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Medizin und Wissenschaft

Ut aliquid fiat
Die Hausärzte der Buddenbrooks und ihre therapeutischen Möglichkeiten
Frank P. Meyer

1. Zweiundvierzig Jahre in der Mitte des 19. Jahrhunderts

Thomas Manns „Buddenbrooks - Verfall einer Familie“ beginnt im Oktober 1835 gelegentlich des ... frohen Einweihungsfestes des neuerworbenen Hauses der Familie Buddenbrook in der Mengstraße zu Lübeck. Donnerstag, gegen vier Uhr nachmittags, in der sinkenden Dämmerung wurden die Gäste erwartet - unter anderen Doktor Grabow, der Hausarzt.

Doktor Grabow, ein Mann vom Alter des Konsuls (Johann Buddenbrook, 1800-1855) zwischen dessen spärlichem Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte, betrachtete die Kuchen, Korinthenbrote ... aus süßem, gewürztem und schwerem Gebäck ... „Ich werde wohl zu tun bekommen“, sagte der Doktor, indem er auf die Süßigkeiten wies und den Kindern (Thomas, Antonie und Christian) drohte. Die zweiundvierzig Jahre Familiengeschichte, die Thomas Mann in seinem berühmtem Roman beschrieben hat, enden mit dem Typhustod des 16-jährigen Justus Johann Kaspar, genannt Hanno (Sohn von Thomas und Gerda Buddenbrook, geborene Arnoldsen), im Jahr 1877 und mit der Rückkehr Gerdas nach Amsterdam, um wie ehemals mit ihrem alten Vater Duos zu spielen.

2. Die Anfänge der modernen Medizin im 19. Jahrhundert1

2.1. Diagnostische Methoden

Johann Leopold Auenbrugger (1722-1809) beschrieb 1761 das Verfahren der Brustperkussion, das von seinen Zeitgenossen noch verlacht, aber 50 Jahre später von Jean-Nicolas Corvisart (1755-1821) „wiederentdeckt“ und „neu eingeführt“ wurde. Das hölzerne zylinderförmige Stethoskop wurde 1819 von René-Théophile-Hyacinthe Laënnec (1781-1826) konstruiert. Karl August Wunderlich (1815-1877) verdanken wir die Popularisierung des Fieberthermometers in der klinischen Praxis. Auf andere Neuerungen wie z. B. das von Hermann von Helmholtz (1821-1894) erfundene Ophthalmoskop, kann in diesem Rahmen nicht näher eingegangen werden. Sie spielen im Roman keine Rolle.

2.2. Behandlungsmethoden
Die Möglichkeiten der Ärzte im 19. Jahrhundert waren eingeschränkt: Es gab allgemeine Verordnungen von Krankenkost, körperlicher Bewegung oder Ruhe, Bädern, Massagen, Schwitzen, Aderlass, Schröpfen und Hautschnitten, Zugpflastern, Brechmitteln, Einläufen und Desinfektion durch Dämpfe.

Abb. 1: Stammbaum der Familie Buddenbrook, soweit für das Verständnis des vorliegenden Textes erforderlich. Erweiterte, vollständige Fassung unter www. teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mann_th/bud/mann_th_bud_3_1_1.htm


Die Unzahl bekannter pflanzlicher, tierischer und mineralischer Produkte führte häufig zu einer weder physiologisch noch empirisch begründbaren Polypragmasie. Äußerst beliebt waren Arsenverbindungen gegen Wechselfieber, Lähmungen, Epilepsie, Ödeme, Rachitis, Herzerkrankungen, Krebs, Hautgeschwüre, Parasiten, Verdauungsstörungen und allgemeine Körperschwäche. Einigermaßen rational wendete man Chinin gegen Malaria, Digitalis bei Herzversagen, Kolchizin gegen Gicht und Opiate bei Schmerzen an.

