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Risikokommunikation
- eine Sache des Vertrauens?
Holger Schütz
Vertrauen ist ein so elementarer Bestandteil unseres Lebens, dass uns
seine Bedeutung meist gar nicht bewusst ist. Wir vertrauen darauf, dass
uns der Wecker am Morgen zur eingestellten Zeit weckt und dass der Bus
planmäßig kommt, sodass wir rechtzeitig am Arbeitsplatz sind.
Wir vertrauen darauf, dass der Pilot unser Flugzeug sicher ans Ziel bringt,
zugleich vertrauen wir damit auch den Wartungsteams, den Flugzeugbauern
und der Luftüberwachung. Die Philosophin Annette Baier1 merkt dazu
an, dass es uns mit dem Vertrauen so geht wie mit der Luft - beide bemerken
wir nur, wenn sie knapp werden. Vertrauen bedeutet, sich dem möglichen
- wenn auch nicht erwarteten - Übelwollen eines Anderen auszusetzen1,
S. 235. Warum gehen wir dieses Risiko des Sichauslieferns ein? Weil, so
der Soziologe Niklas Luhmann2, wir sonst in einer komplexen
und unüberschaubaren Welt nicht handlungsfähig wären. Vertrauen
dient der Komplexitätsreduktion.
Vertrauen in der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung
Seit Anfang der 90er Jahre sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit ein
wesentliches Thema in der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung. Viele
Autoren sehen in Vertrauen und Glaubwürdigkeit Schlüsselkonzepte
für das Verständnis und die Lösung von gesellschaftlichen
Konflikten über Risikenz. B. 3. Wissenschaft und Technik
und die aus ihrer Anwendung resultierenden Risiken - so die Argumentation
- sind so komplex, dass sie für den normalen Bürger weitgehend
unverständlich und nicht einschätzbar sind. Vor diesem Hintergrund
überrascht es nicht, dass Vertrauen und Glaubwürdigkeit auch
eine große Bedeutung für die Risikokommunikation zugemessen
wird. In einem Mangel an Vertrauen sieht Paul Slovic, einer der einflussreichsten
Risikokommunikationsforscher, die Ursache für den begrenzten Erfolg
von Risikokommunikation: The limited effectiveness of risk-communication
efforts can be attributed to the lack of trust. If you trust the risk
manager, communication is relatively easy. If trust is lacking, no form
or process communication will be satisfactory. 4, S. 677
Natürlich ist Vertrauen gut und Risikokommunikation ist relativ unproblematisch,
wenn Vertrauen in diejenigen, die für den Gesundheitsschutz verantwortlich
sind, vorhanden ist und Informationsquellen als glaubwürdig angesehen
werden. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass Vertrauen für eine
(erfolgreiche) Risikokommunikation notwendig oder auch nur wichtig ist.
Und es bedeutet auch nicht, dass Vertrauensbildung ein sinnvolles Ziel
für Risikokommunikation ist.
Worauf stützt sich die Überzeugung, dass Risikokommunikation
ohne Vertrauen kaum Chancen auf Erfolg hat? Als Beleg wird meist auf Fallstudien
verwiesen, in denen sich gezeigt hat, dass Konflikte über risikobehaftete
Technologien (z. B. Kernkraft5) oder bei Befürchtungen
der Bevölkerung über Umweltrisiken (z. B. Grundwasserkontamination
durch toxische Chemikalien6) auch durch gezielte Risikokommunikation
der für den Gesundheitsschutz bzw. das Risikomanagement verantwortlichen
Institutionen nicht beseitigt oder wenigstens reduziert werden konnten.
Vielmehr zeigte sich Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber
den Verantwortlichen.
So haben beispielsweise Fessenden-Raden, Fitchen und Heath6
in Studien zu Fällen von toxisch kontaminiertem Trinkwasser in verschiedenen
Orten der USA untersucht, welche Faktoren die Rezeption und Akzeptanz
von Risikoinformation zu diesem Problem durch die be-
troffenen Bürger beeinflussen. Sie nennen eine Reihe von Faktoren,
die nach ihrer Beobachtung bedeutsam sind:
- Zurückführung
bislang unerklärter gesundheitlicher Beschwerden auf die Trinkwasserkontamination,
- geringes oder fehlendes
Wissen über toxikologische Zusammenhänge
- und eben auch fehlendes
Vertrauen gegenüber den verantwortlichen lokalen Behörden
und Gesundheitsinstitutionen.
In Letzterem sehen
sie einen wesentlichen Grund für das Scheitern von Aufklärungsanstrengungen
der Behörden über das tatsächliche Gesundheitsrisiko.
Solche Fallstudien können zwar interessante Einsichten liefern, zum
Beispiel in die unterschiedlichen Sichtweisen und Beurteilungen des Problems
bei den verschiedenen Beteiligten. Sie zeigen auch, dass bei gesellschaftlichen
Konflikten über Risiken die Konfliktparteien einander misstrauen,
und dass die Kommunikationsanstrengungen der Verantwortlichen, mit denen
über das Ausmaß etwaiger Risiken sowie über Maßnahmen
zur Risikoreduzierung oder Risikovorsorge informiert wurde, offenbar nicht
ausreichten, die Konflikte zu lösen. Einen ursächlichen Zusammenhang
zwischen fehlendem Vertrauen in die für den Gesundheitsschutz bzw.
das Risikomanagement Verantwortlichen und Problemen bei oder gar einem
Scheitern von Risikokommunikation können sie aber nicht belegen.
