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Medizin und Wissenschaft

Zur chirurgischen Behandlung von Weichteilsarkomen der Extremitäten
Horst Aschoff, Claudia Lunow

Einleitung
Weichteilsarkome stellen ein seltenes Krankheitsbild dar und machen beim Erwachsenen nicht mehr als ein Prozent aller Malignome aus. Hinsichtlich der Lokalisation ist die untere Extremität mit etwa 45 Prozent die am häufigsten betroffene Körperpartie, gefolgt vom Körperstamm (ca. 30 Prozent), der oberen Extremität (ca. 15 Prozent) sowie Kopf und Hals (ca. zehn Prozent).

Weichteiltumore bedürfen hinsichtlich der Differenzialdiagnostik eines besonderen Augenmerks. Die vielfältigen Erscheinungsbilder allfälliger Weichteilgeschwülste an Stamm und Extremitäten führen häufig seitens des Patienten zur Bagatellisierung als auch seitens ärztlicher Begutachtung zu Fehlinterpretationen, so dass bei etwa 20 Prozent aller Weichteilsarkome mehr als sechs Monate bis zur endgültigen Diagnosestellung verstreichen.

Tab. 1: Häufigkeit und Lokalisation der beobachteten Weichteiltumore

Die verschiedenen Tumortypen treten dabei in ganz unterschiedlicher Häufigkeit auf und zeigen in Abhängigkeit vom Typ und vom histologisch zu erfassenden Grading jeweils auch sehr unterschiedlichem Verhalten hinsichtlich Malignität und Prognose. Therapie und Prognose werden weiterhin entscheidend von Tumorgröße und -lokalisation beeinflusst. Nach wie vor stellt die radikale chirurgische Resektion des Tumors im Gesunden die wichtigste therapeutische Maßnahme bei der Behandlung der Weichteilsarkome dar. Das Auftreten von Lokalrezidiven und Fernmetastasen, vornehmlich in Lunge und Leber, korreliert eng mit einer unvollständigen Primärtumorentfernung, die Überlebensrate wird dabei mehr von den Komplikationen durch eine Fernmetastasierung denn durch Lokalrezidive negativ beeinflusst.

Die Tatsache, dass die Klinik für Plastische, Hand- und Rekonstruktive Chirurgie der Sana Kliniken Lübeck in den vergangenen drei Jahren gehäuft mit solcher Art Tumore konfrontiert wurde, hat uns veranlasst, diese Fälle aufzuarbeiten und einige Kasuistiken vorzustellen.

Abb. 1: Schwellung rechter Oberarm

Fallvorstellungen
Insgesamt wurden in den Jahren 2005 bis heute 13 auffallend große und z. T. sehr schnell wachsende Weichteiltumore der Extremitäten mit einem Durchmesser von bis zu 25 cm behandelt (Tab. 1).
Bei fünf dieser Weichteiltumore handelte es sich um gutartige Lipome ohne Anhalt für Malignität (Abb. 1 u. 2). Interessant ist dabei jedoch, dass die endgültige histologische Diagnose in einigen dieser Fälle erst nach Einholen einer Referenzbegutachtung durch einen zweiten Pathologen gestellt wurde. Die histologische Aufarbeitung solcher Lipome erscheint also aufwändig und birgt offensichtlich Falltüren.

Insgesamt acht der von uns behandelten Tumoren entpuppten sich als maligne Weichteilgeschwülste, stellvertretend sollen hier vier Kasuistiken kurz dargestellt werden.

Abb. 2: Benignes Lipom
Kasuistik 1
67- jähriger ansonsten gesunder Pat. mit schnell großer Raumforderung am rechten Oberschenkel dorsal. Der Patient sei vor kurzem auf einer Treppe ausgerutscht, die Geschwulst sei angeblich innerhalb weniger Tage aufgetreten, gemäß MRT nicht infiltrierend und gut abgrenzbar, was durchaus einem möglichen Lipom entsprechen könnte (Abb. 3). Hinweise für eine Lymphknotenvergrößerung oder spezifische Prozesse thoracal, abdominell oder retroperitoneal konnten präop. per CT und Sonographie ausgeschlossen werden. Die operative Entfernung des Tumors gestaltete sich vergleichsweise einfach, histologisch fand sich ein hoch differenziertes Liposarkom, RO reseziert (Abb. 4). Der postoperative Verlauf war unkompliziert bei vollständig erhaltener Funktion des rechten Beines (Abb. 5).

