Community
Reinforcement and Family Training (CRAFT)
Intervention bei Angehörigen von Alkoholabhängigen
ohne Therapiebereitschaft
Gallus Bischof*,
Julia Iwen*, Christian W. Müller*, Klaus
Junghanns*,**, Clemens Veltrup**,
Fritz
Hohagen*, Hans-Jürgen Rumpf*
* Universität
Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ratzeburger
Allee 160, 23538 Lübeck
** AHG Klinik Holstein, Weidenweg 9-15, 23562 Lübeck |
1. Epidemiologischer
Hintergrund
In Deutschland gelten nach Schätzung der Deutschen Hauptstelle gegen
Suchtgefahren fünf bis sieben Millionen Angehörige von Alkoholabhängigen
als von der Abhängigkeit unmittelbar mitbetroffen. Die hohe Belastung
dieser Menschen zeigt sich an erhöhten Raten stressbedingter Erkrankungen
und psychosozialer Beeinträchtigungen (z. B. Orford et al., 1975,
2005).
Studien konnten konsistent belegen, dass die Einbeziehung Angehöriger
in die Behandlung von Abhängigkeitserkrankten zu einer Verbesserung
der kurz- und langfristigen Therapieerfolge führt. Zugleich werden
jährlich nur etwa zehn Prozent der Alkoholabhängigen durch das
Suchthilfesystem erreicht, Angehörige stellen lediglich etwa sechs
Prozent der Nutzer des ambulanten Suchtkrankenhilfesystems dar (Sonntag
et al., 2007). Angehörigen von Behandlung ablehnend gegenüber
stehenden Menschen mit Alkoholproblemen wird oftmals lediglich die Trennung
angeraten; diejenigen, die diesen Schritt nicht gehen wollen oder können,
finden nur schwer Unterstützung. Dabei konnte in verschiedenen US-amerikanischen
Studien gezeigt werden, dass die Behandlung von Angehörigen einen
starken Einfluss auf die Bereitschaft von Menschen mit Alkoholproblemen
ausüben kann, fachliche Hilfen in Anspruch zu nehmen (z. B. Miller
et al., 1999). Die Wirksamkeit solcher Ansätze soll nun in einem
durch die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen, dem Verband
der privaten Krankenversicherung e. V. und dem Bundesministerium für
Bildung und Forschung (Förderkennzeichen 01 GX 0702) geförderten
Forschungsprojekt erstmalig in Deutschland überprüft werden.
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| (Fotos:
Gallus Bischof) |
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2. Intervention
Umgebungsfaktoren von Menschen mit substanzbezogenen Problemen wie z.
B. die Möglichkeit zu alkoholfreien Freizeitaktivitäten sind
im englischsprachigen Raum bereits seit längerem im Fokus gezielter
Interventionen und zählen nach neueren Meta-Analysen zu den wirksamsten
und ökonomischsten Behandlungsansätzen bei alkohol- und drogenbezogenen
Problemen (Holder et al., 1991; Miller und Wilbourne 2002). Aus dem Community
Reinforcement Approach CRA (Meyers & Smith, 2007), der auf den Einfluss
unterschiedlicher sozialer Quellen auf den Verlauf substanzbezogener Störungen
fokussierte, wurde in den 80er Jahren das auf Angehörige zugeschnittene
Community Reinforcement and Family Training (CRAFT) entwickelt.
In diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass Familienangehörige
einen wesentlichen Beitrag für die weitere Entwicklung des Substanzkonsums
des Betroffenen (Index-Patient, IP) und die Inanspruchnahme
von Hilfen leisten können. Gegenstand des Trainings ist primär
die Vermittlung der zu diesem Zweck als sinnvoll erachteten Fertigkeiten,
ergänzt durch weitere Module, welche auf die Verbesserung der eigenen
Lebensqualität abzielen. Dabei werden primär drei Ziele verfolgt:
Zunächst soll der Substanzkonsum des IP reduziert werden, um in einem
weiteren Schritt die Behandlungsaufnahme des IP zu erreichen. Unabhängig
von diesen beiden Zielen soll die Lebensqualität des Angehörigen
verbessert werden.
CRAFT basiert auf Grundlagen der Lerntheorie und nutzt Verstärkungsstrategien
im Gegensatz zu konfrontierenden Techniken. Angehörige werden dabei
aufgrund ihres Wissens über den IP, das Ausmaß an Kontakt und
ihre eigene Veränderungsmotivation (Leidensdruck) als ideale Partner
für die Behandlungsaufnahme gesehen. In zwölf Einzelsitzungen
werden folgende Module behandelt: 1) Motivieren des Angehörigen,
2) Funktionale Verhaltensanalyse, 3) Strategien gegen Gewalt, 4) Kommunikationstraining,
5) Positive Verstärkung, 6) Nutzung negativer Konsequenzen, 7) Strategien
zur Verbesserung der Lebensqualität, und 8) Motivierung des Indexpatienten
(IP), Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Module sind überblicksartig
beschrieben in Bischof & Freyer (2006) und Bischof (2007).
Für die Wirksamkeit des Programms ist es nicht erforderlich, dass
der IP über die Teilnahme informiert wird. Die Entscheidung, ob die
Information des IP frühzeitig erfolgen soll, wird gemeinsam mit dem
Angehörigen unter Abwägung der möglichen Vor- und Nachteile
gefällt.
3. Studiendesign
Vor dem Hintergrund der erhöhten Morbidität und der suchtspezifischen
Unterversorgung von Angehörigen von Menschen mit Alkoholproblemen
kommt den Hausärzten eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Hilfeangeboten
zu. In einer im Vorfeld der Studie durchgeführten Fokusgruppe mit
Angehörigen von Menschen mit substanzbezogenen Störungen wurde
neben einer besseren öffentlichen Präsenz entsprechender Angebote,
auch die Information zu solchen Behandlungsangeboten durch den Hausarzt
ausdrücklich gewünscht.