Um zu klären, auf welche Weise Vertrauen bzw. der Mangel an Vertrauen
bei der Risikokommunikation wirksam wird, ist es sinnvoll zu überlegen,
welche Faktoren die Wirksamkeit von Risikokommunikation beeinflussen.
Und das heißt in erster Linie: Welche Faktoren beeinflussen den
Empfang einer Botschaft (Rezeption), d. h. Selektion und kognitive Verarbeitung
von Risikoinformation durch die Adressaten der Risikokommunikation? Wo
könnte Vertrauen da eine Rolle spielen? Aus der psychologischen Forschung
zur Risikowahrnehmung zu Rezeption von Risikoinformation lassen sich drei
Ansatzpunkte ableiten, wie Vertrauen die Rezeption von Risikoinformation
beeinflussen könnte:
- über den Zusammenhang
von (einem Mangel an) Vertrauen und Risikowahrnehmung,
- über die Selektion
von Informationsquellen nach ihrer Glaubwürdigkeit und
- über eine
Beeinflussung der Art und Weise der Informationsverarbeitung durch (einen
Mangel an) Vertrauen.
Vertrauen und Risikowahrnehmung
Die Risikowahrnehmung kann ein wesentlicher motivationaler Faktor sein,
um sich mit einem Risikothema zu beschäftigen. Wenn Menschen besorgt
wegen eines Risikos sind und zu der Einschätzung gelangen, dass sie
nicht genug über das Risiko wissen, werden sie versuchen, sich zu
informieren7. Wenn Vertrauen die Risikowahrnehmung beeinflusst, wäre
es - zumindest indirekt - auch für die Informationsrezeption und
damit auch für die Risikokommunikation bedeutsam.
Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren den Zusammenhang zwischen
Vertrauen und Risikowahrnehmung untersucht. In einer schwedischen Studie
schätzen die Teilnehmer 22 verschiedene Risikoquellen (z. B. Alkoholkonsum,
AIDS, Treibhauseffekt, Kernkraft) in Bezug auf das allgemeine und das
persönliche Risiko sowie Vertrauen ein8. Vertrauen wurde dabei zum
einen als spezifisches Vertrauen in die verantwortlichen Behörden,
zum anderen als generelles Vertrauen operationalisiert. Es ergaben sich
sehr unterschiedliche Korrelationen zwischen spezifischem Vertrauen und
genereller Risikoeinschätzung für die verschiedenen Risikoquellen.
Sie reichten von r = -0.01 für Alkoholkonsum bis -0.46 für hoch
radioaktive Abfälle aus schwedischen Kernkraftwerken, für generalisiertes
Vertrauen waren die Korrelationen noch geringer. Insgesamt ist der Erklärungswert
von Vertrauen für Risikowahrnehmung nicht besonders groß: Über
alle Risikoquellen betrachtet erklärt spezifisches Vertrauen nur
rund zehn Prozent der Streuung des Sachverhaltes (Varianz) der Risikowahrnehmung.
Viklund9 kommt in einer sehr viel größeren Untersuchung
in vier europäischen Ländern (Frankreich, Großbritannien,
Schweden, Spanien) zu einem ähnlichen Ergebnis. In dieser Untersuchung
wurden 19 Risiken jeweils in Bezug auf die eigene Person und auf die Allgemeinheit
eingeschätzt, und es wurde ebenfalls zwischen allgemeinem und spezifischem
Vertrauen unterschieden. Berichtet werden allerdings nur die Ergebnisse
für die über alle 19 Risiken aggregierten Daten. Auch hier liegen
die Korrelationen zwischen (aggregierter) Risikowahrnehmung und spezifischem
Vertrauen im Bereich von -0.32 (für Großbritannien) und -0.17
für Frankreich; für Spanien war die Korrelation sogar Null.
Anders als in der schwedischen Untersuchung8 ergaben sich allerdings höhere
Korrelationen (Beziehung zwischen zwei oder mehreren statistischen Variablen)
zwischen (aggregierter) Risikowahrnehmung und generalisiertem Vertrauen:
-0.45 (für Großbritannien) bis -0.23 (für Spanien). Auch
in dieser Studie erklärt Vertrauen nur einen moderaten Anteil der
Varianz von Risikowahrnehmung, je nach Land zwischen zwanzig und fünf
Prozent.
Earle, Siegrist und Gutscher10 finden in einer Analyse von 45 Studien
zum Zusammenhang von Vertrauen und Risikowahrnehmung Korrelationen zwischen
Null und -0.64 bzw. in Regressionsanalysen Beta-Gewichte zwischen -0.13
und -0.82. In diesen Ergebnissen zeigt sich eine beträchtliche Variabilität,
die die Autoren auf Kontextfaktoren zurückführen, die in den
einzelnen Studien nicht berücksichtigt wurden. Ein solcher Kontextfaktor
ist beispielsweise das Wissen der Befragten über die jeweils betrachteten
Risiken, das als Moderatorvariable den Zusammenhang zwischen Vertrauen
und Risikowahrnehmung beeinflussen kann. So fanden etwa Siegrist und Cvetkovich11,
dass sich starke und statistisch signifikante Korrelationen zwischen Vertrauen
und Risikowahrnehmung nur für Risiken ergaben, über die die
Untersuchungsteilnehmer wenig wussten. Bei Risiken, über die sie
Wissen besaßen, waren die Korrelationen dagegen gering und statistisch
nicht signifikant.
