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Ut aliquid fiat
Die Hausärzte der Buddenbrooks und ihre therapeutischen
Möglichkeiten
Frank P. Meyer
1. Zweiundvierzig Jahre in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Thomas Manns Buddenbrooks - Verfall einer Familie beginnt
im Oktober 1835 gelegentlich des ... frohen Einweihungsfestes des neuerworbenen
Hauses der Familie Buddenbrook in der Mengstraße zu Lübeck.
Donnerstag, gegen vier Uhr nachmittags, in der sinkenden Dämmerung
wurden die Gäste erwartet - unter anderen Doktor Grabow, der Hausarzt.
Doktor Grabow, ein Mann vom Alter des Konsuls (Johann Buddenbrook,
1800-1855) zwischen dessen spärlichem Backenbart ein langes, gutes
und mildes Gesicht lächelte, betrachtete die Kuchen, Korinthenbrote
... aus süßem, gewürztem und schwerem Gebäck ...
Ich werde wohl zu tun bekommen, sagte der Doktor, indem er
auf die Süßigkeiten wies und den Kindern (Thomas, Antonie
und Christian) drohte. Die zweiundvierzig Jahre Familiengeschichte,
die Thomas Mann in seinem berühmtem Roman beschrieben hat, enden
mit dem Typhustod des 16-jährigen Justus Johann Kaspar, genannt Hanno
(Sohn von Thomas und Gerda Buddenbrook, geborene Arnoldsen), im Jahr 1877
und mit der Rückkehr Gerdas nach Amsterdam, um wie ehemals mit
ihrem alten Vater Duos zu spielen.
2. Die Anfänge der modernen Medizin im 19. Jahrhundert1
2.1. Diagnostische Methoden
Johann Leopold Auenbrugger (1722-1809) beschrieb 1761 das Verfahren der
Brustperkussion, das von seinen Zeitgenossen noch verlacht, aber 50 Jahre
später von Jean-Nicolas Corvisart (1755-1821) wiederentdeckt
und neu eingeführt wurde. Das hölzerne zylinderförmige
Stethoskop wurde 1819 von René-Théophile-Hyacinthe Laënnec
(1781-1826) konstruiert. Karl August Wunderlich (1815-1877) verdanken
wir die Popularisierung des Fieberthermometers in der klinischen Praxis.
Auf andere Neuerungen wie z. B. das von Hermann von Helmholtz (1821-1894)
erfundene Ophthalmoskop, kann in diesem Rahmen nicht näher eingegangen
werden. Sie spielen im Roman keine Rolle.
2.2. Behandlungsmethoden
Die Möglichkeiten der Ärzte im 19. Jahrhundert waren eingeschränkt:
Es gab allgemeine Verordnungen von Krankenkost, körperlicher Bewegung
oder Ruhe, Bädern, Massagen, Schwitzen, Aderlass, Schröpfen
und Hautschnitten, Zugpflastern, Brechmitteln, Einläufen und Desinfektion
durch Dämpfe.
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| Abb. 1: Stammbaum
der Familie Buddenbrook, soweit für das Verständnis des
vorliegenden Textes erforderlich. Erweiterte, vollständige Fassung
unter www. teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mann_th/bud/mann_th_bud_3_1_1.htm |
Die Unzahl bekannter pflanzlicher, tierischer und mineralischer Produkte
führte häufig zu einer weder physiologisch noch empirisch begründbaren
Polypragmasie. Äußerst beliebt waren Arsenverbindungen gegen
Wechselfieber, Lähmungen, Epilepsie, Ödeme, Rachitis, Herzerkrankungen,
Krebs, Hautgeschwüre, Parasiten, Verdauungsstörungen und allgemeine
Körperschwäche. Einigermaßen rational wendete man Chinin
gegen Malaria, Digitalis bei Herzversagen, Kolchizin gegen Gicht und Opiate
bei Schmerzen an.
