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Atemstörungen
bei Poliomyelitis
Ein Motor für die Entwicklung der apparativen Langzeitbeatmung
Gerd Koletzko
In der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der Universität
Kiel steht eine seltsame Apparatur, bei dessen Erläuterungen durch
den Museumsführer bei den Besuchern oft ein mitleidiges Seufzen zu
verspüren ist. Und trotz aller Ankündigungen zur gegenwärtigen
Gesundheitsreform reagieren jene Museumsbesucher erleichtert mit der Bemerkung:
Gott sei Dank, dass wir heute leben.
Der medizinische Fortschritt vergangener Tage wird indessen von vielen
abschätzig belächelt. Es ist tatsächlich schwer vorstellbar,
wie frühere Patientengenerationen die damaligen diagnostischen und
kurativen Methoden über sich ergehen lassen haben.
Bei der seltsamen Apparatur handelt es sich um eine so genannte Eiserne
Lunge, ein Gerät zur Aufrechterhaltung der Atmung bei Lähmungserscheinungen
der Atemmuskulatur. Die Eiserne Lunge war in der Mitte des 20. Jahrhunderts
ein weltweit beachtetes Industrieprodukt, das noch heute in weiten Teilen
der Bevölkerung als Synonym für künstliche Atmung steht
und ähnlich dem Automobil ein Symbol für Wohlstand durch wissenschaftlichen
Fortschritt war. Ihre Entwicklung und Verbreitung über die ganze
Welt steht im engen Zusammenhang mit der Ausbreitung der Kinderlähmung,
einer Infektionskrankheit, die durch das Poliomyelitisvirus hervorgerufen
wird. In Mittel- und Westeuropa gilt sie seit spätestens Anfang der
1990er Jahre als eradiziert.
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Werbeprospekt
der Firma Dräger für die Eiserne Lunge
(Abbildungen/Quelle: Gerd Koletzko) |
Obwohl nur bei circa
einem Prozent der Infizierten die für die Krankheit charakteristischen
Symptome, wie schlaffe Lähmungen im Bereich der Extremitäten,
bisweilen unter Beteiligung der Interkostalmuskulatur und Ausbildung einer
Zwerchfelllähmung auftreten, hat es während der Epidemien eine
erschreckend hohe Morbidität gegeben. Dieses genuin medizinisch,
epidemische Phänomen forcierte die Konstruktion eines technischen
Gerätes, das in der Lage ist, die Vitalfunktion Atmung über
längere Zeit hinaus zu gewährleisten. Ohne den epidemischen
Charakter der Kinderlähmung wäre die Entwicklung der Eisernen
Lunge und einer Reihe anderer Beatmungsgeräte wohl nicht in dem uns
bekannten Maße vorangetrieben worden.
Der Prototyp für die Eiserne Lunge, wie sie uns noch heute bekannt
ist, stammt aus dem Jahre 1929 und wurde von dem Ingenieur Philip Drinker
und dem Physiologen Louis Shaw in Boston (USA) entwickelt. 1931 gab es
eine Poliomyelitisepidemie in New York mit 4 138 gezählten Erkrankungsfällen,
von denen 88 eine Atemlähmung erlitten.1 Dabei wurden
erste klinische Erfahrungen mit der Eisernen Lunge gesammelt, die zu einigen
Verbesserungen der Apparatur führten. Jedoch trugen besonders der
große und schwere Stahltank und die enormen Kosten für ein
solches Gerät wenig zu einer größeren Verbreitung außerhalb
der USA bei. Im Zuge einer weltweit grassierenden Epidemie im Jahr 1937
konstruierte der australische Medizinphysiker Edward Thomas Both in Adelaide
nach dem Vorbild der amerikanischen Eisernen Lunge ein Gerät aus
Sperrholz, dessen Gewicht und Herstellungskosten weit unter dem des stählernen
Prototyp lagen.
Diese hölzerne
Lunge fand rasche Verbreitung in Großbritannien und wurde
zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in großer Stückzahl in den
Werken des britischen Automobilherstellers William Morris (alias Lord
Nuffield) produziert.2 Obwohl sich auch in Deutschland die
Kinderlähmung zunehmend ausbreitete, war im Zusammenhang mit der
Aufrüstung und dem inzwischen ausgebrochenen Zweiten Weltkrieg an
eine Konstruktion dieses Beatmungsgerätes hierzulande nicht zu denken.
Laut der Habilitationsschrift des Hamburger Arztes Axel Dönhardt
soll es 1941 vorbereitende Besprechungen für den Bau einer deutschen
Eisernen Lunge im Reichsluftfahrtministerium gegeben haben, jedoch sei
eine Fabrikation nie aufgenommen worden.