Eine Studie, die neben der Beziehung Vertrauen-Risikowahrnehmung auch
direkt den Zusammenhang zwischen Vertrauen und Informationsbedürfnis
untersucht, ist die Arbeit von Jungermann, Pfister und Fischer12.
In dieser Untersuchung geht es um die Risikowahrnehmung in Bezug auf eine
chemische Industrieanlage, um das Vertrauen in das Risikomanagement der
Anlage sowie um das Interesse an Informationen über die Risiken der
Anlage und über das angemessene Verhalten bei einem Störfall.
Teilnehmer der Untersuchung waren Personen, die in der Nähe einer
großen chemischen Anlage in West-Berlin wohnten. Wie in den anderen
Arbeiten zum Zusammenhang von Vertrauen und Risikowahrnehmung ergab sich
auch hier ein moderater negativer Zusammenhang zwischen Vertrauen und
Risikowahrnehmung (Pfadkoeffizient: -0.22). Das Informationsbedürfnis
wurde vor allem von der Risikowahrnehmung beeinflusst (Pfadkoeffizient:
0.35), dagegen war der Einfluss von Vertrauen auf das Informationsbedürfnis
nur schwach (Pfadkoeffizient: -0.16). Das heißt, je geringer das
Vertrauen in das Risikomanagement und je höher die Risikowahrnehmung,
desto größer auch das Informationsbedürfnis.
Für die Interpretation dieser Ergebnisse ist es wichtig zu beachten,
dass alle diese Studien zum Zusammenhang von Risikowahrnehmung und Vertrauen
Querschnittstudien sind und korrelative Zusammenhänge betrachten.
Das heißt, ob tatsächlich ein Kausalzusammenhang besteht und
welche Richtung dieser gegebenenfalls hat, lässt sich aus diesen
Daten nicht ohne Weiteres ableiten. In vielen Arbeiten wird angenommen,
dass Vertrauen die Risikowahrnehmung beeinflusst: geringes Vertrauen in
die für die Risikoregulierung bzw. das Risikomanagement Verantwortlichen
führt zu höherer Risikowahrnehmung z. B. 13, 14. Die umgekehrte
Kausalbeziehung ist aber nicht weniger plausibel. Menschen sehen in einer
bestimmten Technologie (z. B. Mobilfunk) ein Risiko, und vertrauen deswegen
den für die Risikoregulierung bzw. das Risikomanagement Verantwortlichen
nicht, da diese die (aus ihrer Sicht riskante) Technologie zulassen. Es
gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit: Es besteht gar kein
Kausalzusammenhang zwischen Vertrauen und Risikowahrnehmung; die gefundenen
Korrelationen sind vielmehr Ausdruck eines beiden gemeinsam zugrunde liegenden
Faktors: der generellen Einstellung zu einer Technologie. Eiser, Miles
und Frewer15 sowie Poortinga und Pidgeon16 fanden in Arbeiten zur Einschätzung
von Nahrungsmitteltechnologien bzw. gentechnisch veränderten Lebensmitteln,
dass die Korrelationen zwischen Vertrauen und Risiko deutlich reduziert
wurden, wenn die generelle Einstellung zu diesen Technologien bei der
statistischen Analyse berücksichtigt wurde.
Insgesamt zeigt diese Übersicht, dass der Zusammenhang zwischen Vertrauen
und Risikowahrnehmung - wenn es ihn wirklich gibt - von verschiedenen
Randbedingungen abhängig und in seiner Stärke wohl eher nur
moderat ist. Falls Vertrauen tatsächlich die Risikowahrnehmung beeinflusst,
so wird dieser Einfluss jedenfalls invers sein: Je geringer das Vertrauen,
desto größer das wahrgenommene Risiko. Und für die Risikokommunikation
ergibt sich daraus: Und je größer das wahrgenommene Risiko,
desto größer das Informationsbedürfnis.
Selektion von Risikoinformation
Ein weiterer möglicher Einflusspfad von Vertrauen auf die Risikokommunikation
bezieht sich auf die Bewertung der Informationsquellen, von denen die
Risikoinformationen verbreitet werden. Wie wird die Glaubwürdigkeit
der Informationsquellen beurteilt: Erfolgt die Information objektiv oder
muss man mit Verzerrungen oder falschen Informationen rechnen? Auf den
ersten Blick erscheint es plausibel anzunehmen, dass Informationen von
Quellen, die für unglaubwürdig gehalten werden, nicht beachtet
und damit auch nicht rezipiert werden. Allerdings zeigt schon ein Blick
in das alltägliche Informationsverhalten, dass dem wohl so nicht
ist. Menschen rezipieren permanent Informationen von Quellen, die als
unglaubwürdig gelten. Nach aktuellen Umfragen wird zum Beispiel Zeitungen
und Politikern nur wenig Vertrauen entgegen gebracht17. Trotzdem werden
Zeitungen gelesen und Politikern zugehört (und sie werden sogar gewählt).
