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Medizin und Wissenschaft

32. Interdisziplinäres Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundesärztekammer
Schmerztherapie - bildgebende Diagnostik - Kontrazeption - Sportmedizin
Edda Oppermann

Gastgeber: Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe

Renommierte Experten aus allen Bereichen der Medizin präsentierten auch in diesem Jahr auf dem 32. Interdisziplinären Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“, dem dreitägigen zentralen Fortbildungskongress der Bundesärztekammer, neueste Erkenntnisse der medizinischen Forschung und ihre praktische Anwendung in Klinik und Praxis. Themen waren in diesem Jahr die Schmerztherapie bei Tumorpatienten, interdisziplinäre Aspekte der bildgebenden Diagnostik, aktuelle Erkenntnisse im Bereich der Kontrazeption sowie die Verbindung von Sportmedizin und klinischer Medizin. Im Rahmen eines Symposiums der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) wurde darüber hinaus die Arzneimitteltherapie in der Kinder- und Jugendmedizin thematisiert.

Verantwortlich: in seiner Funktion als Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung, Dr. Franz Bartmann (Fotos: rat)
„Fortbildung ist eine der zentralen Berufspflichten jeder Ärztin und jedes Arztes, da nur auf diese Weise eine qualifizierte Versorgung von Patienten in Praxis und Klinik gewährleistet werden kann“, erklärte Dr. Franz Bartmann, Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung der Bundesärztekammer bei der Eröffnung des Forums. Es gebe kaum einen anderen Beruf, bei dem die Fortbildung von derart zentraler Bedeutung sei für eine erfolgreiche Berufsausübung. „Für uns Ärzte ist es ganz selbstverständlich, mithilfe höchst innovativer Fortbildungsmethoden fortwährend unser Wissen zu erweitern und unter Beweis zu stellen. Das Interdisziplinäre Forum ist der Ort, um innovative Fortbildung zu präsentieren und fachübergreifend zu diskutieren“, so Bartmann.

Palliativversorgung statt aktiver Sterbehilfe
In Deutschland erkranken jährlich etwa 400 000 Menschen an einer Tumorerkrankung. 240 000 von ihnen leiden an behandlungsbedürftigen Tumorschmerzen. „90 Prozent dieser Patienten können erfolgreich schmerztherapeutisch behandelt werden. Die Realität zeigt aber, dass Tumorpatienten insbesondere im ambulanten Bereich immer noch deutlich unterversorgt sind“, erklärte Prof. Dr. Eberhard Klaschik vom Malteser Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg.

Prof. Dr. Eberhard Klaschik
Der Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung sei in den letzten zehn Jahren durchaus positiv verlaufen. So sei die Zahl der Palliativstationen seit dem Jahre 1996 von 24 auf 148 gestiegen, die Zahl der Hospize von 31 auf 142. „International wird ein Standard von etwa 50 Palliativ- und Hospizbetten pro eine Million Einwohner als erforderlich angesehen. Wir haben zurzeit also erst den halben Weg hinter uns gebracht“, verdeutlichte Klaschik. In der ambulanten Versorgung stünden in Deutschland derzeit lediglich 80 statt der benötigten 320 qualifizierten Palliativdienste bereit. Zudem weise die Verteilung stationärer Palliativeinrichtungen erhebliche regionale Differenzen auf.

Die Bundesärztekammer hat mit der Novellierung der Weiterbildungsordnung im Jahr 2003 die Zusatzweiterbildung für den Bereich Palliativmedizin verabschiedet. Seither haben über
1 500 Ärzte(innen) Prüfungen für die Erlangung dieser Zusatzweiterbildung absolviert. Zudem müssen in der patientennahen Versorgung arbeitende Ärzte die Grundlagen der Palliativmedizin erlernen.
„Die Palliativmedizin muss fester Bestandteil der heutigen Medizin werden“, forderte Klaschik im Hinblick auf die Diskussion der vergangenen Jahre zum Thema aktive Sterbehilfe. Palliativmedizin habe sich zum Ziel gesetzt, Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit zu betreuen, d. h. in ihrer physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimension, um so Leiden umfassend zu lindern und dabei die Würde und Autonomie des Menschen zu achten. „Der Unterschied zwischen der aktiven Sterbehilfe und der Palliativmedizin liegt darin, dass nicht der Leidende, sondern die Symptome des Leids wie Schmerz und Einsamkeit beseitigt werden“, so Klaschik.

