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Medizin und Wissenschaft

14. Schleswiger Schmerztagung
Akutschmerz - wie verhindere ich eine Chronifizierung?
Andreas Gremmelt, Harald Lucius

Der Einladung von Dr. Harald Lucius und Dr. Andreas Gremmelt aus dem Schmerzzentrum Nord am Schlei-Klinikum in Schleswig waren über 150 Ärzte, Apotheker, Psychologen, Psychotherapeuten und auch einige betroffene Patienten gefolgt. Unter der Fragestellung „Akutschmerzen - wie verhindere ich eine Chronifizierung?“ hatten die Organisatoren Referenten aus Schleswig-Holstein und dem Bundesgebiet zu Vorträgen gebeten. Dabei ging es vor allem um Fragen des interdisziplinären Managements von akuten Schmerzen auch unter Berücksichtigung fachgebietsbezogener Besonderheiten.

Dr. Harald Lucius (Fotos: Privat)
Zu Beginn berichtete Dr. Heike Roth, Hausärztin und Palliativmedizinerin aus Schleswig, stellvertretend für den hausärztlichen Basisbereich z. B. darüber, ab wann sie eine Überweisung zum Schmerztherapeuten für nötig hält. Unter den eingeschränkten Rahmenbedingungen einer allgemeinärztlichen Praxis ist es schwierig, schwerwiegende Schmerzzustände von banalen Erkrankungen zu unterscheiden, hierin liegt die Lotsenfunktion des Hausarztes. Insbesondere verwies die Referentin auf die Schwierigkeiten der Terminkoordination im Überweisungsfall und die aus ihrer Sicht nach wie vor oft unzureichenden Kooperationsmöglichkeiten, auch eine bessere Verzahnung der Sektoren ambulant-stationär wünscht sich Dr. Roth.

Dr. Hans-Bernd Sittig, Anästhesist, Palliativmediziner und Schmerztherapeut aus dem MVZ Buntenskamp in Geesthacht, stellte engagiert das beeindruckend breite Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten dar, welches einem niedergelassenen Schmerztherapeuten in der Akutschmerztherapie zur Verfügung steht. Dabei hob er auch auf die Bedeutung einer frühzeitigen psychotherapeutischen Diagnostik zur Erfassung von Risikofaktoren (sog. Yellow Flags) für die Entwicklung einer chronischen Schmerzerkrankung ab und betonte die Relevanz, die eigene Kompetenz richtig einschätzen zu können.

Dr. Andreas Gremmelt
PD Dr. Karsten Schepelmann, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Schlei-Klinikum Schleswig, stellte die Differenzialdiagnosen bei Kopfschmerzen dar. Er legte besonderen Wert auf so genannte „gefährliche“ Kopfschmerzen, die auch einmal als Hauptsymptom Ausdruck einer lebensbedrohlichen Primärerkrankung sein können. Diesbzüglich gelte es ganz besonders, Risikofaktoren nicht zu übersehen und die so genannten Red Flags, die Zeichen einer vital bedrohlichen Situation zu erkennen.

PD Dr. Wolfgang Börm, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik an der Diakonissenanstalt Flensburg, gelang es, die weit gefächerte Problematik des (akuten) Rückenschmerzes darzulegen. Er betonte insbesondere die sozialmedizinische Bedeutung von Rückenschmerzen und stellte klare Kriterien für ein operatives Vorgehen bei Rückenleiden auf. Auch Dr. Börm wies auf die Notwendigkeit der raschen Erkennung von Notfallindikatoren hin und hob die Wichtigkeit einer psychologischen Diagnostik hervor.

Prof. Dr. Edmund Neugebauer vom Institut für Forschung in der Operativen Medizin der Universität Witten/Herdecke stellte die im Jahr 2007 erschienene S3-Leitlinie der AWMF zur Akutschmerztherapie vor. Wichtig ist ihm insbesondere die flächendeckende Umsetzung einer Akutschmerztherapie, um eine Chronifizierung von Schmerzen zu verhindern. Das Fachgebiet der Psychosomatischen Medizin spielt bei der Verhinderung von Chronifizierung und der Erkennung entsprechender Risikofaktoren - wie schon von den Vorrednern mehrfach betont - eine wesentliche Rolle. Des Weiteren rückte er die Bedeutung einer ausreichenden und frühzeitigen Patienteninformation in den Vordergrund und wies auf die Besonderheiten der Arzt-Patienten-Beziehung in diesem Zusammenhang hin und auch auf die Bedeutung komplemetärer Strukturen (Selbsthilfegruppen usw.).

Zum Abschluss der Tagung konnte Dr. Bernhard Birmes, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerztherapie am Christlichen Krankenhaus Quakenbrück, die schmerztherapeutischen Möglichkeiten im Notarztdienst vorstellen. Er legte dar, dass ein akuter Schmerzzustand per se schon die Indikation zu einem Notarzteinsatz darstellen kann. Des Weiteren gab er wertvolle Hinweise für eine basale Schmerztherapie, die auch mit den Mitteln des niedergelassenen Arztes möglich ist und er hob die Bedeutung psychosomatischer Aspekte in der Schulung und Fortbildung im Rahmen der Notfallmedizin hervor.

Die zum Teil lebhafte Diskussion zeigte, wie wichtig eine frühzeitige und zielgerichtete symptomatische Schmerztherapie ist, um eine Chronifizierung zu verhindern, aber auch welche Bedeutung psychologisch relevante Faktoren im Hinblick auf die Risikominderung haben. Schon aus diesem Grunde ist ein interdisziplinäres Setting unabdingbar. Des Weiteren wurde wie schon im Rahmen vorhergehender Tagungen in der Schleistadt deutlich, dass soziale Faktoren an der Chronifizierung eines Schmerzgeschehens einen erheblichen Anteil haben und dass das so genannte Bio-Psycho-Soziale-Modell auch in der Akutschmerztherapie eine wichtige Rolle spielt. Rein pharmakologisch und technisch verfügen wir über ein breites Spektrum an Möglichkeiten, Defizite ergeben sich noch im Bereich der organisatorischen Absprachen bzw. der flächendeckenden Anwendung suffizienter Verfahren und der Berücksichtigung psychosozialer Begleitfaktoren. Mit Gründung des Schmerzzentrums Nord vor einem Jahr und der Vorhaltung von jetzt zwei Schmerzambulanzen, einer qualifizierten ambulanten und stationären Psychosomatik, von stationären Schmerzbetten sowie einem Akutschmerzdienst ist das Schleiklinikum den Anforderungen an eine qualifizierte Schmerztherapie auf fast allen Ebenen gewachsen.

Dr. Andreas Gremmelt, Dr. Harald Lucius, Schlei-Klinikum Schleswig, Schmerzzentrum Nord, Am Damm 1, 24837 Schleswig


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2008

S. 63, 64