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Dieter Leyk, Oliver
Erley, Willi Gorges,
Daniel Ridder, Max Wunderlich,
Thomas Rüther, Alexander Sievert,
Dieter Eßfeld, Klaus Baum
Zusammenfassung
Altern ist ein nicht umkehrbarer biologischer Prozess. Dieser verläuft
allerdings individuell sehr unterschiedlich und unterliegt einer großen
biologischen Variabilität. Bei Kraft und Ausdauer soll es laut zahlreichen
Untersuchungen schon nach dem 30. Lebensjahr zu deutlichen Leistungsminderungen
kommen. Die Angaben zum Ausmaß der altersbedingten Leistungsreduktion
schwanken erheblich, wie am Beispiel Ausdauerleistungsfähigkeit zu
sehen ist: Während einige Studien von geringen Abnahmen (< fünf
Prozent pro Dekade) ausgehen, berichten andere Untersucher von Leistungseinbußen,
die über 15 Prozent pro Dekade betragen sollen. Diese Zahlen müssen
mit Vorsicht betrachtet werden, da die beobachteten Leistungsabnahmen
zumeist allein dem biologischen Alterungsprozess zugeschrieben wurden.
Leistungsverluste können aber selbstverständlich auch eintreten,
wenn (z. B. aufgrund stärkerer beruflicher Belastung) nicht mehr
ausreichend trainiert wird.
Neue, z. T. epidemiologisch relevante Untersuchungen zeigen vielmehr,
dass es weder bei der Kraft noch bei der Ausdauer zu schicksalhaften Leistungsverlusten
im mittleren und höheren Lebensalter kommen muss. Laufzeitanalysen
von rund 160 000 Marathonteilnehmern im Alter von 20-80 Jahren lassen
beispielsweise erkennen, wie gering der Alterseinfluss bei trainierten
Älteren tatsächlich ist. Statistisch nachweisbare Leistungsreduktionen
treten erst nach dem 50. Lebensjahr auf und sind vergleichsweise gering:
Mehr als 25 Prozent der 60-70-jährigen Läufer absolvieren den
Marathonlauf schneller als die Hälfte der 20- bis 50-Jährigen.
Kraft und Ausdauer sind durch ein regelmäßiges und systematisches
Training bis ins höchste Lebensalter trainierbar. Dies ist mit Blick
auf den demografischen Wandel und die große Zahl übergewichtiger
Untrainierter von großer Bedeutung, da im Alltag zur selbstständigen
Lebensführung, Mobilität etc. ein Mindestmaß an körperlicher
Leistungsfähigkeit unbedingt erforderlich ist.
Alterung und Leistung
Fragen zur Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit im Alter rücken
zunehmend in das Blickfeld der breiten Öffentlichkeit. Eine Ursache
dafür ist ein in Teilsegmenten der Bevölkerung wachsendes Bewusstsein
für Lebensqualität und gesundheitsfördernde Gestaltung
der Freizeit. Medial propagierte Kampagnen und Slogans wie Anti-Aging
oder Forever young lassen viele Menschen sogar auf eine Verzögerung
der Alterung sowie lebenslange Jugend hoffen. Alterung hat
aber insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eine
neue Dimension erfahren, da dieser zu gravierenden sozialen, ökonomischen
und politischen Veränderungen führen kann. Die Schlagwortliste
zu dieser Thematik ist lang: verlängerte Lebensarbeitszeit,
der ältere Arbeitnehmer, Fachkräftemangel,
Finanzierung des Gesundheits- und Rentensystems, Pflegebedürftigkeit,
etc.
Es erstaunt kaum, dass die Thematik Alterung häufig aus
einer Defizit-Perspektive betrachtet wird und negativ belegt ist. Alltagsbeobachtung
vieler Menschen ist, dass es im Alter zunehmend zu körperlichen Einschränkungen
und zum Auftreten von Erkrankungen kommt. Dabei wird der Rückgang
der physischen und auch der kognitiv-mentalen Leistungsfähigkeit
oft als ein scheinbar originäres Merkmal der biologischen Alterung
interpretiert: Tatsächlich wird das körperliche Leistungsmaximum
oft schon im frühen Erwachsenenalter erreicht, und bereits im mittleren
Lebensalter sind erste deutliche Leistungsrückgänge zu beobachten14,15.
Viele, zumeist auf Mittelwertangaben reduzierte Untersuchungsbefunde suggerieren
dabei eine schicksalhafte Entwicklung.
