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Jan Wojnar
Es geht vor allem um Verständnis
Eine entsprechende Betreuung vorausgesetzt, kann eine Demenz etwas
Wohltuendes sein. Ich möchte darauf nicht verzichten, ich möchte
meine Demenz genießen, künstliche Ernährung eingeschlossen.
Diese provozierenden Sätze sind von Dr. Jan Wojnar, Jahrgang 1944,
dem Hamburger Neurologen und Psychiater, der mehr als 50 Veröffentlichungen
zum Thema Demenz vorgelegt hat (das jüngste Werk: siehe Kasten).
1999 hatte der damalige Leiter der ärztlichen Betreuung Demenzkranker
bei der kommunalen Einrichtung pflegen & wohnen seine Vorstellungen
einer adäquaten Demenzbetreuung (mit besonderem Vergütungssatz)
durchgesetzt; getragen wurde die Gemeinsame Vereinbarung für
die besondere stationäre Dementenbetreuung von der Stadt Hamburg,
verschiedenen Krankenkassen und Wohlfahrtsverbänden. Anfangs wurden
in insgesamt 16 Einrichtungen rund 340 Hamburger Demenzkranke nach seinem
Konzept betreut. Inzwischen arbeiten 33 Hamburger Pflegeheime mit insgesamt
maximal 750 Plätzen modifiziert, aber weitgehend nach Wojnars Vorgaben.
Er hatte vorgesehen, das Selbstwertgefühl der Kranken zu erhalten.
Die Bewohner werden beispielsweise nicht gefüttert. Vielmehr bemühen
sich die Betreuer, ihnen beim gemeinsamen Essen wieder den Umgang mit
Messer und Gabeln beizubringen. Auch der Tagesablauf ist scheinbar ungeordnet:
Die Patienten stehen auf, wenn sie ausgeschlafen haben, sie gehen zu Bett,
wenn sie müde sind. In den Einrichtungen können sie ungehindert
umherwandern. Abgeschlossene Zimmer gibt es nicht. Wer sich ausruhen will,
darf sich hinlegen, egal wo. Jan Wojnars Motto: So viel Freiheit
wie möglich, so viele Regeln wie nötig. Und: Wir
geben den Kranken nur dann Medikamente, wenn wir erkennen, dass sie leiden,
nicht weil sie stören. Der engagierte Arzt und Wissenschaftler
selbst ist inzwischen aller Regeln ledig: Nach seiner Verrentung ist er
nach Südfrankreich entschwunden und so gut wie nicht zu erreichen.
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Das
Ziel des neuen Buchs von Jan Wojnar Die Welt der Demenzkranken:
Leben im Augenblick, Vinzentz Verlag, ISBN 978-3-87870-657-1,
28,80 Euro: Die Wirklichkeit Demenzkranker zu ergründen. Im Vordergrund
stehen dabei das Erleben der Betroffenen, die Ursache ihres Verhaltens
und das Bild ihrer eigenen Wirklichkeit. Aus dem Vorwort: Demenzkranke
Menschen können trotz aller Beeinträchtigungen gut und sogar
vergnügt leben, wenn notwendige pflegerische Maßnahmen
stressfrei durchgeführt werden und sie ausreichend (und ebenfalls
stressfrei) ernährt werden. Beides gelingt, wenn die Betreuenden
die krankheitsbedingten Veränderungen des Verhaltens und Erlebens
seitens der Betroffenen verstehen und bereit sind, die fremde innere
Welt der Kranken zu akzeptieren und sie zu betreten.
Der Autor belegt diese Aussagen mit vielen Geschichten aus der Praxis,
er hat ein Buch veröffentlicht, das Mut macht - den Angehörigen,
den Ärzten, den Pflegenden, uns allen! |
| Jan
Wojnar (Foto: Vinzentz-Verlag) |
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Erfolg
Zunächst war diese positive Entwicklung in Schleswig-Holstein, Niedersachsen,
Baden-Württemberg und Brandenburg aufgegriffen worden, in der Hoffnung,
dass künftig mehr Demente trotz Krankheit und Behinderung würdevoll
leben können. Inzwischen hat sich diese Art der Betreuung von schwerstdementen
Kranken in vielen Einrichtungen überall in Deutschland durchgesetzt.
In einer Studie zum Hamburger Modell hat das Zentralinstitut für
Seelische Gesundheit in Mannheim herausgefunden: Demenzkranke in der besonderen
Betreuung sind um ein Vielfaches häufiger in Kompetenz fördernde
Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Einrichtung eingebunden;
sie zeigen signifikant mehr positive Gefühle wie Freude und Interesse;
sie sind seltener von freiheitseinschränkenden Maßnahmen betroffen,
und sie werden wesentlich häufiger und angemessener psychiatrisch
behandelt.
Für die Entwicklung eines angemessenen fachlichen Milieus ist eine
engmaschige und kontinuierliche Begleitung der Betroffenen und des Betreuungsteams
durch einen gerontopsychiatrisch erfahrenen Arzt unerlässlich. Im
Vordergrund der medizinischen Aufgaben bei der Ver- sorgung von Demenzkranken
stehen: diagnostische Abklärung (bei eingeschränkter Mitteilungsfähigkeit
und häufig fehlender Schmerzwahrnehmung) sowie die schonende Behandlung
somatischer Erkrankungen; Behandlung der kognitiven Störungen, Abgrenzung
und Behandlung der psychischen Störungen, Abgrenzung und Behandlung
der neurologischen Störungen.