Diese unbefriedigende Situation führte einerseits zu einem therapeutischen Nihilismus, wie er vor allem von dem hervorragenden, aber skeptischen Kliniker Joseph Skoda (1805-1881) praktiziert wurde. Er verschrieb selbst Patienten, die an einer Lungenentzündung erkrankt waren, ein Placebo, um zu demonstrieren, dass diese Krankheit unbeeinflusst von jeglicher Behandlung ihren Lauf nahm. Diese nihilistische Auffassung dürfte zu jener Zeit oft heilsamer gewirkt haben als die allseits gebräuchlichen Aderlässe, Brechmittel und Klistiere. Andererseits war diese Situation Nährboden für Heilsysteme, die damals zweifellos ehrlichem Bemühen entsprangen, heute jedoch zur „gläubigen Medizin“ gerechnet werden müssen - was ihrer Beliebtheit bei weiten Kreisen der Bevölkerung keinen Abbruch tut. Einige Beispiele sollen hier angeführt werden: Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) entwickelte die Homöopathie. Die „Allzweck-Waffe“ Hydrotherapie wurde von Vincenz Prießnitz (1799-1851) vehement verfochten, zugleich mit einfacher kräftiger Ernährung und körperlicher Bewegung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde von Andrew Taylor Still (1828-1917) die Osteopathie und von Daniel D. Palmer (1845-1913) die Chiropraktik entwickelt. Dazu kamen zahlreiche kurpfuscherische Kulte, z. B. um die „Universalpillen“ von James Morison und um „Dr. James’ Fever Powder“, letzteres ein höchst populäres Allheilmittel, vorwiegend aus Antimon bestehend.

Abbilder dieser Situation waren die landesweit gültigen Arzneibücher, die 1799 in Preußen, 1812 in Österreich, 1818 in Frankreich, 1820 in den Vereinigten Staaten von Amerika, 1864 in Großbritannien und 1872 im Deutschen Reich eingeführt wurden.

Schließlich sei noch Florence Nightingale (1820-1910) erwähnt, die mit geradezu missionarischem Eifer die Reformierung der Krankenpflege betrieb, um das Los der Kranken auf diese Weise zu verbessern.

Thomas Mann (1875-1955)

3. Die Hausärzte der Buddenbrooks
3.1. Doktor Grabow

Der vorausschauende Arzt der Familie behielt Recht - die Süßigkeiten, das Festmahl anlässlich der Einweihungsfeier des neuen Hauses!

„Mir ist übel, Mama, mir ist verdammt übel!“ wimmerte Christian, während seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase unruhig hin und her gingen ... Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und milder geworden zu sein. „Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, - Frau Konsulin!“ tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone fort: „Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen ... ein bißchen Kinderpulver (Abb. 2), vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ... Und strenge Diät, - Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot ...“ Nachdem Christian behauptet, „niemals“ wieder etwas essen zu wollen, resümiert der Arzt seine Tätigkeit. Thomas Mann schreibt:

Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe etwas schwermütigen Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter, Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren ... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen - ein wenig Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja - und mit gutem Gewissen versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten, der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es ‘nichts auf sich gehabt hatte’, wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor zurückgekehrt war, ein kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte ... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man schon schwer atmete, der Plettenpudding - Makronen, Himbeeren und Eierschaum, ja, ja ... „Strenge Diät, wie gesagt, - Frau Konsulin? Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot ...“

1842 verstarb die alte Madame Antoinette Buddenbrook. Die alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt ... Eines Tages aber, ganz plötzlich, hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter Darmkatarrh anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und Franzbrot verordnet hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit unbegreiflicher Schnelligkeit Entkräftung herbeiführte, einen sanften und hinfälligen Zustand, der beängstigend war.

Wenig später, noch im gleichen Jahr, starb auch ihr Mann, der alte Monsieur Johann Buddenbrook.

Doktor Grabow, der Hausarzt, war natürlich auch geladener Gast, als Tony 1846 Herrn Bendix Grünlich heiratete. Allerdings: „Diese Ehe ward Anno 1850 im Februar rechtskräftig wieder aufgelöst.“ Thomas Buddenbrook, der spätere Senator, wird von Thomas Mann für dieses Jahr so beschrieben: ... machte seine Figur einen beinahe militärischen Eindruck. Aber das bläuliche, allzu sichtbare Geäder an seinen schmalen Schläfen, von denen das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, sowie eine leichte Neigung zum Schüttelfrost, die der gute Doktor Grabow vergebens bekämpfte, deutete an, daß seine Konstitution nicht besonders kräftig war.

