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Hantavirusinfektionen
in Schleswig-Holstein
Markus Meier, Jürgen Steinhoff, Morten Schütt
Das Interesse an Hantavirusinfektionen konzentrierte sich noch vor wenigen
Jahren hauptsächlich auf Skandinavien, den Balkan und den südostasiatischen
Raum. Mittlerweile ist bekannt, dass Hantaviren weltweit vorkommen und
in Abhängigkeit des Virustyps unterschiedliche Krankheitsverläufe
induzieren. So verursachen Infektionen mit Hantavirus-Stämmen des
amerikanischen Kontinents ein schwerwiegendes Krankheitsbild mit vorwiegend
pulmonaler Symptomatik (hantavirales pulmonales Syndrom), während
klinisch relevante Hantavirusinfektionen in Asien und Europa ein akutes
Nierenversagen mit partiell auftretenden Blutungskomplikationen, das so
genannte hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom (HFRS), induzieren1.
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Abb.
1: Verbreitung der Infektionen von 1996-2008 |
Die Ansteckung erfolgt
über das Einatmen von Staub oder Aerosolen, die mit Ausscheidungen
infizierter Nagetiere kontaminiert sind. Krankheitsbild und Verlauf dieser
Zoonose hängen vom Virustyp ab, dessen geografisch begrenztes Auftreten
vom Vorkommen des virustypspezifischen Nagerreservoirs bestimmt wird.
Hantavirusinfektionen sind meldepflichtig und spielen auch in Deutschland
eine Rolle. Im ersten Halbjahr 2007 wurden deutschlandweit 526 Hantavirusinfektionen
gemeldet. Die Zunahme der Erkrankungsfälle im Vergleich zum Vorjahr
(insgesamt 71 gemeldete Fälle) war vor allem auf einen Anstieg der
Erkrankungen in den Endemiegebieten in Baden-Württemberg und Bayern
zurückzuführen2. Hierbei handelt es sich in erster
Linie um Infektionen mit dem Virustyp Puumala, der durch die Rötelmaus
übertragen wird und typischerweise eine milde Verlaufsform des HFRS,
die so genannte Nephropathia epidemica (NE), auslöst. Mittlerweile
ist bekannt, dass im Norden und Westen Deutschlands ein zweiter Virustyp
klinisch relevante Infektionen verursacht. Die Identifizierung und klinische
Charakterisierung dieses Virustyps, bei dem es sich um eine Variante des
auf dem Balkan vorkommenden Dobrava-Hantavirustyps handelt, welche über
die Brandmaus übertragen wird, erfolgte vor allem anhand von klinischen
Fällen in Schleswig-Holstein3. Das Krankheitsbild und
die Verbreitung (Abb. 1) dieses neuen zentraleuropäischen Hantavirusstyps
sollen im Folgenden anhand der zwischen 1996 und 2008 in der Abteilung
für Nephrologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus
Lübeck, dokumentierten Fälle vorgestellt werden.
Krankheitsbild
Anders als bei dem auf dem Balkan vorkommenden Dobrava-Hantavirustyps
erinnert der klinische Verlauf der zentraleuropäischen Dobrava-Hantavirusvariante
an die NE. Schwerwiegende Verläufe waren sehr selten, Todesfälle
traten nicht auf. Ähnlich wie bei der Puumala-Virus-induzierten NE
wird eine Inkubationszeit von ca. zwei bis fünf Wochen angenommen.
Die klassischen Stadien der schweren HFRS-Verlaufsform, die in Asien nach
Infektionen mit dem Virustyp Hantaan auftritt (1. Febrile Phase, 2. Hypotensive
Phase, 3. Oligurische Phase, 4. Polyurische Phase, 5. Rekonvaleszenzphase),
sind nur unscharf ausgeprägt. Oberflächliche Hämorrhagien
und die zum Schock führende Hypotension wurden wie bei der Puumala-induzierten
NE nicht bei unseren Patienten beobachtet. Die am häufigsten aufgetretenen
Symptome zeigt Tabelle 1.
Die Erkrankung
beginnt meist abrupt mit hohem Fieber, das über drei bis vier Tage
anhält und zunächst mit unspezifischen grippeähnlichen
Allgemeinsymptomen (Kopfschmerz, Myalgien, Konjunktivitis) einhergeht.
Häufig wurden in diesem Stadium der Erkrankung Analgetika, Antipyretika
oder Antibiotika verabreicht, die für die im weiteren Verlauf auftretende
Niereninsuffizienz oft fälschlicherweise als Ursache angesehen wurden.
Drei bis sechs Tage nach Fieberbeginn leiden die Patienten zumeist an
starken, oft kolikartigen Flankenschmerzen, die auch unilateral auftreten
und urologische Probleme vortäuschen können. Gelegentlich bestehen
Durchfall, abdominelle Schmerzen, Nausea und Erbrechen (Tab. 1). Die dritte
Phase der Erkrankung ist vor allem durch ein akutes Nierenversagen gekennzeichnet.
