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Medizin und Wissenschaft

Epidemiologisches Bulletin
Rückblick auf die Influenza-Saison 2006/07

Im Folgenden wird über die Ergebnisse der Influenza-Surveillance der Arbeitsgemeinschaft Influenza* (AGI; www.influenza.rki.de) in der zurückliegenden Saison berichtet. Die Saison 2006/07 war eine mittelstarke Saison, in der Influenzaviren des Subtyps A/H3N2 dominierten. Erhöhte Morbiditätswerte in der Bevölkerung wurden von der fünften Kalenderwoche bis zur 13. Kalenderwoche 2007 gemessen.

In der Saison 2006/07 beteiligten sich 994 Ärzte(innen) des primärversorgenden Bereichs an dem Sentinelsystem der AGI, indem sie wöchentlich die Anzahl neu aufgetretener akuter Atemwegserkrankungen (ARE), Arbeitsunfähigkeiten, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle, die auf ARE zurückzuführen waren, und die Anzahl aller Praxiskontakte an das Deutsche Grüne Kreuz (DGK) meldeten.

224 Praxen beteiligten sich zusätzlich an der virologischen Surveillance, indem sie Abstriche aus dem Nasenrachenraum zur Analyse an das Nationale Referenzzentrum (NRZ) schickten bzw. mit Schnelltests direkt in den Praxen einen Test auf Influenzaviren bei Personen mit influenzatypischen Symptomen durchführten.

Aus den Daten des Sentinelsystems können Morbiditätsparameter berechnet werden, die während der Saison laufend aktualisiert und veröffentlicht werden, außerdem kann die Krankheitslast der Bevölkerung abgeschätzt werden. Die während der Influenzawelle über das für die Jahreszeit übliche Maß hinausgehenden Konsultationen, Arbeitsunfähigkeiten bzw. Krankenhauseinweisungen mit ARE werden hier aufgrund der nachgewiesenen Viruszirkulation der Influenza zugeschrieben und als „Influenza-assoziiert“ bezeichnet.

Abb. 1: Verlauf des Praxisindexes als Ausdruck der Morbidität in der Bevölkerung an akuten Atemwegserkrankungen und Anzahl der Influenzanachweise aus dem Sentinelsystem der AGI in der Saison 2006/07 bis zur 35. KW. Ein Praxisindex bis 115 (gestrichelte Linie) entspricht der Hintergrundaktivität. Die Skala des Praxisindexes beginnt bei 50, um den Verlauf besser darstellen zu können. Der Peak nach Weihnachten ergibt sich durch verkürzte Praxisöffnungszeiten und ein verändertes Konsultationsverhalten und steht nicht mit einer Morbiditätserhöhung in der Bevölkerung in Zusammenhang (Daten der AGI, Saison 2006/07).

Wie schon in der Saison 2005/06 wurden die Daten nicht nur im Winterhalbjahr, der typischen Influenzasaison (40. Kalenderwoche bis 15. Kalenderwoche des folgenden Jahres) erhoben, sondern auch über die Sommermonate hinweg. Seit zwei Jahren führt die AGI nunmehr eine kontinuierliche, ganzjährige Influenza-Überwachung durch.

Verlauf der Influenzawelle
Die erste Virusanzucht gelang im NRZ in der 52. Kalenderwoche 2006, ab der ersten Woche 2007 wurden regelmäßig Influenzaviren nachgewiesen. Der Anteil der Abstriche, bei denen Influenzaviren nachgewiesen wurden (Positivenrate), lag in der dritten Kalenderwoche bei 27 Prozent. Eine Positivenrate von über 20 Prozent kündigt häufig den Beginn einer auch auf Bevölkerungsebene messbaren Morbiditätserhöhung durch Influenza an. Ein Parameter für die Schätzung der Morbidität in der Bevölkerung ist der Praxisindex, bei dem die über alle Praxen gemittelte relative Abweichung der beobachteten ARE gegenüber einem für jede Praxis ermittelten „Normalniveau“ dargestellt wird. Eine normale ARE-Aktivität (Hintergrund) wird beim Praxisindex bis zu Werten von 115 angenommen. Insgesamt war eine Erhöhung des Praxisindexes über den Hintergrundbereich hinaus mit gleichzeitiger bedeutsamer Zirkulation von Influenzaviren von der fünften bis zur 13. Kalenderwoche gegeben (Abb. 1). Dieser Zeitraum wurde den Berechnungen zur Krankheitslast der diesjährigen Influenzawelle zugrunde gelegt.