Diese unbefriedigende Situation führte einerseits zu einem therapeutischen
Nihilismus, wie er vor allem von dem hervorragenden, aber skeptischen
Kliniker Joseph Skoda (1805-1881) praktiziert wurde. Er verschrieb selbst
Patienten, die an einer Lungenentzündung erkrankt waren, ein Placebo,
um zu demonstrieren, dass diese Krankheit unbeeinflusst von jeglicher
Behandlung ihren Lauf nahm. Diese nihilistische Auffassung dürfte
zu jener Zeit oft heilsamer gewirkt haben als die allseits gebräuchlichen
Aderlässe, Brechmittel und Klistiere. Andererseits war diese Situation
Nährboden für Heilsysteme, die damals zweifellos ehrlichem Bemühen
entsprangen, heute jedoch zur gläubigen Medizin gerechnet
werden müssen - was ihrer Beliebtheit bei weiten Kreisen der Bevölkerung
keinen Abbruch tut. Einige Beispiele sollen hier angeführt werden:
Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) entwickelte die Homöopathie.
Die Allzweck-Waffe Hydrotherapie wurde von Vincenz Prießnitz
(1799-1851) vehement verfochten, zugleich mit einfacher kräftiger
Ernährung und körperlicher Bewegung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
wurde von Andrew Taylor Still (1828-1917) die Osteopathie und von Daniel
D. Palmer (1845-1913) die Chiropraktik entwickelt. Dazu kamen zahlreiche
kurpfuscherische Kulte, z. B. um die Universalpillen von James
Morison und um Dr. James Fever Powder, letzteres ein
höchst populäres Allheilmittel, vorwiegend aus Antimon bestehend.
Abbilder dieser Situation waren die landesweit gültigen Arzneibücher,
die 1799 in Preußen, 1812 in Österreich, 1818 in Frankreich,
1820 in den Vereinigten Staaten von Amerika, 1864 in Großbritannien
und 1872 im Deutschen Reich eingeführt wurden.
Schließlich sei noch Florence Nightingale (1820-1910) erwähnt,
die mit geradezu missionarischem Eifer die Reformierung der Krankenpflege
betrieb, um das Los der Kranken auf diese Weise zu verbessern.
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| Thomas Mann (1875-1955) |
3. Die Hausärzte
der Buddenbrooks
3.1. Doktor Grabow
Der vorausschauende Arzt der Familie behielt Recht - die Süßigkeiten,
das Festmahl anlässlich der Einweihungsfeier des neuen Hauses!
Mir ist übel, Mama, mir ist verdammt übel! wimmerte
Christian, während seine runden, tiefliegenden Augen über der
allzu großen Nase unruhig hin und her gingen ... Doktor Grabow fühlte
den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und milder geworden
zu sein. Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, - Frau
Konsulin! tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen,
pedantischen Amtstone fort: Es dürfte das beste sein, ihn zu
Bette zu bringen ... ein bißchen Kinderpulver (Abb. 2), vielleicht
ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ... Und strenge Diät,
- Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig Taube, ein wenig
Franzbrot ... Nachdem Christian behauptet, niemals
wieder etwas essen zu wollen, resümiert der Arzt seine Tätigkeit.
Thomas Mann schreibt:
Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und
beinahe etwas schwermütigen Lächeln. Oh, er würde schon
wieder essen, der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde,
wie seine Väter, Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen
und viermal inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren
... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher
die Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn
er gerufen würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät
empfehlen - ein wenig Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja - und
mit gutem Gewissen versichern, daß es für diesmal nichts zu
bedeuten habe. Er hatte, so jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers
in der seinen gehalten, der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten
gefüllten Puter verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht
in seinem Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten
Bett, sich Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung,
ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich
Grabow, hätte sie ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male,
wo es nichts auf sich gehabt hatte, wo er vielleicht nicht
einmal gerufen war, wo nur vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor
zurückgekehrt war, ein kleiner, merkwürdiger Schwindel sich
gemeldet hatte ... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst
nicht derjenige, der die gefüllten Puter verschmähte. Dieser
panierte Schinken mit Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel,
und dann, als man schon schwer atmete, der Plettenpudding - Makronen,
Himbeeren und Eierschaum, ja, ja ... Strenge Diät, wie gesagt,
- Frau Konsulin? Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot ...