Dr. Justina Engelbrecht, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Prof. Dr. Dr. h. c. Karsten Vilmar, Prof. Dr. Heyo Eckel

Doch nicht erst im palliativen Bereich hat die Schmerztherapie Fortschritte gemacht. Dr. Martin Gleim, Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (Campus Kiel), berichtete detailliert über die schmerztherapeutischen Konzepte sowohl bei Tumorpatienten als auch bei Patienten mit chronischen Schmerzen. „Multiprofessioneller Ansatz, Zurückhaltung bei der Pharmakotherapie, Schmerzanalyse, kritische Überprüfung einer Opioid-Therapie auf Nebenwirkungen oder Hinweise auf Fehlgebrauch, Prävention von zu erwartenden Schmerzen durch bedachte Primärtherapie, Bisphosphonate bei Knochenmetastasen, Physiotherapie bei muskulärer Imbalance, Psychotherapie bei starker psychischer Belastung oder psychischer Komorbidität haben sich bewährt“, fasste Gleim zusammen.

PD Dr. Boris Zernikow
Dr. Boris Zernikow von der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, Universität Witten/Herdecke, wies darauf hin, dass bei Kindern und Jugendlichen andere Therapien angewandt werden müssten als bei Erwachsenen. „Während bei Erwachsenen krebsbedingte Schmerzen im Vordergrund stehen, leiden krebskranke Kinder vor allem an therapieassoziierten Schmerzen wie bei der Chemotherapie oder einer Knochenmarkpunktion“, erklärte Zernikow. Psychologische Maßnahmen zur Therapie und Prophylaxe von Schmerzen seien daher von gleicher Bedeutung wie die medikamentöse Schmerztherapie. Dazu gehörten Gespräche mit den Kindern über die Ursache der Schmerzen sowie Strategien zur Schmerzminimierung wie Ablenkung oder körperliche Nähe durch die Eltern.

„Die Fortschritte in der modernen Medizin haben nicht nur die Lebenserwartung der Menschen beträchtlich erhöht - auch die Lebensqualität wurde erheblich verbessert“, erklärte Prof. Dr. Jens Scholz, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (Campus Kiel). Allerdings könne die moderne Medizin auch zur Belastung werden: Dann nämlich, wenn alle Möglichkeiten einer technisierten Intensivmedizin ausgeschöpft würden, um in sinnloser Weise das Sterben und Leiden von Patienten zu verlängern. „Viele Menschen fürchten, dass ihnen am Ende ihres Lebens ein solches Schicksal drohen könnte. Sie würden einen Tod ohne langes Siechtum und ohne Abhängigkeit von technischen Apparaturen vorziehen“, so Scholz. Die Wurzeln der modernen Palliativmedizin kommen aus der Schmerztherapie, die mit der Tumorschmerztherapie eng verbunden ist. „Man kann hoffen, dass eine gute und flächendeckende Palliativmedizin den Ruf nach aktiver Sterbehilfe verhallen lässt“, betonte Scholz. „Wir wissen, dass Menschen, die unheilbar krank sind, aber deren Schmerzen wirksam bekämpft und deren Sorgen ernst genommen werden, auch die letzten Tage ihres Lebens als lebenswert erleben. Die Palliativmedizin kann also dazu beitragen, das Vertrauen der Menschen in eine fürsorgliche Medizin am Lebensende zu stärken.“

