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Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Partikeltherapiezentrum ab 2012
Jürgen Dunst, Ralf Kampf, Bernhard Kimmig, Bernd Kremer
Hintergrund
Die Strahlentherapie mit Protonen (Protonentherapie) oder anderen schweren
Teilchen (z. B. Kohlenstoff-Ionen, sog. Partikeltherapie) ermöglicht
sehr günstige Dosisverteilungen, die aus physikalischen Gründen
mit Röntgenstrahlen nicht erreicht werden können. Weltweit sind
in den letzten 30-40 Jahren bereits mehr als 50 000 Patienten mit Protonen
und über 3 000 Patienten mit Kohlenstoffionen bestrahlt worden; allerdings
war diese extrem aufwändige Therapie auf wenige Forschungszentren
beschränkt. Die klinische Anwendung spielte gegenüber der Grundlagenforschung
eine geringe Rolle. Seit etwa fünf Jahren arbeiten weltweit ein Dutzend
Anlagen im klinischen Routinebetrieb, etwa 15 weitere Anlagen befinden
sich im Bau oder fortgeschrittener Planung. In Deutschland entstehen zurzeit
fünf Protonen- bzw. Partikeltherapiezentren, eines davon am Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein (UK S-H) in Kiel. Der Betrieb in Kiel soll 2012 beginnen.
Die medizinische und wissenschaftliche Begründung für die Therapie
sowie das Betriebskonzept werden hier kurz dargestellt.
Aktueller und zukünftiger Stellenwert der Strahlentherapie in
der Krebsbehandlung
Die Strahlentherapie spielt eine wichtige Rolle in der Behandlung von
Krebserkrankungen. Aktuell erhalten etwa 60-70 Prozent aller Patienten
mit malignen Erkrankungen im Krankheitsverlauf eine Bestrahlung. Wenn
ein Krankenhaus eine Strahlentherapie-Abteilung betreibt, werden dort
im Regelfall die meisten Tumorpatienten behandelt. In den letzten 20 Jahren
hat sich die Strahlentherapie enorm weiterentwickelt. Wichtige Neuerungen
betrafen verbesserte Gerätetechnik (Einsatz von Linearbeschleunigern
mit ultraharten Röntgenstrahlen), moderne dreidimensionale Bestrahlungsplanung,
schnellere Bildgebung mit verbesserter Zielvolumenerfassung (CT, MRT,
PET) und vor allem auch ein tieferes Verständnis der biologischen
Strahlenwirkung (Fraktionierungsschemata, strahlensensibilisierende Chemotherapie).
Ein großer Teil der in den letzten Jahren erreichten Verbesserungen
bei den Langzeitheilungen von Krebserkrankungen resultiert aus der Strahlentherapie.
Ferner spielt die Strahlentherapie bei organ- und funktionserhaltenden
Behandlungen (z. B. Brust-, Kehlkopf- oder Blasenkrebs) eine wichtige
Rolle.
Seit einigen Jahren wurden und werden weitere neue Verfahren in die klinische
Routine eingeführt. Dazu gehören Hochpräzisionsbestrahlungen
(sog. Strahlenchirurgie; bisher auf Hirntumoren beschränkt und zunehmend
auch für extrakranielle Zielvolumina wie z. B. kleine Lungentumoren
einsetzbar, oder stereotaktische Bestrahlungen), IMRT (intensitätsmodulierte
Strahlentherapie; ein Verfahren zur Optimierung der Dosisverteilung bei
komplex konfigurierten Zielvolumina) und die bildgeführte Strahlentherapie
(Kontrolle und Optimierung der Patientenpositionierung durch Bildgebung
am Bestrahlungsgerät), darüber hinaus wurden etablierte Methoden
(z. B. HDR-Brachytherapie) optimiert. Diese Techniken erhöhen die
Effektivität der Strahlentherapie und bieten zunehmend eine schonende
und non-invasive Alternative zu operativen Verfahren. Aufgrund der demografischen
Entwicklung werden Krebserkrankungen vor allem bei Patienten über
75 Jahre zunehmen. Für dieses Patientenkollektiv sind aufgrund des
Alters und der häufigen Komorbidität besonders schonende Therapieverfahren
nötig, und die Strahlentherapie wird deshalb zukünftig weiter
an Bedeutung gewinnen.