1842 verstarb die alte Madame Antoinette Buddenbrook. Die alte Dame
war rüstig gewesen bis zuletzt ... Eines Tages aber, ganz plötzlich,
hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter Darmkatarrh
anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und Franzbrot verordnet
hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit unbegreiflicher Schnelligkeit
Entkräftung herbeiführte, einen sanften und hinfälligen
Zustand, der beängstigend war.
Wenig später, noch im gleichen Jahr, starb auch ihr Mann, der alte
Monsieur Johann Buddenbrook.
Doktor Grabow, der Hausarzt, war natürlich auch geladener Gast, als
Tony 1846 Herrn Bendix Grünlich heiratete. Allerdings: Diese
Ehe ward Anno 1850 im Februar rechtskräftig wieder aufgelöst.
Thomas Buddenbrook, der spätere Senator, wird von Thomas Mann für
dieses Jahr so beschrieben: ... machte seine Figur einen beinahe militärischen
Eindruck. Aber das bläuliche, allzu sichtbare Geäder an seinen
schmalen Schläfen, von denen das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat,
sowie eine leichte Neigung zum Schüttelfrost, die der gute Doktor
Grabow vergebens bekämpfte, deutete an, daß seine Konstitution
nicht besonders kräftig war.
Im Jahr 1855 stirbt Konsul Johann Buddenbrook so plötzlich, dass
es nichts mehr nützt, dass man Grabow holen lässt. Zu seinem
Begräbnis sieht man seinen zweiten Sohn, Christian, nicht. Er kommt
erst im darauf folgenden Jahr nach achtjähriger Abwesenheit nach
Lübeck zurück. Christian hatte sich durchaus nicht verschönt.
Er war hager und bleich. Die Haut umspannte überall straff seinen
Schädel, zwischen den Wangenknochen sprang die große, mit einem
Höcker versehene Nase scharf und fleischlos hervor, und das Haupthaar
war schon merklich gelichtet. Sein Hals war zu dünn und zu lang,
und seine mageren Beine zeigten eine starke Krümmung nach außen
... Sage mal ..., fragte er (seine Schwester Tony) unvermittelt,
kennst du das Gefühl ... es ist schwer zu beschreiben ... wenn
man einen harten Bissen verschluckt und es tut hinten den ganzen Rücken
hinunter weh? ...
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An anderer Stelle
heißt es dann: Plötzlich sagte er: Sonderbar ... manchmal
kann ich nicht schlucken! Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es
furchtbar ernst. Mir fällt ein, daß ich vielleicht nicht schlucken
kann, und dann kann ich es wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz
hinten, aber dies hier, der Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach
... Es gehorcht dem Willen nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: Ich
wage nicht einmal, es ordentlich zu wollen. Von seinem Bruder
Thomas werden diese Krankheitserscheinungen die albernen Ergebnisse
einer widerwärtigen Selbstbeobachtung genannt. Weiter heißt
es: Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit
einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die Schluckbeschwerden
aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und neuerdings war eine zeitweilige
Atemnot, ein asthmatisches Übel hinzugetreten, das Christian während
längerer Wochen für Lungenschwindsucht hielt ... Doktor Grabow
wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß Herz und Lunge recht
kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche Atemmangel auf
eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen sei,
und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den Gebrauch
ein Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man anzünden
und dessen Rauch man einatmen mußte. Über die Behandlung
der Schluckbeschwerden erfahren wir hier nichts. Bei dem grünlichen
Pulver dürfte es sich um ein Asthmakraut gehandelt haben,
das vorwiegend Stechapfelblätter (Folia Stramonii), getränkt
mit Kaliumnitratlösung, enthielt und nach 12-stündiger Trocknung
zu Räucherung verwendet werden konnte. Anticholinergika sind bei
der Behandlung von chronisch obstruktiver Bronchitis auch heute noch nicht
obsolet.
