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Forscher aus Kiel
entwickelt Typisierungssystem
Die Alleskönner unter den Stammzellen
Franz-Josef Müller
Wie lässt sich das Potenzial erkennen, das in humanen Stammzellen
steckt? Welche Zelle hat die Fähigkeit, jede beliebige Ausdifferenzierung
innerhalb des menschlichen Organismus anzunehmen? Ausgehend von
der These, dass Stammzellen untereinander sehr viel weniger ähnlich
sind, als bisher bekannt, haben deutsche, israelische und amerikanische
Wissenschaftler ein Prüfsystem entwickelt, das die Wissenschaftszeitschrift
Nature am 24. August 2008 in ihrer Online-Ausgabe publiziert
hat (www.nature.com/ nature). Mittels dieser neuen Methode lassen sich
völlig verschiedene Stammzellen typisieren. Vor allem lässt
sich herausfinden, welche Stammzellen beliebig ausdifferenzieren können,
also pluripotent sind.
Ständig entstehen neuartige Methoden zur Gewinnung neuer Stammzelllinien
in der Kulturschale, die wir für Forschung und Therapie ja dringend
brauchen, erläutert Erstautor Dr. Franz-Josef Müller vom
Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) am Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Bisher konnten wir nur im Tierversuch
herausfinden, wie potent die einzelnen Linien sind. Unsere neuen Instrumente,
Methoden aus der Künstlichen-Intelligenz-Forschung und das ,PluriNet
geben uns nun die Möglichkeit, mittels computergestützter Modelle
die Fähigkeiten der Zellen zu erkunden.
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Beispiel dieses Protein-Netzwerks, welches in menschlichen embryonalen
Stammzellen aktiv ist, zeigen Forscher aus Deutschland, Israel und
den USA einen Weg auf, wie Computermodelle von Stammzelleigenschaften
in der nahen Zukunft bestimmte Tierversuche zur Testung von neuartigen
Stammzellen unnötig und Stammzelltherapien für die Patienten
sicherer machen könnten. |
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| Abbildungsdetails:
Genexpression von PluriNet in einer humanen, induzierten pluripotenten
Stammzelllinie (BJ1-iPS12), die von Forschern an der Harvard Universität
entwickelt und in der aktuellen Untersuchung getestet wurde. |
Die Verbindungen
zwischen den Genen, die in menschlichen embryonalen Stammzellen besonders
aktiv sind und bisher schon bekannt waren, sind rot dargestellt. Der
wesentliche Anteil des Netzwerks konnte durch die aktuelle Arbeit
angefügt werden. (Fotos: Copyright Franz-Josef Müller, ZIP,
u. a.) |
Am meisten überraschte
es uns, dass unterschiedliche pluripotente Stammzellen, zu denen auch
die so genannten und in Deutschland kontrovers diskutierten embryonalen
Stammzellen gehören, untereinander sehr ähnlich sind, während
andere Stammzelltypen, wie z. B. die Stammzellen, die aus Gehirngewebe
gewonnen werden können, voneinander sehr verschieden sind,
berichtet Müller.
Unter der Leitung von Prof. Jeanne F. Loring, Direktor des Center for
Regenerative Medicine am Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien,
sammelten Müller und seine Kooperationspartner Proben von über
hundert Stammzelllinien aus der ganzen Welt ein. Mittels Gen-Chip und
EDV-Auswertung konnten in verschiedenen Stammzelltypen bereits bekannte
Stammzell-Gene nachgewiesen werden. Gleichzeitig machte die Auswertung
aber auch deutlich, dass es hunderte weitere unterschiedliche Gene gibt,
die erklären könnten, warum auch Stammzellen, die bisher als
identisch galten, in Versuchen unterschiedlich reagieren.
Gemeinsam mit den israelischen Kollegen Igor Ulitsky und Professor Ron
Shamir von der School of Computer Science der Universität Tel Aviv
gelang es, die Daten aus Gen-Chip Untersuchungen auf bekannte Proteinnetzwerke
zu projizieren und so auf elektronischem Wege Eigenschaften
der einzelnen Zelllinien zuverlässig vorherzusagen.
Anders als bisher in der Stammzellforschung haben die beteiligten Wissenschaftler
mit dieser Arbeit das genetische System der Stammzellen insgesamt in den
Blick genommen. Mit dem üblichen reduktionistischen Ansatz,
der sich auf die Untersuchung und den Vergleich von Details konzentriert,
käme man irgendwann nicht mehr weiter, so Prof. Josef Aldenhoff,
Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie und Direktor
des Zentrums für Integrative Psychiatrie. Er betont, dass gerade
der Wille, einen komplexen Ansatz zu wählen, aus der psychiatrischen
Arbeit komme: In unserem Fach sind wir es gewohnt, mit komplexen
Systemen wie dem menschlichen Verhalten umzugehen. Das hat auch den Ansatz
dieses Projekts geprägt und dazu geführt, dass man sich das
System an sich vorgenommen hat, um ein Gesamtbild zu erhalten. Für
mich ist dieses Gesamtbild die eigentliche Sensation der Arbeit, weil
dies ganz neue Aufschlüsse liefert.
Franz-Josef Müller ist als Assistenzarzt und Wissenschaftler an der
Kieler Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig. Ein
Teil der Arbeit entstand während seines Gastaufenthaltes am Scripps
Research Institute.
An der Entwicklung von PluriNet waren unter anderem der Neurochirurg Dr.
Nils O. Schmidt aus dem Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf
sowie Dr. Dennis Kostka vom Max-Planck-Institut für Molekular Genetik
in Berlin beteiligt. Während in Eppendorf bisher einzigartige Zellkulturen
neuraler Vorläuferzellen (HANSE-Zellen) entstanden, entwickelte
Dr. Kostka die Algorithmen für das Stammzell-spezifische Computermodell.
Ermöglicht wurde das Ergebnis darüber hinaus durch eine Nachwuchsforschungsförderung,
die Franz-Josef Müller 2006 von der Christian-Albrechts-Universität
erhielt, sowie im Rahmen der Grundlagenarbeit des Sonderforschungsbereichs
SFB654/C5 Plasitizität und Schlaf am ZIP.
Um PluriNet für die internationale Forschergemeinschaft zur Verfügung
zu stellen, entwickel-
ten die Wissenschaftler eine Internetplattform - www.stemcellmatrix.org
-, auf der sie alle Ergebnisse und das Modell der Öffentlichkeit
frei zur Verfügung stellen. Wir haben uns dafür entschieden,
alles als ,open source und mit Verknüpfungen zum weltweit freien
Online-Lexikon Wikipedia bereit zu stellen, so Franz-Josef Müller,
weil wir uns dadurch einen Anstoß für die internationale
Forschung erhoffen. Je schneller die Erkenntnisse international aufgenommen
und reflektiert werden, desto eher werden wir mit Stammzellen erfolgreich
und sicher Patienten behandeln können.
Susanne Schuck, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Presse
und Kommunikation, 24098 Kiel, Kontakt: Dr. Franz-Josef Müller, E-Mail
fj.mueller@zip-kiel.de
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2008
S. 56, 57
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