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Simulationstraining
Vorboten einer anderen Weiterbildung
Werner Loosen
Endlich hat es geklappt mit dem ersten Simulationstraining an der ärztlichen
Akademie in Bad Segeberg - Ende Oktober kamen zahlreiche Ärzte und
Pflegepersonal von überall her aus Schleswig-Holstein in die Akademie,
um Schwierige Situationen in der Intensivmedizin zu meistern.
Kundige Anleitung gaben unter anderem Prof. Dr. Wolfgang Heinrichs, Universität
Mainz, und Prof. Dr. Norbert Weiler von der Universität Kiel. In
seiner Begrüßung sagte Akademieleiter Dr. Henrik Herrmann,
so wie es bei Piloten längst gängige Praxis sei, den Start ihrer
Maschine zunächst im Simulator zu proben, so sei es künftig
nicht mehr denkbar, Ärzte in der Weiterbildung und auch Fachärzte
im Rahmen der Kompetenzerhaltung ohne vorherige Übungen an Simulationsmodellen
tätig werden zu lassen. Im Herbst 2005 habe der neue Akademievorstand
die Eckpunkte für seine Arbeit festgelegt. Konsens gab es darüber,
dass man sich dem Thema Simulationstraining stellen und dies im Rahmen
der Akademie umsetzen wolle: Der intensivmedizinische Aspekt war
uns dabei wichtig, erklärte Henrik Herrmann, denn die
Intensivmedizin ist ein Paradebeispiel für interdisziplinäre
und berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit.
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| Beim
Intubieren der Simulationspuppe: Teilnehmer des Kurses Simulationstraining
vom 27.10.-31.10.08. (Fotos: rat) |
Szenario
Das Ärzteblatt folgte zwei Ärztinnen und drei Krankenschwestern
vom Westküstenklinikum Heide - die Klinik hatte uns sozusagen
dringend gebeten, daran teilzunehmen - in das von Wolfgang Heinrichs
geleitete Training. Der Patient ist 55 Jahre alt und ist nach einer Darmresektion
intubiert worden. Nach der Phase der Beatmung ist er aus dem Bett gefallen
und erlitt eine Oberschenkelhalsfraktur. Pumpen laufen lassen, Sie dürfen
Luft pumpen, wenn die richtige Rate erreicht ist, geht das gleichsam von
selbst, alles klar? Diese Art des Simulationstrainings gibt es seit 1996,
Vorreiter waren die Piloten, und wir wollten die ersten in Europa
sein, die das für Ärzte(innen) und Anghörige der Intensivpflege
anbieten, sagt Wolfgang Heinrichs. Die Universität Mainz hat
eine mehr als zehnjährige Erfahrung, sie hat viele Jahre mit der
Lufthansa zusammengearbeitet. Inzwischen sind Teile der universitären
Einrichtung in die private Trägerschaft AQAI GmbH ausgegliedert worden
(das Kürzel steht für Angewandte Qualitätssicherung in
Anästhesie und Intensivmedizin). Und: Dr. Karl-Werner Ratschko,
damals noch hauptamtlich bei der Ärztekammer Schleswig-Holstein tätig,
hat sofort erkannt, wie wichtig es ist, das Simulationstraining
in die Medizin zu übertragen. Mit dieser zeitgemäßen
Form von angewandter Qualitätssicherung seien die so geschulten Ärzte
und Schwestern sicherer in ihrer Arbeit, es gehe in jedem einzelnen Fall
um das richtige Management und die nötigen Führungseigenschaften
sowie um die technischen Fertigkeiten.