Andere Studien zeigen allerdings auch, dass der Alterungsprozess individuell
sehr unterschiedlich verläuft und die biologische Variabilität
erheblich ist10,5. Veränderungen in der körperlichen
Leistungsfähigkeit werden eben nicht allein durch die Alterung per
se verursacht. Die physische Leistungsfähigkeit wird auch durch das
Ausmaß der körperlich wirksamen Belastungsreize in Haushalt,
Freizeit und Beruf bestimmt und kann durch Lebensgewohnheiten und Risikofaktoren
(Übergewicht, Rauchen, vermehrter Alkoholkonsum etc.) erheblich positiv
oder negativ moduliert werden. Diese Vielzahl von Einflussfaktoren erklärt
das breite Spektrum der körperlichen Leistungsfähigkeit: Es
ist offensichtlich, dass es die körperliche Leistungsfähigkeit
im Alter nicht gibt, sondern dass sich das Spektrum im Alter - wie der
Vergleich zwischen Pflegeheimbewohnern und Altersleistungssportlern deutlich
zeigt - stark vergrößert. Im Mittelpunkt des vorliegenden Beitrages
stehen die motorischen Hauptbeanspruchungsformen Kraft und Ausdauer, deren
Bedeutung, Entwicklung und Trainierbarkeit im Altersgang erläutert
wird.
Kraftdefizite im Alltag: wirtschaftliche Folgen
In vielen sportlichen Wettkampfsituationen ist es offensichtlich, dass
Muskelkraft zu den wich-
tigsten Leistungsfaktoren zählt. Ähnliches gilt trotz der hohen
Technisierung in Beruf und Haushalt auch weiterhin für zahlreiche
Tätigkeiten im Alltag: Für die sichere und ausdauernde Bewältigung
von Lasten (Heben/Tragen) ist beispielsweise eine trainierte Extremitäten-
und Rumpfmuskulatur elementare Leistungsvoraussetzung. Auch im höheren
Lebensalter hat die Muskelkraft eine wichtige Bedeutung, da zur Bewältigung
von vielen Alltagssituationen ein Mindestmaß an Kraft unbedingt
erforderlich ist. Ausreichende Kraftleistungen entscheiden maßgeblich
über die Fähigkeit zur selbstständigen Lebensführung,
Mobilität etc. So ist seit Jahren umfassend dokumentiert, dass bei
Unterschreiten einer kritischen Muskelkraft viele motorische Anforderungen
und Verrichtungen des täglichen Lebens erschwert oder unmöglich
sind. Untersuchungen aus den USA zeigen zum Beispiel, dass 66 Prozent
der weiblichen und 28 Prozent der männlichen 70- bis 80-Jährigen
nicht in der Lage waren, Gewichte von etwa 4,5 kg zu heben16.
In der gleichen Altersgruppe konnten 60 Prozent skandinavischer Senioren
Stufenhöhen, die bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel
üblich sind, nicht ohne fremde Hilfe überwinden6.
Ein alltägliches und großes Problem vieler älterer Menschen
ist die nicht ausreichende Standsicherheit. Die Kraft der Kniestreck-
und Wadenmuskulatur ist hier häufig entscheidend35. Untersuchungen
belegen, dass Senioren im Alltag umso weniger stürzen, je stärker
die Beinkraft ausgeprägt ist4 u. a.. Muskelschwäche
gilt damit als eine wichtige Ursache für lebensgefährliche Stürze
und Immobilität älterer Personen38 u. a.. Eine dramatische
Folge eines Sturzes ist oftmals eine hüftgelenksnahe Femurfraktur.
Im Jahr 2004 wurden in Deutschland rund 93 000 Verletzungen dieser Art
registriert. Bei bis zu 30 Prozent der Betroffenen führt diese Fraktur
innerhalb von sechs Monaten zum Tode, bei etwa 50 Prozent kommt es zu
deutlichen und permanenten Einschränkungen in der selbstständigen
Lebensführung. Mit Blick auf den oben angesprochenen demografischen
Wandel werden Zunahmen von jährlich drei bis fünf Prozent erwartet32.
Ungeachtet weiterer Pflegeaufwendungen werden allein hierdurch jährliche
Behandlungskosten von etwa 2,5 Milliarden Euro anfallen37.
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Abb.
1: Altersbezogene Verteilung (5., 25., 50., 75. und 95. Perzentil)
des relativen maximalen Drehmomentes der Kniestreckmuskulatur bei
Männern (n = 3 150)
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| Abb.