Diese Art Tumor neigt mit ca. 60 Prozent zu Lokalrezidiven, ohne dass sie metastasieren, eine Metastasierung tritt erst auf nach möglicher Entdifferenzierung eventueller Lokalrezidive. Das postoperative Management folgt den spezifischen Empfehlungen anerkannter Sarkomzentren und beschränkt sich auf regelmäßige MRT-Kontrollen des Lokalbefundes zum Ausschluss eines Lokalrezidivs.

Abb. 3: 67-jähriger Patient, schnell wachsender Tumor, MRT re. Oberschenkel, glatt begrenzte Raumforderung dorsal
Kasuistik 2
Die 62-Jährige wurde nach vorausgegangener Punktion einer sonografisch nachweisbaren z. T. flüssigkeitsäquivalenten Raumforderung rechts gluteal zugewiesen. Punktiert worden sei hämolytischer Cysteninhalt (Abb. 6). Zurückgeführt wurde das Geschehen auf einen bereits längere Zeit zurückliegenden Sturz auf das Gesäß. Immer noch unter der Vorstellung eines Hämatoms erfolgte dann der Versuch einer minimalinvasiven Entlastung, das gewonnene Punktat war zytologisch unauffällig. Wg. der Ausbildung eines scheinbaren, neuerlichen Hämatoms erfolgte im Anschluss daran die offene Revision mit Gewinnung großer Anteile von zerfallendem Weichgewebe, bei dem es sich histologisch um ein hochmalignes pleomorphes Liposarkom handelte. Bei der anschließenden MRT-Diagnostik kam ein ausgedehnter, teils intragluteal gelegener Weichteilprozess zur Darstellung mit enger Beziehung zum pararectalen Fettgewebe, allerdings sicher in seiner Ausdehnung verfälscht durch das postoperative Ödem (Abb. 7). Die RO-Resektion des Tumors erfolgte dann in Kooperation mit den Allgemeinchirurgen im Hause mit unkompliziertem postoperativem Verlauf (Abb. 8, 9).

Abb. 4: RO-Resektion eines hoch differenzierten Liposarkoms (Abbildungen/Quelle: Dr. Horst Aschoff) Abb. 5: Unkomplizierter postoperativer Verlauf, keine Funktionseinbuße

Wg. der statistisch erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Fernmetastasierung erfolgen in zunächst dreimonatigem Abstand eine CT-Kontrolle des Thorax, zum Ausschluss eines Lokalrezidivs ein MRT. Vier Wochen postoperativ wurde die lokale Bestrahlung der Glutealregion re. eingeleitet. Bis dato ergab sich kein Hinweis für ein Lokalrezidiv oder eine Filiarisierung des Tumors.

Kasuistik 3
Es handelte sich um eine 65-jährige Patientin mit einer seit einigen Wochen bestehenden Schwellung im Bereich der linken Oberschenkelinnenseite (Abb. 10). Eine einmalige Punktion durch den Hausarzt war unauffällig und zeigte Hämatomflüssigkeit. Auch hier vermutete die Pat. selbst ein länger zurückliegendes Unfallereignis, nämlich eine Zerrung des li. Oberschenkels als Ursache für das Geschehen. Im MRT fand sich dann eine glatt begrenzte Raumforderung in der gesamten Adduktorenloge ohne Zeichen einer Infiltration der Umgebung (Abb. 11). Eine durch uns per sog. „true cut biopsie“ gewonnene Gewebeprobe zeigte zerfallendes Weichgewebe, histologisch einem Leiomyosarkom entsprechend. Angesichts des günstigen MRT-Befundes erfolgte die komplette Ausräumung der Adduktorenloge (Abb. 12). Die histologische Aufarbeitung des Gewebes zeigte ein im Gesunden resiziertes, gering differenziertes Leiomyosarkom, also am ehesten um ein Sarkom, ausgehend von der glatten Muskulatur einer Gefäßwand. Der postop. Verlauf war durch eine Lymphfistel kompliziert, drei Monate postop. allerdings war diese trocken abgeheilt und es zeigte sich eine überraschend geringe Funktionsminderung des Beines. Eine an sich erforderliche Radiatio des li. Oberschenkels wurde wg. der Lymphfistel zunächst ausgesetzt, sieben Monate nach Ersteingriff imponierte bei der Patientin dann trotz der histologisch nachgewiesenen RO-Resektion ein Lokalrezidiv, welches neuerlich mittels großzügiger Resektion sämtlicher tumortragender Anteile unter Mitnahme von M. satorius, M. semitendinosus sowie der angrenzenden Bereiche behandelt wurde. Die im Laufe der postop. Phase durchgeführte Diagnostik mit Lungen-CT und CT der Leber zeigte im Vergleich zur Voruntersuchung neu aufgetretene, pulmonale Rundherde in beiden Lungenflügeln. Die überaus rasche Progredienz dieses Befundes führte zum Ableben der Patientin knapp ein Jahr nach Diagnosestellung.

