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Schleswig-Holstein

Geschichte eines Pharmaunternehmens
Von Pillendrehern und Kapseltauchern

Dr. Cordelia Andreßen

Die Geschichte eines Pharmaunternehmens ist derzeit in einer Sonderausstellung der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der Kieler Christian-Albrechts-Universität zu sehen. Unter dem Titel „Von Pillendrehern und Kapseltauchern“ wird den Besuchern die historische Arzneimittelfertigung am Beispiel der Firma Pohl Boskamp gezeigt.

Andrea Grotzko (li.) und Marianne Boskamp (Fotos: di)

 

 

 

 

 

 

Für viele Menschen, gab Museumsdirektorin Eva Fuhry bei der Eröffnung der Sonderausstellung am 18. Mai zu bedenken, seien die Exponate auf den ersten Blick wohl „alter Krempel“, der so gar nicht zur makellosen Marketingwelt moderner Pharmaunternehmen passe. Dass man aber auch mit ausrangierten Fertigungsmaschinen, veralteten Verpackungen und vergilbten Anzeigen aus der Firmengeschichte positive Aufmerksamkeit außerhalb von Fachkreisen erzielen kann, erfuhr die Firma Pohl Boskamp noch am Eröffnungstag - während die geladenen Gäste sich noch durch die Firmenhistorie staunten, begehrten die ersten zahlenden Besucher am Eingang schon Einlass. In der Ausstellung versuchten sich derweil Besucherinnen wie Dr. Cordelia Andreßen selbst als Pillendreher. Nachdem die Hauptgeschäftsführerin der Ärztekammer Schleswig-Holstein an einem antiken Arbeitstisch eine Desmoid-Pille eingewickelt hatte, musste sie feststellen: „Gar nicht so einfach.“ Für Tätigkeiten wie das Einwickeln von Pillen wurden früher viele Arbeiterinnen benötigt. Heute übernehmen moderne Maschinen diese Arbeit. Pohl Boskamps Firmenchefin Marianne Boskamp will trotz der rasanten Veränderungen in der Branche aber nicht auf die Erfahrungen der Vergangenheit verzichten. Das Auseinandersetzen mit der eigenen Geschichte macht nach ihrer Ansicht deutlich, wie stark sich Gesellschaft, Arbeitswelt und damit die Anforderungen an die Menschen wandeln. Um den komplexen Anforderungen in der Zukunft gerecht werden zu können, seien verstärkte Investitionen in die Ausbildung notwendig, forderte Boskamp. Um die Firmengeschichte zugänglich zu machen, beschäftigt Pohl Boskamp die wissenschaftliche Mitarbeiterin Andrea Grotzke, die sich in den vergangenen Monaten intensiv mit den Wurzeln des Unternehmens beschäftigt hat. Diese reichen ins 19. Jahrhundert zurück, nach Danzig und Berlin. Die Besucher der Ausstellung erfahren auch, wie Arthur Boskamp, Vater der heutigen Firmenchefin, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit wenigen Maschinen, Rezepturen und Vorräten die Flucht über die Ostsee gelang und schließlich in einer früheren Kaserne im „Lokstedter Lager“ 1946 die Produktion von Nitrolingual-Zerbeißkapseln wieder aufnahm. Am Standort in Hohenlockstedt produziert das Familienunternehmen noch heute. Nebenan, in Dägeling, ist ein weiterer moderner Produktionsstandort entstanden, wo derzeit aber auch ein Firmenmuseum eingerichtet wird. Die in der Sonderausstellung gezeigten Exponate werden anschließend dort zu sehen sein. Neben der Sonderausstellung interessierten sich viele Besucher am Museumstag aber auch für die ständige Ausstellung in der Brunswiker Straße 2. Dazu gehört etwa die Einrichtung einer alten Internistenpraxis, in der Medizinstudentin Christine Bieber alte Skalpelle erläuterte, während nebenan ein altes Röntgengerät zu sehen war. Im Keller gab es unter anderem Geräte aus einer alten Augenarztpraxis und eine Pathologie-Schausammlung zu sehen. Medizinstudent Georg-Vinzent Reh erläuterte den Besuchern, wie etwa ein Knochentumor aussieht. Die Sonderausstellung „Von Pillendrehern und Kapseltauchern“ ist noch bis zum 5. Oktober in der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der CAU in der Brunswiker Str. 2 zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung jeweils dienstags bis freitags von 10:00 bis 16:00 Uhr und sonntags von 12:00 bis 16:00 Uhr. (di)

In der alten Internistenpraxis erläutert Christine Bieber alte Skalpelle Georg-Vinzent Reh erläuterte den Besuchern, wie etwa ein Knochentumor aussieht

 


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6/2008

S. 35, 36