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Medizin und Wissenschaft
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Analyse einer Selbsthilfegruppe
Trotz bedeutender
Fortschritte in der Endokrinologie besteht noch immer ein erhebliches
Defizit bezüglich der Erkennung, Einschätzung und Behandlung
endokrinologischer Krankheitsbilder. Dieses betrifft vor allem Patienten
mit Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen, die zunächst oft nur
uncharakteristische Beschwerden und einen langsam progredienten Krankheitsverlauf
aufweisen. Auch wenn es sich hierbei um relativ seltene Erkrankungen handelt,
so können, wie z. B. bei der akuten oder krisenhaften Entgleisung
der chronischen Nebenniereninsuffizienz, lebensbedrohliche Situationen
entstehen, die eine umgehende Diagnostik und zielgerichtete Therapie erfordern.
Nicht selten werden die Patienten hierbei durch Fehldiagnosen und invasive
diagnostische Maßnahmen gefährdet. Um einen Eindruck über
die mit der Erkrankung einhergehenden Belastungen für den Patienten
zu bekommen, wurden Mitglieder der Lübecker Regionalgruppe des bundesweit
etablierten Netzwerkes Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e. V. (1994
gegründeter gemeinnütziger Verein von Betroffenen, Angehörigen
und Ärzten) auf freiwilliger Basis anonym mittels standardisiertem
Fragebogen analysiert. Die Regionalgruppe Lübeck wurde 2002 gegründet
und wird seitdem von PD Dr. Morten Schütt (Diabetologe und Endokrinologe,
Curschmann-Klinik, Timmendorfer Strand) und der Endokrinologieassistenin
Monika Otterbach (Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein,
Campus Lübeck) betreut.
Es nahmen 40 Patienten
der Selbsthilfegruppe an der Befragung teil (ca. 2/3 der Mitgliederzahl;
31 weibliche und neun männliche Patienten). Die Analyse erfolgte
nach Unterteilung in primäre Erkrankungen der Hypophyse (21 Patienten)
oder der Nebennieren (19 Patienten). Das Durchschnittsalter betrug 55,8
Jahre (19-82 Jahre). Die Dauer der Erkrankung war unterschiedlich und
betrug bei einigen Patienten (Morbus Addison) bis zu 30 Jahre. Der Zeitraum
vom Auftreten erster subjektiv wahrgenommener Symptome der Erkrankung
bis zur Diagnosestellung wurde mit ca. 25 Monaten angegeben. Hierbei ergab
sich für Patienten mit Hypophysenerkrankungen eine Zeitdauer von
ca. 19 Monaten, während Patienten mit Nebennierenerkrankungen eine
Zeitdauer von ca. 33 Monaten angaben. Ein ähnliches Ergebnis ergab
die Frage nach dem Zeitraum vom ersten Arztbesuch bis zur Diagnosestellung.
Dieser Zeitraum betrug ca. 17 Monate. Patienten mit Hypophysenerkrankungen
gaben eine Dauer von ca. zehn Monaten bis zur Diagnosestellung an, Patienten
mit Nebennierenerkrankungen ca. 27 Monate. Hierbei waren insgesamt ca.
3,7 Ärzte involviert, wobei Patienten mit Hypophysenerkrankungen
ca. drei Ärzte und Patienten mit Nebennierenerkrankungen ca. vier
Ärzte in Anspruch nehmen mussten. Die Dauer einer stationären
Behandlung, die bislang aufgrund der Diagnose notwenig war, betrug insgesamt
ca. sechs Wochen (Summe mehrerer Krankenhausaufenthalte). Auch hier bestand
ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Patienten mit
Hypophysenerkrankungen waren ca. vier Wochen und Patienten mit Nebennierenerkrankungen
ca. acht Wochen aufgrund der Diagnose in stationärer Behandlung.
Kein Unterschied bestand in der Angabe der jährlichen ambulanten
Vorstellungen bei einem Endokrinologen, die ca. drei mal pro Jahr erfolgten.
Die Gruppe der Patienten mit Hypophysenerkrankungen gab eine etwas bessere
Einschätzung des Kenntnisstands über die eigene Erkrankung an
als die Gruppe der Patienten mit Nebennierenerkrankungen.
Die Datenerhebung
an den Patienten der Lübecker Selbsthilfegruppe demonstriert den
langen und beschwerlichen Weg der Diagnosefindung von Hypophysen- und
Nebennierenerkrankungen. Das Ergebnis hebt zugleich die Bedeutung endokrinologisch
versierter Zentren für die langfristige Betreuung der Patienten hervor.
Die Analyse spricht auch für eine größere Problematik
bei der Diagnostik von Nebennierenerkrankungen, wobei es sich hierbei
überwiegend um Patienten mit einem Morbus Addison handelte. Da in
Deutschland ca. 20.000 bis 30.000 Personen an einer primären oder
sekundären Nebenniereninsuffizienz leiden bzw. ca. 1.000 Fälle
einer lebensbedrohlichen Addison-Krise pro Jahr auftreten, ist vor allem
eine Verbesserung bei der Erkennung und Behandlung von Corticoid-Mangelzuständen
zu fordern. Zudem unterstreichen o. g. Daten die Wichtigkeit von Notfallausweisen
sowie der Schulung und Organisation von Patienten mit Hypophysen- und
Nebennierenerkrankungen. Informationen über Ansprechpartner und vorhandene
regionale Gruppen des Netzwerkes Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen
e. V. erhalten Sie im Internet unter www.glandula-online.de. |
Schleswig-Holsteinisches
S. 60-62 |
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