Aus Schleswig-Holstein: Prof. Dr. Jens Scholz (li.) und Dr. Martin Gleim
Patienten profitieren von modernen radiologischen Diagnoseverfahren
Infolge der rasanten technologischen Entwicklung steht Ärzten(innen) heute eine Vielzahl von Untersuchungsmöglichkeiten in der bildgebenden Diagnostik zur Verfügung. Dabei hat jedes der möglichen Diagnoseverfahren seine Vor- und Nachteile. „Während bei der Darstellung von Verletzungen an den knöchernen Strukturen die Röntgenaufnahme und die Computertomographie sinnvoll sind, ist bei der Darstellung von (Weich-)Gewebe, wie Muskeln, Knorpel, Sehnen oder Knochenmark die Magnetresonanztherapie vorzuziehen“, erläuterte Prof. Dr. Jürgen Freyschmidt vom Klinikum Bremen-Mitte. Zum Auffinden von Metastasen bei Tumorpatienten könne darüber hinaus die nuklearmedizinische Diagnostik eingesetzt werden. Um Probleme bei der Wahl der richtigen Diagnoseverfahren zu vermeiden, sei in jedem Fall eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem Radiologen und dem überweisenden Arzt wichtig.

„Durch die genaue Kenntnis der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen der einzelnen Methoden kann der Radiologe eine diagnostisch, ökonomisch und strahlenhygienisch optimale Bildgebungsstrategie für den einzelnen Patienten sicherstellen“, erklärte Prof. Dr. Stefan Diederich, Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Marien-Hospital Düsseldorf. So habe die klassische Röntgen-Thorax-Aufnahme weiterhin einen hohen Stellenwert in der thorakalen Diagnostik, erst danach sollten sich je nach Befund gezielt aufwändigere, den Patienten belastendere und teurere Verfahren wie CT, MRT oder Angiographie anschließen.

Mithilfe der modernen radiologischen Bildgebung kamen in den vergangenen Jahren verstärkt neue Operationsmethoden zum Einsatz. Zur Behandlung von starken Knochenschmerzen beispielsweise kann in einem radiologisch gesteuerten Verfahren Knochenzement in den geschädigten Wirbel eingeführt werden, um den Knochen zu stabilisieren und die Fehlstellung der Wirbelsäule aufzuheben (Vertebroplastie/ Kyphoplastie). Der Eingriff wird unter lokaler Betäubung vorgenommen, sodass der Patient bereits nach wenigen Tagen das Krankenhaus wieder verlassen kann. 80 bis 90 Prozent der so behandelten Patienten verzeichneten eine deutliche und lang anhaltende Schmerzlinderung sowie eine Verbesserung ihrer Beweglichkeit, berichtete Prof. Dr. Johannes Hierholzer, Chefarzt der Diagnostischen und Interventionellen Radiologie am Klinikum Ernst-von-Bergmann in Potsdam.

Mädchen nicht nur über Verhütung aufklären
Im Jahr 2006 wurden 6 163 Kinder von minderjährigen Müttern zur Welt gebracht. Zugleich gab es 6 590 Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18 Jahren. „Auch wenn diese Zahlen seit dem Jahr 2004 rückläufig sind, besteht in Deutschland nach wie vor dringender Handlungsbedarf. Denn jedes ungewollt schwangere Mädchen ist eines zuviel“, sagte Dr. Gisela Gille, Vorsitzende der ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau. Dabei stellt sowohl die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch als auch das Austragen des Kindes eine gravierende Zäsur für die jungen Mädchen dar. „Durch den unzeitgemäßen Einschnitt in der Biographie wird das Leben hinterher nicht mehr das gleiche sein wie zuvor“, so Gille.

Dr. Gisela Gille
Einerseits lebten die Mädchen in einer aufgeklärten Gesellschaft. Keine andere Generation hätte einen so unbegrenzten Zugang zu Informationen und zu Verhütungsmitteln. „Doch die Sexualaufklärung orientiert sich wenig an den konkreten Lebensrealitäten der Mädchen“, kritisierte Gille. Zudem sei unsere Gesellschaft von Sexualisierung und massenmedialer Stimulation geprägt. „Durch die Banalisierung von Sexualität in den Medien werden Normen gesetzt und bei den Jugendlichen entsteht ein spürbarer Gruppendruck, der gepaart mit Halbwissen, Neugier und Beziehungssehnsucht eine brisante Mischung ergibt mit möglichen Konsequenzen unter Umständen für den gesamten Lebensentwurf der Mädchen“, so Gille. „Wir haben es mit einer mediengewohnten Generation zu tun, die Vieles gehört hat und Weniges einordnen kann.“