1858 war bei Gerda und Thomas Buddenbrook noch immer nicht an Kindersegen
zu denken. Die alte Konsulin aber nahm die Sache in die Hand und zog
Grabow beiseite: Doktor, unter uns, da muß endlich etwas geschehen,
nicht wahr? ... Und Grabow, weil sein angenehmes Rezept: Strenge Diät;
ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot in diesem Falle doch wohl wieder
einmal nicht energisch genug eingegriffen haben würde, verordnete
Pyrmont und Schlangenbad ... 1861 war dann Taufe! ... Taufe
in der Breiten Straße! Hanno war als stilles und wenig kräftiges
Kind zur Welt gekommen und litt in der Folge an vielen Beschwerden: Bald
nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von Brechdurchfall
beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes Herz endgültig
stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute Doktor Grabow traf
nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege, Vorkehrungen
gegen die drohenden Krisen des Zahnens. ... Und doch stellten sich
schwere Krämpfe ein. Wieder kam es dahin, dass der alte Arzt den
Eltern nur noch wortlos die Hände drückte.
Im Frühling des Jahres 1868 sagt Tony, nun Frau Permaneder: Grabow
wird alt, und abgesehen davon: so herzensgut er ist, ein Biedermann, ein
wirklich braver Mensch ... was seine Eigenschaften als Arzt betrifft,
so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn ... Gott verzeihe
mir, wenn ich mich in ihm täusche ... er ist ein lieber Mann, ein
guter Hausfreund, alles; aber ein Licht ist er nicht ... Er hat immer
ein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun verordnet er Taube und Franzbrot
und, wenn der Fall ernst ist, einen Eßlöffel Altheesaft ...
Altheesaft (= Eibischsirup, Sirupus Althaeae) und Zucker, diente vor allem
in der Kinderpraxis als reizmilderndes Mittel, auch als hustenreizlindernde
Medikation, dann allerdings oft noch kombiniert mit anderen Phytopharmaka.
Auch der abendliche Trunk von Heidelbeersaft gehörte zum Repertoire
von Doktor Grabow, insbesondere als Hanno nach mehreren qualvollen Kontakten
mit Herrn Brecht, dem Zahnarzt Brecht in der Mühlenstraße
... immer wieder unter einem grauenhaften pavor nocturnus
litt. Allein das half ganz und gar nichts.
3.2. Doktor Langhals
Als 1871 die alte Konsulin Elisabeth Buddenbrook bettlägerig wird
und aus dem anfänglichen Katarrh eine Lungenentzündung zu werden
droht, erscheint neben Grabow auch der junge Doktor Langhals im Krankenzimmer,
der seit etwa einem Jahr in der Stadt praktiziert: ... Langhals, ein
untersetzter, brünetter Herr mit spitzgeschnittenem Bart, aufrecht
stehendem Haar, schönen Augen und einem eitlen Gesichtsausdruck
...
Ja - Pneumonia, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter
Verbeugung. Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung,
antwortete der Hausarzt, die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren
trachten müssen ... Danach ist immerhin Grund zu ernster
Besorgnis vorhanden? Der Senator (Thomas Buddenbrook) saß
ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht. Besorgnis?
O ... wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die Erkrankung
einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe zu gehen
... nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun ... Und dann noch eins,
lieber Senator ... Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen gegenüber,
nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken, sollte
in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen ein bißchen
Auswurf sich einstellen ... wissen Sie, so ein rotbräunlicher Auswurf,
wenn auch Blut dabei ist. ... Das ist alles durchaus logisch, durchaus
zur Sache gehörig, durchaus normal ... Übrigens ... mir kommt
dabei ein Gedanke ... wie wäre es mit einer Pflegerin, lieber Senator?
Wir haben da unsere guten katholischen Grauen Schwestern ... Die Schwestern
sind unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit
so beruhigend auf die Kranken.
Die Ärzte gingen. Thomas Buddenbrook überlegte, was Grabow
gesagt hatte ... Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen ...
Man hatte gefühlt, wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung
hütete. Das einzige klare Wort war Lungenentzündung gewesen,
und dieses Wort wurde nicht tröstlicher dadurch, daß Doktor
Langhals es in die Sprache der Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung
in den Jahren der Konsulin ... Schon, daß es zwei Ärzte waren,
die kamen und gingen, gab der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow
hatte das ganz leichthin und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich
über kurz oder lang zur Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der
junge Langhals berufen sei, seine Praxis zu übernehmen, so mache
er - Grabow - sich ein Vergnügen daraus, ihn hie und da schon jetzt
heranzuziehen und einzuführen ... Nach Tagen wird eine beidseitige
Lungenentzündung diagnostiziert. Der Zustand der Konsulin verschlechtert
sich vehement. Irgendwann ringt sie dann mit dem Leben um den Tod.