Für dieses Vertrauens-Paradoxon - d. h. die Diskrepanz
zwischen geäußertem Vertrauen und im tatsächlichen Verhalten
gezeigten Vertrauen - werden in der psychologischen Forschung verschiedene
Erklärungen angeboten18. Eine erste Erklärung ist,
dass Menschen nur sehr beschränkt Einsicht in die ihrem Verhalten
zugrunde liegenden Motive, Gefühle und Gedanken haben. Dies ist ein
alter Topos in der Psychologie, der nicht nur spekulativ (wie in der Psychoanalyse)
thematisiert, sondern auch experimentell erforscht wird. Twyman, Harvey
und Harries19 zum Beispiel untersuchten in einem Experiment,
ob das geäußerte Vertrauen in eine Informationsquelle dem Ausmaß
entspricht, in dem die Informationsquelle tatsächlich für die
Einschätzung von Risiken genutzt wird. Sie fanden eine deutliche
Diskrepanz: Die Teilnehmer nutzten die Informationsquellen in deutlich
höherem Maße, als dies aus ihrer Vertrauenseinschätzung
der Informationsquellen zu erwarten gewesen wäre. Aus der Tatsache,
dass Informationsquellen als wenig vertrauenswürdig eingeschätzt
werden, lässt sich also nicht ableiten, dass sie diese Informationsquellen
nicht nutzen werden. Die zweite Erklärung besagt, dass Menschen sich
sehr wohl ihrer Motive und Gedanken bewusst sind und auch wissen, dass
ihr Verhalten diesen Motiven und Gedanken nicht immer entspricht, dass
sie aber kaum Möglichkeiten haben, sich anders zu verhalten. In vielen
Dingen des Lebens sind wir darauf angewiesen, darauf zu vertrauen, dass
andere einen guten Job machen. Dies gilt auch und insbesondere
für den Umgang mit und die Kontrolle von Risiken. Wir haben häufig
gar keine andere Wahl, als den für das Risikomanagement verantwortlichen
Institutionen zu vertrauen. Allerdings ist dieses Vertrauen, wie Poortinga
und Pidgeon20, S. 971 bemerken, eher eine Art praktisches
Vertrauen, gepaart mit einer Portion gesunden Skeptizismus.
Aus dieser Perspektive ist das geringe ausgedrückte Vertrauen, das
sich in Befragungen zeigt, eher als Hinweis auf die Unzufriedenheit, zum
Beispiel mit der Art und Weise der Risikoregulierung, zu verstehen. Auch
diese Erklärung legt nicht die Erwartung nahe, dass fehlendes Vertrauen
in eine Institution dazu führt, deren Informationsangebot nicht zu
nutzen. Gerade der gesunde Skeptizismus lässt eher erwarten,
dass solche Informationen rezipiert werden.
Eine dritte Erklärung verweist auf ein methodisches Problem bei der
empirischen Erfassung von Vertrauen - sie ist insofern keine Alternative,
sondern eine Ergänzung zu den beiden oben dargestellten Erklärungsansätzen.
In Befragungen nach Vertrauen in oder Glaubwürdigkeit von Institutionen
oder Informationsquellen werden diese meist in einer mehr oder weniger
langen Liste präsentiert und nacheinander beurteilt. Damit wird ein
spezifischer Kontext für die Beurteilung geschaffen, in dem nicht
nur die Beurteilung der jeweiligen Institution oder Informationsquelle
bezüglich Vertrauen oder Glaubwürdigkeit relevant ist, sondern
auch der Vergleich mit allen anderen in der Liste aufgeführten Institutionen
oder Informationsquellen das Urteil beeinflusst.
White18 hat in einer Untersuchung zu Informationsquellen über
potenzielle Risiken des Mobilfunks geprüft, wie sich unterschiedliche
Beurteilungskontexte auf die Einschätzung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit
auswirken. Die zu beurteilenden Informationsquellen waren: unabhängige
Wissenschaftler, Umweltschutzaktivisten, Regierungsbehörden, Medien
und Mobilfunkindustrie. Eine Gruppe von Untersuchungsteilnehmern (Studenten;
N = 61) hatte die genannten Informationsquellen nacheinander in einer
Liste aufgeführt auf einer 7-stufigen Skala (0 - kein Vertrauen;
6 - vollständiges Vertrauen) zu beurteilen. Es ergab sich die folgende
Rangfolge für Vertrauen (Mittelwerte in Klammern): unabhängige
Wissenschaftler (4.13), Umweltschutzaktivisten (2.85), Regierungsbehörden
(2.02), Medien (1.46) und Mobilfunkindustrie (1.15). Die Mittelwerte für
die Vertrauenseinschätzungen der Informationsquellen unterscheiden
sich - bis auf Medien und Mobilfunkindustrie - alle statistisch hoch signifikant.
Die zweite Gruppe von Untersuchungsteilnehmern (Studenten; N = 125) wurde
in fünf Teilgruppen (N = 25) aufgeteilt, von denen jede nur eine
der Informationsquellen bezüglich Vertrauen auf der 7-stufigen Skala
zu beurteilen hatte. Unter dieser Bedingung der getrennten Beurteilung
der Informationsquellen ergab sich eine leicht veränderte Rangfolge:
unabhängige Wissenschaftler (2.68), Umweltschutzaktivisten (2.40),
Medien (2.16), Regierungsbehörden (2.12), und Mobilfunkindustrie
(1.48).
