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Medizin und Wissenschaft

Aus der Fachabteilung I Maritime Medizin des Schiffahrtmedizinischen Instituts der Marine
Schifffahrtmedizin
Ulrich van Laak

 
Abb. 1: Maximaler Beladungsversuch Rettungsinsel  

„Das Schiffslazarett ist in einer drangvollen Enge untergebracht. Die räumlichen Verhältnisse sind mehr als unglücklich. Desgleichen auch die Unterkunftsräume für die Besatzungsangehörigen.“ (Zitat des damaligen Flottillenarztes Dr. Armin Wandel nach seinem Besuch auf dem Zerstörer „Z 1“ im Juni 1958). Die beschriebenen Verhältnisse haben sich im Laufe der Jahrzehnte entscheidend positiv verändert. Gleichwohl beschreibt das kurze Zitat auch das zentrale Anliegen der heutigen Schifffahrtmedizin: Die Situation der Soldaten auf See und ihren spezifischen Lebensraum, einschließlich seiner möglichen Extreme, unter einem umfassenden medizinischen, physiologischen, zahnmedizinischen, ergonomischen und psychologischen Blickwinkel kontinuierlich so zu bewerten, dass ein Maximum an gesundheitlichem Schutz für das Individuum auch auf abgesetzt operierenden Marineeinheiten resultiert (Abb. 1). Der Bogen ist dabei weit gespannt. Die Anforderungen an die Schifffahrtmedizin sind nicht nur wegen der manchmal tagelangen Isolation des dann auf sich allein gestellten Sanitätspersonals erheblich. Die im zivilen Bereich kaum abgebildete Schifffahrtmedizin ist Auftrag der Fachabteilung I, Maritime Medizin, des Schiffahrtmedizinischen Instituts der Marine.

 
  Abb. 2: Erprobung Miller-Board; Dummie mit mangelhaftem Ergebnis

„Landmedizin“ unter Bordverhältnissen?

Keineswegs! Die Schifffahrtmedizin weist ein ganz eigenständiges, selbstbewusstes Profil mit eindeutigen Schnittstellen auf. Hierzu zwei Beispiele zur Verdeutlichung. Die arbeitsmedizinischen MAK (Maximale Arbeitsplatz Konzentration)-Werte können an Bord deswegen nicht eins-zu-eins herangezogen werden, weil der Marinesoldat am Arbeitsplatz nicht nur arbeitet, sondern seine „Freizeit“ verlebt und schläft. Der biomedizinische Einfluss von potenziell schädigenden Stoffen muss hier der ganz anderen 24-Stunden Multiplikatorwirkung gegenübergestellt werden. Dabei versagt die einfache Arithmetik, die besagt, dass der Tag aus drei mal acht Stunden besteht, von denen nur ein Drittel am Arbeitsplatz verbracht wird. Das Schädigungspotenzial potenziell toxischer Stoffe wird im „Landleben“ auch dadurch entschärft, dass es üppige Erholungsphasen gibt, die zwei Drittel der beruflichen Expositionszeit entsprechen. Genau diese Erholungsphasen fehlen einer Bordbesatzung im Einsatz. Es ist derzeit nicht bekannt, ob wir die Acht-Stunden-MAK-Liste z. B. bei Spurenverunreinigungen additiv oder multiplikativ fortschreiben müssen. Diese Fragen sind allerdings Tagesgeschäft der Schifffahrtmedizin, die sich damit eher mit speziellen toxikologischen Fragestellungen als mit der Arbeitsmedizin „nur eben an Bord“ beschäftigt. Die Boote und Schiffe der Marine sind nicht alle für die Klimazonen und die Aufgaben entwickelt worden, in denen sie heute zum Einsatz kommen. Das resultiert in Umgebungsproblemen, die zu Gesundheitsrisiken werden können. Die Abteilung Schifffahrtmedizin nutzt für Messungen die verfügbaren Kompetenzen anderer Bundeswehrinstitute und bewertet die Messergebnisse.