„Ein wesentlicher Aspekt beim Thema ungewollte Schwangerschaft ist das immer jüngere Alter beim ersten Geschlechtsverkehr“, erklärte Dr. Sabine Anthuber von der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum München-Großhadern. Daher sei es wichtig, dass die Mädchen viel früher aufgeklärt würden als es heute der Fall ist, und dass das Angebot an jugendgerechten Beratungsstellen erweitert werde. Darüber hinaus sei es die Aufgabe von Frauenärzten(innen), die Mädchen insbesondere auch über die physiologischen Abläufe im Körper der jungen Mädchen zu informieren.

„Die übliche sex- und verhütungszentrierte Aufklärung greift viel zu kurz und unterschlägt die wichtige entwicklungspsychologische Basis für weibliches Körpergefühl“, so Dr. Gille. Diese Informationen müssten insbesondere von Kinder- und Jugendärzten, Hausärzten sowie Frauenärzten gegeben werden, da niemand anderes über derart profunde und kompetente Kenntnisse von Ursache und Wirkung verfüge und so glaubhaft und auch so verschwiegen sei. Dabei sei es wichtig, auf die Kinder zuzugehen und ihnen Informationen über den eigenen Körper, über die Menstruation, die große Variabilität im Bereich der Norm und auch über sexuell übertragbare Krankheiten sowie die unterschiedlichen Möglichkeiten einer sicheren Empfängnisverhütung zu geben. „Es geht darum, den jungen Mädchen in verständlicher Sprache Informationen zu vermitteln, sie zu Rückfragen zu ermutigen und klar zu stellen, dass sie sich mit dem ersten Geschlechtsverkehr auch Zeit lassen dürfen“, so Gille.

Bewegungsmangel besonders nach Operationen gefährlich

„Die Vorstellung, nur ein bettlägeriger Patient ist ein richtiger Patient, ist schlichtweg falsch“, betonte hierzu Prof. Dr. Herbert Löllgen, Leiter der Medizinischen Klinik I im Sana-Klinikum Remscheid. Bewegungsmangel infolge einer verordneten Bettruhe nach Operationen oder einer schweren Allgemeinerkrankung könne zu erheblichen Beeinträchtigungen des Patienten führen. „Sport hingegen ist in jedem Alter sinnvoll“, so Löllgen. Die krankmachenden Folgen von Bettruhe seien seit langem bekannt, aber noch nicht bei allen Ärzten angekommen. „Vor allem im Medizinstudium ist Bewegungsmangel nach Operationen bisher kein ,Thema’. Es besteht also dringender Handlungsbedarf“, mahnte Löllgen. „Ärzte müssen auf die Risiken und Nebenwirkungen von Bettruhe bereits im Studium hingewiesen werden.“
(v. u.) Dr. Werner Kröger, Dr. Wilken Boie, Dr. Friedrich-Arno Fickelscherer, Dr. Walter Müller und verdeckt Dr. Hans Hinrichsen

Das Vorurteil, Frauen würden durch Sport „vermännlicht“, habe Mädchen und Frauen über einen langen Zeitraum vom Sport abgehalten, erklärte Dr. Ulrike Korsten-Reck von der Medizinischen Universität Freiburg. Mittlerweile profitiere zwar eine zunehmende Anzahl von Frauen von regelmäßiger körperlicher Aktivität. Dennoch zeigten Studien, dass Mädchen insgesamt deutlich weniger Sport treiben als Jungen. Korsten-Reck betonte, dass körperliche Aktivitäten bis ins hohe Alter das Lernvermögen verbessern und die Gefahr von Durchblutungsstörungen senken könnten. Auch bei depressiven Krankheitsbildern, ob beim Mann oder bei der Frau, komme dem Sport eine ganz wesentliche therapeutische Bedeutung zu.

