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Bad Segeberg

Honorarreform
Erhebliche Verschiebungen zwischen Fachgruppen

Dirk Schnack

Die Honorarreform sorgt unter vielen schleswig-holsteinischen Ärzten für Verunsicherung und Verärgerung. Dies zeigen Reaktionen der Ärzte auf Informationsveranstaltungen. Es gibt aber auch Gewinner. Das Bild ist gemischt: Innerhalb und zwischen den Fachgruppen gibt es erhebliche Verschiebungen.

Mit der ersten Einschätzung „Teilerfolg mit bitterem Beigeschmack“ hatte der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) offenbar richtig gelegen. Der bittere Beigeschmack stieß vielen Ärzten allerdings heftig auf. Nachdem die KVSH die vorläufigen Bescheide mit den Regelleistungsvolumen (RLV) verschickt hatte, gab es heftige Reaktionen aus den Praxen. Dies zeigte sich am Telefon und auf den Informationsveranstaltungen. Zwar sollen gegenüber 2007 laut Prognose 6,3 Prozent mehr Honorar in die ambulante ärztliche Versorgung nach Schleswig-Holstein fließen, unter dem Strich aber müssen viele Ärzte im Vergleich zum Vorjahr mit Verlusten kalkulieren.

 
Dr. Bernhard Bambas  

Besonders unter den Augenärzten ist die Bestürzung groß. Der Berufsverbandsvorsitzende Dr. Bernhard Bambas aus Bad Segeberg erwartet, dass die augenärztliche Versorgung in Schleswig-Holstein zusammenbricht, wenn sich die Zahlen aus den RLV bestätigen. „Damit können wir nicht kostendeckend arbeiten. Wir haben im Gegensatz zu anderen Fachgruppen keine Möglichkeiten, über freie Leistungen etwas auszugleichen, sondern müssen mit den RLV auskommen. Ich bin gespannt, wie die Härtefallregelung für Praxen mit einem Honorarverlust von über 15 Prozent funktionieren soll. Woher soll das Geld kommen?“, fragt sich Bambas. Nach Zahlen der KVSH müssen die Augenärzte im Land tatsächlich als die größten Verlierer der Honorarreform gelten. Zweidrittel von ihnen müssen sich auf Kürzungen im RLV einstellen, rund 15 Prozent sogar auf Verluste von über 20 Prozent. Ein Drittel der Augenärzte kann Zuwächse von bis zu 20 Prozent erwarten.

 
  Dr. Burckhard Schürenberg
(Fotos: di)

Dr. Ingeborg Kreuz, kommissarische Vorstandsvorsitzende der KVSH, und ihr Vorstandskollege Dr. rer. nat. Ralph Ennenbach befürchten, dass als Folge der Verluste die Vielfalt in der Versorgung verloren gehen könnte. Dies zeigt sich etwa am Beispiel des niedergelassenen HNO-Arztes Dr. Burckhard Schürenberg aus Schleswig. Er versorgt als Facharzt für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen einen ganzen Landesteil allein. Nach der vorläufigen KV-Mitteilung musste er mit einem Honorarverlust von 23,6 Prozent im RLV rechnen. Seine Reaktion: „Leider bin ich zu alt, um ins Ausland zu gehen. Ich gehe in die innere Emigration, nehme an keiner Wahl mehr teil und interessiere und engagiere mich in keiner Weise mehr für ein Land, das so etwas zulässt. Meine Arbeitsweise muss ich umstellen. Nur noch Selbstzahler und Privatpatienten können mich jetzt noch retten - das wird nicht zum Vorteil der GKV-Patienten sein.“

Damit dürfte Schürenberg die Gefühlslage vieler Kollegen getroffen haben. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Ärzte doch die lang erwartete und von vielen Praxen auch dringend benötigte Honoraranpassung nach oben erhalten. Dies zeigt ein Blick auf die Verteilung in manchen Fachgruppen:

  • Hausärzte: Von rund 2 000 Allgemeinmedizinern wird jeweils eine Hälfte Verluste, die andere Gewinne im RLV erzielen. Bei rund 20 Prozent betragen die Verluste mehr als 20 Prozent, maximal bis zu 60 Prozent. Bei einem Drittel steigt das RLV um mehr als zehn Prozent. Interessant für Hausärzte: Heimbesuche sind im Norden grundsätzlich freie Leistungen. Damit können Verluste aus dem RLV zum Teil ausgeglichen werden.
  • Kardiologen: Von den 30 Kardiologen dürfen sich 80 Prozent auf ein höheres RLV freuen, in der Spitze bis zu 50 Prozent. Ein Fünftel wird Verluste erleiden, bis maximal 20 Prozent.
  • Gynäkologen: Bei den 328 Frauenärzten sind die Gewinner- und Verlierergruppen gleich groß. Bei jeweils zehn Prozent beträgt die Abweichung mehr als zehn Prozent. Gynäkologen können vergleichsweise viele freie Leistungen erbringen.

Kreuz erwartet dann auch, dass viele betroffene Praxisinhaber Verluste im Regelleistungsvolumen durch mehr freie Leistungen ausgleichen werden. Deutlich wird dies etwa bei den Dermatologen. Von den 111 Ärzten in dieser Fachgruppe werden nach KV-Berechnung 65 Prozent im RLV Verluste erleiden. Weil hautchirurgische Eingriffe künftig aber als freie Leistung nicht mehr in das RLV fallen und der Punktwert dafür als ausreichend empfunden wird, erwartet die KV hier eine deutliche Ausweitung. Anders sieht es bei den Augenärzten aus - sie haben keine freien Leistungen, mit denen sich ein Ausgleich schaffen ließe. Für Zündstoff sorgen auch die Verluste der ambulanten Operateure. Hier fällt der Punktwert um 0,75 Cent unter die bislang bezahlten 4,8 Cent. Die KVSH hofft, dass die Kassen im neuen Jahr zu neuen Gesprächen in diesem Punkt bereit sind. Der Spielraum der Körperschaft, den von Verlusten betroffenen Praxen zu helfen, ist gering. Zwar hätte die KV für Stützungen größere Rückstellungen bilden können - dies wäre aber zulasten der RLV gegangen. Die Körperschaft hält dies für falsch. „Die KV kann keine Bank für eigene Belange sein“, stellte Ennenbach klar. Denn Mittel, die jetzt aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung ausgeklammert werden, lassen sich nach seiner Einschätzung nur schwer wieder zurückholen. Betroffene Praxen könnten versuchen, verstärkt freie Leistungen zu erbringen, auf die qualifikationsgebundenen Zuschläge zu setzen, Anträge auf Praxisbesonderheiten oder auf Ausgleichszahlungen zu stellen. Dies geht aber erst ab Honorarverlusten von 15 Prozent.

Dirk Schnack, Postfach 12 04, 24589 Nortorf


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2009

S. 20/21