eine von 20 Personen weltweit über 65 Jahre, heute
ist es eine von sechs Personen und für 2051 wird ein Verhältnis
eins von vier vorausgesagt22. Solche rapiden demografischen Veränderungen
sind eine Herausforderung an Gesellschaft und Ärzte. Für ältere
Menschen mit multiplen chronischen Krankheiten ist heute ein guter Allgemeinarzt
nötiger denn je. Sein Status müsste aufgewertet werden. Subspezialisten
sind wichtig, wir neigen aber in unserer technischen Ära dazu, vor
allem Prozeduren und Interventionen, weniger jedoch die Integration vielfältiger
Gesundheitsprobleme und die Kontinuität der hausärztlichen Versorgung
hochzuschätzen23.
Klinische Praxisleitlinien (PLL) können sinnvoll sein, aber auch
zu absurden Konsequenzen führen. Eine 79-jährige Frau mit chronischer
Bronchitis, Typ 2 Diabetes, Osteoporose, Hypertonie und Arthrose hat fünf
chronische Krankheiten24. Die meisten PLL diskutieren nicht die Anwendbarkeit
ihrer Empfehlungen auf ältere Patienten mit mehreren Krankheiten,
auch nicht die Lasten für die Patienten und ihre Präferenzen.
Würden die PLL befolgt, müsste die 79-jährige Frau zwölf
Medikamente zu fünf verschiedenen Tageszeiten in 19 Dosierungen nehmen.
Es bestünde die Gefahr der Tablettenverwechslung, der Nebenwirkungen
und Interaktionen. So kann das nichtsteroidale Antirheumatikum gegen die
Arthrose die Wirkung der Antihypertensiva abschwächen. PLL werden
von Spezialisten entwickelt, die sich für einzelne Krankheiten interessieren,
die erwähnte Frau braucht jedoch einen Generalisten, einen Hausarzt,
der die Gesamtlage und die Präferenzen der Patientin berücksichtigt.
Da es sich bei dieser Kopfarbeit nicht um rechnerisch aufzulistende Techniken
handelt, ist die Honorierung dieser geistigen Leistungen inadäquat.
Ein alter Mensch hat oft mehrere komplexe Krankheiten, die alle einschließlich
der sozialen und psychischen Situation des Kranken zu berücksichtigen
sind. Das kann nur der Generalist, der Arzt für Allgemeinmedizin
und der Allgemeininternist. Nun ist heute die Innere Medizin in viele
Subspezialitäten wie Kardiologie und Gastroenterologie aufgeteilt.
Ich zweifle nicht daran, dass alte Menschen von diesen Subspezialitäten
profitieren. Es ist aber die Frage, ob Kardiologe und Gastroenterologe,
die mit komplizierten Techniken und Interventionen beschäftigt sind,
diese allgemeine Innere Medizin vermitteln und lehren können. Es
ist alarmierend, dass der Lancet22 die für die Ausbildung des Hausarztes
notwendige allgemeine Innere Medizin aufgibt und ihre einzige Chance darin
sieht, in der Geriatrie aufzugehen. Wo kann der junge Assistenzarzt, der
später in seiner Praxis ältere Menschen umfassend und ganzheitlich
betreuen will, diese allgemeine Innere Medizin lernen? Wirklich nur noch,
wie der Lancet meint, in der Geriatrie?
Wie hat sich die Krankenhauslandschaft geändert?
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Helmuth
Reinwein
(Quelle: Prof. Engelhardt) |
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Der klassische Internist,
wie ihn beispielsweise die Kieler Ärzte Helmuth Reinwein und Ludwig
Weisbecker darstellten, hatte genügend Zeit für Anamnese, unmittelbare
Untersuchung, Differenzialdiagnose und Behandlungsplan. Bereits vor Jahrzehnten
ergab eine empirische Studie25, dass für Kranke im Krankenhaus menschlich-verstehende
Ärzte, Krankenschwestern und andere Betreuer von großer Bedeutung
sind. In einer sorgfältigen Untersuchung hat Werner Vogd26 kürzlich
die Auswirkungen des neuen Diagnosis Related Groups (DRG)-Systems auf
die Krankenhausarbeit dargestellt. Seit 2004 rechnen die Krankenkassen
nach diagnosebezogenen Fallpauschalen ab. Das DRG-System soll
die Kosten senken. Zeit für Kommunikation zwischen dem Patienten
und seinem Arzt ist unter den neuen Bedingungen nicht vorgesehen. Dadurch
kommen persönliche Betreuung und Erklärung von Diagnostik und
Therapie zu kurz27. Durch die DRG-Codierung müssen Ärzte bürokratische
Aufgaben erledigen, die neben der kurzen Verweildauer den Kontakt mit
dem Patienten einschränken. 25 Prozent bis 40 Prozent der Arbeitszeit
von deutschen Krankenhausärzten wird für arztfremde Dokumentationstätigkeit
aufgewendet28. Internisten verlassen sich jetzt meistens, so die Analyse
von Vogd, auf die Diagnosen der Aufnahmestation. Aus Zeitgründen
wird zu Beginn eine ganze Batterie von technischen Untersuchungen angesetzt,
die nicht alle nötig sind und zu Pseudobefunden führen können.
