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Unsere Nachbarn

Als „Schwester Agnes“ im Einsatz:
Kerstin Berndt (Fotos: di)

Mecklenburg-Vorpommern
Einsatz von Gemeindeschwestern begrüßt

Patienten und Ärzte begrüßen den Einsatz von Gemeindeschwestern - dieses Fazit lässt sich den Erfahrungen der ersten als Community Medicine Nurses (CMN) fortgebildeten Mitarbeiterinnen in Mecklenburg-Vorpommern ziehen. Auf einer Fachtagung zum Thema am 28. November 2007 in Greifswald meldeten sich ausschließlich Befürworter des Modells zu Wort.

„Gemeindeschwestern übernehmen keine Pflegeaufgaben. Sie entdecken Pflegebedarf und sorgen dafür, dass Patienten eine Pflegestufe bekommen“, sagte der Initiator der Gemeindeschwester-Projekte, Prof. Wolfgang Hoffmann. Nach Ansicht des Arztes von der Universität Greifswald könnten ambulante Pflegedienste damit sogar von der Arbeit der Gemeindeschwestern profitieren.

Gemeindeschwestern werden derzeit in mehreren Regionen Deutschlands unter verschiedenen Namen erprobt.

Sammelten positive Erfahrungen als Gemeindeschwestern: Ute Kolbe, Simone Lehmann und Karin Neumann (von links)

In einem Modellprojekt in Mecklenburg-Vorpommern wird die Gemeindeschwester in Anlehnung an eine frühere DDR-Fernsehfigur als Schwester Agnes bezeichnet. In diesen Modellprojekten werden Praxismitarbeiterinnen von Hausärzten zu den Patienten geschickt. Ein geplantes Curriculum speziell für medizinische Fachangestellte ist bereits angedacht, diese fortgebildete Praxismitarbeiterin wird sich dann Community Health Assistance (CHA) nennen. Im Gegensatz dazu nennen sich fortgebildete Krankenschwestern Community Medicine Nurse (CMN). Die ersten von ihnen haben an der Fachhochschule Neubrandenburg ihre Prüfung abgelegt. Vorher standen jeweils 274 Stunden Präsenzunterricht und Selbststudium sowie ein zwölfwöchiges Praktikum in Arztpraxen an. Von den Ärzten wurden sie auf Hausbesuch zu Patienten geschickt.

Will auf „ihre Schwester Agnes“ nicht mehr verzichten: Dr. Sabine Meinhold aus Ueckermünde

Eine von ihnen ist Simone Lehmann aus einer Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes in Zinnowitz. „Mein Arzt hat festgestellt, dass er stark entlastet wurde“, berichtet Lehmann. Sie machte etwa Beratungen zur Sturzprophylaxe oder überprüfte den Medikamentenbestand im Haus der Patienten. Die ebenfalls frisch gebackne CMN Ute Kolbe hat in ihrer Praktikumszeit erfahren, dass manche der besuchten Patienten trotz Bedarfs noch keine Pflegestufe hatten. Ihre Beratung hat mit dazu beigetragen, dass die Patienten neu eingestuft wurden. Ihre Kollegin Karin Neumann, wie Kolbe als Pflegekraft tätig, lobte die gute Zusammenarbeit mit den Arztpraxen. Es gab aber auch Vorbehalte. So lehnten es zwei Patienten ab, dass statt des Arztes die CMN sie besuchen sollte. Die Gesamterfahrungen der Absolventinnen fassten die Organisatoren der Fortbildung so zusammen:

Aus Sicht der CMN: Die Praktikumszeit von zwölf Wochen halten sie für zu kurz, loben aber das eigenständige Arbeiten, die Aufgeschlossenheit der Ärzte und empfinden sich selbst als gute Ergänzung der ambulanten Gesundheitsversorgung.

Aus Sicht der Ärzte: Die Mediziner kritisieren ebenfalls die zu kurze Praxiszeit und einen hohen Dokumentationsaufwand für das Projekt. Als Pluspunkt geben sie an, dass sie durch die CMN entlastet werden und damit mehr Zeit für die Patientenbetreuung haben. Die Praxisinhaber berichten, dass sie positives Feedback von den Patienten über die Arbeit der CMN erhielten.

Aus Sicht der Patienten
: Sie loben die Zeit, die sich die CMN bei den Hausbesuchen nehmen. Die Patienten geben an, dass sie während der Besuche Vertrauen zu den Gemeindeschwestern fassen. Die Möglichkeit, die CMN direkt beim Hausarzt anfordern zu können, wird begrüßt. Die Betreuung durch die CMN empfinden sie in vielen Fällen als gleichwertig zu der des Arztes. Das von den CMN zur Datenerfassung benutzte Notebook wird als hemmend für die Kommunikation eingestuft. Außerdem gibt es Ängste unter den Patienten, dass die von ihnen erfassten Daten an Krankenkassen oder MDK weitergeleitet werden könnten.

Trotz der positiven Erfahrungen gibt es auch Vorbehalte gegen Gemeindeschwestern. Besonders aus dem ärztlichen Bereich kommen kritische Stimmen. So warnte jüngst etwa die Ärztekammer Brandenburg vor einer nostalgischen Verklärung der Gemeindeschwester. In Brandenburg läuft ebenfalls ein Modellprojekt. Bedenken von ärztlicher Seite gibt es etwa wegen der noch nicht geklärten Bezahlung der Gemeindeschwestern.

Hoffmann verwies dagegen auf die positiven Erfahrungen der eingebundenen Hausärzte. Eine von ihnen ist Dr. Sabine Meinhold aus Ueckermünde, deren Mitarbeiterin Kerstin Berndt sich zur CMN fortgebildet hat. Wenn ein Patient gestürzt ist und die Ärztin ein Anruf in voller Praxis erreicht, kann sie ihre fortgebildete Mitarbeiterin hinschicken. „Es wäre eine große Belastung für die Praxis, wenn ich in solch einer Situation die Praxis verlassen müsste“, schilderte Meinhold in der Greifswalder Universität ihre Erfahrungen.

Prof. Wolfgang Hoffmann

Hoffmann stellte in Greifswald klar, dass der Einsatz von Gemeindeschwestern außerhalb von Modellprojekten nach seiner Ansicht dort erfolgen sollte, wo nicht genügend Hausärzte praktizieren. In solchen Regionen erwartet Hoffmann frei werdende Mittel für die Gemeindeschwestern. Forderungen der Ärzte, die Gemeindeschwestern müssten zusätzlich und ausschließlich von den Krankenkassen bezahlt werden, hält er für unrealistisch. Den Arbeitsmarkt für CMA beurteilt Hoffmann optimistisch, auch wenn derzeit nur Modellprojekte laufen. Inzwischen wurde im Projekt Agnes (hierunter fallen Erprobungen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen) die 1.000. Patientin betreut. Derzeit sind in diesen drei Bundesländern zwölf Gemeindeschwestern für 26 Hausärzte im Einsatz. Sie haben insgesamt rund 4.500 Hausbesuche durchgeführt. Die Patienten haben ein Durchschnittsalter von 80 Jahren. 60 Prozent von ihnen haben zwar noch keine Pflegestufe, sind aber nur eingeschränkt mobil. Die Projekte laufen bis Ende 2008. (di)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2008

S. 71-73