Flottenarzt Dr. Ulrich van Laak, geb. 1957 in Offenbach. 1976 Eintritt in die Bundeswehr als Sanitätsoffiziersanwärter.

1976-1982 Medizinstudium an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Main. 1985 Ausbildung Tauch-, Überdruck-, Ubootmedizin Panama City, FL, USA.
Letzte Verwendungen: 1983-1985 Schiffahrtmedizinisches Institut der Marine, Fachgebiet Tauchmedizin. Bis 1992 Fachgebietsleiter Tauch- und Überdruckmedizin. Seit 1992 bis dato Abteilungsleiter Überwassermedizin am Schiffahrtmedizinischen Institut der Marine - umfasst die Fachgebiete Schifffahrt- und Arbeitsmedizin, Umweltmedizin; Ergonomie und Schifffahrtpsychologie; Infektions- und Tropenmedizin, sowie die schifffahrtmedizinische Zahnmedizin. Seit 1995 Betreuungsoffizier SanOA Studienort Kiel.

Seit 1997 Beauftragter Admiralarzt Marine für Telemedizin. 1999-2000 LSO Marineamt. 1999-2002 Präsident der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM e. V.). Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung, im Gemeinsamen Bundesausschuss Ärzte Krankenkassen (Methodenbewertung), in internationalen schifffahrtmedizinischen und tauchmedizinischen Fachgesellschaften. Vorlesungen (Institute für Rechtsmedizin) an den Universitäten Kiel und Lübeck (Tauchunfälle, Tod im Wasser, Hypothermie), Vorlesungen in Kiel, Lübeck und Hannover (Notfallmedizin-Vorlesung) über Unfälle im Wasser. Veröffentlichungen und Buchbeiträge zu den Themen: Tauchunfallmanagement, Hyperbare Sauerstofftherapie, Beinahe-Ertrinken, Unterkühlung, Seenot. Auslandseinsätze: 2004 Kommandeur SanEinsVbd GECONSFOR. (Fotos: Wehrmedizin und Wehrpharmazie)

Rettungsmittel und Rettungsverfahren

 
Abb. 3: Erprobung Vakuummatratze unter den beengten Bedingungen an Bord  

Die Rettungsmittel und -verfahren der Flotte werden einer schifffahrtmedizinischen Untersuchung unter Laborbedingungen unterzogen. Das persönliche Rettungsmittel „Schwimmweste“ als solches wird bereits vom Hersteller als „ohnmachtssicher“ angeboten, allerdings kann dieser entscheidende Sicherheitsaspekt durch militärspezifische Bekleidungsteile oder Besonderheiten in militärischen Handlungsabläufen aufgehoben werden. Medizinisches Gerät, wie z. B. spezifische Krankentragen („Stretcher“) oder Vakuummatratzen, das an Bord zum Einsatz kommen soll, wird auf die Einsatzfähigkeit unter allen Bergebedingungen typschiffbezogen getestet (Abb. 3). Hierzu stehen uns selbst entwickelte Testverfahren und einer der wenigen weltweit verfügbaren Immersions-Dummies zur Verfügung (Abb. 4).

Die Betreuung von Patienten muss ohne funktionelle Verluste so adaptiert werden, dass sie auch in der Rettungsinsel funktioniert (Abb. 5). Dabei wird die schifffahrtmedizinisch-ergonomische Kompetenz der Abteilung in diesem Zusammenhang voll mitgenutzt.

 
 

Abb. 4: Erprobung Schaufeltrage (oben)

Abb. 5: Rettungsinsel zur Aufnahme von Verwundeten

 

Maritime Notfälle

„Überleben auf See“ ist das Schlagwort, welches am besten beschreibt, dass sich die Abteilung ganz intensiv mit den pathophysiologischen Aspekten maritimer Notfälle beschäftigt. Neben Immersion und Submersion (akzidentelle Hypothermie und Beinahe-Ertrinken) stehen dabei die Kompatibilität der Rettungsmittel und Rettungsverfahren mit den Möglichkeiten und Grenzen der betroffenen Menschen im Vordergrund.