Die Influenzawelle erreichte ihren Höhepunkt zeitlich versetzt in den verschiedenen Regionen Deutschlands. In Süddeutschland wurde der Gipfel, gemessen am Praxisindex, in der achten Kalenderwoche erreicht, in der Mitte und im Norden Deutschlands eine Woche später, und im Osten Deutschlands war die höchste Aktivität in der zehnten Kalenderwoche zu verzeichnen.

Der zeitlich versetzte Verlauf der Influenzawelle von Südwest- nach Nordostdeutschland wurde in der Vergangenheit schon mehrmals beobachtet. Auch in Europa war eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen. Die südlichen Länder Europas meldeten eine Influenzawelle ab Mitte Januar, die in der Mitte und im Nordosten Europas gelegenen Länder jedoch erst im Februar (European Influenza Surveillance Scheme; www.eiss.org).

Zur Krankheitslast in der Bevölkerung
Nach einer sehr starken, Influenza-A/H3N2-dominierten Saison 2004/05 und einer relativ milden, Influenza-B-dominierten Saison 2005/06 ergaben sich nach den Schätzungen der AGI für die Saison 2006/07 Werte, die sowohl bei den Influenza-assoziierten Arztkonsultationen als auch bei den zusätzlichen Krankenhauseinweisungen zwischen den letzten beiden Saisons lagen. Insgesamt wurden von der AGI für die Saison 2006/07 in allen Altersgruppen 2 720 000 (1 890 000-3 550 000) zusätzliche Arztbesuche und 14 400 (9 600-17 100) zusätzliche Krankenhauseinweisungen geschätzt. Dies war etwa vier- bis fünfmal so viel wie in der Saison 2005/ 2006, aber nur etwa 60-70 Prozent so viel wie in der Saison 2004/05 (Abb. 2).

Abb. 2: Der Influenza zugeschriebene Arztbesuche und Krankenhauseinweisungen in den Saisons 2004/05 und 2005/06 relativ zu den Werten der Saison 2006/07 (als l gesetzt). 2004/05: 4 140 000 (3 770 000-4 510 000) zusätzliche Arztbesuche und 23 500 (21 200-24 900) zusätzliche Krankenhauseinweisungen; 2005/06: 630 000 (620 000-640 000) zusätzliche Arztbesuche und 4 000 (2 800-6 500) zusätzliche Krankenhauseinweisungen (Daten der AGI, Saison 2006/07).

In der Altersgruppe der 15- bis unter 60-Jährigen wurden etwa 960 000 (580 000-1 160 000) zusätzliche Krankschreibungen (Arbeitsunfähigkeiten, AU) geschätzt.

Die verschiedenen Altersgruppen waren unterschiedlich stark betroffen. Die höchste kumulative Inzidenz an Influenza-assoziierten Arztbesuchen während der Influenzawelle 2006/07 wurde in der Gruppe der zwei bis vierjährigen Kinder mit fast 20 000 pro 100 000 Kinder in dieser Altersgruppe geschätzt, das heißt, jedes fünfte Kind in dieser Altersgruppe wurde während der Influenzawelle einem Arzt mit akuten Atemwegsbeschwerden vorgestellt (Abb. 3). In der Altersgruppe der Säuglinge wurde eine kumulative Inzidenz von etwa 16 900 pro 100 000 geschätzt, in der Altersgruppe der fünf- bis 14-jährigen Schulkinder lag die geschätzte kumulative Inzidenz bei 7 700 pro 100 000. In den älteren Altersgruppen nahm die kumulative Inzidenz an Influenza-assoziierten Arztbesuchen kontinuierlich und stark ab.