Klinische Begründung und Entwicklung der Partikeltherapie
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| Abb 1: Vergleich
der Tiefendosiskurven von Kohlenstoffionen, Protonen und konventionellen
Röntgenstrahlen (18MV-Photonen). Charakteristisch für die
Partikelstrahlung ist die hohe Energiedeposition in definierter Gewebetiefe
(Bragg-Peak) mit steilem Dosisabfall. |
Protonen und Kohlenstoffionen
(im Folgenden zusammenfassend als Partikel bzw. Partikelstrahlung bezeichnet)
haben gegenüber Röntgenstrahlen physikalische Vorteile. Die
Tiefendosis-Kurve von Partikelstrahlung (diese beschriebt die Verteilung
der Strahlendosis nach Eindringen der Strahlung in den Körper) verläuft
zunächst sehr flach; erst in einer bestimmten, von der Geschwindigkeit
bzw. Energie der Partikel abhängigen Tiefe wird fast die gesamte
Dosis deponiert, und hinter diesem Zielgebiet fällt die Dosis steil
ab (sog. Bragg-Peak, Abb. 1). Durch diese im Vergleich zur Röntgenstrahlung
inverse Tiefendosiskurve lassen sich extrem präzise Dosisverteilungen
mit optimaler Schonung des gesunden Gewebes in der Umgebung erzeugen.
Problem dieser Therapie war und ist der exorbitante technische Aufwand,
sodass die Protonentherapie über vier Jahrzehnte nur an wenigen Zentren
eingesetzt wurde. Die am Harvard Cyclotron in Boston erzielten Heilungsraten
bei inoperablen und als relativ strahlenresistent geltenden Sarkomen der
Schädelbasis (Tabelle 1) gelten als Meilenstein. Auch Patienten aus
Deutschland wurden in den letzten 20 Jahren regelmäßig in Boston
behandelt.
Ein Kernproblem der
Protonentherapie war bis in die 90er Jahre hinein die Problematik der
exakten Zielvolumenbestimmung und der reproduzierbaren präzisen Einstellung
der Bestrahlungsfelder. Die präzise Bestrahlung war häufig wertlos,
weil die Zielvolumenfestlegung weniger präzise war. Mittlerweile
profitiert die Protonentherapie in besonderem Maße von der verbesserten
Bildgebung und Zielvolumendarstellung.
Weitere Vorteile könnten sich durch die Strahlentherapie mit schweren
Ionen (z. B. Kohlenstoff-Ionen) ergeben. Diese verbinden hohe Präzision
(in der Tiefe ist das Streuverhalten noch besser als das von Protonen)
mit höherer biologischer Wirksamkeit und könnten sich daher
für die Behandlung besonders strahlenresistenter Tumoren eignen.
Schwerionentherapie ist weltweit erst seit 1994 möglich und aktuell
nur an drei Orten (bei der GSI = Gesellschaft für Schwerionenforschung
in Darmstadt und an zwei Standorten in Japan) verfügbar, da der technische
Aufwand noch größer ist als bei der Protonentherapie. Die Ergebnisse
der Schwerionentherapie sind aber viel versprechend, sodass in Europa
mehrere Zentren geplant sind.
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| Tab. 1: Ergebnisse
der Protonentherapie bei inoperablen Chondrosarkomen und Chordomen
der Schädelbasis am Harvard Proton Facility. (Munzenrider und
Liebsch, Strahlenther Onkol 175, Suppl. II, 57-63, 1999) |
Bedarf für Partikeltherapie in Deutschland
Zurzeit erkranken in Deutschland etwa 350 000 Menschen pro Jahr an bösartigen
Erkrankungen, etwa 230 000 erhalten eine Strahlentherapie. Nach aktuellen
Schätzungen der nationalen und internationalen Fachgesellschaften
kommen wahrscheinlich fünf bis zehn Prozent aller Strahlentherapie-Patienten
für eine Partikeltherapie in Frage, also etwa 10 000 bis 20 000 Fälle
pro Jahr in Deutschland. Für die anderen Fälle ist der Vorteil
der günstigeren Dosisverteilung wahrscheinlich gering und klinisch
vernachlässigbar. Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie
(DEGRO) hat kürzlich eine Indikationsliste erstellt (nachzulesen
unter www.degro.org). Ferner sollten alle Patienten, die eine Partikeltherapie
erhalten, in prospektiven klinischen Studien behandelt werden. Die DEGRO
fordert dazu ein Studienregister und eine nationale Koordinierungsstelle.