Im Kampf gegen Doping hilft langfristig nur Prävention

Doping ist weitaus gefährlicher als allgemein angenommen. „Die Nebenwirkungen des Anabolika-Dopings können je nach Wirkstoff sowie Dauer und Höhe der Dosierung zu Unfruchtbarkeit, psychischen Störungen, Thrombosen oder gar einem Herzinfarkt und einem plötzlichen Herztod führen“, betonte Prof. Dr. Dirk Clasing, Professor an der Universität Münster. Die Einnahme von Amphetaminen unter hoher sportlicher Belastung könne bei Hitze, Dehydrierung oder Verletzung lebensbedrohlich sein. „In den Ausdauerdisziplinen spielt das Blutdoping mit Transfusionen oder EPO-Gaben eine nicht zu unterschätzende Rolle. Über die Manipulationen kommt es zu einer deutlichen Leistungssteigerung, aber auch zu möglichen gesundheitlichen Folgen“, so Clasing.
„Langfristig ist allein Prävention die entscheidende Möglichkeit, im Kampf gegen Doping Erfolge zu erzielen“, erklärte Clasing. Bereits bei Kindern und Jugendlichen müsse frühzeitig für eine Sportler-Karriere ohne Medikamente geworben werden. Bei Erwachsenen könnten Aufklärung und restriktive Maßnahmen wie Dopingkontrollen helfen. „Doping ist laut Arzneimittelgesetz ein Straftatbestand“, verdeutlichte Clasing. Demnach sei es verboten, Arzneimittel zu Dopingzwecken im Sport in den Verkehr zu bringen, zu verschreiben oder bei anderen anzuwenden. Alle Sporttreibenden unterliegen seit 2003 dem World Anti-Doping Code der World Anti-Doping Agency (WADA). Die WADA gibt zudem seit 2004 einmal jährlich eine Liste heraus, in der sämtliche verbotenen Wirkstoffe und Dopingmethoden veröffentlicht sind. „Für Ärztinnen und Ärzte, die Sportler behandeln und beraten, ist die Kenntnis des WADA-Codes, der jährlich herausgegebenen Liste sowie des Arzneimittelgesetzes unabdingbar“, so Clasing.
Prof. Dr. Herbert Löllgen

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
Je nach Entwicklungsstadium unterscheidet sich ein Kind auf spezifische Weise ganz erheblich von einem Erwachsenen. „Die Ursache einer Krankheit sowie deren Verlauf und auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) können zwischen Neugeborenen, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen deutliche Unterschiede aufweisen“, erklärte Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), beim Symposium der AkdÄ im Rahmen des 32. Interdisziplinären Forums. Häufig sei die Wirkung eines Medikaments, aber auch UAW bei Kindern viel schlechter untersucht als bei Erwachsenen. Auch fehle in vielen Fällen eine geeignete Darreichungsform der Arzneimittel für Kinder.

Prof. Ludwig wies darauf hin, dass Arzneimittel im Kindes- und Jugendalter häufig außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt würden („Off-Label-Use“). „Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass der Off-Label-Use besonders häufig bei Neugeborenen bzw. Säuglingen sowie bei speziellen Erkrankungen erfolgt. Dies führe zu einer höheren Rate an unerwünschten Arzneimittelwirkungen, da z. B. die genaue Dosisangabe sowie der Hinweis auf mögliche Wechselwirkungen dem behandelnden Arzt nicht vorliegen“, so Ludwig.

Neuer Vorsitzender der Arzneimittelkommission: Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig
„Es ist medizinisch und ethisch nicht mehr vertretbar, dass Kinder weiterhin nicht den pharmakotherapeutischen Zugang haben sollen, wie er ihnen laut Arzneimittelgesetz zugesichert ist“, erklärte Prof. Dr. Hannsjörg W. Seyberth, Vorsitzender der Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Die Arzneimittelhersteller, die medizinische Forschung an den Universitäten und nicht zuletzt die nationalen und europäischen Arzneimittelzulassungsbehörden müssten ein größeres Problembewusstsein und deutlich mehr Kompetenz in der klinischen Pharmakologie der Kinderheilkunde erwerben, forderte Seyberth. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Leider wurde und wird aber immer wieder in der Arzneimittelforschung gegen diese von den Kinderärzten aufgestellten Forderungen verstoßen.“