Wichtiger aber ist, dass die Einschätzungen der Informationsquellen
bezüglich Vertrauen jetzt im Mittel deutlich enger beieinanderliegen.
Statistisch signifikant unterscheiden sich jetzt nur noch Rang l und Rang
5, unabhängige Wissenschaftler und Mobilfunkindustrie, voneinander.
Die übliche Form der Vertrauensbeurteilung mit einer Liste mit mehreren
Institutionen oder Informationsquellen führt also möglicherweise
zu einer Art Kontrastbildung und damit zu einer Verzerrung in Richtung
extrem hohe bzw. niedrige Vertrauenseinschätzungen. Aus dieser dritten
Erklärung für das Vertrauens-Paradoxon lassen sich
keine direkten Hinweise auf die Bedeutung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit
für die Selektion von Risikoinformation ableiten. Sie zeigt aber,
dass die oft aus Umfragen berichteten Unterschiede in der Einschätzung
von Vertrauen und Glaubwürdigkeit möglicherweise weniger drastisch
sind als es die Daten erscheinen lassen.
In diesem Zusammenhang ist schließlich ein weiterer Punkt von Bedeutung:
Institutionen oder Informationsquellen sind selten vollständig unglaubwürdig
oder glaubwürdig. Vielmehr sind es meist bestimmte Aspekte, die unglaubwürdig
sind, andere dagegen können durchaus glaubwürdig sein. Dies
hat sich in mehreren Untersuchungen zur Glaubwürdigkeit von Informationsquellen
in Bezug auf Risikoinformation gezeigt. In der oben schon erwähnten
Studie von Jungermann, Pfister und Fischer12 zur Risikowahrnehmung
in Bezug auf eine chemische Industrieanlage zeigte sich beispielsweise,
dass je nach Gegenstand der Information unterschiedliche Informationsquellen
bevorzugt werden. Für produktspezifische Informationen wurden zum
Beispiel die jeweiligen Hersteller als Informationsquelle präferiert,
für Informationen über potenzielle Gesundheitsrisiken wurden
Umweltorganisationen und Wissenschaftler bevorzugt und für Informationen
über Störfallwarnungen und das richtige Verhalten bei einem
Störfall waren Polizei bzw. Feuerwehr die Informationsquellen der
Wahl.
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| Glaubwürdigkeit
verschiedener Informationsquellen nach Themenbereichenaus 21 |
Ein ähnliches
Ergebnis fand sich auch in einer Studie von Wiedemann und Schütz21.
Dort wurde nach der Glaubwürdigkeit verschiedener Informationsquellen,
die in der Mobilfunkdiskussion eine Rolle spielen, in Bezug auf die drei
Themenbereiche Sicherheit des Mobilfunks, Technik des
Mobilfunks und Einhaltung der Grenzwerte vor Ort gefragt
(siehe Abbildung). Als glaubwürdigste Informationsquelle in Bezug
auf alle drei Themen erwies sich für die Befragten (151 Bürger
aus Innsbruck und Umgebung) die Wissenschaft. Die geringste Glaubwürdigkeit
wurde den Medien und den Betreibern von Mobilfunkanlagen zugesprochen,
wobei die Betreiber in Bezug auf Sicherheit und Grenzwerteinhaltung die
deutlich geringsten Glaubwürdigkeitswerte haben, ihnen aber für
technische Fragen die zweithöchste Glaubwürdigkeit zugesprochen
wird. Auch Bürgerinitiativen wird eine eher geringe Glaubwürdigkeit
attestiert. Offizielle Stellen bekommen für das Thema
Grenzwerteinhaltung die zweithöchste Einschätzung. Das gleiche
gilt für die Ärzte vor Ort in Bezug auf die Sicherheit bzw.
mögliche Risiken des Mobilfunks.
Vor dem Hintergrund dieser Forschungsergebnisse erscheint es eher unplausibel,
dass Menschen Informationen nur deswegen nicht rezipieren, weil sie die
Informationsquellen für (partiell) unglaubwürdig halten.
Einfluss von Vertrauen auf die Informationsverarbeitung
Dass Menschen Informationen auch dann zur Kenntnis nehmen, wenn sie die
Informationsquellen für unglaubwürdig halten, bedeutet natürlich
nicht, dass sie sich von der Information auch beeinflussen lassen. Welche
Bedeutung haben Vertrauen und Glaubwürdigkeit von Informationsquellen
für die Art und Weise, wie Risikoinformation verarbeitet wird? In
der Psychologie wird häufig zwischen zwei unterschiedlichen Arten
der Informationsverarbeitung unterschieden, einer inhaltsbezogenen, aber
aufwändigen, und einer oberflächlichen, aber leichten, Art.