2: Altersbezogene Verteilung (5., 25., 50., 75. und 95. Perzentil)
des relativen maximalen Drehmomentes der Kniestreckmuskulatur bei
Frauen (n = 1 750) |
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Altersbezogene
Änderung der Muskelkraft
Mit fortschreitendem Alter nehmen bei untrainierten Männern und Frauen
nicht nur die Zahl und der Querschnitt der Muskelfasern ab, es kommt auch
zu einer schlechteren neuronalen Ansteuerung der Muskulatur. Bezogen auf
den Gesamtorganismus kann der Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft zwischen
der 3. und 8. Lebensdekade 30 bis 40 Prozent betragen22 u.
a.. Abb. 1 und 2 zeigen die Kraftänderungen der Beinstrecker im Altersgang
der 20- bis 100-Jährigen (n = 4.900). Dieser epidemiologisch relevante
und erstmalig publizierte Datensatz konnte durch die Zusammenführung
von Maximalkraftdaten bei jungen Erwachsenen (Altersbereich 18-30 Jahre:
n = 3.690; Leyk et al.25 und weitere Messungen unserer Arbeitsgruppe)
sowie Daten methodisch gleicher Erhebungen von Baum5 aus dem
mittleren und höheren Lebensalter (Altersbereich 30-97 Jahre: n =
1 210) erstellt werden. Die beiden Abbildungen zeigen das körpergewichtbezogene
Drehmoment der Kniestreckmuskulatur, das - wie oben bereits erwähnt
- als ein entscheidendes Leistungskriterium für die Mobilität
im Alltag (Gehen, Treppensteigen etc.) gilt und auch für die Bewältigung
von Zusatz- oder Traglasten erforderlich ist. Es ist deutlich zu erkennen,
dass zwischen der 3. und 8. Lebensdekade Kraftverluste von rund 40 Prozent
(Männer) und 50 Prozent (Frauen) erfolgen. Das Kraftniveau der Männer
liegt zwar etwa ein Drittel über dem der Frauen, aber auch bei den
Männern kommt es ab der 5. Dekade zu deutlichen und fortschreitenden
Kraftverlusten. Die große Verteilungsbreite (Vergleich zwischen
dem 5. und 95. Perzentil) spricht nicht nur für die enorme biologische
Variabilität (genetische Voraussetzungen, Alterungsprozesse), sondern
auch für das Vorliegen von deutlich unterschiedlichen Lebensgewohnheiten
und Trainingszuständen. Mit Blick auf die ausgeprägte Rückgangsdynamik
ist präventiv-medizinisch besonders kritisch, dass das Kraftniveau
von etwa zehn Prozent der 50- bis 60-jährigen Frauen unter einen
Nanometer pro Kilogramm Körpergewicht liegt und sich somit der Grenze
zur Immobilität nähert. Untersuchungen, die mit Senioren durchgeführt
wurden, sprechen dafür, dass diese Schwelle spätestens bei Unterschreiten
eines maximalen Drehmoments von 0,5 Nm pro Kilogramm Körpergewicht
erreicht ist1. Die Sturzgefahr ist extrem gesteigert, Treppensteigen
und Gehen nur noch mit Unterstützung möglich. Abb. 1 und 2 zeigen
deutlich, dass der Anteil gefährdeter Personen im Alter überproportional
ansteigt.
Krafttrainierbarkeit im Alter
Das Ausmaß des beobachteten Kraftverlustes ist allerdings nicht
schicksalhaft vorgegeben. Die in der Vergangenheit weit verbreitete These,
dass der ältere Mensch eine erheblich reduzierte oder überhaupt
keine Krafttrainierbarkeit zeige, wirkt bedauernswerterweise in Teilen
der Sekundärliteratur und gelegentlich im Bewusstsein mancher Menschen
noch bis heute nach. Dabei existieren schon seit längerem zahlreiche
Belege, dass die Kraftleistungen im Alter maßgeblich von einer im
Alltag ausreichenden Anzahl trainingswirksamer Kraftreize und weniger
durch den Alterungsprozess bestimmt werden: So wurden enge Zusammenhänge
zwischen beruf- oder freizeitlicher Aktivität und dem Kraftniveau
nachgewiesen33,36 u. a.. Dies wird weiter durch Studien untermauert,
in denen gezeigt werden konnte, dass Querschnittsverkleinerungen vor allem
den Muskelfaser-Typus betreffen, der bei höherer Lastbewältigung
aktiviert wird20.
