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Rezensionen



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Die Aufgabe des Arztes (oder: Der Arzt gibt auf.)

Bibliographische Angaben: Thomas Müller, Books on Demand, Norderstedt 2007, Taschenbuch, 162 Seiten, ISBN 978-3-8370-0813-5, 10,80 Euro

Wenn man die 162 Seiten der Broschüre gelesen hat, Hausarzt oder Vertragsarzt schlechthin, ist einem die Laune auf jeden Fall verdorben. In 32 Kapiteln bzw. Abschnitten von der allgemeinen Notrufnummer bis Quartalsanfang zählt der Autor auf, warum die Aufgabe des an sich schönen Arztberufes heute im Argen liegt. Der Kollege Müller ist sehr gut informiert, hat sehr gut recherchiert und dokumentiert (Quellenangaben!). Er schreibt über die wirtschaftlichen Probleme des Vertragsarztes als selbstständiger Unternehmer genau so wie über die Quartalsgebühr und über die neuen Kartenlesegeräte. Es ist nicht nur so, das einem die Lektüre die Laune verdirbt, nein, sie lässt auch Zorn aufkommen, Zorn auf unsinnige Bürokratie und unsinnige Anordnungen. Eingebettet wird der Text in den geschichtlichen Gesamtrahmen.

Lesen sollten dieses kleine Buch alle Ärzte, aber auch Politiker und Patienten, damit sie Verständnis bekommen für den berechtigten Aufschrei der Ärzte, die auf die Straße gehen. Eine Gefahr für junge Leser allerdings ist es, dass sie mehr als schon bisher den erstrebten Beruf gar nicht mehr ausüben wollen (und werden), was - und auch das ist angeführt - die Situation keineswegs verbessert. Zu lesen ist das Taschenbuch - abgesehen von kleinen Ungereimtheiten - leicht und locker. Und bei all dem Negativen findet man hin und wieder eine kleine Prise Humor. Insgesamt empfehlenswert - aber keine erbauliche Wochenendlektüre.

Rezensent: Dr. Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9, 23570 Lübeck



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Schlimmer als H5N1!HIV/Aids und andere Bürden des neuen Südafrika

Bibliographische Angaben: Sebastian Spinner, Iatros Verlag Dienheim, 2007, 184 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-937439-19-08, 10 Euro


Inhaltsangabe: In diesem Buch schildert der Medizinstudent Sebastian Spinner seine Tätigkeit im Praktischen Jahr 2004/2005 im Jooste Krankenhaus in Kapstadt sowie im Coronation Krankenhaus und im Chris Hani Baragwanath Krankenhaus in Johannesburg. Diese Kliniken liegen in den Townships, die für Weiße üblicherweise „No-go-Areas“ sind. Dort ist - fern aller touristischen Highlights - das Leben geprägt von Armut, Aids und alltäglicher Gewalt. Anhand seiner Begegnungen mit vielen Patienten werden in eindringlicher Form Schicksale dargestellt, die für die meisten von uns kaum vorstellbar sind. Die uns bekannten abstrakten Zahlen epidemiologischer Studien aus dem südlichen Afrika bekommen dadurch ein Gesicht, in welchem sich die „Fratze Aids“ in erschreckender Form anhand vieler erschütternder Einzelschicksale zeigt. Dem Autor ist es dabei gelungen, das Gesehene nicht zu bewerten oder moralisch zu verurteilen, sondern Fakten und Eindrücke für sich allein sprechen zu lassen.

Eingeflochten sind Anmerkungen über die Geschichte und Kultur Südafrikas, die das Geschehen besser verständlich machen. Ein Schwerpunkt bildet die Schilderung der Lebensbedingungen in den Townships und den Squattered Camps, illegalen Ansiedlungen der Nach-Apartheids-Zeit. Ergänzt wird dies durch Literatur aus dem südlichen Afrika, u. a. mit Gedichten Aids-Kranker sowie Angaben aus soziologischen Studien zum Thema Gewalt, Sexualität und Aids. Ferner findet sich ein kurzer Auszug aus Nelson Mandelas Autobiografie „Long way to freedom“.