Mit der im Januar 2007 in Kraft getretenen EU-Verordnung zu Kinderarzneimitteln (EG Nr. 1901/2006) soll die Entwicklung und Zugänglichkeit von Arzneimitteln für Kinder erleichtert und Informationen über Arzneimittel für verschiedene Altersgruppen verbessert werden. „Pharmazeutische Unternehmen sind nun vor der Zulassung neuer Wirkstoffe verpflichtet, diese in den angestrebten Indikationen auch für Kinder zu entwickeln und dafür ein pädiatrisches Prüfkonzept vorzulegen und abzuarbeiten“, sagte Prof. Dr. Joachim Boos von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsklinik Münster. „Für Kinder wird sich daraus mittelfristig ein sinkender Bedarf an Behandlungen mit denjenigen Arzneimitteln ergeben, die häufig außerhalb der Zulassung eingesetzt werden. Kinder werden aber auch vermehrt die Rolle des Teilnehmers einer klinischen Prüfung übernehmen müssen.“

Abendvortrag: Kardinal Lehmann warnt vor ökonomisch orientierter Medizin

Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann warnte vor einem ökonomisch orientierten Gesundheitssystem. „Es darf nicht geschehen, dass die Behandlung nur auf das medizinisch Notwendige eingeschränkt wird“, forderte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz bei seinem Abendvortrag. Auch wenn es schematisierende und quantifizierende Abrechnungsmuster und andere Systeme der medizinischen und bürokratischen Erfassung von Erkrankungen und erkrankten Menschen gebe, so dürfe niemand bloß ein „Fall“ bleiben. „Es liegt nicht nur ein Blinddarm im Bett, sondern ein ganzer Mensch“, sagte Lehmann.

Der Kardinal kritisierte auch „die täglichen Auseinandersetzungen und ständig wechselnden Strategien in der Gesundheitspolitik“. Sie verhinderten innovative Wege, um einerseits Mängel zu beseitigen und andererseits Nöten der Menschen, die krank sind, kreativ zu begegnen. „Der Markt regelt nicht alles, wie manche auch für den Gesundheitsbereich annehmen wollen“, sagte Lehmann.

Sparmaßnahmen wie Budgetbegrenzungen und Personalabbau dürften ein humanes Maß nicht unterschreiten. Bürokratische Erfordernisse in der Medizin müssten immer wieder auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden. „Sie dürfen nicht so überhand nehmen, dass menschliche Begegnung, Zeit für ein Gespräch zu kurz kommen oder gar ein schlechtes Gewissen verursachen“, betonte Kardinal Lehmann.

Bischof Karl Kardinal Lehmann


Von dem Projekt „Risiken verringern - Sicherheit steigern“, das in norddeutschen Kinderkliniken durchgeführt wurde, berichteten Prof. Dr. Dieter Hart vom Institut für Gesundheits- und Medizinrecht an der Universität Bremen und Dr. Hans Wille vom Institut für klinische Pharmakologie im Klinikum Bremen-Mitte. „Ziel dieses Projekts war es, kritische Ereignisse und Beinahe-Schäden in Zusammenhang mit der Arzneimittelbehandlung zu erkennen, zu analysieren und zu verringern“, erklärte Hart. „Bisher sind 1 300 Meldungen aus den beteiligten Kinderkliniken eingegangen, die einzelnen Risikokonstellationen (z. B. Medikationsfehler, unzureichende Kommunikation zwischen Ärzten und Pflege, mangelhafte Dokumentation) zugeordnet werden konnten“. Dabei sei die Einrichtung eines so genannten Critical Incident Reporting Systems (CIRS), einer Art Spontanberichtssystem über Fehler und Beinahe-Schäden beim Prozess der Arzneimittelbehandlung, besonders geeignet, das Risikomanagement vor Ort zu unterstützen und kritische Ereignisse bei typischen Routinehandlungen zu entdecken.
Dr. Edda Oppermann, Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 2/2008

S. 43-49