Ein in der Psychologie verbreitetes Modell einer solchen dualen
Informationsverarbeitung ist das Modell der heuristisch-systematischen
Informationsverarbeitung (Heuristic-Systematic Model, HSM) von Eagly und
Chaiken22. Bei der systematischen Informationsverarbeitung
wird mit großem kognitiven Aufwand versucht, die Inhalte zu verstehen
und zu bewerten. Dies erfordert sowohl die kognitiven Fähigkeiten,
die zum Verständnis der Information erforderlich sind, und auch die
Möglichkeit, diese kognitiven Fähigkeiten einzusetzen, sowie
die Motivation, einen solchen Aufwand zu treiben. Dagegen ist die heuristische
Informationsverarbeitung charakterisiert durch eine weniger aufwändige
Auseinandersetzung mit den Inhalten einer Botschaft, bei der im Wesentlichen
auf bereits vorhandene Wissensstrukturen, einfache Entscheidungsregeln
oder kognitive Heuristiken zurückgegriffen wird, um zu einer Einschätzung
zu kommen. Auf Risikokommunikation bezogen sollte nach dem HSM die Verarbeitung
von Risikoinformationen umso eher und stärker in systematischer Weise
erfolgen, je höher das wahrgenommene Risiko ist - vorausgesetzt,
der Rezipient verfügt über die kognitiven Fähigkeiten,
die Risikoinformation zu verstehen. Umgekehrt sollte eine geringe Risikowahrnehmung
zu einer eher heuristischen Informationsverarbeitung führen. Die
Art der Informationsverarbeitung ist wesentlich für den Einfluss,
den Information auf die Risikowahrnehmung oder andere relevante Beurteilungen
(z. B. Akzeptanz einer Technologie) hat. Urteile, die auf heuristischer
Informationsverarbeitung basieren, sind weniger stabil und bedeutsam für
das Verhalten als Urteile, die aus einer systematischen Informationsverarbeitung
resultieren.
Man kann sich (mindestens) zwei Möglichkeiten vorstellen, nach denen
Vertrauen und Glaubwürdigkeit die Art der Informationsverarbeitung
beeinflussen: Zum einen könnte es sein, dass das Ausmaß, in
dem man einer Risikomanagement-Institution vertraut oder eine bestimmte
Informationsquelle für glaubwürdig hält, beeinflusst, ob
man Informationen eher heuristisch oder systematisch verarbeitet. Zum
anderen könnten Vertrauen und Glaubwürdigkeit die Informationsverarbeitung
differenziell beeinflussen, je nachdem, ob man Informationen heuristisch
oder systematisch verarbeitet.
Die erste Möglichkeit haben Trumbo und McComas23 in einer
Studie zur Risikokommunikation über Krebs-Cluster in der Nähe
von Industrieanlagen untersucht. Untersuchungsteilnehmer waren Anwohner
der Industrieanlagen (N = 696). Mithilfe eines Pfadmodells prüften
sie, in welchem Ausmaß die Glaubwürdigkeit von drei Informationsquellen
(staatliche Institutionen, Bürgerinitiativen, Industrie) die Art
der Informationsverarbeitung und die Risikowahrnehmung, d. h. die Einschätzung
des Krebsrisikos durch die Industrieanlagen, beeinflusst. Es zeigte sich,
dass die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der drei Informationsquellen
nur einen sehr geringen Teil der Varianz für heuristische (acht Prozent)
bzw. systematische (vier Prozent) Informationsverarbeitung erklärt.
Die Art der Informationsverarbeitung sowie die Glaubwürdigkeit der
Informationsquellen erklären immerhin 36 Prozent der Varianz in der
Risikowahrnehmung, wobei die systematische Informationsverarbeitung mit
einem Pfadkoeffizienten von 0.35 einen deutlich größeren Einfluss
hat, als die heuristische Informationsverarbeitung (Pfadkoeffizient: -0.19).
Auch die Glaubwürdigkeit der Informationsquellen (staatliche Institutionen,
Bürgerinitiativen und Industrie) haben einen statistisch signifikanten
Einfluss auf die Risikowahrnehmung (Pfadkoeffizienten: -0.18, 0.23 und
-0.13). Aus den Vorzeichen der Pfadkoeffizienten lässt sich ablesen,
dass systematische Informationsverarbeitung in diesem Fall eher zu einer
höheren Risikoeinschätzung führte, während heuristische
Informationsverarbeitung eher zu geringerer Risikoeinschätzung führte.
Das bedeutet natürlich nicht, dass eine systematische, also inhaltsbezogene
und gründliche Informationsverarbeitung per se zu höheren Risikoeinschätzungen
führt. Vielmehr war es in diesem Fall offenbar so, dass Personen,
die schon vorher eine hohe Risikoeinschätzung hatten, eher eine systematische
Informationsverarbeitung zeigten, während umgekehrt Personen mit
eher geringer Risikowahrnehmung Informationen eher heuristisch verarbeiten.
Die Ergebnisse dieser Studie von Trumbo und McComas zeigen deutlich, dass
Vertrauen und Glaubwürdigkeit keinen bedeutsamen Einfluss auf die
Art der Informationsverarbeitung haben. Dies schließt aber nicht
aus, dass Vertrauen und Glaubwürdigkeit die Informationsverarbeitung
unterschiedlich beeinflussen, je nachdem, ob Risikoinformationen heuristisch
oder systematisch verarbeitet werden. Systematische Informationsverarbeitung
erfolgt, wenn die Rezipienten sowohl motiviert wie auch kognitiv in der
Lage sind, die Risikoinformation zu verarbeiten (und die zeitlichen bzw.
materiellen Ressourcen haben, dies zu tun; siehe oben). Unter dieser Bedingung
sollten Vertrauen und Glaubwürdigkeit keine Rolle spielen, denn die
Rezipienten können die Information ja selbst inhaltlich in Bezug
auf den jeweiligen Risikosachverhalt beurteilen. Abhängig von dieser
inhaltsbasierten Beurteilung wird die Risikoinformation die Risikoeinschätzung
mehr oder weniger beeinflussen.