Im Jahr 1855 stirbt Konsul Johann Buddenbrook so plötzlich, dass es nichts mehr nützt, dass man Grabow holen lässt. Zu seinem Begräbnis sieht man seinen zweiten Sohn, Christian, nicht. Er kommt erst im darauf folgenden Jahr nach achtjähriger Abwesenheit nach Lübeck zurück. Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich. Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet. Sein Hals war zu dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine starke Krümmung nach außen ... „Sage mal ...“, fragte er (seine Schwester Tony) unvermittelt, „kennst du das Gefühl ... es ist schwer zu beschreiben ... wenn man einen harten Bissen verschluckt und es tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?“ ...

An anderer Stelle heißt es dann: Plötzlich sagte er: „Sonderbar ... manchmal kann ich nicht schlucken! Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt ein, daß ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach ... Es gehorcht dem Willen nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: Ich wage nicht einmal, es ordentlich zu wollen.“ Von seinem Bruder Thomas werden diese Krankheitserscheinungen die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung genannt. Weiter heißt es: Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für Lungenschwindsucht hielt ... Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den Gebrauch ein Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man anzünden und dessen Rauch man einatmen mußte. Über die Behandlung der Schluckbeschwerden erfahren wir hier nichts. Bei dem grünlichen Pulver dürfte es sich um ein „Asthmakraut“ gehandelt haben, das vorwiegend Stechapfelblätter (Folia Stramonii), getränkt mit Kaliumnitratlösung, enthielt und nach 12-stündiger Trocknung zu Räucherung verwendet werden konnte. Anticholinergika sind bei der Behandlung von chronisch obstruktiver Bronchitis auch heute noch nicht obsolet.

1858 war bei Gerda und Thomas Buddenbrook noch immer nicht an Kindersegen zu denken. Die alte Konsulin aber nahm die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite: „Doktor, unter uns, da muß endlich etwas geschehen, nicht wahr? ... Und Grabow, weil sein angenehmes Rezept: Strenge Diät; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot’ in diesem Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug eingegriffen haben würde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad ... 1861 war dann Taufe! ... Taufe in der Breiten Straße! Hanno war als stilles und wenig kräftiges Kind zur Welt gekommen und litt in der Folge an vielen Beschwerden: Bald nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von Brechdurchfall beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes Herz endgültig stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute Doktor Grabow traf nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege, Vorkehrungen gegen die drohenden Krisen des Zahnens. ... Und doch stellten sich schwere Krämpfe ein. Wieder kam es dahin, dass der alte Arzt den Eltern nur noch wortlos die Hände drückte.

Im Frühling des Jahres 1868 sagt Tony, nun Frau Permaneder: „Grabow wird alt, und abgesehen davon: so herzensgut er ist, ein Biedermann, ein wirklich braver Mensch ... was seine Eigenschaften als Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn ... Gott verzeihe mir, wenn ich mich in ihm täusche ... er ist ein lieber Mann, ein guter Hausfreund, alles; aber ein Licht ist er nicht ... Er hat immer ein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun verordnet er Taube und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen Eßlöffel Altheesaft ...“ Altheesaft (= Eibischsirup, Sirupus Althaeae) und Zucker, diente vor allem in der Kinderpraxis als reizmilderndes Mittel, auch als hustenreizlindernde Medikation, dann allerdings oft noch kombiniert mit anderen Phytopharmaka. Auch der abendliche Trunk von Heidelbeersaft gehörte zum Repertoire von Doktor Grabow, insbesondere als Hanno nach mehreren qualvollen Kontakten mit Herrn Brecht, dem Zahnarzt Brecht in der Mühlenstraße ... immer wieder unter einem grauenhaften „pavor nocturnus“ litt. „Allein das half ganz und gar nichts.“

3.2. Doktor Langhals
Als 1871 die alte Konsulin Elisabeth Buddenbrook bettlägerig wird und aus dem anfänglichen Katarrh eine Lungenentzündung zu werden droht, erscheint neben Grabow auch der junge Doktor Langhals im Krankenzimmer, der seit etwa einem Jahr in der Stadt praktiziert: ... Langhals, ein untersetzter, brünetter Herr mit spitzgeschnittenem Bart, aufrecht stehendem Haar, schönen Augen und einem eitlen Gesichtsausdruck ...