Medizinisches Lagebild Auslandshäfen


Ein Produkt der Auswertung schiffsärztlicher Erfahrungsberichte sind traditionell die Hafenzustandsberichte gewesen. Sie enthielten möglichst alle Informationen, die ein Schiffsarzt über einen Hafen einschließlich seiner Umgebung im Operationsgebiet seines Schiffes haben muss, um sich gezielt abstützen zu können. Bis vor kurzem bestand die Informationsgewinnung hauptsächlich aus unseren „Augenzeugen“, die vorwiegend über Häfen, die wir schon einmal angelaufen hatten, schiffsärztliche Berichte ablieferten. Das hat sich grundlegend geändert. Die Vorbereitungszeiten sind auch für mögliche maritime Einsätze sehr viel kürzer geworden. Daher müssen prospektive, erheblich detailliertere und zum Teil klassifizierte Berichte vorgehalten bzw. ad hoc erstellt werden. Überwiegend geht es dabei um Küstenbereiche, die noch nicht angelaufen wurden. Die Informationsgewinnung erfolgt „joint“ über alle verfügbaren militärischen Quellen und in enger Abstimmung mit der für Medical Intelligence zuständigen Abteilung im Sanitätsamt. Aber auch gezielte Abfragen bei Botschaften sowie Recherchen im Internet sind zielführend, um z. B. eine Klinik mit Druckkammer, hilfreiche Kontaktpersonen oder die Tierseuchenlage im Hafen in den Bericht mit aufzunehmen. Somit wird das auf den spezifischen Bedarf der Flotte zugeschnittene schifffahrtmedizinische Lagebild der Auslandshäfen (Abb. 6), das Schiffsärzten und Kommandanten Entscheidungen auf der Basis verlässlicher Daten ermöglicht, zur Verfügung gestellt. Rücklaufende Informationen fließen selbstverständlich in die Berichte ein.

 
  Abb. 6: Beispiel Lagebild Auslandshafen


Telemedizin

Die Telemedizin hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf der maritimen Seite besonders gut entwickelt. Schiffen der Marine steht sie im Einsatz immer zur Verfügung. Die telemedizinische Expertenstelle der Flotte wird am Institut ebenso betrieben, wie auch die Weiterentwicklung der Verfahren und Untersuchungen synergetischer IT-Nutzung im Schiffslazarett.

Die maritime Telemedizin ermöglicht bei Notfällen und eiligen Routinefragen die Konsultation jeder Facharztrichtung an Bord, einschließlich der Gynäkologie. Sie hilft, personelle Ressourcen einzusparen, denn in bestimmten Einsatzkonfigurationen des Marineeinsatzrettungszentrums (MERZ) wird kein Mikrobiologe mehr an Bord benötigt, wenn die Telemedizinanbindung zur Verfügung steht. Die verschlüsselten Medizindaten von See werden im Institut ausgewertet und im Sinne einer „Makelfunktion“ über das telemedizinische Landsystem an die fachlich zuständigen Stellen geleitet (Abb. 7). Die Funktion der telemedizinischen Expertenstelle der Flotte steht rund um die Uhr zur Verfügung. Die maritime Telemedizin wird in den kommenden Jahren zügig ausgebaut.

 
Abb. 7: Telemedizin-Arbeitsplätze am Institut  

Borddienstverwendungsfähigkeit

Die neue ZDv 46/7 regelt die Untersuchung auf Borddienstverwendungsfähigkeit (BDV). Sie darf jetzt von jedem approbierten SanOffzArzt durchgeführt werden, nicht mehr, wie zuvor, ausschließlich durch Schiffsärzte. Hintergrund ist die Minimierung des Untersuchungstourismus’. Die Abteilung Maritime Medizin war seitens Admiralarzt Marine schon immer mit einer übergeordneten Gutachterfunktion für strittige Fragen zur BDV beauftragt. Das neue Verfahren schreibt jetzt allerdings vor, dass sämtliche nicht von Schiffsärzten durchgeführten BDV-Untersuchungen im Detail der Abteilung zur Prüfung vorgelegt werden müssen. Unter Nutzung der Untersuchungskapazitäten der Abteilung Tauch- und Überdruckmedizin werden auch BDV Untersuchungen direkt angeboten.