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Abb. 3: Maximales Drehmoment der Kniestreckmuskulatur untrainierter
20- bis 30-Jähriger (UT jung), untrainierter Senioren (UT alt)
und sportlich aktiver 60- bis 79-Jähriger (Trainingsgruppen mit
langjährigem Schwimm-, Lauf- und Krafttraining). Die Daten sind
prozentual auf das Kraftniveau untrainierter 20- bis 30-Jähriger
(UT jung) bezogen (modifiziert nach Klitgaard et al. 1990)
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Abb.
4: Trainingseffekte bei älteren (6.-10. Lebensdekade) und jüngeren
Personen (2.-5. Dekade). Dargestellt sind die Wirkungen eines Krafttrainings
auf die Muskelquerschnittsfläche (CSA) und die Maximalkraft (MVC)
der Kniestreckmuskulatur. Die Daten (%; Mittelwert ± Standardfehler)
stammen aus 36 Studien |
Die vorhandene Krafttrainierbarkeit
im Alter haben Klitgaard et al.18 mit dem Vergleich von unterschiedlich
sportlich aktiven 60- bis 79-Jährigen (Trainingsgruppen mit langjährigem
Schwimm-, Lauf- und Krafttraining) gegenüber gleich alten Untrainierten
und einem untrainierten Kollektiv mit 20- bis 30-Jährigen nachgewiesen
(Abb. 3). Die Daten zeigen, dass die Kraft der Beinstrecker nicht automatisch
durch körperliches Training erhöht wird, sondern dass der Trainingsreiz
spezifisch sein muss. Während gezieltes Krafttraining auch bei Senioren
zu hohen Maximalkräften (praktisch kein Unterschied zu dem untrainierten
jungen Kollektiv) führt, werden durch reines Schwimm- wie auch Lauftraining
vergleichsweise geringe Effekte erzielt.
Zahlreiche andere Studien haben die Kausalität zwischen Krafttrainingsreiz
und Anpassung bis in die 10. Lebensdekade nachgewiesen9 u.
a.. Mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand ist es mittlerweile unumstritten,
dass die Muskelkraft sowohl bei Männern als auch Frauen durch ein
regelmäßiges und systematisches Krafttraining bis ins höchste
Lebensalter trainierbar ist. Auch die Analyse von Veröffentlichungen
zur Krafttrainierbarkeit (17 Studien mit jüngeren Personen und 19
Publikationen mit älteren Sportlern) zeigt, dass die Trainingswirkungen
bei jüngeren und älteren Probanden in der gleichen Größenordnung
liegen (Abb. 4). Hieraus kann weiter abgeleitet werden, dass die Trainingsgrundsätze,
die für jüngere Personen gelten, auch auf ältere übertragbar
sind. Beim Krafttraining sind ausreichend hohe Kontraktionsstärken
erforderlich: Dauer, Häufigkeit und Intensität müssen so
hoch sein, dass sie die Schwelle zur Auslösung einer Anpassung erreichen.
Dabei dürfen die individuellen Grenzen der Belastbarkeit selbstverständlich
nicht unberücksichtigt bleiben. In der Vergangenheit wurde Krafttraining
im Alter oder im klinischen Bereich immer wieder unter der Vorstellung
abgelehnt, dass es durch die Kraftbelastungen zu gefährlichen Blutdruckanstiegen,
Valsalva-Manövern etc. kommt. Vor allem im Bereich Rehabilitation
hat hier ein Umdenken stattgefunden: Da ein gezieltes Krafttraining sogar
helfen kann, kritische Blutdruckanstiege bei Alltagsbelastungen zu reduzieren,
wird Krafttraining mittlerweile sogar in der Rehabilitation kardialer
Erkrankungen durchgeführt3,29,30 u. a.. Mit der von Baum
et al.2 entwickelten und erprobten Krafttrainingsmethode steht
ein Trainingsverfahren zur Verfügung, mit dem Blutdruckanstiege bei
Krafttrainingsbelastungen signifikant reduziert werden können.
Altersbezogene Änderung der Ausdauer
Ein längerer Einsatz größerer Muskelgruppen, wie beispielsweise
beim Laufen, Radfahren oder Schwimmen, ist ohne ausreichende Ausdauerleistungsfähigkeit
nicht möglich. Ausdauerleistungen hängen maßgeblich vom
Sauerstoff-Antransport (Atmung/Kreislauf), von der muskulären Sauerstoffverarbeitungskapazität
(aerober Stoffwechsel/Energievorräte) und z. T. auch erheblich von
koordinativen Leistungen (Wirkungsgrad: Bsp. Schwimmtechnik) ab. Ausdauerleistungen
spielen aber nicht nur im Sport eine große Rolle: Die sogenannte
kardio-respiratorische Fitness hat eine kaum zu überschätzende
präventive und rehabilitative Bedeutung, da die Häufigkeit vieler
Risikofaktoren und Zivilisationserkrankungen (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen,
Übergewicht, koronare Herzkrankheit etc.) und letztlich auch die
Mortalität in umgekehrter Relation zu ihr stehen39.