Bewertung: Das Buch ist flüssig geschrieben und sehr gut lesbar. Der Inhalt lässt einen so leicht nicht mehr los; einmal angefangen, will man es kaum aus der Hand legen! Die Absicht, den Horizont der Leser zu weiten und damit auch gleichzeitig unsere eigenen Probleme in Deutschland zu relativieren, ist voll gelungen.

Sonstiges: Der Erlös des Buches geht an die Spatzennest-Aids-Hilfe (www.spatzennest-aids-hilfe.de), welche sich primär um an Aids erkrankte Kinder im Sparrow-Rainbow-Village in Johannesburg kümmert.

Empfehlung: Nicht nur den Kollegen, die sich mit Entwicklungsarbeit, Medizin in den Tropen oder mit HIV/Aids beschäftigen, sondern allen ärztlich Tätigen kann diese beeindruckende Lektüre aus einer uns völlig unbekannten Welt sehr empfohlen werden.

Rezensent: Prof. Dr. Wilfried Schmeller, Capio Hanse-Klinik, Fachklinik für Liposuktion und operativ-ästhetische Dermatologie, St.-Jürgen-Ring 66, 23564 Lübeck

 


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Johannes Büttner: Chemisches Denken in der Medizin.
Die Geschichte des Laboratoriums der 1. Medizinischen Klinik der Universität Kiel

Bibliographische Angaben: Prof. Johannes Büttner, Prof. Hans-Dietrch Bruhn (Hrsg.), Verlag Traugott Bautz GmbH, 219 Seiten, ISBN 978-3-88309-377-2, 55 Euro

Das vorliegende Buch, ein erster Band, umfasst vor allem die Laborgeschichte der medizinischen Universitätsklinik in der Ära der Direktoren Schittenhelm (1915-1934 Klinikleiter), Johannes Löhr (1934-1941) und Helmuth Reinwein (1942-1962). Geplant ist ein Band 2, der von Hans-Dietrich Bruhn vorgelegt werden wird und die Geschichte dieses Labors bis auf den heutigen Tag fortsetzt. Das Buch gewinnt durch die Tatsache, dass Johannes Büttner nicht nur Jahrzehnte als Professor für klinische Chemie lehrte und forschte, sondern auch ein Experte der Medizingeschichte ist, die sich mit der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung der letzten 150 Jahre befasst. Eine Voraussetzung der experimentellen Forschung war die Entwicklung der Chemie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Parallel zum Fortschritt von Chemie und Physik entstand eine Vielfalt neuer Messgeräte. Bereits um 1919 konnten Reststickstoff und Blutzucker bestimmt werden. Wissenschaftlich beschäftigten sich Schittenhelm und seine Schüler u. a. mit der Ödemkrankheit nach dem Ersten Weltkrieg. Weitere Forschungsgebiete betrafen Vitamine und Schilddrüsenhormone. Unter Johannes Löhr wurde vor allem der Jodstoffwechsel untersucht. Durch seine politischen Aktivitäten ging allerdings, wie der Autor zeigt, die experimentelle Forschung im Kieler Labor zurück. Wichtig wurden linientreue Mitarbeiter. Dazu zitiert Büttner einen Brief Löhrs an Schittenhelm über seinen Mitarbeiter Chrometzka: „Chrometzka ... war mir als überzeugter Kathole und im Hinblick auf seine sonstige politische Vergangenheit nicht der geeignete Mann, bei mir Oberarzt zu werden.“