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| Zur Kontrolle:
Jeder Handgriff wird überwacht und aufgezeichnet zur späteren
Analyse |
Zurück zu unserem
Patienten mit seinem besonderen Problem: Das betroffene Bein ist wie ein
Ballon angeschwollen, Kompartmentsyndrom. Er ist jetzt extubiert, Ärztin
und Schwester arbeiten zusammen und legen eine Narkoseleitung, damit der
Unfallchirurg tätig werden kann. Sie sprechen mit dem Patienten tut
das weh?, die Puppe antwortet, ja, das tue sehr weh, er sei aus
dem Bett gefallen. Die Puppe ist ein Erwachsenen-Mannequin. Dazu gehört
eine Computereinheit mit realitätsnahen physiologischen Modellen
für Gasaustausch, Herz-Kreislauf-System und die Pharmakologie von
rund 90 Medikamenten. Emsige Tätigkeit rund um das Bett. Wird es
jetzt besser mit den Schmerzen? Atmen Sie ruhig und langsam, die Schmerzen
gehen gleich weg. Sie werden jetzt müde, so, ganz ruhig. Der Patient
reagiert auf Sauerstoff - hören Sie mich noch? Alles in Ordnung.
Ärztinnen und Schwestern kontrollieren jede ihrer Handlungen auf
Monitoren. Alle Beteiligten werden wissen, wie selten es ist, das ein
Patient aus dem Bett stürzt und sich dabei ein Bein bricht - egal,
hier geht es um rasche und richtige Hilfe. Der Blutdruck ist abgefallen,
Sympathomimetika werden gegeben, um den Blutruck zu stabilisieren. Wolfgang
Heinrichs fragt, ob der Oberschenkel jetzt geöffnet werden könne.
Eine zweite Infusion wird eingeleitet. Nein, geht noch nicht, kein stabiler
Blutruck. Aber der Patient drohe sein Bein zu verlieren, also los. Ein
Schnitt wird simuliert. Die Operation muss noch vorbereitet werden. Eine
Magensonde wird gelegt, in Ordnung, aber nicht so tief, Aspirationsschutz,
also Entlastung für den Patienten. Eine Pupille ist ziemlich weit,
das deutet auf eine Blutung hin. Können wir ihn jetzt in den OP fahren?
Nein, ein CT ist angesagt. Warum? Der Patient war nach dem Sturz verwirrt.
Das CT zeigt ein großes epidurales Hämatom, der Neurochirurg
wird benachrichtigt. Bis jetzt sind 25 Minuten Tätigkeit am Patienten
vergangen.
Besprechung
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| Besprechung:
Prof. Dr. Wolfgang Heinrichs ist bei den Simulationsübungen persönlich
dabei |
In einem Nebenraum treffen
sich die Teilnehmerinnen mit Wolfgang Heinrichs zum Debriefing, also zur
interaktiven Falldiskussion und zur Selbsteinschätzung anhand von Videoaufnahmen.
Na, wie wars? Konfus. Warum? Es gab zuviel Gewusel, keine klare Struktur,
bemängeln die Frauen übereinstimmend. Immerhin hätten sie
sich ganz gut in den unterschiedlichen Situationen geholfen, die Zusammenarbeit
sei gut gewesen. Die Videoaufnahmen zeigen genau, was wer wann getan hat,
am unteren Rand laufen die jeweiligen Messbefunde. Ja, wir haben sofort
Hilfe geholt, wichtig war, dass der Patient umgehend schmerzfrei war. Gut
war auch, dass sofort eine Dauersedierung lief. Dank unverzüglicher
Volumentherapie sei der Patient ganz schnell aus seinem Schockzustand geholt
worden. Richtig sei zudem gewesen, dass dem ganzen Team per Ansage mitgeteilt
worden war, dass der Patient zu dem gegebenen Zeitpunkt gut beatmet war
in derartigen Notfallsituationen empfiehlt sich eine laute Ansage,
erklärt Wolfgang Heinrichs. Gab es tatsächlich ein Gewusel? Nein,
eigentlich nicht. Warum haben Sie das so empfunden? Vielleicht deshalb,
weil es in unserem Klinikum eine andere Organisationsstruktur gibt. Wolfgang
Heinrichs meint jedenfalls, er habe hier eine ganz tolle Teamarbeit gesehen.
Und wenn es trotzdem mal Gewusel geben sollte - klare Ansagen machen.
Zudem hätten alle fünf Teilnehmerinnen ständig ihre Positionen
wechseln müssen, auch dadurch sei der Eindruck von Gewusel entstanden.