Ja - Pneumonia“, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter Verbeugung. „Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung“, antwortete der Hausarzt, „die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren trachten müssen ...“ „Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden?“ Der Senator (Thomas Buddenbrook) saß ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht. „Besorgnis? O ... wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die Erkrankung einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe zu gehen ... nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun ... Und dann noch eins, lieber Senator ... Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen gegenüber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken, sollte in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen ein bißchen Auswurf sich einstellen ... wissen Sie, so ein rotbräunlicher Auswurf, wenn auch Blut dabei ist. ... Das ist alles durchaus logisch, durchaus zur Sache gehörig, durchaus normal ... Übrigens ... mir kommt dabei ein Gedanke ... wie wäre es mit einer Pflegerin, lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen Schwestern ... Die Schwestern sind unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so beruhigend auf die Kranken.

Die Ärzte gingen. Thomas Buddenbrook überlegte, was Grabow gesagt hatte ... Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen ... Man hatte gefühlt, wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung hütete. Das einzige klare Wort war Lungenentzündung gewesen, und dieses Wort wurde nicht tröstlicher dadurch, daß Doktor Langhals es in die Sprache der Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung in den Jahren der Konsulin ... Schon, daß es zwei Ärzte waren, die kamen und gingen, gab der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich über kurz oder lang zur Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei, seine Praxis zu übernehmen, so mache er - Grabow - sich ein Vergnügen daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzuführen ... Nach Tagen wird eine beidseitige Lungenentzündung diagnostiziert. Der Zustand der Konsulin verschlechtert sich vehement. Irgendwann ringt sie dann mit dem Leben um den Tod. „Was zu schlafen! ... Meine Herren, aus Barmherzigkeit! Was zu schlafen ... !“ Darauf schreibt Thomas Mann: Aber die Ärzte kannten ihre Pflicht. Es galt unter allen Umständen, dieses Leben den Angehörigen so lange wie nur irgend möglich zu erhalten, während ein Betäubungsmittel sofort ein widerstandsloses Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde. Ärzte waren nicht auf der Welt, den Tod herbeizuführen, sondern das Leben um jeden Preis zu konservieren ... Sie stärkten im Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten durch Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor.

Aus heutiger Sicht wäre es sicher angemessen gewesen, die Leiden der alten Konsulin mit Morphin (Benzodiazepin gab es noch nicht) zu lindern, das, wie wir jetzt auch wissen, die Sterbephase nicht verkürzt (Einzelheiten dazu: Dtsch Ärztebl 2007; 104 [5]: C 200-202 im Interview mit Prof. Borasio, München).

Thomas und Gerda Buddenbrooks Sohn ist nun elf Jahre alt. Wie man von Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten Doktor Grabow gänzlich übernommen hatte und Hausarzt bei Buddenbrooks war, hatte Hannos unzulänglicher Kräftezustand sowie die Blässe seiner Haut ihren triftigen Grund und dieser bestand darin, daß der Organismus des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkörperchen in nicht genügender Anzahl produzierte. Dieser Unzulänglichkeit zu steuern aber gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals in großen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter, dickflüssiger Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlöffel zweimal täglich zu nehmen war; ... Alle übrigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen dieses Mangels an roten Blutkörperchen, ‘sekundäre Erscheinungen’, wie Doktor Langhals sagte, indem er seine Fingernägel besah ... Um die Zähne zu behandeln, zu füllen und gegebenen Falles zu extrahieren, dazu wohnte Herr Brecht ... in der Mühlenstraße; und um die Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusöl auf der Welt, gutes, dickes, silberblankes Rizinusöl, welches, aus einem Eßlöffel genommen, wie ein schlüpfriger Molch durch die Kehle glitschte, und das man drei Tage lang roch, schmeckte, im Schlunde spürte, wo man ging und stand ... Ein einziges Mal - Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen, und sein Herz hatte sich besondere Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen - war Doktor Langhals mit einer gewissen Nervosität zur Verschreibung eines Mittels geschritten, das dem kleinen Johann Freude gemacht und ihm so unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren Arsenikpillen gewesen.