Technische Aspekte der Partikeltherapie
Protonen und schwere Ionen sind geladene Partikel, die für die Bestrahlung
auf hohe Geschwindigkeiten beschleunigt werden müssen. Dazu sind
große Kreisbeschleuniger (Zyklotron oder Synchrotron) erforderlich.
Der Partikelstrahl wird mit Magnetfeldern gelenkt. Bei dem modernsten
Verfahren, dem sog. aktiven Scanning, fährt der Partikelstrahl
Punkt für Punkt und Zeile für Zeile das Zielgebiet ab (ähnlich
wie bei der Bildröhre beim Fernsehen). Die Eindringtiefe wird über
die Energie der Teilchen reguliert. Diese Techniken sind in den letzten
Jahren vor allem durch Arbeiten der GSI in Darmstadt und am Paul-Scherrer-Insitut
in Villigen (Schweiz) entwickelt worden. Die technisch aufwändige
Beschleunigung der Teilchen und präzise Strahlführung zeigen
sich auch an den Dimensionen eine Protonentherapie-Anlage. Während
der Funktionsbereich (also Bestrahlungsplanung, Therapie) einer konventionellen
Strahlentherapie-Einheit an einer Universitätsklinik etwa 500 bis
1 000 m² Grundfläche umfasst, werden für eine Partikeltherapie-
anlage mit drei bis vier Behandlungsplätzen etwa 5 000 bis 10 000
m² Grundfläche mit Raumhöhen bis über zehn Meter benötigt.
Außerdem erfordert die Behandlung an einer Partikeltherapieanlage
eine besonders ausgefeilte Logistik. Bei der Standard-Strahlentherapie
stehen in einer Strahlentherapie-Abteilung üblicherweise mehrere
Linearbeschleuniger zur Verfügung, die zeitlich unabhängig voneinander
für die Bestrahlung eingesetzt werden können. Bei einer Partikelanlage
wird der Therapiestrahl zentral erzeugt und dann jeweils in einen Behandlungsraum
geleitet. Deshalb kann man immer nur einen Patienten und nicht mehrere
Patienten zeitgleich behandeln.
Verfügbarkeit und Entwicklungen in Deutschland
Eine Partikeltherapie war bereits in eingeschränktem Umfang weltweit
und seit Jahren auch in Deutschland verfügbar. Das Universitätsklinikum
Benjamin-Franklin hat in den letzten Jahren Augentumoren mit dem Protonenstrahl
am Hahn-Meitner-Institut in Berlin behandeln können; diese für
die Therapie tiefer gelegener Tumoren nicht ausreichende Anlage steht
demnächst nicht mehr für medizinische Anwendungen zur Verfügung.
Die bei inoperablen Augen-Melanomen ereichten Tumorkontrollraten sind
exzeptionell gut (Tabelle 2). Ferner können seit fünf Jahren
ausgewählte Patienten (etwa 60 pro Jahr) im Rahmen einer Kooperation
zwischen der Universitätsklinik Heidelberg und der GSI mit Schwerionen
in Darmstadt behandelt werden.
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| Tab. 2: Ergebnisse
der Protonentherapie von Augentumoren (Uveamelanomen) am Hahn-Meitner-Institut
Berlin. Daten der Klinik für Strahlentherapie, Charité
Campus Benjamin Franklin (Höcht et al., PTCOG 2006) |
Weltweit werden
Patienten zurzeit an etwa einem Dutzend Anlagen (vor allem in USA, aber
auch in der Schweiz, Frankreich, GUS, Japan, Korea und China) behandelt,
etwa 15 weitere Protonentherapiezentren werden in den nächsten zwei
bis drei Jahren den Betrieb aufnehmen. Etliche Zentren befinden sich europa-
und weltweit im Bau oder in Planung. In Deutschland wird zur Zeit an der
Universitätsklinik Heidelberg eine vom Bund geförderte Anlage
für Schwerionentherapie errichtet; diese von der technischen Leistungsfähigkeit
her weltweit einmalige Anlage wird voraussichtlich Anfang 2009 den Patientenbetrieb
aufnehmen und jährlich etwa 1 500 Patienten behandeln können.
