|
Der besondere Fall
Beschwerden nach Ösophago-Gastro-Duodenoskopie
Daniel Rundt¹, Michael Klein², Thomas E. Langwieler¹
Eine 83-jährige Patientin stellte sich mit zunehmender Dyspnoe und
allgemeinem Schwächegefühl bei ihrer Hausärztin vor. Im
Routinelabor fiel ein HB von 8,2 mg/l auf. Bei der Patientin waren eine
Osteoporose und eine zurzeit bestehende Soorösophagitis bekannt.
Die Vormedikation bestand aus Diclofenac, Kalzium, Alendronsäure,
Ranitidin und Nystatin.
Es folgte die Überweisung an einen niedergelassenen Gastroenterologen
zur Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) und Koloskopie zum Ausschluss
einer Blutungsquelle im Gastrointestinaltrakt. Das Labor nach Überweisung
zeigte einen weiteren HB-Abfall auf 6,9 mg/l bei sonst unauffälligen
Parametern. Die ÖGD ergab die bekannte Soorösophagitis, eine
kleine axiale Hiatushernie, kleine Ösophagusdivertikel und eine Antrumgastritis
des Magens, sowie zwei kleine Angiodysplasien im Korpus. Koloskopisch
fiel eine Sigma-divertikulose und -divertikulitis ohne Zeichen einer stattgehabten
oder floriden Blutung auf. Es folgte die Empfehlung zur stationären
Auftransfusion und elektiven Argonplasmakoagulation der Angiodysplasien,
sowie zur weiteren medikamentösen Therapie der Soorösophagitis
mittels eines Antimykotikums, zusätzlich wurden ein Protonenpumpeninhibitor
(PPI) und eine Eradikation empfohlen.
 |
| Abb. 1: CT des
Abdomens mit Kontrastmittel: Es zeigt sich eine kleine Luftsichel
im Bereich der Mesowurzel als Hinweis auf die Perforation eines intestinalen
Hohlorgans |
 |
| Abb. 2: CT des
Abdomens mit Kontrastmittel: Imbibierung des Fettgewebes im Bereich
des proximalen Jejunums als mögliche Lokalisation der Perforation |
Noch am selben Tag
wurde die Patientin stationär in der Abteilung für Innere Medizin
aufgenommen. Der Aufnahmebefund zeigte die Patientin in insgesamt reduziertem
Allgemeinzustand, bei sonst unauffälligem körperlichem Status.
Laborchemisch zeigte sich die bekannte Anämie bei einem HB von 7,7
mg/l. In einer ÖGD wurden mittels Argonplasmakoagulation die beschriebenen
Angiodysplasien im Magen verödet. Während der Duodenoskopie
fiel ein kleines Ulcus im Pars descendens des Duodenums auf, aus dem Proben
entnommen wurden.
Die histologische Aufarbeitung der Probeentnahmen ergab ulceröse
Läsionen der Duodenalschleimhaut ohne floride Anteile mit Begleit-Duodenitis.
Keine Malignitätshinweise.
Zwei Tage nach der ÖGD kam es zu einer rapiden Verschlechterung des
Allgemeinzustandes der Patientin. Die Patientin klagte über abdominelle
Schmerzen im Bereich des gesamten Ober- und Mittelbauches bei beginnendem
lokalem Peritonismus im linken Mittelbauch. Labor- chemisch zeigten sich
erhöhte Entzündungsparameter. Eine Notfall-Computertomografie
des Abdomens zeigte Hinweise auf wenig freie intraabdominelle Luft und
gefangene Luft in der Mesowurzel in Projektion auf die 2.-3. Jejunalschlinge.
Hier zeigte sich zudem eine Imbibierung des Mesenteriums.
Es erfolgte die chirurgische Übernahme zur explorativen Laparotomie
bei Verdacht auf eine iatrogene Perforation des Magen-Darm-Traktes nach
ÖGD und PE.
