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Bad Segeberg
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| Demenz Besser gut sein! Werner Loosen
Vor dem Hintergrund einer immer schnelleren und umfangreicheren Wissenszunahme und neuerer diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten ist ein stetiges Lernen besonders in unserer ärztlichen und medizinischen Profession unabdingbar. So eröffnete Akademieleiter Dr. Henrik Herrmann die Jahresveranstaltung der Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung der Ärztekammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg. Thema Demenz - Herausforderung für eine interdisziplinäre Versorgung. Dies sei ein wirklich herausragendes Problem, nicht allein im medizinischen Bereich, sondern es tangiert unsere Gesellschaft in einem außergewöhnlichen Maß. Da passe das Motto der Akademie Besser gut sein. Für die lang dauernde Vor- und Nachbereitung der Tagung dankte Henrik Herrmann allen Mitarbeitern der Akademie, vor allem Geschäftsführerin Helga Pecnik und deren Mitarbeiterin Rabea Brunke.
Dr. rer. pol. Hellmut Körner, Staatssekretär im Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein, erklärte, die Tagung berühre mehrere Aspekte, für die sein Ministerium zuständig sei, den medizinischen, den pflegerischen und den gesellschaftspolitischen Bereich. Hellmut Körner erinnerte an die wegweisenden Worte, die der Moderator und wissenschaftliche Leiter der Tagung, PD Dr. Werner Hofmann, in einem Interview mit dem Ärzteblatt (6/2008) gefunden habe, als er Schleswig-Holstein beim Umgang mit Demenz eine Vorreiterrolle bescheinigte: Wir müssen jetzt Gutes fortsetzen und beispielsweise für eine noch breitere Vernetzung zwischen Ehrenamt und kommunalen Strukturen sorgen - das ist im Bereich Demenz eine der vornehmsten Aufgaben kommunaler Daseinsvorsorge, sagte Hellmut Körner. Keineswegs dürfe das Thema Demenz allein den Spezialisten übertragen werden: Das geht nicht - Demenz findet unmittelbar in unser aller Nachbarschaft statt. Dort versorgt werden, wo andere versorgt werden - das nenne ich ein anspruchsvolles Leitbild! Die Tagung trage dazu bei, das Thema in die nichtärztliche Öffentlichkeit zu bringen: Wenn wir uns intensiv um demente Menschen kümmern, dann ist das für unsere Gesellschaft eine Bereicherung.
Kammerpräsident Dr. Franz Bartmann unterstützte dieses Anliegen: Insofern ist dies Fortbildung par excellence, denn es gibt keinen Bereich ärztlicher Tätigkeit, der nicht mit Demenz zu tun hat, sagte er. PD Dr. Werner Hofmann, Chefarzt Geriatrie am Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster (FEK), erklärte, alle am Zustandekommen der Tagung Beteiligten hätten erkannt, dass die Demenz ein Bestandteil unseres Lebens ist. Ausgeräumt werden müssten aber Schwierigkeiten wie die, eine beginnende Demenz an- und auszusprechen. Die Demenz sei eine Alterskrankheit, aber: Nach wie vor wissen wir zu wenig über die innere Welt der Demenzkranken, die einerseits von Resignation, andererseits aber von großer Motivation gekennzeichnet sein kann, betonte Werner Hofmann. Unklar sei, wann die jetzt laufenden Forschungen die Patienten erreichten.
Wir Männer haben es besser, wenn es um Demenz geht - wir werden nicht so alt! Das sagte Prof. Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum rechts der Isar, München. Demenz als Alterskrankheit sei ein Erfolg der Medizin, immerhin arbeiten wir erfolgreich pro Alter! Sie sei auch nichts Neues, über sie werde schon in der Antike berichtet: Der Kollege Alzheimer hat bloß vor hundert Jahren genauer nachgeschaut; die Hirnveränderungen im Alter waren für ihn Norm. Hans Förstl nannte die Demenz eine demokratische Erkrankung, da jeder dement werden könne. Die Medizin müsse dafür sorgen, dass die Manifestation möglichst weit hinausgeschoben werde. Das gelinge am besten, wenn wir dafür sorgten, dass alle anderen Organe weitgehend gesund bleiben, davon profitiert das Gehirn. Dazu tragen nach den Worten von Hans Förstl eine gute Schul- und Berufsausbildung, Sport und das allgemeine Befinden bei: Die Vorbeugung gegen die Demenz beginnt also nicht in der Geriatrie, sondern schon in der Schulzeit. Da es einen eindeutigen Bezug zwischen depressiver Grundhaltung und späterer Demenz gebe, komme es darauf an, sie konsequent zu erkennen und zu behandeln. Frauen seien auch hier bevorzugt, weil sie mehr soziale Kontakte pflegen. Wenn die Menschen insgesamt länger arbeiteten, könne das dazu beitragen, die Manifestation einer Demenz hinauszuschieben.