Während der Zeit Helmuth Reinweins wurde die Klinik mehrfach durch Bomben schwer geschädigt, wie das beeindruckende Bildmaterial belegt. Johannes Büttner schildert plastisch den Wiederaufbau der Klinik und die weitere Entwicklung des Labors, das er von 1956 bis zu seiner Berufung 1969 nach Hannover leitete. Anfang der 1960er Jahre wurde es z. B. möglich, mithilfe der Flammenphotometrie Kalium, Natrium und Calcium schnell zu bestimmen. Gleichzeitig wurde vielfältig geforscht. So beschäftigten sich Büttner und sein Arbeitskreis u. a. mit der Pharmakokinetik, d. h. mit dem Schicksal der Pharmaka im Organismus. Entsprechend den Interessen Reinweins wurde die diabetologische und endokrinologische Forschung besonders gepflegt. Ein Kapitel des Buches heißt: „Die Kieler Medizinische Klinik in der Zeit des Nationalsozialismus’“. Es ist ein besonderes Verdienst des Autors, die Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht verdrängt zu haben: Alfred Schittenhelm war seit 1933 Parteimitglied und seit 1938 Standartenführer der SS, Johannes Löhr trat als „Alter Kämpfer“ bereits 1931 der NSDAP bei. Er leitete das „Rassenpolitische Amt“ in Schleswig-Holstein und wurde SS-Brigadeführer auch Helmuth Reinwein wurde 1937 Parteimitglied. Das Buch regt zu Fragen an: Wenn nicht die Klarheit und Schönheit der Naturwissenschaften vor der Huldigung des Nationalsozialismus’ bewahrten, was dann? Waren es elementarer Anstand und Menschlichkeit, die kein akademisches Studium benötigen? Und zweitens: Braucht der ständige Fortschritt der naturwissenschaftlich-technischen Diagnostik mehr kritische ärztliche Überlegungen im Sinne Reinweins, damit es nicht zu einer Überdiagnostik irrelevanter Befunde und zu einer ausufernden Medikalisierung des täglichen Lebens kommt? Der Rezensent empfiehlt die Lektüre des besprochenen Bandes auch deshalb, weil er am Beispiel eines lokalen Kieler Kliniklabors die Entwicklung der modernen Medizin aufzeigt.

Rezensent: Prof. Dr. Karlheinz Engelhardt, Jaegerallee 7, 24159 Kiel

 



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Ärzte im Sog der Ökonomie
Das deutsche Gesundheitswesen von 1994 bis 2006

Bibliographische Angaben: Dr. Klaus Bittmann (Hrsg.), NAV-Virchow-Bund, 160 Seiten, ISBN 973-3-89812-505-5, 20 Euro


Es ist eine gute Tradition des NAV-Virchow-Bundes, dass jeweils am Ende der Amtsperiode einer seiner Bundesvorsitzenden ein Buch als Retrospektive, Zustandsbeschreibung und Vorausschau herausbringt. Jetzt hat sich der neue Vorsitzende, der Plöner Kollege Klaus Bittmann, dieser Mühe unterzogen und legt einen kleinen Sammelband vor. Vierzehn Koautoren beschreiben den (meist ökonomischen) Zustand der heutigen Ärzteschaft mit Ausblicken und Vorschlägen für die Zukunft. Die Autoren sind jeweils mit einem kurzen Lebenslauf beschrieben. Das Buch ist lesenswert nicht nur für NAV-Mitglieder, für die es Pflichtlektüre sein sollte, sondern auch für alle standespolitisch interessierten Ärzte und solche, die es werden wollen. So seien beispielsweise folgende Kapitel genannt: „Stimmen und Mehrheiten bestimmen Kosten und Leistungen“, (Hartwig Boll), „Die Grenzen zwischen Kliniken und Praxen weichen auf“ (Dr. Klaus Meyer-Lutterloh) und „Das Unternehmertum lockt“ (Michael Gneuss). Der Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe schreibt: „Ärzte kämpfen gegen Degradierung“ und der Beitrag des Herausgebers Klaus Bittmann („[Die] Bereitschaft zur Eigenverantwortlichkeit wächst“) ist ein relativ kämpferischer Aufruf gegen die bestehenden Kassenärztlichen Vereinigungen (Bittmann war sieben Jahre KV-Vorsitzender).

Kritische Anmerkung: Der kleine Satz - zum Teil auf grauem Raster.

Rezensent: Dr. Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9, 23570 Lübeck


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 8/2008

S. 37