Da nur eine DRG abgerechnet wird, lohne es sich nicht, verschiedene Krankheiten
zu berücksichtigen. Es ergibt sich, so das Fazit von Vogds Untersuchung,
ein Konflikt zwischen dem Wunsch der Internisten, verschiedene Differenzialdiagnosen
abzuklären, und der Forderung, sich auf eine DRG zu konzentrieren.
Polymorbide Kranke, die im Alter die Regel sind, werden zu einer Last
für das ökonomisch denkende Krankenhaus. Auch der Präsident
der deutschen Gesellschaft für Innere Medizin hat in seiner Wiesbadener
Eröffnungsrede 2008 auf die Konsequenzen des DRG-Systems aufmerksam
gemacht29: Geschickte Benutzung dieses Systems bedeute, auf technische
Leistungen zu fokussieren anstatt im Rahmen des Klinikaufenthalts die
Multimorbidität der älteren Kranken adäquat zu berücksichtigen.
Betriebswirtschaftlich sei die oft zu große Zahl technischer Leistungen
für das betreffende Krankenhaus günstig, volkswirtschaftlich
und für ältere Patienten mit mehreren komplexen Krankheiten
schädlich. Internistische Differenzialdiagnose und Denkarbeit sind
schwer, technische Prozeduren dagegen leicht im DRG-System zu verziffern,
das dazu anreizt, möglichst viele dem Krankenhaus Gewinn bringende
Interventionen auszuführen.
Durchschleusen der Patienten, zunehmende Beschleunigung der Betreuung
und Hetze sind ungesund, weil der Arzt kaum mehr zum Nachdenken und zur
patientzentrierten Betreuung kommt. Sowohl Nachdenken als auch patientzentrierte
Betreuung sind aber für Heilung und Symptombesserung nicht zu vernachlässigende
Faktoren30.
Ist patientzentrierte Medizin nötiger als früher?
Krankheitszentrierte Medizin mit Pathophysiologie, medikamentösen
und operativen Eingriffen bei Krankheiten ist wichtig. Sie bringt viele
Erkenntnisse und Fortschritte, von denen wir profitieren. Sie braucht
aber als Ergänzung patientzentrierte Medizin,7 31. Krankheiten werden
von Menschen individuell erlebt und erlitten. Sie müssen mit chronischen
Krankheiten umgehen und bedürfen dabei der Hilfe des Arztes. Eine
vorwiegend naturwissenschaftlich-technische Medizin führt zu Unbehagen,
sodass schon früher ganzheitlich orientierte Ärzte wie Ludolf
Krehl und Richard Siebeck die stärkere Einbeziehung des Kranken vorgelebt
haben.
Zur patientzentrierten Medizin gehören Umgangsformen32: Dass der
Arzt dem Kranken bei der Visite die Hand gibt, dass er ihn fragt, wie
er sich in der Klinik fühlt, dass er ihm seine Rolle im Team erklärt,
dass er sich zu dem Kranken setzt, um auf Augenhöhe mit ihm zu sprechen,
ist nicht immer selbstverständlich. Mit einem guten Umgang beginnt
menschliche Medizin, schwerer ist es dann, auch durch die Augen des Patienten
zu sehen, sich in ihn hineinzuversetzen, um seine Perspektive zu verstehen.
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| Immanuel
Kant |
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Mit der Aufklärung
und Selbstbestimmung des Menschen im Sinn Immanuel Kants hängt es
zusammen, dass in den letzten Jahrzehnten versucht wurde, den früheren
arztzentrierten Paternalismus durch ein anderes Konzept zu ersetzen, das
den Graben zwischen dem wissensmächtigeren Arzt und dem Kranken überbrückt.
Je mehr diagnostische und therapeutische Möglichkeiten bestehen,
umso mehr - sieht man einmal von Notfallbehandlungen ab - brauchen Patienten
Gespräche über Optionen, damit gemeinsame Entscheidungen von
Patient und Arzt möglich sind. Dabei darf der Kranke nicht zum Kunden
werden, denn Kunden können sinnlose und fragwürdige Dienste
wünschen. Medizin ist kein Selbstbedienungsladen. Wenn
der Arzt dem Patienten eine ausgewogene und objektive Information über
Nutzen und Risiken von Interventionen gibt und Alternativen anbietet,
wählt er nicht stets die neueste, teuerste und aggressivste Behandlung33.
Ist aber bei dem heutigen Zeit- und Kostendruck, bei klinischem Durchschleusen
unter DRG-Bedingungen und bei den ökonomischen Zwängen eine
solche patientzentrierte Medizin nicht eine Illusion, weil Kommunikation
mit dem Kranken und Berücksichtigung seiner Werte, weil auch Hilfe
bei der Abfassung von Patientenverfügungen, eine sensible Übermittlung
von schlechten Botschaften und die Erklärung der Therapie nicht verzifferbar
sind?
Zur Beantwortung dieser schweren Frage komme ich nochmals auf Bernhard
Naunyn zurück, der gesagt hatte: Die Medizin wird Wissenschaft
sein oder sie wird nicht sein.
Heute hundert Jahre nach diesem viel zitierten Ausspruch müssen wir
hinzufügen: Gerade in der naturwissenschaftlich-technischen Ära
sollte Medizin nicht nur krankheits- sondern auch patientzentriert sein
oder sie wird nicht menschlich sein.
Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2009
S. 44-49
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