Lebertran und Rizinusöl waren gute Dinge, aber darin war Doktor Langhals vollständig mit dem Senator einig, daß sie allein nicht hinreichten, den kleinen Johann zu einem tüchtigen und wetterfesten Manne zu machen. ... „Baden! Schwimmen!“ hatte Doktor Langhals gesagt. Aber der Junge versuchte, körperliche Übungen aller Art zu vermeiden, wo und wann er nur irgend konnte. Auch die jährlichen vierwöchigen Ferien in Travemünde mit frischer Meeresluft brachten kaum Besserung für seinen schwächlichen Zustand.

Das Jahr 1874. Auch dem nun 48-jährigen Senator Thomas Buddenbrook geht es nicht gut. Appetit- und Schlaflosigkeit, Schwindel und jene Schüttelfröste, zu denen er immer geneigt hatte, zwangen ihn mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu ziehen. Aber er gelangte nicht dazu, des Arztes Verordnungen zu befolgen. ... Er war weit davon entfernt, sich den betäubenden Genuß der kleinen, scharfen russischen Zigaretten zu versagen, die er, seit seiner Jugend schon, täglich in Massen rauchte. Er sagte ...: „Sehen Sie, Doktor, mir die Zigaretten zu verbieten, ist Ihre Pflicht ... Das Verbot einzuhalten ist meine Sache!

Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schönen Augen spielen ließ wie eine Frau: „Die Nerven, Herr Senator ... an allem sind bloß die Nerven schuld. Und hie und da lässt auch die Blutzirkulation ein wenig zu wünschen übrig. Darf ich mir einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich dieses Jahr noch ein bißchen ausspannen! ... Travemünde ist noch in Betrieb ... Vierzehn Tage oder drei Wochen reparieren schon manches ...“

Dieser Aufenthalt an der Ostsee kann den Gesundheitszustand nicht mehr verbessern. Im Januar 1875 stirbt Senator Thomas Buddenbrook nach einer misslungenen Zahnextraktion. Auf dem Rückweg von der Praxis des Herrn Brecht ereilt ihn ein hämorrhagischer Schlaganfall. Man bringt ihn nach Hause ... Der Geruch von Karbol, Äther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen ...

Der junge Doktor Langhals beugte sich über ihn ... Dann horchte er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls ... Er stand da, hielt seine schönen Augen gesenkt und drückte in seiner Miene, nicht ohne einige Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes aus ... Auch der alte Hausarzt kommt. Der alte Doktor Grabow erschien persönlich, drückte mit langem und mildem Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken und tat genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte ... Der Senator starb ... Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und sprach nach gewissenhafter Prüfung: „Ja, es ist zu Ende.“

Das 16-jährige Leben seines Sohnes Hanno endet durch Typhus. ... Ein tüchtiger Arzt von soliden Kenntnissen, wie, um einen Namen zu nennen, Doktor Langhals, der hübsche Doktor Langhals, mit den kleinen, schwarzbehaarten Händen, wird gleichwohl bald in der Lage sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu nennen, und das Erscheinen der fatalen roten Flecke auf der Brust und dem Bauche gibt ja völlige Gewißheit. Er wird über die Maßregeln, die zu treffen, die Mittel, die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird für ein möglichst großes, oft gelüftetes Krankenzimmer sorgen, dessen Temperatur siebenzehn Grad nicht übersteigen darf. Er wird auf äußerste Sauberkeit dringen und auch durch immer erneutes Ordnen des Bettes den Körper, solange dies irgend möglich - in gewissen Fällen ist es nicht lange möglich -, vor dem ,Wundliegen’ zu schützen suchen. Er wird eine beständige Reinigung der Mundhöhle mit nassen Leinwandläppchen veranlassen, wird, was die Arzneien betrifft, sich einer Mischung von Jod und Jodkalium bedienen, Chinin und Antipyrin verschreiben und, vor allem, da der Magen und die Gedärme schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, eine äußerst leichte und äußerst kräftigende Diät verordnen. Er wird das zehrende Fieber durch Bäder bekämpfen, durch Vollbäder, in die der Kranke oft, jede dritte Stunde, ohne Unterlaß, bei Tag und Nacht hineinzutragen ist, und die vom Fußende der Wanne aus langsam zu erkälten sind. Und nach jedem Bade wird er etwas Stärkendes und Anregendes, Kognak, auch Champagner verabreichen ...