Der Alterseinfluss auf die Ausdauerleistungsfähigkeit wurde in zahlreichen
Studien untersucht. Ähnlich wie bei der Kraft soll es schon nach
dem 30. Lebensjahr zu einer fortschreitenden Abnahme der Ausdauerleistungsfähigkeit
kommen8 u. a.. Hinsichtlich des Ausmaßes der altersbedingten
Reduktion sind allerdings in der Literatur deutliche Unterschiede zu finden:
Während einige Studien von weniger als fünf Prozent pro Dekade
berichten, soll die Abnahme der maximalen Sauerstoffaufnahme (die in den
meisten Fällen als das Bruttokriterium der Ausdauerleistungsfähigkeit
angesehen wird) über 15 Prozent pro Dekade betragen11,13,14,17,28,34.
Eine Erklärung für die z. T. widersprüchlichen Befunde
liegt in dem Umstand, dass die festgestellten Leistungsminderungen in
den meisten Studien allein dem Faktor Alter zugeschrieben, andere relevante
Faktoren aber nicht ausreichend beachtet wurden26.
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Abb.
5: Marathon-Laufzeiten von Männern im Alter von 20 bis 80 Jahren
(n = 129 929). Dargestellt ist das 5., 25., 50., 75. und 95. Perzentil
der sechs Altersklassen. (Aus: Leyk et al: Age-related Changes in
Marathon and Half-Marathon Performances. Fig. 2. Int J Sports Med
6: 513-517 [2007] Georg Thieme Verlag KG)
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Abb.
6: Marathon-Laufzeiten von Frauen im Alter von 20 bis 80 Jahren (n
= 26 788). Dargestellt ist das 5., 25., 50., 75. und 95. Perzentil
der sechs Altersklassen. (Aus: Leyk et al: Age-related Changes in
Marathon and Half-Marathon Performances. Fig. 2. Int J Sports Med
6: 513-517 [2007] Georg Thieme Verlag KG) |
PACE-Studie: Modell
zur Abgrenzung von Alters- und Lifestyle-Effekten
Ein grundsätzliches methodisches Problem bei der Untersuchung von
altersbedingten Änderungen ist die notwendige Abgrenzung von Alterseinflüssen
und Lifestyle-Faktoren. Eine Abnahme der körperlichen
Leistungsfähigkeit kann selbstverständlich Folge biologischer
Alterungsvorgänge sein. Im Laufe der Jahre kann es aber auch zu erheblichen
Leistungsminderungen kommen, weil z. B. durch berufliche Belastungen oder
das Gründen einer Familie kaum noch Zeit zum Trainieren verbleibt.
Eine hervorragende Gelegenheit altersbedingte Leistungsreduktionen zu
untersuchen, ist der Marathonlauf: Aufgrund der Streckenlänge und
der hohen körperlichen Belastung wird ein Marathonlauf im Allgemeinen
nur erfolgreich absolviert, wenn über eine längere Zeit ausreichend
trainiert wird und die Lebensgewohnheiten auf den Marathonwettbewerb ausgerichtet
sind. Verglichen mit kürzeren Laufstrecken (z. B. 5.000-m- oder 10.000-m-Lauf),
die auch ohne intensive Vorbereitung von Untrainierten absolviert werden
können, sind altersbedingte Einflüsse durch die Analyse von
Marathon-Laufzeiten besser zu ermitteln. Unsere Arbeitsgruppe hat diesen
Ansatz im Rahmen der PACE-Studie gewählt und rund 160.000 Laufzeiten
von Marathonteilnehmern im Alter von 20-80 Jahren untersucht26.
Abb. 5 und 6 zeigen, wie gering der Alterseinfluss tatsächlich ist:
Die Laufleistungen der 20- bis 50-Jährigen sind nahezu identisch.