Bereits während der Fieberphase beginnt ein Anstieg der Nierenretentionswerte,
die ca. vier bis acht Tage nach Fieberbeginn ihr Maximum erreichen und
mit einer ausgeprägten Proteinurie und Mikrohämaturie einhergehen
kann (Tab. 2). Oft besteht zu diesem Zeitpunkt auch eine milde Thrombozytopenie,
eine Leukozytose und ein Anstieg des Serum-CRP (Tab. 2). Bei einem Teil
der betroffenen Patienten kann aufgrund einer Urämie und Oligo-Anurie
eine passagere Hämodialysebehandlung notwendig sein (vier der 20
Patienten), bis schließlich eine polyurische Phase die Rekonvaleszenz
einleitet, die mehrere Wochen anhalten kann.

Entsprechend der Übertragung durch zumeist aerogen, selten auch per
os aufgenommenen virushaltigen Ausscheidungen der Brandmaus, sollte bei
Krankheitsverdacht nach dem Kontakt oder Vorkommen von Mäusen in
der häuslichen Umgebung gefragt werden. Zumeist hatten die Patienten
vor Krankheitsbeginn den Keller aufgeräumt, den Dachboden
oder die Regenrinne gesäubert. Sämtliche Patienten
wohnten in einer ländlichen Umgebung. Da differenzialdiagnostisch
oft der Verdacht auf eine akute Glomerulonephritis besteht, wurde bei
vier Patienten eine Nierenbiopsie durchgeführt. Das histologische
Bild entsprach dem einer akuten interstitiellen Nephritis, die unspezifisch
ist. Insgesamt sind die histopathologischen Verän-derungen eher diskret
und spielen bei der Diagnosestellung keine Rolle4.
Es ist davon auszugehen, dass, wie bei der Puumala-induzierten NE, ein
erheblicher Anteil der Infektionen nicht erkannt werden1. Zudem
erfordert die serologische Diagnostik der akuten Infektion, die durch
den Nachweis von IgM-Antikörpern gegen das Dobravavirus oder gegen
Hantaan-ähnliche Viren erfolgt, einen bestimmten Zeitaufwand. Oft
erfolgt die serologische Absicherung der Diagnose erst nach Eintreten
der spontan auftretenden Normalisierung der Nierenfunktion. Ein direkter
Virusnachweis gelingt nur sehr selten und erfordert Untersuchungsmaterial
aus den ersten Tagen der Infektion. Dieser Nachweis ist nur in einem Speziallabor
möglich. Für Deutschland ist das Institut für Virologie
der Charité (Prof. Dr. Krüger, Berlin) als Konsilarlaboratorium
zuständig. Die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer akuten Hantavirusinfektion
kann zumeist gut anhand der Anamnese des Patienten (ländliche Wohngegend,
Mauskontakt, Tätigkeiten mit Risiko einer Kontamination, etc.) und
der Klinik (Tab. 1) abgeschätzt werden. Wir verwenden bei Verdacht
zusätzlich zur serologischen Routinediagnostik einen Schnelltest
(Biotrin, POC Dobrava®). Generell ist hervorzuheben, dass auch in
Schleswig-Holstein Hantaviren als Auslöser des akuten Nierenversagens
endemisch sind, wobei es sich vor allem um Infektionen mit der zentraleuropäischen
Variante des Dobrava-Hantavirustyps und einen NE-ähnlichen Krankheitsverlauf
handelt. Aufgrund der klinischen Relevanz der Differenzialdiagnosen und
der Dauer des akuten Nierenversagens, die zeitweilig eine passagere Dialysebehandlung
erforderlich machen kann, sollte bei entsprechendem Verdacht eine unmittelbare
Vorstellung bei einem Nephrologen oder in einem spezialisierten Zentrum
erfolgen.
Literatur beim Verfasser oder im Internet unter www.aerzteblatt-sh.de
Dr. Markus Meier (Korrespondent), Prof. Dr. Jürgen Steinhoff, UK
S-H, Campus Lübeck, Medizinische Klinik I, Ratzeburger Allee 160,
23538 Lübeck, Tel. 0451/500-3297, E-Mail markus.meier@uk-sh.de, PD
Dr. med. habil. Morten Schütt, Curschmann-Klinik, Timmendorfer Strand
Literatur:
1. Krüger DH,
Ulrich R, Schütt M, Meisel H. Hantavirusinfektionen als Ursache des
akuten Nierenversagens. Deutsches Ärzteblatt 2002; 99: A645-651
2. Koch J, Massive
Zunahme der Hantavirusinfektionen in den ersten Monaten des Jahres
2007. Epidemiologisches Bulletin 2007; 24: 202-204
3. Klempa B, Schütt
M, Auste B, Labuda M ,Ulrich R, Meisel H, Krüger DH. First
Molecular Identification of Human Dobrava Virus Infection in Central Europe.
Journal of Clinical Microbiology 2004; 42: 1322-1325
4. Meier M, Helmchen
U, Fricke L, Schütt M. Acute hantavirus infection or renal transplant
rejection ? Transplant Infectious Disease 2007; 9:225-8
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 4/2008
S. 70-72
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