Was zu schlafen! ... Meine Herren, aus Barmherzigkeit! Was zu schlafen
... ! Darauf schreibt Thomas Mann: Aber die Ärzte kannten
ihre Pflicht. Es galt unter allen Umständen, dieses Leben den Angehörigen
so lange wie nur irgend möglich zu erhalten, während ein Betäubungsmittel
sofort ein widerstandsloses Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde.
Ärzte waren nicht auf der Welt, den Tod herbeizuführen, sondern
das Leben um jeden Preis zu konservieren ... Sie stärkten im Gegenteil
mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten durch Brechreiz mehrere
Male eine momentane Erleichterung hervor.
Aus heutiger Sicht wäre es sicher angemessen gewesen, die Leiden
der alten Konsulin mit Morphin (Benzodiazepin gab es noch nicht) zu lindern,
das, wie wir jetzt auch wissen, die Sterbephase nicht verkürzt (Einzelheiten
dazu: Dtsch Ärztebl 2007; 104 [5]: C 200-202 im Interview mit Prof.
Borasio, München).
Thomas und Gerda Buddenbrooks Sohn ist nun elf Jahre alt. Wie man von
Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten Doktor Grabow gänzlich
übernommen hatte und Hausarzt bei Buddenbrooks war, hatte Hannos
unzulänglicher Kräftezustand sowie die Blässe seiner Haut
ihren triftigen Grund und dieser bestand darin, daß der Organismus
des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkörperchen in nicht
genügender Anzahl produzierte. Dieser Unzulänglichkeit zu steuern
aber gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals
in großen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter, dickflüssiger
Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlöffel zweimal täglich
zu nehmen war; ... Alle übrigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen
dieses Mangels an roten Blutkörperchen, sekundäre Erscheinungen,
wie Doktor Langhals sagte, indem er seine Fingernägel besah ... Um
die Zähne zu behandeln, zu füllen und gegebenen Falles zu extrahieren,
dazu wohnte Herr Brecht ... in der Mühlenstraße; und um die
Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusöl auf der Welt, gutes, dickes,
silberblankes Rizinusöl, welches, aus einem Eßlöffel genommen,
wie ein schlüpfriger Molch durch die Kehle glitschte, und das man
drei Tage lang roch, schmeckte, im Schlunde spürte, wo man ging und
stand ... Ein einziges Mal - Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen,
und sein Herz hatte sich besondere Unregelmäßigkeiten zuschulden
kommen lassen - war Doktor Langhals mit einer gewissen Nervosität
zur Verschreibung eines Mittels geschritten, das dem kleinen Johann Freude
gemacht und ihm so unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren Arsenikpillen
gewesen.
Lebertran und Rizinusöl waren gute Dinge, aber darin war Doktor
Langhals vollständig mit dem Senator einig, daß sie allein
nicht hinreichten, den kleinen Johann zu einem tüchtigen und wetterfesten
Manne zu machen. ... Baden! Schwimmen! hatte Doktor Langhals
gesagt. Aber der Junge versuchte, körperliche Übungen aller
Art zu vermeiden, wo und wann er nur irgend konnte. Auch die jährlichen
vierwöchigen Ferien in Travemünde mit frischer Meeresluft brachten
kaum Besserung für seinen schwächlichen Zustand.
Das Jahr 1874. Auch dem nun 48-jährigen Senator Thomas Buddenbrook
geht es nicht gut. Appetit- und Schlaflosigkeit, Schwindel und jene
Schüttelfröste, zu denen er immer geneigt hatte, zwangen ihn
mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu ziehen. Aber er gelangte nicht
dazu, des Arztes Verordnungen zu befolgen. ... Er war weit davon entfernt,
sich den betäubenden Genuß der kleinen, scharfen russischen
Zigaretten zu versagen, die er, seit seiner Jugend schon, täglich
in Massen rauchte. Er sagte ...: Sehen Sie, Doktor, mir die Zigaretten
zu verbieten, ist Ihre Pflicht ... Das Verbot einzuhalten ist meine Sache!
Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schönen Augen
spielen ließ wie eine Frau: Die Nerven, Herr Senator ... an
allem sind bloß die Nerven schuld. Und hie und da lässt auch
die Blutzirkulation ein wenig zu wünschen übrig. Darf ich mir
einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich dieses Jahr noch ein bißchen
ausspannen! ... Travemünde ist noch in Betrieb ... Vierzehn Tage
oder drei Wochen reparieren schon manches ...
Dieser Aufenthalt an der Ostsee kann den Gesundheitszustand nicht mehr
verbessern. Im Januar 1875 stirbt Senator Thomas Buddenbrook nach einer
misslungenen Zahnextraktion. Auf dem Rückweg von der Praxis des Herrn
Brecht ereilt ihn ein hämorrhagischer Schlaganfall. Man bringt ihn
nach Hause ... Der Geruch von Karbol, Äther und anderen Medikamenten
wehte ihnen entgegen ...
Der junge Doktor Langhals beugte sich über ihn ... Dann horchte
er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls ... Er stand da,
hielt seine schönen Augen gesenkt und drückte in seiner Miene,
nicht ohne einige Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes
aus ... Auch der alte Hausarzt kommt. Der alte Doktor Grabow erschien
persönlich, drückte mit langem und mildem Gesichte allen die
Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken und tat genau, was auch
Doktor Langhals schon getan hatte ... Der Senator starb ... Doktor Langhals,
der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein schwarzes Hörrohr
auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und sprach nach gewissenhafter
Prüfung: Ja, es ist zu Ende.
Das 16-jährige Leben seines Sohnes Hanno endet durch Typhus. ...
Ein tüchtiger Arzt von soliden Kenntnissen, wie, um einen Namen
zu nennen, Doktor Langhals, der hübsche Doktor Langhals, mit den
kleinen, schwarzbehaarten Händen, wird gleichwohl bald in der Lage
sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu nennen, und das Erscheinen
der fatalen roten Flecke auf der Brust und dem Bauche gibt ja völlige
Gewißheit. Er wird über die Maßregeln, die zu treffen,
die Mittel, die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird für ein
möglichst großes, oft gelüftetes Krankenzimmer sorgen,
dessen Temperatur siebenzehn Grad nicht übersteigen darf. Er wird
auf äußerste Sauberkeit dringen und auch durch immer erneutes
Ordnen des Bettes den Körper, solange dies irgend möglich -
in gewissen Fällen ist es nicht lange möglich -, vor dem ,Wundliegen
zu schützen suchen. Er wird eine beständige Reinigung der Mundhöhle
mit nassen Leinwandläppchen veranlassen, wird, was die Arzneien betrifft,
sich einer Mischung von Jod und Jodkalium bedienen, Chinin und Antipyrin
verschreiben und, vor allem, da der Magen und die Gedärme schwer
in Mitleidenschaft gezogen sind, eine äußerst leichte und äußerst
kräftigende Diät verordnen. Er wird das zehrende Fieber durch
Bäder bekämpfen, durch Vollbäder, in die der Kranke oft,
jede dritte Stunde, ohne Unterlaß, bei Tag und Nacht hineinzutragen
ist, und die vom Fußende der Wanne aus langsam zu erkälten
sind. Und nach jedem Bade wird er etwas Stärkendes und Anregendes,
Kognak, auch Champagner verabreichen ...
4. Ut aliquid fiat
Traditionell rührte die Macht der Ärzte daher, dass sie ihre
Patienten durch die Krankheit begleitet haben - bis hin zum Tod oder zur
Gesundheit. Diese Leitidee verschwand, als in der Medizin die Idee der
Heilung Fuß fasste. Gleichzeitig machte sich ein fataler Aktivismus
bemerkbar - im Sinne eines schon durch den Kirchenschriftsteller Lactantius
(250-317) beschriebenen ut aliqiud fieri videatur (= damit
wenigstens irgend etwas geschieht), verkürzt weitbekannt geworden
als ut aliquid fiat (Bastian: Psychologie heute 1995: 56-61).