Statistisch nachweisbare Leistungsreduktionen treten sowohl bei Männern
wie auch bei Frauen erst nach dem 50. Lebensjahr auf. Diese sind allerdings
vergleichsweise gering: Mehr als 25 Prozent der 60- bis 70-jährigen
Läufer absolvieren den Marathon schneller als die Hälfte aller
20- bis 50-Jährigen. Die Ergebnisse der epidemiologisch relevanten
Studie26 zeigen, dass mit entsprechendem Training auch im mittleren
und höheren Lebensalter hervorragende Leistungen erzielt werden können.
Umgekehrt kann mit Blick auf den weit verbreiteten inaktiven Lebensstil
abgeleitet werden7,23,24,31, dass die sogenannten Lifestyle-Faktoren
einen bedeutend stärkeren Einfluss auf die Leistungsfähigkeit
haben als die biologische Alterung per se.
Die Laufzeitanalysen im Rahmen des PACE-Projektes werden weitergeführt
und haben eine erhebliche inhaltliche Erweiterung erfahren: Über
eine internationale Internet-Umfrage (www.dshs-koeln.de/pace) werden mittlerweile
weltweit Ausdauersportler zu Laufzeiten, Training, Gesundheit, Lebensgewohnheiten
etc. befragt. Die Beantwortung der Fragen ist im Internet-Portal in derzeit
sechs Sprachen möglich und liefert bereits äußerst wertvolle
Ergebnisse.
Schlussfolgerungen
Sowohl für Muskelkraft wie auch für Ausdauer gilt, dass Training
und aktive Lebensweise einen bedeutend stärkeren Einfluss auf die
Leistungsfähigkeit ausüben als die eigentliche biologische Alterung.
Neuere Befunde sprechen dafür, dass eine ähnliche lebenslange
Plastizität auch bei informatorischen und kognitiven Fähigkeiten
besteht19. Die häufig schon im mittleren Lebensalter eintretenden
Leistungsverluste sind somit primär auf ungünstige Lebensgewohnheiten
und auf unzureichendes bzw. fehlendes Training zurückzuführen.
Da der Alltag vieler Millionen Deutscher schon seit langem durch Bewegungsmangel,
passiven Lebensstil und hyperkalorische Ernährung geprägt ist,
wird verständlich, dass die Mehrzahl der Bevölkerung nicht nur
übergewichtig ist31,40, sondern ein zunehmend wachsender
Bevölkerungsanteil auch ein größer werdendes Fitness-Problem
hat23,24. Großen Anlass zur Sorge bereiten die aktuellen
Ergebnisse der umfangreichen Untersuchungen unserer Arbeitsgruppe7,23,24,25,27
an Schulen und an den Zentren für Nachwuchsgewinnung (über 75
000 Heranwachsende und junge Erwachsene): Schon in der 2. Lebensdekade
hat eine Vielzahl junger Menschen erhebliche Gewichtsprobleme, eklatante
Leistungsdefizite und gesundheitliche bedenkliche Verhaltensweisen. Es
ist offensichtlich, dass diese Entwicklung besonders berufliche Bereiche
treffen wird, in denen ein Mindestmaß an körperlicher Leistungsfähigkeit
(Bundeswehr, Feuerwehr, Polizei, aber auch viele Tätigkeiten in Industrie
und Handwerk) zwingend notwendig ist.
Da in jedem Lebensalter durch gezieltes Training und effektive Präventivmaßnahmen
große Leistungssteigerungen zu erzielen sind, wird es immer dringlicher,
eine Vielzahl von Personen zu einer aktiven und leistungsorientierten
Lebensgestaltung zu motivieren. Gelingt dies nicht, so sind auch vor dem
Hintergrund des demografischen Wandels erdrückende wirtschaftliche
und soziale Konsequenzen zu erwarten.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Wehrmedizinischen Monatszeitschrift
51 (2007), Heft
5-6/2007
Prof. Dr. Dr. Sportwiss. Dieter Leyk1,2, Dr.
Oliver Erley2, Dipl.-Ing. Willi Gorges2, Daniel
Ridder3, Dipl.-Sportwiss. Max Wunderlich1, Dr. Thomas
Rüther1, Dipl.-Sportl. Alexander Sievert1,
Prof. Dr. Dr. Dieter Eßfeld1, Prof. Dr. Klaus Baum1
1 Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Physiologie
und Anatomie, Carl-Diem-Weg 6, 50933 Köln
2 Zentrales Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr
Koblenz, Laborabteilung IV -Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie-,
Andernacher Str. 100, 56070 Koblenz
3 Forschungsinstitut für Kommunikation, Informationsübertragung
und Ergonomie der Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften,
Neuenahrter Str. 20, 53343 Wachtberg-Werthoven
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2008
S. 49 ff.
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