Vor diesem Hintergrund bietet die Studie zur Überprüfung des
CRAFT-Ansatzes ein 12-wöchiges, kostenfreies Behandlungsangebot für
Angehörige von Menschen mit Alkoholproblemen. In Anlehnung an die
Einschlusskriterien amerikanischer Studien werden erwachsene Angehörige
von IPs mit einer alkoholbezogenen Störung, die mit dem IP zusammenleben
oder mindestens 20 Stunden pro Woche mit dem IP verbringen, in die Studie
eingeschlossen.
Ausschlusskriterien sind alkoholspezifische Behandlung des IP innerhalb
der letzten zwölf Monate, Vorliegen einer Polytoxikomanie bei dem
IP, eine eigene substanzbezogene Störung (Ausnahme: Tabakabhängigkeit)
des Angehörigen, sowie gewalttätige Übergriffe unter Nutzung
von Waffen durch den IP in der Vergangenheit.
Ärzte und Beratungsstellen haben die Möglichkeit, diese Patienten
an die Studienleitung weiter zu vermitteln. Entsprechende Informationsblätter
werden rechtzeitig vor Studienbeginn in ausreichender Stückzahl den
niedergelassenen Ärzten in Lübeck und Umland zugesendet.

Die infrage kommenden Patienten werden nach Durchführung einer Baseline-Erhebung
per Zufall zwei Gruppen mit jeweils 60 Personen zugewiesen: einer sofortigen
Interventionsbedingung, bei welcher das 12-wöchige Programm unmittelbar
beginnt, und einer Wartelistenbedingung, welche nach drei Monaten das
CRAFT-Programm erhält und der für den Zeitraum zwischen Baseline-Erhebung
und Programmbeginn der Besuch einer Selbsthilfegruppe für Angehörige
nahegelegt wird. Nach drei Monaten, also zum Ende der Intervention in
der sofortigen Interventionsbedingung und vor Beginn der Intervention
in der Wartelistenbedingung erfolgt eine Erhebung zur Inanspruchnahme
suchtspezifischer Hilfen durch den IP sowie (wie bereits in der Baseline-Erhebung)
zur eigenen psychosozialen Belastung. Diese Erhebung erfolgt erneut nach
sechs und zwölf Monaten. Als zentrale Erfolgskriterien gelten die
Inanspruchnahme suchtspezifischer Hilfen durch den IP und eine Verbesserung
des psychosozialen Funktionsniveaus der teilnehmenden Angehörigen.
4. Ausblick
Es wird erwartet, dass die Ergebnisse der Studie sowohl zu einer Verbesserung
der gesundheitlichen Situation von Angehörigen beitragen als auch
einen neuen Zugangsweg zu Menschen mit alkoholbezogenen Störungen
erlauben. Dies stellt die Grundlage für die weitergehende Implementierung
des Ansatzes dar. Weitergehende Schritte sollten dabei neben Schulungsangeboten
für niedergelassene Ärzte insbesondere lokal verankerte Überweisungsmöglichkeiten
zu spezialisierten Angeboten des Suchthilfesystems beinhalten. Vergütungsmodelle
hierfür sind zu entwickeln.
Dr. phil. Gallus Bischof (Korrespondent), Universität zu Lübeck,
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Arbeitsgruppe S:TEP (Substanzmissbrauch:
Therapie, Epidemiologie, Prävention), Ratzeburger Allee 160, 23538
Lübeck, E-Mail gallus.bischof@psychiatrie.uk-sh.de
Literatur
Bischof, G. (2007).
Arbeit mit Angehörigen therapieunwilliger Suchtkranker nach dem Community
Reinforcement and Family Training (CRAFT). Stand von Forschung und Praxis.
Konturen 28(1): 16-21.
Bischof, G. and Freyer, J. (2006). Angehörigenarbeit bei Personen
mit substanzbezogenen Störungen - Der Community Reinforcement and
Family Training (CRAFT) Ansatz. Suchttherapie 7: 52-57.
Holder, H., Longabaugh, R., Miller, W. and Rubonis, A. V. (1991). The
cost effectiveness of treatment for alcoholism: a first approximation.
Journal of Studies on Alcohol 52: 517-540.
Meyers, R. J. and Smith, J. E. (2007). CRA-Manual zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit.
Erfolgreicher behandeln durch positive Verstärkung im sozialen Bereich.
Bonn, Psychiatrie-Verlag.
Miller, W. R., Meyers, R. J. and Tonigan, J. S. (1999). Engaging the unmotivated
in treatment for alcohol problems: a comparison of three strategies for
intervention through family members. Journal of Consulting and Clinical
Psychology 67: 688-697.
Miller, W. R. and Wilbourne, P. L. (2002). Mesa Grande: a methodological
analysis of clinical trials of treatments for alcohol use disorders. Addiction
97: 265-277.
Orford, J., Guthrie, S., Nicholls, P., Oppenheimer, E., Egert, S. and
C., H. (1975). Self-reported coping behaviour of wives of alcoholics and
its association with drinking outcome. Journal of Studies on Alcohol 36:
1254-1267.
Orford, J., Templeton, L., Velleman, R. and Copello, A. (2005). Family
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standardized questionnaires for assessing stress, coping and strain. Addiction
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Sonntag, D., Bauer, C. and Hellwich, A. K. (2007). Deutsche Suchthilfestatistik
2006 für ambulante Einrichtungen. Sucht 53(Sonderheft Nr. 1): 7-43.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2008
S. 56-58
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