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Medizin und Wissenschaft

Koste es, was es wolle!?
Joerg L. Neumann

 
Dr. Joerg L. Neumann
(Foto: Privat)
 
Für den Einzelnen mag das ein akzeptables Motto sein, wenn er über reichlich Geld verfügt - oder nur die Preise besonders gut übersehen kann. Solange deutsche Krankenkassen noch munter sprudelnde Einnahmen kannten, weil Vollbeschäftigung, regelmäßig erhöhte Löhne und Gehälter und freie Beitragsgestaltung dafür sorgten, hat mancher Akteur im Gesundheitswesen das auch für die ewig geltende Richtschnur für Behandlungskosten gehalten. Wurden doch sogar Herzoperationen in Houston/ Texas von der Kasse bezahlt und in den Medien bejubelt!

Heute jedoch, wo eine „Geiz-ist-geil“-Mentalität immer weiter um sich greift und „Wirtschaftlichkeit“ in fast jedem Lebensbereich angekommen ist, fallen die Wenigen auf, die weiter an alten Lebensregeln festzuhalten versuchen.

Kranke hoffen, dass ihr Leiden so behandelt wird. Die profitorientierte Industrie richtet - zumal im Gesundheitswesen - ihre Preispolitik danach aus, wie die oft märchenhaften Preise für Technik und Medikamente vermuten lassen.

Und nicht zuletzt versuchen Ärzte, die klassischen Helfer, ihren Patienten etwas wirklich Gutes zu tun, wenn nur genug dafür zu sprechen scheint.

Die heute umfassende Regulierung der GKV-Einnahmen nach politischen Vorgaben, und nichts Anderes „begrenzt ja die Ressourcen“, zwingt aber zu weitergehenden Überlegungen. Denn unter diesen Umständen führen neue, zusätzliche Ausgaben unweigerlich zur Umverteilung der vorhandenen Mittel. Ganz klar: Zum Preis neuer, teurer Medikamente können andere Patienten nicht mehr behandelt werden, sterben an sonst heilbaren Erkrankungen, verlieren Lebenszeit bzw. Lebensqualität. Und damit wird unumgänglich, was deutschen Medizinern so undenkbar erscheint: Rationierung.

Auch wenn sich der Einzelne mit seiner Verordnung auf dem sicheren Boden von leitliniengerechter Therapie mit zugelassenen Medikamenten bewegt - das mit vollen Händen ausgegebene Geld fehlt unweigerlich anderswo.

Mit der Frage nach den „wirklichen Kosten von Herceptin“ wurde in Großbritannien am Beispiel eines regionalen Klinik-Etats durchgerechnet, wie viele andere Chemotherapien ausfallen müssen, wie viele Leben nicht gerettet, wie viele Lebensjahre vergeben werden. Eine nüchterne, wenn auch makabre Rechnung.

Ergänzt man dieses Rechenbeispiel um die inzwischen üblichen weiteren Posten, die in der Brustkrebsbehandlung anfallen, wird die Dimension des Problems deutlich. Die weit gediehene Umstellung der antiöstrogenen Fünf-Jahres-Therapie nach hormonsensitivem Mammakarzinom von Tamoxifen auf die 23-fach teureren Aromatasehemmer reißt Löcher von ungekannter Dimension in den Medikamentenetat der Kassen. Denn 60 Prozent der postmenopausalen Mammakarzinome sind hormonempfindlich: ca. 24 000 pro Jahr. Bei Jahreskosten von ca. 2 292 Euro fallen allein dafür 55 Millionen Euro an, wegen der fünfjährigen Therapie also 275 Millionen Euro im Jahr, sobald die Umstellung auf den „neuen Goldstandard“ vollzogen ist.

Angaben zur Effektivität bestimmter Behandlungen, vor allem in der immer noch verbreiteten Form von „Relativ-Prozenten“ vernebeln die oft verschwindend geringe Wirkung neuer, kostspieliger Therapien.
Der Zuwachs an Wirksamkeit, wie er mit den neuen Medikamenten laut Studien vor Einführung zu erzielen ist, stellt sich in absoluten Zahlen jedoch recht bescheiden dar.

Selbst die Zahlen in den offiziellen Fachinformationen, gespickt mit Relativprozenten, können diese Tatsache kaum verbergen.

Da bisher keine Auswirkung auf das Gesamtüberleben feststellbar ist, werden andere Vorteile herausgestellt. Die Aromatasehemmer (Femara®, Arimidex®, Aromasin®) übertreffen die Tamoxifen-Wirkung in folgender Hinsicht:

Das krankheitsfreie Überleben (DFS), die Rate der Fernmetastasen, der Todesfälle und der kontralateralen Mammakarzinome fallen über fünf Jahre niedriger aus.
Erfreulich, nicht wahr?

Es lohnt jedoch ein zweiter Blick auf die Zahlen (Tab. 1).

Schon die ersten beiden Spalten fordern erhebliche Aufmerksamkeit, um die Unterschiede immer zu bemerken. Der Blick auf die letzten drei Spalten aber macht klar, was sich hinter solchermaßen kreativer Gestaltung von Statistiken verbirgt: die unbestreitbare Tatsache minimaler Vorteile zu immensen Preisen.
Die hierzulande (noch) unübliche Bewertung von Therapien nach ihrem Preis, bezogen auf durch sie erzielbare Wirkungen (Heilungen, zusätzliche Lebensjahre, erhöhte Lebensqualität) ist unausweichlich, wenn weiter der finanzielle Rahmen politisch definiert wird. Und das offene und verständliche Darstellen der Kosten wäre ein erster Schritt in diese Richtung. Schließlich besteht ja immer eine zweite Möglichkeit: Dass die Allgemeinheit einwilligt, Therapiekosten bis zu einer bestimmten Höhe zu finanzieren und kostendeckende Beiträge zu akzeptieren.

Die erforderliche ehrliche Diskussion könnte beginnen.

Die Deutschland-typische Aufgabenteilung, oft als Sektorierung des Gesundheitswesens gegeißelt, trägt vielleicht noch zum Dilemma bei: Die operativ und mehr wissenschaftlich orientierten Klinikärzte verordnen die zukünftige Therapie - die niedergelassenen Ärzte tragen mit ihren eng limitierten Medikamentenbudgets die Folgekosten und werden für ihre mangelnde Sparsamkeit kritisiert.

Solange niemandem die Dimensionen seiner Therapie klar vor Augen stehen, sind bewusste Entscheidungen unmöglich, gibt das „Bauchgefühl“ den Ausschlag. Dafür ist die Zeit aber (längst) abgelaufen.

Dr. Joerg L. Neumann, Grambeker Weg 86, 23879 Mölln


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 4/2008

S. 68/69