4. Ut aliquid fiat
Traditionell rührte die Macht der Ärzte daher, dass sie ihre Patienten durch die Krankheit begleitet haben - bis hin zum Tod oder zur Gesundheit. Diese Leitidee verschwand, als in der Medizin die Idee der Heilung Fuß fasste. Gleichzeitig machte sich ein fataler Aktivismus bemerkbar - im Sinne eines schon durch den Kirchenschriftsteller Lactantius (250-317) beschriebenen „ut aliqiud fieri videatur“ (= damit wenigstens irgend etwas geschieht), verkürzt weitbekannt geworden als „ut aliquid fiat“ (Bastian: Psychologie heute 1995: 56-61).

Bei Thomas Mann liest man dazu im Jahr 1901 in seinen „Buddenbrooks“: ... Alle diese Mittel aber gebraucht er (Dr. Langhals) durchaus aufs Geratewohl, für den Fall gleichsam nur, dass sie überhaupt von irgendeiner Wirkung sein können, unwissend darüber, ob ihre Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes und Zweckes entbehrt.

Und wie sieht der Patient eine solche Situation? Christian Buddenbrook klagend zu seinem Bruder Thomas: „ ... Grabow hat mir eine Salbe für die Halsmuskeln verordnet ... gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich es, sie zu gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor, bin unruhig und unsicher und ängstlich und in Unordnung und kann nicht schlucken. Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich, dass ich meine Pflicht getan habe und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen, bin still und zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut es, glaube ich, nicht, weißt du ...“

Die Hausärzte und die anderen Ärzte der Buddenbrooks: Doktor Klaaßen (der Tonys Schwangerschaft feststellt), Doktor Drögemüller (der diagnostizierte, dass die beständige, unbestimmte Qual an Christians linker Seite darauf zurückzuführen sei, dass an der ganzen linken Seite alle Nerven zu kurz sind), der Zahnarzt Herr Brecht und ein Arzt, der veranlasste, dass Christian zufolge unheimlicher Wahnideen und Zwangsvorstellungen sich nun in eine Anstalt zu begeben hatte - waren in den allermeisten Fällen gezwungen, die Dinge laufen zu lassen. Als Hausärzte waren sie immer zur Stelle, sie leisteten Beistand, sie waren oft Hausfreunde - nicht weniger und nicht mehr. Und das alles auf der Basis privater Liquidation ... Ungleich schlechter ging es den anderen, den Mitarbeitern im Kontor, den Steuerbeamten, der Speicherarbeiterschaft, den Matrosen, den Kornträgern, manchen Bürgern, dem Barbier Wenzel, dem Schneidermeister Stuht, dem Blumenhändler Iwersen, dem alten Briefträger, den der Senator an guten Tagen auf der Straße anzureden und ,Herr Oberpostmeister’ zu nennen pflegte. Es gab in einigen deutschen Fürstentümern zwar schon eine staatliche Gesundheits- und Sozialfürsorge, und es gab staatlich besoldete Ärzte. Aber erst Otto von Bismarck (1815-1898) schuf nach der Gründung des Deutschen Reiches mit der Sozialversicherung (1881), dem Krankenversicherungsgesetz (1883) und dem Invaliditätsgesetz (1889) die Basis für eine staatlich geregelte Krankenversorgung. Trotzdem blieb eine Mehrklassen-Medizin erhalten.

Die Geburt der naturwissenschaftlich-experimentellen Medizin im 19. Jahrhundert spiegelte sich im Lübeck der Buddenbrooks, der Krögers, der Hagenströms, der Oeverdiecks, der Möllendorpfs, der Kistenmakers, der Huneus’ und anderer zwischen Sankt Marien, den Marktarkaden, der Fischergrube, der Mengstraße, der Breiten Straße bis zu den Speichern an der Trave und dem Hafen noch nicht wider.


Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Ärzteblattes Sachsen-Anhalt Heft 12/2007

Prof. Dr. Frank P. Meyer, Magdeburger Str. 29, 39167 Groß Rodensleben

Literatur: Thomas Mann. Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Erster Band. Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Aufbau-Verlag Berlin 1955 (Lizenzausgabe. Copyright by S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)

1 Anregungen für diesen Abschnitt stammen auch aus dem Buch „Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst“, Hrsg.: AS Lyons und RJ Petrucelli II. Du Mont Buchverlag Köln 2003


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2008

S. 63-69