Jahre später, 1947/48, kam es in Deutschland zu einer folgenschweren
Epidemie, bei der allein für den Großraum Hamburg 228 Poliomyelitiskranke
im Altonaer Krankenhaus behandelt wurden, von denen nachweislich 31 schwere
Atemstörungen erlitten.3 In ganz Deutschland wurden innerhalb dieser
Epidemie 9 122 Erkrankungsfälle registriert.4 Eine Eiserne
Lunge stand den behandelnden Ärzten als Therapiegerät nicht
zur Verfügung.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befanden sich die Ärzte der
amerikanischen sowie britischen Besatzungsmächte in Deutschland.
Sie waren seit gut einem Jahrzehnt mit der Unterdruckbeatmungstechnik
vertraut. Ihre großen Lazarette hatten sie mit entsprechenden Geräten
ausgestattet. Das ermutigte deutsche Ärzte, sich um die Beschaffung
eines Respirators zu bemühen. Der damalige Leiter des Allgemeinen
Krankenhauses Hamburg Altona, Reinhard Aschenbrenner, schrieb 1948 in
der DMW: Leider sind unsere Bemühungen, für die Hamburger
Pm-Epidemie 1947 eine amerikanische oder englische Eiserne Lunge zu bekommen,
erfolglos geblieben. Nachdem uns aber schließlich durch die Besatzungsbehörde
die Besichtigung einer im General-Hospital Hamburg-Barmbek aufgestellten
hölzernen ,Eisernen Lunge dankenswerterweise ermöglicht
worden war, nahmen wir sofort Verhandlungen mit der Deutschen Werft, Hamburg
Finkenwerder, auf, die uns bereitwilligst sofort ihre Hilfe zusagte. (...)
Die erste unserer Eisernen Lungen konnte am 12.10.47 in Betrieb genommen
werden, nachdem die Belegschaft der Deutschen Werft drei Tage und Nächte
lang unermüdlich an ihrer Fertigstellung gearbeitet hatte.3
Dafür mussten hohe Hürden überwunden werden, was aus heutiger
Sicht besonders tollkühn erscheint. Die Hartherzigkeit der Besatzungsmächte
erlaubte den deutschen Ärzten erst nach äußerst zähem
und nachdrücklichem Verhandeln den Zutritt zum Lazarett. Zugelassen
wurde eine einzige Besichtigung des Gerätes. Ein anderes Problem
bestand in der Behebung der Materialnot. Nach Kriegsende war also Erfindungsgeist
gefragt. Mit ihm wurde Erstaunliches sowie Kontradiktorisches zugleich
zustande gebracht.
Der Hamburger Prototyp entstand aus Kriegsschrott. Ausgerechnet ein Torpedobehälter
stellte den luftdichten Tank dar, in dem die mögliche Heilung der
atemgelähmten Poliomyelitispatienten vollzogen werden sollte. Weitere
Teile des Gerätes waren der Blasebalg einer Feldschmiede, ein Wendegetriebe
eines havarierten Fischkutters und ein Elektromotor.5
Neben verschiedenen kleineren deutschen Unternehmen hatten sich zuletzt
die Lübecker Dräger-Werke die einzelnen Patente gesichert. Die
Dräger-Werke produzierten bis zum Beginn der 1960er Jahre serienmäßig
Eiserne Lungen.
Dieses fast monströs und beängstigend wirkende Beatmungsgerät
stellte für viele hilflose Patienten eine Überlebenschance dar.
Es soll an dieser Stelle jedoch nicht vergessen sein, dass poliomyelitische
Atemstörungen weitaus komplizierter Genese sind, als dass die Eiserne
Lunge den Königsweg bei deren Behandlung darstellte. Nach Prodromalerscheinungen
wie einer aseptischen Meningitis, Nackensteifigkeit, Muskelschmerzen und
Fieberanstieg können die gefürchteten Lähmungen einsetzen.
Je nach Ausbreitung der viralen Infektion in den Vorderhornzellen des
Rückenmarks und Manifestation in höheren Ebenen bis zu den Kernen
des IX. und X. Hirnnervs, schließlich Befall des Atem- und Kreislaufzentrums
in der Medulla oblongata, kann das Fortschreiten der Krankheit unerwartet
zum Stillstand kommen. Eine Rekonvaleszenz mit Residualschäden innerhalb
einiger Monate ist möglich.