Eine privat errichtete Protonenanlage in München (Rinecker Proton
Therapy Center) soll ebenfalls im nächsten Jahr mit dem Betrieb beginnen.
Zwei weitere Anlagen werden zurzeit an der Universitätsklinik Essen
(nur Protonentherapie) und dem Universitätsklinikum Marburg (Schwerionentherapie)
errichtet. Die Partikeltherapieanlage am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
wird also die fünfte Einrichtung in Deutschland sein. Unter der Annahme,
dass ein Partikeltherapie-Zentrum etwa 2 000 bis 3 000 Patienten pro Jahr
behandeln kann, werden in Deutschland zunächst etwa fünf bis
sieben Therapiezentren erforderlich sein, um den erwarteten Bedarf für
die nächsten Jahre flächendeckend sicherzustellen.
Für die Auslastung und Wirtschaftlichkeit einer Partikeltherapieanlage
spielen Verfügbarkeit des Strahls und Zeitaufwand für eine einzelne
Bestrahlungsfaktion (wegen der besonders aufwändigen Lagerung der
Patienten und den notwendigen Kontrollen zur Überprüfung der
Zielgenauigkeit der Bestrahlung besonders wichtig) eine entscheidende
Rolle. Die seit einigen Jahren im Routinebetrieb laufenden Protonentherapie-Anlagen
in Boston und Loma Linda in den USA behandeln aktuell etwa 1 500 Patienten
pro Jahr mit steigenden Fallzahlen; allerdings sind diese Anlagen aus
heutiger Sicht nicht optimal konzipiert. Bei optimaler Logistik und hoher
Verfügbarkeit des Therapiestrahls (16-Stunden-Betrieb an sechs Wochentagen)
können wahrscheinlich auch höhere Patientenzahlen (in Kiel bis
etwa 3 500 Patienten pro Jahr) behandelt werden. Dies wird aber zumindest
in der Startphase einer Anlage nicht möglich sein.
Die anfänglichen Investitionskosten für ein Protonentherapiezentrum
werden mit etwa 100 bis 150 Millionen Euro für Gebäude und Therapieanlage
veranschlagt. Die laufenden Betriebskosten sind erheblich. Um eine Anlage
mit der notwendigen Behandlungsqualität kostendeckend betreiben zu
können, sind Vergütungen pro Behandlungsfall nötig, die
anderen aufwändigen operativen Eingriffen oder technischen Verfahren
(z. B. Herzchirurgie, Schrittmacher- oder Defibrillator-Implantation)
oder der Behandlung mit teuren Medikamenten (z. B. Antikörpertherapie)
entsprechen.
Das PTZ Kiel (NRoCK)
Der Plan, ein Protonentherapiezentrum am UK S-H zu errichten, entstand
im Jahr 2005. Zu diesem Zeitpunkt bemühten sich fast alle Universitätsklinika
in Deutschland und verschiedene private Investorengruppen um ein solches
Projekt. Das UKE in Hamburg verzichtete zunächst auf ein eigenes
Projekt, hat im Jahresverlauf dann aber diese Meinung revidiert. Da aufgrund
des notwendigen Einzugsgebietes (etwa zehn Millionen Einwohner pro Anlage)
nur eine Einrichtung in Norddeutschland wirtschaftlich betrieben werden
kann, wurde zwischen den Regierungen beider Bundesländer deshalb
als Kompromiss festgelegt, dass zunächst das UK S-H die Errichtung
eines Zentrums in Kiel voranbringen solle und dass, wenn dies innerhalb
einer bestimmten Frist nicht realisierbar sei, die Anlage in Hamburg gebaut
werden sollte. Wegen der überregionalen Bedeutung dieses Projektes
und der damit verbunden Profilbildung der universitären Medizin wurde
am UK S-H eine Planungsgruppe gebildet, um das Projekt zeitgerecht zu
realisieren. Als öffentlicher Auftraggeber war das UK S-H an aufwändige
und komplizierte Ausschreibungs- und Vergabebestimmungen (u. a. EU-weite
Ausschreibung) gebunden. Mehrere Ministerien (Wissenschaft, Soziales,
Finanzen) des Landes waren an relevanten Entscheidungen beteiligt und
haben hervorragend zusammengearbeitet, außerdem musste die Stadt
Kiel das Bauvorhaben genehmigen. Zwischenzeitlich ist der Zuschlag termingerecht
erfolgt, und die Bauvorbereitungen haben begonnen.