Die Exploration ergab jedoch einen völlig unerwarteten Befund. Es
zeigte sich eine Abszessstruktur im Mesenterium des proximalen Jejunums
von ca. vier mal drei Zentimeter Größe und derber Konsistenz,
ca. 20 Zentimeter post Treitz. Am gesamten Dünndarm fielen multiple,
bis zu drei Zentimeter messende Divertikel auf. Offensichtlich war es
zu einer abszedierenden Divertikulitis mit Divertikelperforation auf dem
Boden einer Dünndarmdivertikulose gekommen. Magen und Duodenum zeigten
sich gänzlich unauffällig und ohne Hinweis auf eine Perforation.
Es folgte eine Dünndarmsegmentresektion am Jejunum mit Jejuno-Jejunostomie.
Postoperativ komplikationsloser Verlauf, zügiger Kostaufbau, problemlose
Mobilisation.
Histologisch zeigte das Präparat ein Dünndarmsegment mit stumpfer
Oberfläche und einzelnen, bis drei Zentimeter großen Divertikeln,
diese mit tumorförmigen, bis fünf Zentimeter im Durchmesser
großen Fettgewebsnekrosen der Umgebung im mesenterialen Fettgewebe
und fibrinbelegter Serosa. Die mikroskopische Aufarbeitung des Präparates
zeigte eine eitrig abszedierte Divertikulitis und Peridivertikulitis auf
dem Boden einer Dünndarmdivertikulose mit Nachweis von bis zu drei
Zentimeter großen Divertikeln und Perforation mit Abszessbildung
und lokoregionaler, fibrinös eitriger Peritonitis. Kein Malignitätshinweis
(Albertinen-Pathologie, Prof. Dr. Thomas Löning).
Die Dünndarmdivertikulose ist eine seltene Erkrankung, nur ein bis
zwei Prozent der Population weisen Divertikel in diesem Bereich des Magen-Darm-Traktes
auf1. Meist sind die Divertikel, wie auch in diesem Fall beschrieben,
im proximalen Jejunum gelegen und die Diagnose wird in fast der Hälfte
aller Fälle als Zufallsbefund gestellt. Weniger als zwanzig Prozent
der Patienten mit einer Dünndarmdivertikulose zeigen im Laufe ihres
Lebens Beschwerden, wobei die Perforation eines Dünndarmdivertikels
als Komplikation je nach Literatur mit nur drei bis fünf Prozent
angegeben wird. Als Gründe für die Dünndarmdivertikulose
werden Dünndarmmotilitätsstörungen2, zum Beispiel
im Rahmen einer systemischen Sklerose, Neuro- und Myopathien beschrieben.
Die richtige und sichere Diagnosestellung erweist sich als schwierig.
Wegweisend sind die Kontrastmittel-Darstellung (Barium/Gastrografin) und
die abdominelle Computertomografie (CT), wobei sich die genaue Lokalisation
der Divertikel in der CT als Problem erweist.
Therapeutisch ist eine Dünndarmsegmentresektion bei symptomatischer
Dünndarmdivertikulose anzustreben. Von einer prophylaktischen Resektion
bei asymptomatischen Divertikelträgern wird abgeraten.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Hamburger Ärzteblattes
Heft 2/2008
Dr. Daniel Rundt, Dr. Thomas E. Langwieler, Chirurgische Klinik, Ev. Amalie
Sieveking-Krankenhaus, Haselkamp 33, 22359 Hamburg, Dr. Michael Klein,
Schlossstr. 44, 22041 Hamburg
Literatur
(1)Maglinte DDT, Chernish
SM, DeWeese R, Kelvin FM, Brunelle RL. Acquired Jejunoileal Diverticular
Disease.Subject Review. Radiology 1986; 158: 577-580.
(2)Jori R, Koella C, Wegmann W, Huber A. Das perforierte Dünndarmdivertikel
als Ursache eines akuten Abdomens beim Ehlers-Danlos.-Syndrom. Helv Chir
Acta 1993; 60: 57-60.
|

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 7/2008
S. 62, 63
|