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Bad Segeberg

Marburger Bund Schleswig-Holstein
Krankenhäuser vor dem Kollaps?

Kollaps der Krankenhäuser? Diese Frage sorgte am 22. April nicht nur für eine voll besetzte Fortbildungswerkstatt in der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Die Besucher der Hauptversammlung des Marburger Bundes (MB) Schleswig-Holstein merkten, dass sie bei der Suche nach Lösungen Verbündete unter den Klinikchefs haben.

 

oben: Harald Stender

Dr. rer. pol. Hellmut Körner
(Fotos: di)

 
Von einem Kollaps zu sprechen hält Harald Stender noch für eine Untertreibung. Denn an eine nur vorübergehende Schädigung der wirtschaftlichen Situation der Krankenhäuser glaubt der sonst optimistische Chef des Heider Westküstenklinikums nicht mehr. Auch Lothar Obst, Verwaltungschef des Reinbeker Krankenhauses und Vorsitzender des Verbandes der Krankenhausdirektoren, hält die Situation der Kliniken im Norden für prekär. Ausgerechnet zwei Verwaltungschefs, deren angespannte Budgets durch die vom Marburger Bund erstrittenen Tariferhöhungen noch stärker belastet werden, erhielten von den Ärzten großen Beifall - Ärzte und Klinikchefs wissen, dass sie nur gemeinsam weiter kommen. „Die Zeit der Nullrunden für die Beschäftigten im Gesundheitswesen muss ein Ende haben“, sagte etwa Obst. Zugleich sorgen Analysen wie die von Stender dafür, dass die Ärzte die wirtschaftliche Situation ihrer Arbeitgeber einzuordnen wissen. Stender rechnete vor, dass Tarifanpassungen und Preissteigerungen bei den Sachkosten bei einem durchschnittlichen 700 Betten-Haus bis Ende kommenden Jahres einen finanziellen Mehrbedarf von 6,3 Millionen Euro ausmachen. Dem stehen Ersparnisse und Steigerungen der Grundlohnsumme von rund 1,3 Millionen Euro gegenüber. Um die Deckungslücke von fünf Millionen Euro aufzufangen, rechnete Stender vor, müsste das Haus eine Umsatzrendite von mehr als sechs Prozent erzielen - was er für ein Schwerpunktkrankenhaus für unmöglich hält. Das von ihm geführte Haus rechnet er zu den rentabelsten im Land. Wie es aber künftig noch schwarze Zahlen schreiben soll, weiß Stender derzeit nicht. Auch Schleswig-Holsteins Gesundheits-Staatssekretär Dr. rer. pol. Hellmut Körner konnte dafür kein Patentrezept liefern. Er kündigte aber an, dass sein Land nach „verbündeten“ anderen Bundesländern sucht, um eine Angleichung des Basisfallwertes zu erreichen. Der Landesbasisfallwert ist in Schleswig-Holstein besonders niedrig und sorgt für geringere Klinikerlöse. Mit dem in Rheinland-Pfalz geltenden Landesbasisfallwert würde nicht nur Stenders Haus einen Überschuss in Millionenhöhe erzielen. Körner sieht aber auch noch
 
  Dr. jur. Johann Brunkhorst
Spielraum bei der in den vergangenen Jahren schon deutlich verbesserten Kooperation. Der Wettbewerbsdruck hat nach Beobachtung des Staatssekretärs die Zusammenarbeit deutlich vorangetrieben. Nach seiner Ansicht sind aber noch intensivere Bemühungen notwendig, auch sektorenübergreifend. Als Beispiel nannte er die Kooperation von Kliniken und Praxen in regionalen Versorgungsmodellen. Bundesweite Zahlen zur stationären Versorgung präsentierte Dr. Johann Brunkhorst von der Techniker Krankenkasse (TK). Der Leiter der TK-Landesvertretung gab zu bedenken, dass der Anteil der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die stationäre Versorgung seit 1995 von rund 33 auf 36 Prozent gestiegen ist. In absoluten Zahlen: Die Ausgaben für die Krankenhäuser stiegen von 40 auf 50 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum stieg auch die Zahl der Klinikärzte von 101 590 auf 123 715. Von einem Kollaps kann angesichts solcher Steigerungen nach Ansicht Brunkhorsts keine Rede sein - im Gegenteil. „Für mich sind die Kliniken die Gewinner“, sagte Brunkhorst, obwohl er auch andere Zahlen bereithielt, die etwa die enorme Arbeitsverdichtung und den massiven Abbau von Arbeitsstellen in der Pflege belegten. Die Mitglieder des Marburger Bundes interpretierten die Zahlen erwartungsgemäß anders. Mehr Teilzeitstellen, eine höhere Erwartungshaltung der Patienten und mehr Ärzte in patientenfernen Abteilungen gleichen nach ihren Erfahrungen die gestiegene Arztzahl mehr als aus. Mehrere Ärzte betonten, dass „am Bett“ heute nicht mehr Ärzte zur Verfügung stehen als früher. Die MB-Landesvorsitzende Dr. Hannelore Machnik stellte fest: „Die gestiegene Arztzahl ist kein Luxus, es wird noch immer am Arbeitszeitgesetz vorbeigearbeitet.“ Weitere Probleme der ärztlichen Angestellten in den schleswig-holsteinischen Krankenhäusern hatte auch eine Umfrage des MB deutlich gemacht. Die Ergebnisse hatte Machnik bereits in der Kammerversammlung (siehe Bericht Seite S. 25) vorgestellt. (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 5/2008

S. 31/32