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| Abb. 2: Gebäudeansicht
(Entwurf) des Partikeltherapiezentrums NRoCK in Kiel. Blick vom Campus
Kiel des UK S-H über die Feldstraße auf das Gebäude. |
Das PTZ Kiel ist
ein sog. ÖPP-Projekt (öffentlich-private Partnerschaft) und
wird ein Tochterunternehmen des UK S-H. Den Zuschlag für den Bau
und Betrieb der Therapieanlage erhielt ein Konsortium der Firmen Siemens,
Bilfinger Berger und HSG Technischer Service. Siemens ist der einzige
Hersteller mit Erfahrungen in der Schwerionentherapie und ist bereits
am Aufbau der Anlagen in Heidelberg und Marburg beteiligt. Die Fa. Bilfinger
Berger übernimmt den Bau des Gebäudes. Alle drei Firmen haben
eine Besitzgesellschaft gegründet, die Errichtung, Wartung und technischen
Betrieb der Anlage inklusive Gebäudemanagement und regelmäßigen
Ersatz der Geräte über 25 Jahre sichert und sich über ein
internationales Bankenkonsortium refinanziert. Das UK S-H hat eine Betriebsführungsgesellschaft
gegründet, diese mietet die funktionsfähige Anlage. Miete ist
nur bei Funktionsfähigkeit fällig. Technische Risiken werden
somit nicht vom UK S-H getragen.
Das Partikeltherapiezentrum wird auf dem Gelände des Pastor-Husfeld-Parks
in Kiel gegenüber der Universitätsklinik errichtet (Abb. 2).
Im Gegensatz zu anderen Partikeltherapiezentren wird es erstmals die gesamte
Radioonkologie unter einem Dach vereinen, also nicht nur die Partikeltherapie
beherbergen, sondern auch die konventionelle Strahlentherapie inklusive
Brachytherapie, die gesamte für die Bestrahlungsplanung erforderliche
Diagnostik inklusive PET und Nuklidproduktion, Tagesklinik für Chemotherapie,
zwei radioonkologische Bettenstationen und eine Nachsorgeambulanz. Die
eigentliche Partikeltherapieanlage besteht aus einem Synchrotron zur Strahlbeschleunigung.
Von dort kann der Strahl in drei Behandlungsräume gelenkt werden,
ein vierter Raum als mögliche Erweiterung bleibt zunächst ungenutzt
(Abb. 3). Der Strahl wird in den Behandlungsräumen aus fest installierten
Richtungen auf den Patienten gelenkt (sog. fixed beam); auf
einen drehbaren Strahlenkopf (Gantry) wurde wegen möglichem
erhöhtem Wartungsbedarf und Verschleiß verzichtet. Dies ist
auch gut begründet, weil nämlich bei der Partikeltherapie wenige
Einstrahlfelder (meistens ein bis zwei) ausreichen und trotzdem günstigere
Dosisverteilungen erreicht werden als bei Mehrfeldertechniken (meistens
vier bis acht Felder) mit Röntgenstrahlen. Die Anlage ist für
die Behandlung mit sowohl Protonen als auch schweren Ionen ausgelegt;
dies ist sinnvoll, weil ein Vorteil von Schwerionen gegenüber Protonen
in den nächsten fünf bis zehn Jahren, also innerhalb der Betriebsdauer
der Anlage, für bestimmte Tumoren erwartet wird und weil eine Nachrüstung
von Schwerionen technisch bisher unmöglich ist.