Wenn wir alle untersuchen, steigt die Zahl der Dementen in Schleswig-Holstein schnell über die derzeitigen 40 000. Daran erinnerte Prof. Dr. Hans-Christian Hansen, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Psychiatrie am FEK. Eine gute Diagnose aber sei wichtig, weil wir so rechtzeitig feststellen können, ob es überhaupt eine Demenz ist. Auch lasse sich - vielleicht - das Funktionsniveau halten. Nach den Worten von Hans-Christian Hansen beginnt die Demenz mit unspezifischen Symptomen: sozialer Rückzug, Affektstörungen, vor allem depressive Verstimmung, Fehlhandlungen, sprachliche Verarmung: Behandelt die Depression! Achtet auf Suchtschädigungen durch Alkohol und Medikamente!, rief der Chefarzt seinen Kollegen zu. Wichtig ist demnach eine frühe neurologisch-psychiatrische Untersuchung. Bei der Differenzialdiagnose sei auf den Unterschied Depression oder Demenz zu achten, Testbögen ersetzten nicht die ärztliche Untersuchung. Die Alzheimer-Demenz sei durch schleichenden Beginn, Vergesslichkeit, Erschöpfung, Wortfindungsstörungen, Angst und Depression gekennzeichnet. Ein Patient mit frontotemporaler Demenz sei ablenkbar, unstet, unberechenbar, eine ursächliche Therapie gebe es nicht. Bei der vaskulären Demenz, etwa nach einem Schlaganfall, komme es vor allem zu Aufmerksamkeitsstörungen. Hans-Christian Hansen: Viele Patienten haben viele Ursachen. Besonders vaskuläre Risikopatienten müssen beobachtet und dann muss festgestellt werden, ob sie adäquat behandelt werden. Denken Sie an den Bluthochdruck, das kann wichtig sein bei einer Alzheimer-Demenz! Wegen der Störung an den Neurofibrillen geht bei fast allen Patienten mit Alzheimer-Demenz der Geruchssinn unbemerkt verloren, ähnlich wie bei Parkinson oder der Lewykörper-Demenz. Vielleicht eignet sich dies für die Früherkennung. Leichte kognitive Störungen bezeichnete Hans-Christian Hansen als Vorstufe späterer Demenz. Es bestehe ein hohes Risiko, in die Alzheimer-Demenz oder eine andere Form abzurutschen. Es sei aber sehr schwer festzustellen, ob das eine normale Alterserscheinung oder tatsächlich eine beginnende Demenz sei: Aufmerksamkeits- und Sprachtests können bei der Diagnose helfen. Eine Rückenmarkspunktion sei für den einen oder anderen vielleicht geeignet, keinesfalls aber flächendeckend.
Für den Lübecker Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Frank Niebuhr ist die Zusammenarbeit zwischen dem Hausarzt und der Wissenschaft absolut notwendig. Ein Problem: Der Demente kommt nicht zum Arzt, allenfalls der mit leichter kognitiver Störung. Für eine Diagnose in der Hausarztpraxis müssen die Symptome mindestens sechs Monate bestanden haben. Eine Primärprävention sei nicht möglich. Die Zunahme alters- und Ernährungsbedingter Erkrankungen und die fehlende Krankheitseinsicht der Patienten - es leiden hier die Angehörigen! - führen zu verzögerten Arztkonsultationen. Die Demenz in der Hausarztpraxis ist auch deshalb ein schwieriges Feld, weil es uns selten gelingt, an Geld für Betreuung und Pflege zu kommen. Zudem müssten die Praxismitarbeiter entsprechend ausgebildet sein, wozu auch die Befragung von Drittpersonen gehört, sagte Frank Niebuhr und nannte die vier geriatrischen I: Immobilität, Instabilität, intellektueller Abbau, Inkontinenz. Zum Thema Schmerz und Demenz stellte der Hausarzt fest, 60 bis 80 Prozent aller 60- bis 90-Jährigen litten unter chronischen Schmerzen, der demente Patient empfinde ihn als total. Morphine würden gut vertragen, und Benzodiazepine sind keine Schmerzmittel! Frank Niebuhr fügte an: Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren. Generell hätten die Hausärzte ein Problem: Wir sind oft zu betroffen vom Schicksal unserer Patienten - deshalb sind wir schlechte Gutachter. Lasst uns zusammenarbeiten mit dem Neurologen und dem Psychiater. Wir brauchen sie dringend!
Demente medikamentös behandeln? Dazu sagte PD Dr. Martin Haupt von der Privatärztlichen Praxis im Neuro-Centrum Düsseldorf, bei leichten kognitiven Störungen eigneten sich Antidementiva, Neuroleptika und Antidepressiva. Es komme darauf an, so früh wie möglich mit der Behandlung zu beginnen. Nicht-pharmakologische Möglichkeiten seien Koedukation, Verhaltens- und Ergotherapie. Die Therapieziele sind Symptomverbesserung und Verlaufsverzögerung. Werde kombiniert verfahren, gelinge es oft, die leichtere Phase der Erkrankung zu verlängern, man erhält mehr Lebensqualität.
Cholinesterasehemmer seien in der Lage, die Depression zu mindern. Memantine sei erst in einer späteren Phase empfehlenswert. Zu Neuroleptika gebe es bislang keine gute Studie, sagte Martin Haupt und verwies auf die hohe Nebenwirkungsrate mit teilweise bedeutsamen Komplikationen. Benzodiazepine sollten wegen vieler Risiken ganz nach hinten gestellt werden. Den nicht medikamentösen Interventionen bescheinigte Martin Haupt signifikante, den Therapiezeitraum überdauernde Effekte. Gut wirksam seien auch Interventionen bei pflegenden Angehörigen, sie führten unter anderem zu einer geringeren Einweisungsrate. Hervorragende Informationen gebe es bei den regionalen Alzheimer-Gesellschaften und den Demenz-Service-Stationen.
Am Schluss der vielstündigen Tagung dankte Henrik Herrmann dem Veranstaltungsleiter Werner Hofmann, den Referenten, den fast 300 Teilnehmern dieser gelungenen Akademieveranstaltung sowie dem Koepke-Quartett aus Ratzeburg für die musikalische Untermalung während der Pausen. Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg |
Schleswig-Holsteinisches
S. 19-23 |
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