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Medizin und Wissenschaft

Aspekte der Gerontologie und Geriatrie
Wally und Horst Hagen

Die Zunahme des Lebensalters beim Menschen gehört vor allem in der westlichen hochzivilisierten Welt zu den auffälligsten Phänomenen unserer Zeit. Dafür ist in erheblichem Maße die Medizin verantwortlich. Hinzu kommt eine heute ganz andere Lebensführung als noch im vorigen Jahrhundert. Bessere Ernährung, bewusste Körperpflege diesseits der medizinisch-wissenschaftlichen Hygiene und Parasitologie, Früherkennung von Krankheiten, Vorbeugung vor Unfällen, Schutz vor Witterungseinflüssen verlängern u. a. das Leben. Menschen erreichen dadurch im Durchschnitt ein höheres Lebensalter. So erhöht sich die Anzahl alter Menschen permanent. Das wirkt sich demografisch besonders massiv aus, weil zugleich die Geburtenrate sinkt.

Gerontologie und Geriatrie stehen in einem Spannungsfeld an der Schnittstelle zwischen biowissenschaftlicher und soziologischer Forschung, so wie die Anthropologie als Lehre vom gesunden Menschen der Medizin als Lehre vom kranken Menschen gegenübersteht. Längst ist in der Kontroverse zwischen diesen beiden Disziplinen die Anthropologie unterlegen: Krankheiten sind für die Masse gesunder Menschen ein Menetekel, mit dem sich jeder Mensch auseinandersetzen muss. Das ist eine Herausforderung für die Medizin. Solange der Mensch sich gesund fühlt, gibt’s für ihn keinen Anlass, über Einzelheiten seines Wohlbefindens nachzudenken, zu wissen, wie sein gesunder Körper funktioniert. Kranke dagegen erstreben die Befreiung von Beschwerden.

Mit dem Anwachsen der Zahl alter Menschen können die meisten noch nicht sachgerecht umgehen. Die von den Medien verbreiteten Vermutungen über die Relevanz dieses Themas sind meist nicht korrekt und verunsichern alle Betroffenen. Über gesunde Senioren und ihre körperliche und geistige Verfassung ist nur sehr wenig bekannt, weil sich die Entwicklung ihrer längeren Lebensdauer geradezu atemberaubend schnell vollzieht. Aufklärung geben nur gezielte wissenschaftliche Untersuchungen. Für eine verlässliche, statistisch verwendbare Aussage benötigt man große Kollektive gleichaltriger, hochbetagter, nach Geschlechtern und Altersklassen getrennter Menschen. Wir müssen den molekularen Prinzipien des Alterns nachgehen und mögliche genetische Ursachen erforschen. Organe und ihre Systeme altern bei allen Lebewesen unterschiedlich schnell, vor allem bei jedem Einzelindividuum. Der Stellenwert der heute aktuellen Noxen in der Umwelt bedarf eingehender Analysen. Der Lebensstil, der sich ständig ändert, muss als weiterer Ursachenkomplex von der Wissenschaft unter die Lupe genommen werden. Dazu gehört die Überschwemmung unserer Gehirne mit immer neuen Memen, was früher als tradigenes Lernen bezeichnet wurde: Pausenlos werden wir mit hörbaren und in den Medien sehbaren Eindrücken berieselt, die unsere Lebensgestaltung und unsere Leitkultur in beträchtlichem Ausmaß beeinflussen. Deshalb ist profundes Wissen über die Grenzen zwischen Gerontologie und Geriatrie aus verschiedenen Blickwinkeln heute unerlässlich wichtig.

Zum einen haben Senioren das Anrecht zu erfahren, ob ihre Beschwerden krankhaft oder nur auf normales, physiologisches Altern zurückzuführen sind. Uns sind viele Alte bekannt, die unter einer vermeintlichen Krankheit seelisch auf das Schwerste leiden und deshalb ein Leben mit stark verminderter Lebensqualität führen. Sie sind bedrückt wie alle kranken Menschen. Aus der Sicht eines alten Menschen und seiner um ihn besorgten Angehörigen ist es fundamental wichtig zu wissen, ob die Beschwerden Hinweise auf eine Krankheit sind oder „nur“ Zeichen eines normal ablaufenden Alterungsprozesses. Dieses ,nur’ hat gewaltigen Einfluss auf die seelische Befindlichkeit! Mit einer Krankheit ist besonders im Alter immer die Sorge eines unerwartet schnellen Fortschreitens verbunden. Der korrekte Ausschluss eines echten Morbus erhöht bei Senioren die Lebensqualität in ganz besonderem Maße. Die Gewissheit, trotz allerlei Beschwerden nicht wirklich krank zu sein, gibt ihnen gewaltigen Lebensmut. Jetzt können sie ihre von ihnen dann „Wehwehchen“ genannten Gebrechen auf ganz normalen Altersabbau zurückführen.