Um die überregionale und internationale Bedeutung des Zentrums und
die Besonderheit der Kieler Anlage (gesamte Radioonkologie unter einem
Dach) zu verdeutlichen, wird das Zentrum zukünftig als Nordeuropäisches
Radioonkologisches-Centrum Kiel (NRoCK) bezeichnet.
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| Abb. 3: Grundriss
der Therapieebene. Kern der Anlage ist das Synchrotron zur Strahlerzeugung
(oben links). Von dort wird der Partikelstrahl in die drei Behandlungsräume
geleitet. Auf derselben Ebene befinden sich der Funktionsbereich für
die konventionelle Strahlentherapie mit zwei Linearbeschleunigern
und die Brachytherapie-Einheit. |
Kooperationen
Da nur ein kleiner Teil der Strahlentherapie-Patienten von einer Partikeltherapie
profitiert und eine Anlage deshalb ein großes Einzugsgebiet (ca. 10-15
Millionen Einwohner) benötigt, sind Kooperationen mit anderen Einrichtungen,
vor allem spezialisierten Universitätskliniken und Maximalversorgungskrankenhäusern
erforderlich. Das UK S-H hat deshalb bereits im Vorfeld Verhandlungen mit
den Nachbaruniversitäten in Norddeutschland geführt. Kooperationsverträge
bestehen bereits mit den Universitäten Rostock, Hannover und Greifswald,
ferner mit dem Klinikum Minden. Ausländische Kooperationspartner sind
die Universitätskliniken in Oslo, Odense und Kaunas. Weitere potenzielle
Kooperationspartner sind alle auf Krebsbehandlung spezialisierte Einrichtungen
in Norddeutschland, vor allem die Strahlentherapie-Einrichtungen.
Zeitplan der nächsten Jahre
Am 10.07.2008 erfolgten mit dem Spatenstich die offiziellen Bauvorbereitungen
(Abb. 4). Bereits vorher hatte die Stadt Kiel mit der Umlegung eines Abwassersammlers
in der Feldstraße begonnen. Das Zentrum soll bis Ende 2011 fertig
gestellt werden. Zum Jahreswechsel 2011/12 soll die Klinik für Strahlentherapie
vom bisherigen Standort auf dem Campus in der Arnold-Heller-Straße
in das NRoCK-Gebäude umziehen und den Betrieb der konventionellen Strahlentherapie
aufnehmen. Die Behandlung mit Protonen soll im Jahr 2012 beginnen.
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| Abb. 4: Offizieller
Spatenstich am 10.07.2008. Von links: Thomas Miller (Geschäftsführer
von Siemens Medical Solutions) Dr. Werner Marnette (Wissenschaftsminister),
Angelika Volquartz (Oberbürgermeisterin der Stadt Kiel), Prof.
Bernd Kremer (Ärztlicher Direktor des UK S-H), Prof. Jens Scholz
(Prodekan der Medizinischen Fakultät der CAU), Prof. Hans Helmut
Schetter (Bilfinger & Berger) Prof. Jürgen Dunst (Direktor
der Klinik für Strahlentherapie am Campus Lübeck des UK
S-H) (Fotos: UK S-H) |
Fazit
Das am UK S-H entstehende Radioonkologie-Zentrum (NRoCK) wird durch die
Partikeltherapie-Anlage eine überregionale Bedeutung erlangen und wird
die Spitzenmedizin am UK S-H, aber auch das Profil der Medizinischen Fakultäten
in wichtigen Forschungsschwerpunkten (Onkologie an der CAU Kiel, Medizintechnik
an der Universität zu Lübeck) stärken. Dass diese Anlage
in Schleswig-Holstein entsteht (und nicht irgendwo anders in Norddeutschland)
und als öffentliche Einrichtung vom UK S-H (und nicht von einem privatem
Betreiber) geführt wird, ist ein Erfolg nicht nur für das UK S-H
und die Universitäten, sondern vor allem für Schleswig-Holstein.
Prof. Dr. med. habil. Jürgen Dunst, Ralf Kampf, Prof. Dr. Dr. rer.
nat. Bernhard Kimmig, Prof. Dr. Bernd Kremer, UK S-H, Campus Kiel, 24105
Kiel |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2008
S. 63-68
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