Anders ist es, wenn eine der beiden Bedingungen - Motivation oder kognitive
Fähigkeiten - nicht gegeben ist. Dann erfolgt die Informationsverarbeitung
heuristisch, also nicht inhaltsbezogen, sondern oberflächlich und
anhand einfacher Entscheidungsregeln oder Heuristiken. Es ist plausibel
anzunehmen, dass dabei Vertrauen in das Risikomanagement oder die Glaubwürdigkeit
von Informationsquellen eine Rolle spielen können. Verplanken24 fand
genau dies in einem Feldexperiment zum Einfluss von Risikoinformation
über die umweit- und gesundheitsbezogenen Konsequenzen der groß
angelegten Nutzung von Kohle zur Energiegewinnung auf die Risikowahrnehmung
der Rezipienten. Die Glaubwürdigkeit der Informationsquelle beeinflusste
die Risikowahrnehmung nur unter der Bedingung heuristischer Informationsverarbeitung.
Fand dagegen eine systematische Informationsverarbeitung statt, so hatte
die Glaubwürdigkeit keinen Einfluss auf die Risikowahrnehmung25.
Da die meisten Menschen die meisten Risiken aufgrund fehlenden Wissens
inhaltlich nicht angemessen beurteilen können - und das gilt auch
für Experten, denn natürlich sind auch Experten in Bezug auf
die meisten Risiken Laien -, bleibt ihnen in der Regel nichts anderes
übrig, als Risikoinformation heuristisch zu verarbeiten. Vertrauen
in die Risikobewertungen bestimmter Institutionen, Organisationen oder
auch Personen kann hier das fehlende Wissen ersetzen. Vertrauen dient
damit - wie eingangs schon erwähnt - der Reduktion von Komplexität.
Aber wovon hängt es ab, wem vertraut wird oder welche Informationsquelle
als glaubwürdig eingeschätzt wird? Hierzu gibt es zahlreiche
Studien (siehe10, 20 für Übersichten). Renn und Levine26 beispielsweise
nennen auf der Basis einer umfangreichen Literaturanalyse die folgenden
Komponenten von Vertrauen: wahrgenommene Kompetenz (perceived competence),
Objektivität (objectivity), Fairness (fairness), Konsistenz (consistency),
Ehrlichkeit (sincerity), Guter Wille (Faith). Das Ausmaß,
in dem diese Aspekte von Vertrauen als gegeben angesehen werden, bestimmt
das Vertrauen in die Informationsquelle.
Dagegen unterscheiden Earle, Siegrist und Gutscher10 in ihrem
Trust, Confidence and Cooperation (ICC) Modell zwischen sozialem Vertrauen
(social trust) und Konfidenz (confidence). Soziales Vertrauen entspricht
weitgehend der eingangs zitierten Definition von Vertrauen: Die Bereitschaft,
sich anderen Personen auszuliefern. Grundlage für dieses Vertrauen
sind vor allem gemeinsame Werte (shared values): Wir vertrauen denjenigen,
die unsere wesentlichen Werthaltungen teilen und von denen wir deshalb
annehmen können, dass sie so wie wir handeln werden. Dagegen basiert
Konfidenz auf unseren Erfahrungen, in ihr drücken sich unsere Erwartungen
aus, dass bestimmte Dinge in der Zukunft so und nicht anders geschehen
werden. Im TCC-Modell wird (Risiko-)Information parallel in Bezug auf
die Übereinstimmung mit den eigenen Werten (soziales Vertrauen) und
in Bezug auf die bisherigen Erfahrungen mit der Informationsquelle (Konfidenz)
bewertet. Gerade wenn das Wissen für die Einschätzung von Risiken
oder die Bewertung von Risikoinformation fehlt, kommt - so Earle, Siegrist
und Gutscher - dem sozialen Vertrauen eine besondere Bedeutung zu, da
es die Bewertung der Konfidenz beeinflusst. Beide, soziales Vertrauen
und Konfidenz, haben Einfluss darauf, wie Risikoinformation auf die Risikowahrnehmung
wirkt. Deshalb kommt es nach ihrer Einschätzung für die Risikokommunikation
auch zuallererst darauf an, Vertrauen zu schaffen10, S. 34.
Allerdings ist die empirische Evidenz für das TCC-Modell und speziell
für die Bedeutung von sozialem Vertrauen für die Risikokommunikation
durchaus nicht eindeutig. Zwar stützen einige Studien das TCC-Modell27,28,
andere dagegen haben keine Bestätigung für die Bedeutung des
sozialen Vertrauens gefunden20.