Säuglinge und Kleinkinder (Null- bis Einjährige: ca. 304 pro 100 000; Zwei- bis Vierjährige: 116 pro 100 000) sowie die Altersgruppe der Älteren (über 60 Jahre: 14 pro 100 000) hatten das höchste Risiko einer Krankenhauseinweisung infolge Influenza (Abb. 3).

Abb. 3: Während der Influenzawelle aufgetretene altersspezifische Exzess-Konsultationen und Exzess-Hospitalisierungen pro 100 000 Bevölkerung. Angegeben sind der Mittelwert aus den nach mehreren Methoden berechneten Abschätzungen sowie der minimale und maximale Schätzwert. Dargestellt ist jeweils der Mittelpunkt der Altersgruppe (Altersgruppen: 0-l Jahr, 2-4 Jahre, 5-14 Jahre, 15-34 Jahre, 35-49 Jahre, 50-59 Jahre sowie 60 Jahre und älter) (Daten der AGI, Saison 2006/07).


Zu den Ergebnissen der virologischen Surveillance: Übereinstimmung zirkulierender Viren mit den Stämmen im Impfstoff

Insgesamt wurden bis zur 15. Kalenderwoche 2 646 Proben untersucht und bei 1 220 (46 Prozent) Abstrichen Influenzaviren mittels PCR nachgewiesen. Der dominierende Subtyp dieser Saison war Influenza A/H3N2 mit 90 Prozent der im Rahmen des AGI-Sentinels im NRZ nachgewiesenen Influenzaviren. Etwa zehn Prozent der Influenzaviren waren vom Subtyp A/H1N1 und nur etwa ein Prozent waren Influenza-B-Viren.

Isolierte Viren des Subtyps A/H3N2 reagierten sehr gut mit dem Antiserum gegen den Stamm A/Wisconsin/67/2005, den A/H3N2-Impfstamm der zurückliegenden Saison. Diese Komponente des Impfstoffes wurde auch für die Saison 2007/08 beibehalten.

Die Mehrzahl der im NRZ analysierten H1N1-Viren reagierte mit dem Immunserum gegen den Impfstamm A/New Caledonia/20/99 (H1N1) mit einem signifikant reduzierten Titer, nur eine kleine Gruppe zeichnete sich noch mit einer guten antigenen Ähnlichkeit zum Impfstamm A/New Caledonia/20/99 aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für die kommende Saison den neuen Impfstamm A/Solomon Islands/3/2006 empfohlen.

Nachdem in der Saison 2005/06 Influenza-B-Viren mit einem Anteil von 70 Prozent dominierten, wurden in der zurückliegenden Saison nur sehr wenige Influenza-B-Viren nachgewiesen, isoliert und antigenetisch analysiert. Dabei wurden Viren der Victoria-Linie und der Yamagata-Linie etwa im gleichen Umfang gefunden. Da jedoch zum Zeitpunkt der Empfehlung durch die WHO europaweit Influenza-B-Viren der Victoria-Linie dominierten, wurde der Impfstamm B/Malaysia/2506/2004 aus der Victoria-Linie als Komponente unverändert beibehalten.

Bericht des Fachgebietes 36 (Respiratorisch übertragbare Erkrankungen) der Abteilung für Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts, erarbeitet von Dr. Udo Buchholz und Dr. Silke Buda in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Referenzzentrum für Influenza (Dr. Brunhilde Schweiger, Dr. Barbara Biere) und dem Deutschen Grünen Kreuz (Dr. Andrea Grüber).

Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Epidemiologischen Bulletin, Heft 43/2007, Robert Koch-Institut (RKI), Nordufer 20, 13353 Berlin

Ansprechpartnerin am RKI ist Dr. Silke Buda
(E-Mail BudaS@rki.de).

* Die AGI ist eine gemeinsame Initiative des Robert Koch-Instituts (RKI), des NRZ für Influenza, des Deutschen Grünen Kreuzes (DGK) und von vier Impfstoff herstellenden Unternehmen (GlaxoSmithKline, Novartis, Solvay und Sanofi Pasteur MSD). Die Unternehmen unterstützen die Arbeit des DGK finanziell, nicht aber das RKI oder das NRZ.

 


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2008

S. 63-66