Abb. 6: 62-jährige Patientin mit sonografisch z. T. flüssigkeitsäquivalenter RF re. gluteal Abb. 7: MRT eines re. intragluteal gelegenen Weichteilprozesses

Kasuistik 4
Ein 83-jähriger Pat. wird wg. eines schnell wachsenden Tumors im Bereich der li. Oberschenkelinnenseite zugewiesen, vorausgegangen sei ein Sturz etwa acht Wochen vor Einweisung, Unfallgeschehen und Raumforderung werden seitens des Patienten in kausalem Zusammenhang gesehen. Der Befund zeigt einen derben, weit nach dorsal umgreifenden Tumor, vom Aspekt her malignomverdächtig. Die präoperative Diagnostik zeigte im MRT einen soliden Tumor im Bereich der Adduktorenloge mit Einscheidung des N. ischiadicus (Abb. 13), außerdem fand sich im CT eine Filiasierung in Lunge und Leber. Makroskopisch konnte der Tumor radikal ohne Verletzung von Gefäß oder Nerv entfernt werden (Abb. 14), histologisch entsprach dieser einem hoch und herdförmig mittelgradig differenzierten Liposarkom.

Abb. 8: RO-Resektat des hochmalignen pleomorphen Liposarkoms Abb. 9: Befund ca. vier Wochen postoperativ

Diskussion
Kennzeichnend für alle vorgestellten Fälle ist der relativ lange Zeitraum zwischen dem ersten Bemerken einer Raumforderung und der endgültigen Sicherung der Diagnose. Dem Kausalitätsbedürfnis der Patienten entsprechend werden Schwellungen leicht auf Bagatelltraumen zurückgeführt, nur die exakte Anamnese und klinische Untersuchung schützen den Arzt vor Fehldiagnosen.

Abb. 10: Schwellung li. Oberschenkelinnenseite nach Sturz vor mehreren Wochen Abb. 11: MRT li. OS - glatt begrenzte Raumforderung in der Adduktorenloge

Bei jedem begründeten Verdacht auf das mögliche Vorliegen einer durch äußere Umstände nicht plausibel zu erklärenden Weichteilschwellung muss eine umfassende Diagnostik in Gang gesetzt werden.
Abb. 12: RO-Resektion eines Leiomyosarkoms

Die Sonografie kann dem erfahrenen Untersucher erste Hinweise auf das Vorliegen einer malignen Raumforderung geben, für die Extremitäten ist aber das Kontrastmittel gestützte MRT die Untersuchung der ersten Wahl bei der Darstellung von Weichteilsarkomen.

Die histologische Sicherung sollte mittels so genannter „True-Cut-Technik“, also mittels offen chirurgischer Gewebsentnahme und nicht mittels Punktion oder Stanzbiopsie erfolgen, um falsch negative Ergebnisse zu vermeiden.

 

Abb. 13: 83-jähriger Patient, acht Wochen nach Sturz, schnell? wachsender Tumor li. Oberschenkel Abb. 14: R1-Resektat eines pleomorphen Liposarkoms

Ziel jeder chirurgischen Therapie muss die RO-Resektion des Tumors im Gesunden sein, da hiervon entscheidend das Nicht-Auftreten von Lokalrezidiven als auch von Fernmetastasen abhängt. Der Radikalität der chirurgischen Maßnahme werden jedoch durch den drohenden Verlust der Funktion einer Extremität Grenzen gesetzt, da in mehreren Studien keine signifikanen Unterschiede hinsichtlich der Überlebensrate zwischen primärer Amputation und Extremitätenerhalt gesehen wurden. Das Überleben des Patienten hängt in jedem Fall mehr vom Vorliegen von Fernmetastasen als von Komplikationen ab, die durch das Auftreten von Lokalrezidiven entstehen. Anzustreben für die Behandlung der Weichteilsarkome ist demnach die extremitätenerhaltende chirurgische Behandlung. Sowohl durch Verfeinerung der chirurgischen Techniken als auch durch Fortschritte in der onkologischen Behandlung konnte der Anteil der initial für erforderlich gehaltenen Extremitätenamputationen auf ca. fünf Prozent aller behandelten Fälle gesenkt werden. Ausreichend engmaschige Nachkontrollen mit regelmäßigen Kontroll-MRT und -CT sind ein weiterer unverzichtbarer Baustein der erfolgreichen Behandlung der Weichteilsarkome.
Dr. Horst Aschoff, Sana Kliniken Lübeck, Krankenhaus Süd, Abt. Plastische und Handchirurgie, Kronsforder Allee 71-73, 23560 Lübeck


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2008

S. 58-62