Zum anderen ist mangelhafte Kenntnis der Gerontologie Teilursache unseres gebeutelten Gesundheitssystems. Es werden nämlich immense Kosten für ständige Kontrollen von Befunden ausgegeben, die nichts weiter bestätigen, als dass bereits bekannte Zeichen des Altersabbaus immer noch bestehen. Wir selbst kennen alte Patienten, die über Jahre hin von Quartal zu Quartal nicht nur Blutfette und Cholesterine immer wieder ,kontrollieren’ lassen (müssen). Wegen ihres seit vielen Jahren bekannten unveränderten Vorhofflimmerns werden in sinnlos kurzen Abständen Langzeit-EKGs veranlasst, Sonografie, MRT und weitere aufwändige Untersuchungen bei anderen Beschwerden. Wenn ein Arzt solche Wiederholungen nach ausführlichem Gespräch begründet verweigert, geht der Versicherte eben zu einem anderen. Die freie Arztwahl hat er ja schließlich. Letztlich ist die Arteriosklerose für eine Fülle von so genannten Alterskrankheiten verantwortlich, deren wirklicher Krankheitswert sehr zweifelhaft ist. Für mehr als die Hälfte aller Todesursachen alter Menschen ist die Arteriosklerose verantwortlich. Damit setzt sie doppelt so vielen Menschenleben ein Ende wie alle malignen Erkrankungen. Bei der großen Häufigkeit der Arteriosklerose und der bekannten Zunahme im Alter führt das zu folgenschweren Fragen: Ist die Arteriosklerose eine eigenständige Erkrankung oder ist sie das Ergebnis eines physiologischen Prozesses? Dabei ist unstrittig, dass atheromatöse und arteriosklerotische Prozesse für viele determinierte Krankheiten pathogenetische Relevanz haben.

Die Presbyopie sehen auch die Ophthalmologen nicht als Krankheit an. Der Icterus neonatorum ist genau so wenig eine Erkrankung wie der Wechsel vom Milchgebiss zum bleibenden. Selbst dass dieses eines Tages spontan ausfallen und durch eine Prothese ersetzt werden muss, ist nicht als Erkrankung anzusehen. Grauwerden der Haare, Glatzenbildung, Menopause, Arthrose, Einschränkung hörbarer Tonfrequenzen sind weitere Beispiele an der Grenze zwischen Krankheit und physiologischem Alterungsprozess. Dieser verläuft von Person zu Person unterschiedlich. Ob überhaupt und wenn von welchem Intensitätsgrad an der Abbau des Kalkgehaltes der Knochen eine Krankheit sui generis ist, bleibt zweifelhaft. Eine krankhafte Oste- oporose ist bei außerordentlich vielen alten Menschen feststellbar. Ist das Lungenemphysem altersbedingter Verschleiß oder eine anderweitig verursachte Erkrankung? Es gibt geteilte Meinungen darüber, ob die symptomlosen Prostatakarzinome nicht vielleicht trotz über viele Jahre lang immer wieder gemessener erhöhter PSA-Werte in die Gerontologie oder in die Geriatrie einzuordnen sind. Fragen zu routinemäßigen engmaschigen Überprüfungen von Markern stellen sich für die Befunde in allen Organsystemen, in denen solche messbar sind. Dasselbe gilt für bildgebende oder andere registrierende Verfahren.

Besondere Aufmerksamkeit wird der geistigen Leistungsfähigkeit gewidmet. Die Diagnose einer alzheimerschen Erkrankung ist geradezu modern. Ihre korrekte psychiatrische Abgrenzung von einer arteriosklerotischen Demenz wird oft einer unqualifiziert voreiligen, nur scheinbar sicheren Diagnose geopfert, weil es alle möglichen Laien so und nicht anders vorwegnehmen. So erfahren alte Menschen und ihre Angehörigen nicht, ob das Erscheinungsbild nicht womöglich nur Ausdruck eines normalen physiologischen Verschleißes einiger Hirnbezirke ist.