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| In existenzieller
Abhängigkeit eines Menschen. Künstliche Beatmung während
einer folgenschweren Poliomyelitisepidemie 1952 in Kopenhagen |
Damit diese Phase
der Erkrankung überhaupt erreicht werden kann, ist es gegebenenfalls
nötig, die zwischenzeitliche Atemlähmung mithilfe künstlicher
Beatmung zu überbrücken. Die häufigste Todesursache ist
die der Bulbärparalyse. Durch die dabei auftretenden Störungen
der Schluckbewegung ist eine Zwangsbeatmung mit der Eisernen Lunge kontraindiziert,
da die Gefahr besteht, dass Schleim und Speichel geradezu in die Lungen
eingesogen werden. Das führt zu Atelektase und Pneumonie und die
Remission der gestörten Atmung wird stark beeinträchtigt. Diese
klinischen Erfahrungen erforderten eine Sekretabsaugvorrichtung an der
Eisernen Lunge. Ein durch Tracheotomie eingeführter Schlauch, verbunden
mit der Absauganlage, in die oberen Luftwege kann die Atemwegsverlegung
verhindern.
Ein ganz anderer Weg der apparativen Beatmung wurde 1952 bei einer verheerenden
Poliomyelitisepidemie in Dänemark eingeschlagen. Am zuständigen
Blegdam-Krankenhaus in Kopenhagen wurden im Jahr 1952 (zwischen Juli und
Dezember) 2 722 Poliomyelitiskranke aufgenommen, von denen 866 eine Atemlähmung
aufwiesen.6 Im Blegdam-Krankenhaus gab es eine Eiserne Lunge und sechs
Cuirass-Respiratoren. Der Cuirass-Respirator war eine Art Saugglocke,
die auf die Brust geschnallt wurde. Durch intermittierenden Über-
und Unterdruck verhalf sie der Lunge zum Atmen. Angesichts der großen
Patientenzahl und der hohen Mortalität waren möglichst unkonventionelle
Lösungen gefragt, wollte man alle gegen den Erstickungstod ringenden
Patienten gleichzeitig behandeln.
Der damalige Leiter des Krankenhauses H. C. A. Lassen zog seinen Anästhesisten
Bjørn Ibsen zu Rate, der empfahl die Patienten zu tracheotomieren
und mithilfe eines von Hand betriebenen Pendelatemsystems zu behandeln.
Diese Methode war in der in der Chirurgie seit längerem bekannt.
Sie diente zur kurzzeitigen Beatmung bei der Anwendung von Relaxantien.
In der damaligen Fachpresse ist von mehreren Hundert Medizinstudenten
die Rede, die in verschiedenen Tagesschichten die atemgelähmten Patienten
über Wochen und Monate ununterbrochen beatmeten und dadurch die Mortalität
stark zurückdrängten.
Die Geschichte der Poliomyelitis skizziert eindrucksvoll die Entwicklung
der apparativen Langzeitbeatmung. Letztlich mündete sie in der Etablierung
des verhältnismäßig jungen Faches der Intensivmedizin.
In retrospektiver Betrachtung scheinen verschiedene Ideen und Entwicklungen
bescheiden gewesen zu sein. Trotzdem waren sie innovativ. In ihrer Wirkung
haben sie sich mehr als beeindruckend bewiesen.
Das außerordentlich emotionale Engagement der Kieler Museumsbesucher
gegenüber jenen, die mit der Eisernen Lunge beatmet worden sind,
zeigt das vielfach fehlende Bewusstsein gegenüber dem harten Überlebenskampf
früherer Patientengenerationen, sowie dem teils hilflosen und dennoch
kämpferisch innovativen Handeln der damaligen Ärzte. Die Frage,
wer gegenwärtig vollumfänglich den Fortschritt der modernen
Intensivmedizin beanspruchen darf, entscheidet inzwischen weniger eine
materielle Not, denn mehr die finanzielle Ausstattung unseres Gesundheitssystems.
Ein nicht unlösbares Problem, entgegen der entscheidenden Frage,
wie lange überhaupt eine technische Assistenz zur Aufrechterhaltung
der Vitalfunktionen gewährleistet sein soll.
Gerd Koletzko, Münsterberger Weg 60, 12621 Berlin
Literatur
- Landon, John Fitch:An
Analysis of 88 Cases of Poliomyelitis treated in the Drinker Respirator
with a Control Series of 68 Cases. in: The Journal of Pediatrics 5 1934
- Hicks, Megan: The
Story of the Both Portable Cabinet Respirator. In: The HaMMer 24
Aschenbrenner, Reinhard; Dönhsrdt, Axel: Klinik und Therapie der
Atemstörungen bei der Poliomyelitis. in DMW 73,1948 S. 509
- Pöhn, Hans
Philipp; Rasch, Gernot: Statistik meldepflichtiger Infektionskrankheiten.
München 1994 S.70
- Balzereit,F.; Heene,D.L.:
Laudatio. in Intensivmedizin 27 1990 S 113
- Böhrer,H.;
Goering,M.: Poliomyelitis und Beatmung. in: Anästhesiologie Intensivmedizin,
Notfallmedizin Schmerzmedizin 1996 S. 316.317
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2008
S. 68-71
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