Bei Thomas Mann liest man dazu im Jahr 1901 in seinen Buddenbrooks:
... Alle diese Mittel aber gebraucht er (Dr. Langhals) durchaus aufs
Geratewohl, für den Fall gleichsam nur, dass sie überhaupt von
irgendeiner Wirkung sein können, unwissend darüber, ob ihre
Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes und Zweckes entbehrt.
Und wie sieht der Patient eine solche Situation? Christian Buddenbrook
klagend zu seinem Bruder Thomas: ... Grabow hat mir eine Salbe
für die Halsmuskeln verordnet ... gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse
ich es, sie zu gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos
vor, bin unruhig und unsicher und ängstlich und in Unordnung und
kann nicht schlucken. Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich,
dass ich meine Pflicht getan habe und in Ordnung bin; dann habe ich ein
gutes Gewissen, bin still und zufrieden, und das Schlucken geht herrlich.
Die Salbe tut es, glaube ich, nicht, weißt du ...
Die Hausärzte und die anderen Ärzte der Buddenbrooks: Doktor
Klaaßen (der Tonys Schwangerschaft feststellt), Doktor Drögemüller
(der diagnostizierte, dass die beständige, unbestimmte Qual
an Christians linker Seite darauf zurückzuführen sei, dass an
der ganzen linken Seite alle Nerven zu kurz sind), der Zahnarzt Herr
Brecht und ein Arzt, der veranlasste, dass Christian zufolge unheimlicher
Wahnideen und Zwangsvorstellungen sich nun in eine Anstalt zu begeben
hatte - waren in den allermeisten Fällen gezwungen, die Dinge laufen
zu lassen. Als Hausärzte waren sie immer zur Stelle, sie leisteten
Beistand, sie waren oft Hausfreunde - nicht weniger und nicht mehr. Und
das alles auf der Basis privater Liquidation ... Ungleich schlechter ging
es den anderen, den Mitarbeitern im Kontor, den Steuerbeamten, der Speicherarbeiterschaft,
den Matrosen, den Kornträgern, manchen Bürgern, dem Barbier
Wenzel, dem Schneidermeister Stuht, dem Blumenhändler Iwersen, dem
alten Briefträger, den der Senator an guten Tagen auf der Straße
anzureden und ,Herr Oberpostmeister zu nennen pflegte. Es gab
in einigen deutschen Fürstentümern zwar schon eine staatliche
Gesundheits- und Sozialfürsorge, und es gab staatlich besoldete Ärzte.
Aber erst Otto von Bismarck (1815-1898) schuf nach der Gründung des
Deutschen Reiches mit der Sozialversicherung (1881), dem Krankenversicherungsgesetz
(1883) und dem Invaliditätsgesetz (1889) die Basis für eine
staatlich geregelte Krankenversorgung. Trotzdem blieb eine Mehrklassen-Medizin
erhalten.
Die Geburt der naturwissenschaftlich-experimentellen Medizin im 19. Jahrhundert
spiegelte sich im Lübeck der Buddenbrooks, der Krögers, der
Hagenströms, der Oeverdiecks, der Möllendorpfs, der Kistenmakers,
der Huneus und anderer zwischen Sankt Marien, den Marktarkaden,
der Fischergrube, der Mengstraße, der Breiten Straße bis zu
den Speichern an der Trave und dem Hafen noch nicht wider.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Ärzteblattes Sachsen-Anhalt
Heft 12/2007
Prof. Dr. Frank P. Meyer, Magdeburger Str. 29, 39167 Groß Rodensleben
Literatur: Thomas
Mann. Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Erster Band. Buddenbrooks.
Verfall einer Familie. Aufbau-Verlag Berlin 1955 (Lizenzausgabe. Copyright
by S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)
1 Anregungen für
diesen Abschnitt stammen auch aus dem Buch Die Geschichte der Medizin
im Spiegel der Kunst, Hrsg.: AS Lyons und RJ Petrucelli II. Du Mont
Buchverlag Köln 2003
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2008
S. 63-69
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