Wichtiger für die Einschätzung der Bedeutung von Vertrauen für
die Rezeption von Risikoinformation aber ist noch, dass für das TCC-Modell
wie auch die anderen Konzeptionen von Vertrauen gilt, was oben schon für
den Zusammenhang zwischen Risikowahrnehmung und Vertrauen ausgeführt
wurde: Es spricht einiges dafür, dass es keinen Kausalzusammenhang
zwischen Vertrauen und Risikowahrnehmung gibt, sondern dass beide von
der generellen Einstellung zum Risiko bzw. der mit dem Risiko verbundenen
Technologie abhängen. Eine Studie von Frewer, Schulderer und Bredahl29
zum Einfluss von Risiko- und Nutzeninformation von verschiedenen Informationsquellen
(EU Industrieverband, EU-Kommission und EU Konsumentenschutzorganisation)
auf die Risiko- und Nutzenwahrnehmung gentechnisch veränderter Lebensmittel
stützt diese Auffassung. Die Autoren untersuchten (an Stichproben
aus Dänemark, Deutschland, Italien und Großbritannien; N =
1 405) dabei auch, ob das Vertrauen in und die Expertise der Informationsquellen
(jeweils aus Sicht der Untersuchungsteilnehmer) die Einschätzung
von Risiko und Nutzen gentechnisch veränderter Lebensmittel beeinflussen.
Es zeigte sich, dass die Risiko- und Nutzenwahrnehmung durch die gegebene
Information nur wenig beeinflusst wurde, dabei spielen Vertrauen und Expertise
nahezu keine Rolle. Sie erklären jeweils weniger als ein Prozent
der Varianz in der Einschätzung von Risiko und Nutzen gentechnisch
veränderter Lebensmittel. Als wesentlicher Einflussfaktor erwiesen
sich die bereits bestehenden Einstellungen zu gentechnisch veränderten
Lebensmitteln, die - je nach Land - zwischen 92 und 95 Prozent der Varianz
in der Nutzenwahrnehmung und 86 bis 90 Prozent in der Risikowahrnehmung
erklären. Es zeigte sich auch, dass Einschätzungen der Untersuchungsteilnehmer
in Bezug auf Vertrauen in und Expertise der Informationsquellen ebenfalls
im Wesentlichen (87 bis 90 Prozent) durch die bereits bestehenden Einstellungen
bestimmt waren. Es spricht also einiges dafür, dass Vertrauen auch
bei der heuristischen Informationsverarbeitung keine besondere Rolle spielt.
Vielmehr scheinen bereits bestehende Einstellungen von besonderer Bedeutung
zu sein.
Schlussfolgerungen
Vertrauen und Glaubwürdigkeit eine herausragende Bedeutung für
die Risikokommunikation zuzuschreiben, ist auf der Basis der bisher verfügbaren
Evidenz nicht gerechtfertigt.
Allerdings können die Beziehungen zwischen bestehenden Einstellungen,
Vertrauen/Glaubwürdigkeit und Risikowahrnehmung keineswegs als geklärt
gelten - insofern bleibt hier noch eine Menge Forschungsarbeit zu tun.
In diesem Beitrag wurde die Bedeutung von Vertrauen für die Risikokommunikation
in Hinblick auf eine spezielle Zielstellung der Risikokommunikation betrachtet:
Informieren über und Erklären von Risiko.
Mit Risikokommunikation werden aber auch noch andere Zielstellungen verbunden30:
Initiierung von Verhaltensänderungen und Vorsorgemaßnahmen,
Information bei Notfällen und Katastrophen sowie gemeinsame Problem-
und Konfliktlösung. In welchem Maße Vertrauen und Glaubwürdigkeit
für diese Zielstellungen bedeutsam sind, bleibt zu untersuchen.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Zeitschrift Newsletter,
1/2008, S. 10 ff.
Holger Schütz, Forschungszentrum Jülich GmbH, Programmgruppe
Mensch, Umwelt, Technik (MUT), Postfach 19 13, 52425 Jülich
Literatur
Risikokommunikation
- eine Sache des Vertrauens
- Baier, A. (1986)
Trust and Antitrust, Ethics 96, 231-260.
- Luhmann, N. (1973)
Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität,
Enke, Stuttgart.
- Cvetkovich, G.,
and Löfstedt, R., (Eds.) (1999) Social trust and the management
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- Unter bestimmten
Bedingungen kann Besorgnis auch zur Vermeidung von oder Verzerrungen
bei der Informationsrezeption führen, etwa wenn die Auseinandersetzung
mit dem Risiko zu bedrohlich für die Betroffenen erscheint; siehe
z.B. Liberman, A. & Chaiken, S. (1992): Defensive processing of
personally relevant health messages. Personality and Social Psycholo-gy
Bulletin, 18(6), 669-679. Dieser Aspekt wird hier nicht berücksichtigt.
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- Verplanken benutzte
in seinem Feldexperiment als theoretischen Rahmen das Elaboration Likelihood
Model (ELM) von Petty und Cacioppo (1986), in dem zwischen zentraler
und peripherer Informationsver-
arbeitung unterschieden wird. Dies entspricht weitgehend der systemtischen
bzw. heuristischen Informationsverarbeitung des HSM. Siehe: Petty, R.E.
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Linneweber, V., Eds.), Hogrefe, Göttingen.
Dipl.-Päd. Holger Schütz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
der Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT) im Institut für
Neurowissenschaften und Biophysik, Forschungszentrum Jülich. Seine
Arbeitsschwerpunkte sind Risikowahrnehmung, Risikokommunikation sowie
Verfahren der Evidenzcharakterisierung und vergleichenden Risikobewertung.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 11/2008
S. 48-56
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