Die Abgrenzung der Gerontologie von der Geriatrie ist zweifellos schwierig. Sie bietet vielleicht auch Raum für sophistische Spekulationen. Dennoch möchten wir nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass auch wir in jedem Zweifelsfall einer klassischen Diagnostik das Wort reden. Denn ohne Frage gibt es bei alten Menschen auch eine Menge von Befunden, die dringend einer Diagnostik zugeführt und dann behandelt werden müssen.

In der modernen Biologie gewinnt der angloamerikanische Fachausdruck der life history theory zunehmend an Bedeutung. Er erklärt viele physiologische und verhaltensbiologische Einzelheiten, besonders in ihrer Beziehung zur Reproduktion. Viele Versuche der Übersetzung dieses Terminus ins Deutsche sind schwammig. Einige Biologen übersetzen ihn als Lebenszyklusstrategie. Tatsächlich bezieht sich die life history u. a. auf bestimmte zyklische biologische Merkmale, wie z. B. Lebensdauer und Alter bei Erreichen oder Erlöschen der Fortpflanzungsfähigkeit. Jener Teilaspekt der life history, dass Homo sapiens immer älter wird, gehört auch in den Zusammenhang dieser Abhandlung.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass Alte unter anderen Krankheiten leiden als Junge. Die vielen vom Lebensalter abhängigen Erkrankungen unterscheiden wir im alltäglichen Sprachgebrauch der Medizin, etwa als Säuglings- und Kinderkrankheiten, Alterskrankheiten und Erkrankungen des mittleren Lebensalters. Das Alter der einzelnen erkrankenden Organe und ihre Belastung im bisherigen Leben sind dafür wichtige Merkmale. Auch Dauer und Stärke der Einwirkung aller Umweltbelastungen spielt eine Rolle. Die Intensität krankmachender Noxen hat hohe Bedeutung. Ursachen für die Abhängigkeit vom Lebensalter sind nicht nur morphologisch als Verschleiß zu bewerten, sie können auch hormonale Ursachen haben wie pubertäre oder klimakterische Krankheiten. Im Alter verschlechtert sich oft die Resorption der Nahrung. Das kann zu Mangel an Vitaminen, Spurenelementen und Mineralien führen und so ,Krankheitsbilder’ vortäuschen. Gleichermaßen können angeborene konstitutionelle Faktoren und Formen zu zeitlich unterschiedlichen Verschiebungen bestimmter Stadien der life history beitragen. Dabei handelt es sich durchaus nicht nur um biogenetisch ererbte Anlagen, sondern auch um memetisch (tradigen) erworbene Eigenschaften.

Die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Lebensalter und körperlicher sowie seelischer Verfassung ist zentrale Aufgabe der Gerontologie. Leider gibt es derzeit nur wenige Zentren, die sich mit dieser deskriptiven Wissenschaft beschäftigen. Fast immer wird das Problem in einen sozialpolitischen Zusammenhang gestellt. Es geht meist darum, wie lange ein Mensch noch arbeiten kann und ob und ab wann er zum Empfänger staatlicher Unterstützung oder zum Pflegefall wird. Es ist vielfach noch ganz unbekannt, welche Vorgänge etwa bei den morphologischen Strukturen, auch im Stoffwechsel oder im seelischen Bereich ganz normales gesundes Altern darstellen. Die Gerontologie hat die Geriatrie als einen übermächtigen Klotz am Bein. Alles was an alten Menschen beobachtet wird, vereinnahmt zunächst einmal die Medizin, eben im Sektor der Geriatrie. Das liegt nur zum Teil an einer gewissen Anmaßung der Medizin, alles an sich zu reißen, was so aussieht, als wäre es krankhaft. Vielmehr wissen wir zu wenig von der Normalität des Alters. Einen großen Einfluss auf die Forschung in der wissenschaftlichen Gerontologie übt die Sozialwissenschaft aus. Sie benutzt allerdings zur Erforschung der Alterungsprozesse andere Kollektive und Untersuchungsmethoden als die Gerontologie.