Die Videobilder belegen diese Aussage. Ein weiterer Hinweis des Mainzer
Anästhesisten: Wir alle wissen, dass der Patient nicht so schnell
sein Bein verliert. Sie haben also richtig reagiert, als Sie dem hinzutretenden
Chirurgen klar angezeigt haben, dass er zum gegebenen Zeitpunkt noch nichts
am Patienten zu suchen hatte! Wolfgang Heinrichs lobte schließlich
die tolle Leistung, wie Sie die Blutung im Gehirn mitbekommen haben
- wie haben Sie das geschafft? Sie konnten nicht wissen, dass sich da eine
intrakranielle Blutung als Folge eines Schädel-Hirn-Traumas entwickelt
hat. Der Venendruck war nicht optimal, das veranlasste eine der jungen
Ärztinnen, dem Patienten in die Augen zu sehen und eine geweitete Pupille
festzustellen.
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| Nach den Übungen
erfolgt ein grundsätzliches Debriefing |
Im Ergebnis gab es
hier ein gutes, kundiges und zuverlässiges Arbeiten. Was würden
Sie anders machen, wenn die gleiche Situation wieder auf Sie zukäme?
Feste Aufgaben verteilen. Frage: Waren wir nicht zu viele Leute am Patienten?
Na gut, fünf Leute, das ist vielleicht ein wenig
unrealistisch, bei den vielfältigen Aufgaben aber durchaus vertretbar.
Immerhin hatten Sie soviel zu tun, dass niemand daran gedacht hat, ein
Protokoll zu führen. Fazit: Ein solches Training ist erforderlich,
es erlaubt das gezielte und sichere Training seltener und/oder wichtiger
Probleme. Kein Wunder, dass die Simulation einen wachsenden Raum in der
medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung einnimmt.
| Weitere
Szenarien, etwa eine Tracheotomie, wurden durchgespielt an insgesamt
fünf Tagen im Oktober, unterbrochen von kurzen Vorträgen.
So sprach Norbert Weiler vom Universitätsklinikum Kiel zum Thema
Sepsis. Generell gelte bei der Sepsis der Satz: Wir sind nicht
so gut, wie wir vielleicht denken! Zu den vier Säulen der
Sepsis-Therapie zählte Norbert Weiler Prävention, kausale,
supportive und adjunktive Therapie. Ganz wichtig sei die Diagnose!
Und: Wir vernachlässigen häufig die kausalen und supportive
Therapien, um uns hauptsächlich um die adjunktive Behandlung
zu kümmern. Wenn wir aber die Sterblichkeit senken wollen, müssen
wir früher anfangen! Schwierig ist nach den Worten des
Kieler Wissenschaftlers die Diagnose, denn meist wird von Sepsis
erst gesprochen, wenn ein septischer Schock festgestellt wird.
Dem könne begegnet werden, wenn Faktoren wie Fieber, Hypotonie,
Herzfrequenz oder Tachypnoe beachtet würden. Auch werde die Antibiotikatherapie
viel zu oft zu spät begonnen. Würden hingegen alle diese
Punkte beachtet, könnte die Sepsis-Mortalität auf 20 Prozent
gesenkt werden. Ein weiterer Hinweis: Die Sepsis-Mortalität hängt
immer auch ab vom Ausbildungsstand und der Zahl des Personals. Bedenken
Sie zudem - es geht nicht darum, den Patienten am Leben zu erhalten,
sondern darum, ihn gesund zu machen. Das gilt auch auf der Intensivstation. |
Vom Ärzteblatt
befragt, was dieses Simulationstraining bei ihr bewirkt habe, sagte eine
der Schwestern: Ich fühle mich auf jeden Fall sicherer. Ich
wünsche mir ein solches Training zweimal im Jahr! Auch wenn
sich alles an einer Puppe abspielte, die Geschäftigkeit der fünf
Frauen, die Geräusche der Geräte vermittelten den Einruck eines
höchst realistischen Geschehens. Es ging eindrucksvoll darum, dem
Patienten die richtige Hilfe zu geben, es ging um das Leben eines Patienten.
Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2008
S. 31-34
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