 
  Abb. 8: Vorbereitungen des mobilen
Impfteams an Bord

Impfkompetenz

Die Abteilung besitzt eine Gelbfieberimpfstelle und stellt auf Anforderung der Flotte ein mobiles Impfteam, das kurzfristig auch an Bord von Einheiten Massenimpfungen jeglicher Art vornehmen kann (Abb. 8).

Medizinische Ergonomie


Die Abteilung leistet mit ihren Psychologen und Soldaten aus verschiedenen Verwendungsreihen Beiträge zur optimalen Mensch-System-Integration bei Planung, Entwicklung, Beschaffung, Einführung und Nutzung von Wehrmaterial für die Marine. Das Spektrum ist wesentlich weiter als das der technischen Ergonomie. Im Vordergrund stehen System-, Funktions- und Aufgabenanalysen, Ermittlung von Anforderungsprofilen, ablaufergonomische Fragestellungen, bedienergerechte Gestaltung von Hard- und Software und die Umgebungsbedingungen der maritimen Plattform (Abb. 9).

 
Abb. 9: Ergonomische Datenerfassung auf U-Boot Klasse 212  


Auf dem Weg zum Kriegsschiff mit zwei Besatzungen, aber deutlich reduzierter Besatzungsstärke, verbinden sich medizinische Ergonomie und Schifffahrtpsychologie vor dem Hintergrund völlig neuer Herausforderungen, für die es bislang noch keine Erfahrungen in der Marine gibt. Hierfür werden die Überarbeitung alter und die Entwicklung neuer arbeitspsychologischer Verfahren erforderlich sein. Für die zukünftigen Plattformen der Marine wird die medizinische und psychologische Ergonomie verstärkte Bedeutung erhalten.

Schifffahrtpsychologie

 
  Abb. 10: Ergonomische Bewertung von Rettungsmitteln

Die Psychologen der Abteilung sind in die Havarieuntersuchungen der Marine eingebunden, wenn es Mensch-System-Probleme zu klären gilt und Faktoren wie z. B. „Situation Awareness“, Kooperation, Kommunikation und Entscheidungsfindung eine Rolle gespielt haben könnten. Die Festlegung und Durchführung von Verfahren zu Optimierung solcher Faktoren durch Integration von Auswahl-, Ausbildungs-, Einsatz- und Materialaspekten ist ein wichtiger Faktor, um zukünftig die Sicherheit der Schiffsführung sowie des Schiffsbetriebes zu gewährleisten. Gemäß dem Rahmenkonzept zur Bewältigung psychischer Belastungen und dem medizinisch-psychologischen Stresskonzept stellen die Schifffahrtpsychologen für die unmittelbare Betreuung von Soldaten nach psychotraumatischen Situationen ein mobiles Kriseninterventionsteam (KIT). Es kann bei Schadensereignissen mit Verletzten oder Toten, „Critical Incidents“, kurzfristig an Bord verbracht werden. Damit hohe Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit gegeben ist, steht immer ein Psychologe in Rufbereitschaft. Das für dieses Team erforderliche weitere Personal aus der Flotte, die so genannten Peers, wird von den Psychologen ausgebildet und in Übung gehalten.

Tauchendes Personal, das besonderen Belastungen unterliegt, wird mit psychologischen Methoden auf seine Eignungsverwendung untersucht. Bei Leistungsdefiziten, phobischen Auffälligkeiten und bei fehlender Adaptation, z. B. bei Seekrankheitsproblemen, werden aktive Taucher, U-Bootfahrer oder Bordpersonal psychologischen Sonderuntersuchungen unterzogen, deren Ergebnisse direkt in die Beurteilung der Verwendungsfähigkeit einfließen.

Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Zeitschrift Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2007

Dr. Ulrich van Laak, Flottenarzt, Schiffahrtmedizinisches Institut der Marine, Kopperpahler Allee 120, 24119 Kronshagen


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2008

S. 52-56