Gegen generelle Forschung
Über seine besondere Einstellung zu Demenzkranken sprach Jan Wojnar
kurz vor seinem Rückzug ins freiwillige Exil vor dem Arbeitskreis
Interdisziplinäres Ethik-Seminar am Universitätsklinikum Eppendorf
(UKE). Ich gehöre zu den Ärzten, die strikt gegen die
Forschung mit nicht einwilligungsfähigen Menschen sind. Solche
Forschung führe zu einer Verschlechterung des Zustandes beim Patienten,
und sie sei nicht notwendig für die Medikation oder die Linderung
von somatischen Beschwerden. Schließlich gebe es ausreichend Demenzkranke,
die aufgrund des frühen Stadiums ihrer Krankheit einem Forschungsvorhaben
zustimmen könnten. Auch seien sie im Stande, über Nebenwirkungen
berichten zu können, und sie erschrecken beispielsweise nicht
vor einer Blutabnahme oder der MRT. Für schwer Demenzkranke
sei dies hingegen eine enorme Belastung. Jan Wojnar erinnerte daran, dass
die Krankheit progredient sei, also nützen frühe Diagnostik
und Forschung mehr als bei einem Schwerkranken, wo Unterschiede nur noch
marginal seien.
Bedenken Sie zudem - die Auseinandersetzung mit diesen Fragen betrifft
jeden von uns, da wir alle höchstwahrscheinlich eine Demenz entwickeln
werden, sofern wir ein gewisses Alter erreichen. Erste Anzeichen
sind nach den Worten Wojnars sozialer Rückzug, Depressivität,
Suizidalität, Ängste und Reizbarkeit: Alles dies merkt
der Kranke! Erst danach kommt die Phase, in der er nichts mehr merkt -
wohl aber die Angehörigen. Es gibt demnach die Faustregel:
Ab einer mittelgradigen Demenz leidet der Angehörige. Das Problem
dabei: Die Kranken können nicht berichten, wie es ihnen geht; sie
sind zudem gestört bei der Wahrnehmung von Schmerzen. Hingegen fühlen
sie oft sich jung, gesund, leistungsfähig und unauffällig. Daher
lehnten sie auch alle ärztlichen Bemühungen meist ab. Dass sie
auch keine Nebenwirkungen von Medikamenten spüren, ist bekannt, und
das, obwohl diese ihre körperlichen Funktionen beeinträchtigen.
Das gehe hin bis zum Delir, nach den Worten von Jan Wojnar eine existenzielle
Erschütterung, bei der das Gefühl einer unbestimmten Bedrohung
entstehe. Die Empfehlungen des erfahrenen Arztes laufen demnach darauf
hinaus: ärztliche Behandlung und Apparatemedizin nur dann, wenn unbedingt
nötig, keinesfalls aber zu reinen Forschungszwecken.
Verständnis
Noch ein Hinweis: Bei uns sterben Demenzkranke, egal in welchem Stadium,
früher als nicht Erkrankte desselben Alters; die Ursachen: Verhungern,
Pneumonie, Belastungsstress. In Skandinavien, wo sie besser betreut
werden, leben sie länger als nicht an Demenz Erkrankte! Dort ist
die Betreuung gut, es gibt keinen Stress und überhaupt nichts, was
nicht nötig ist. Generell bezweifelt Jan Wojnar die angeblich
lauteren Absichten der Pharmaindustrie. Daher solle die Forschung an Patienten
ab einer mittelschweren Demenz unterbunden werden, auch wenn vielleicht
eine Patientenverfügung vorliege.
Der Arzt Jan Wojnar stellt sich (und uns) aber auch die Frage, ob
Demenz grundsätzlich als ein schweres Leiden der Betroffenen aufgefasst
werden muss, wie sie von den meisten Beobachtern wahrgenommen wird, oder
eher eine Befreiung vom Ballast des Alters und der Gebrechlichkeit bedeutet
und den Kranken neue Entfaltungsmöglichkeiten bietet, so paradox
das auch klingen mag.
Bemüht darum, Verständnis zu wecken für die eigene Welt
der Demenzkranken, wie er das auch in seinem neuen Buch vermittelt, sagt
Jan Wojnar: Es gibt keine Pauschallösung, kein Standardkonzept
für den Umgang mit Demenzkranken. Ich plädiere dafür, von
Forderungen wie bis zum Ende zu Hause leben Abstand zu nehmen
und stattdessen für jede Phase eine Lösung zu finden.
Viele Patienten seien in einem bestimmten Stadium so verängstigt,
dass sie sich nur in der Gruppe wohl fühlten, und das ist zu
Hause nur schwer zu realisieren.
Auch in diesem Satz geht es um Verständnis: Demente leben ohne
das Gefühl, dass es zu Ende geht von Augenblick zu Augenblick - wir
müssen dafür sorgen, dass es schöne Augenblicke sind.
(wl)
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2008
S. 67-69
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