In den Zusammenhang Langlebigkeit und life history theory der Menschen gehört auch das Großmuttersyndrom. Bei Homo sapiens endet das Leben nicht - wie bei fast allen Säugetierarten - mit Abschluss der Fortpflanzungsfähigkeit. Beim Menschen leben nach bisherigen Statistiken Frauen noch einmal so lange, wie sie fortpflanzungsfähig sind. Nach der Menopause besitzen sie keine fertilen Keimzellen mehr. Männer können bewegliche Spermien bis ins Greisenalter produzieren. Gleichwohl gibt es beim Mann einen Lebensabschnitt, in dem er nur ausnahmsweise noch Kinder zeugt. Auch das ist im Übrigen ein Signum der life history des Menschen und aller sozial lebenden Tierarten.

In der Biologie unterscheidet man r- und K-Strategen. Nahezu alle gesellig lebenden Tiere richten ihre Sozialorganisation nach der K-Strategie. K-Strategen haben wenig Nachwuchs, der sehr lange betreut wird. Sie sterben erst nach der Entlassung der letzten eigenen Nachkommen in die Selbstständigkeit. r-Strategen produzieren möglichst große Zahlen von Jungtieren, die kaum betreut und schnell selbstständig werden; wobei ein sehr großer Teil der Kinder umkommt.

Neben dem Großmuttersyndrom diskutiert man heute auch das Großvatersyndrom. Diesem proximaten Aspekt der beendeten Vermehrung steht die ultimate Bedeutung gegenüber: Großeltern haben andere wichtige Aufgaben, um ihren Nachwuchs zu begünstigen und damit die eigene inclusive fitness im Sinne der Soziobiologie zu verbessern. Nach Dawkins dreht es sich in der Fortpflanzung nicht um die Erhaltung der Art, sondern um das Weitergeben von Erbgut an möglichst viele Nachkommen. Die Genome benutzen Individuen zu ihrer möglichst weiten Verbreitung. Das erklärt - nebenbei bemerkt - gleichfalls, dass die immer mit dem englischen Terminus belegte inclusive fitness sich auch auf die erfolgreiche Lebensbewältigung der nachfolgenden Generationen bezieht. Menschen sind biologisch bereits geschlechtsreif, während sie noch in der elterlichen Familie leben und von dieser noch betreut und geschützt werden. Sozial sind sie für die Vermehrung erst ein paar Jahre nach der Menarche reif, wenn sie „auf eigenen Füßen stehen“. In dieser Zeit sind Großeltern, vor allem Großmütter besonders stark in die Verantwortung der Erziehung mit eingebunden. Diese Ausstattung der Enkel mit lebenswichtigem Wissen geschieht meist auf memetischem Wege. Letztendlich sind Enkel Träger des großelterlichen Genoms. Viele Modalitäten, das Leben erfolgreich anzupacken, erfahren junge Menschen durch Großeltern. Auch Traditionen als weitere Befähigungen zum Gelingen des Lebens, übernehmen Menschen häufig von Großeltern. Die Weitergabe bewährter Lebensart geschieht weit mehr in memetischer Form als Nachahmung von vertrauenswürdigen verwandten Vorbildern als durch belehrende Erziehung.

Bei alledem darf nicht vergessen werden: Die Hauptaufgabe des Investments beim Großbringen der Kinder liegt mit 90 Prozent bei der Mutter. Betreuung durch Väter findet bei heutigen Menschen nur marginal statt. Die biologischen Aufgaben der Väter sind durch die Zivilisation weitgehend verschwunden. Fleisch wird nicht mehr von Familienvätern erjagt, sondern im Supermarkt an der Ecke gekauft. Verteidigung der Familie geschieht nicht mehr mit der Waffe in der Hand und nur selten weit von der Familie entfernt, wie etwa am Hindukusch. Ehen oder feste Zweierbeziehungen von einem Mann und einer Frau mit der arbeitsteiligen Aufgabe zur Aufzucht möglichst vieler Kinder zerfallen. Während der Menschwerdung gültige Strukturen verschwinden aus manchen heutigen Kulturen. Der immer älter werdende Mensch übernimmt im Rahmen des Großelternsyndroms in einer von der K-Strategie gesteuerten Kultur manche von den bisher zuständigen Verwandten vernachlässigte Aufgaben.
Dres. Wally und Horst Hagen, Nordmeerstr. 13, 23570 Lübeck-Travemünde


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2008

S. 52-55