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Medizin und Wissenschaft

13. Schleswiger Schmerztagung
Schmerz bei Kindern - Stief„kind“ der Therapie?
Harald Lucius

 
Dr. Harald Lucius (Foto: Privat)  
Zum 13. Mal trafen sich im Schlei-Klinikum Schleswig am 3. November 2007 Mediziner, Psychologen, Physiotherapeuten, vor allem Kinder- und Jugendfachärzte sowie andere Interessierte, um sich bezüglich aktueller Fragen zur Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzkrankheiten zu informieren und zu beraten.

Das Thema der Tagung war bewusst provokant gewählt, da Schmerzen im Kindesalter nach den vorliegenden epidemiologischen Daten diagnose- und regionsbezogen häufiger auftreten, als dies in manch einer hausärztlichen Praxis den Anschein haben mag. Nachdem es in früheren Jahren lange Zeit am Verständnis für Schmerzen bei Kindern schlicht mangelte - man ging davon aus, ein Säugling verspüre keinen Schmerz, weil sein Nervensystem noch nicht ausgereift sei - ist in den vergangenen Jahren Bewegung in die Szene geraten und das Verständnis für Schmerzen bei Kindern hat sich verbessert.

So stehen wir heute vor der Aufgabe, die in vielen Bereichen sachgerechte Schmerztherapie bei Erwachsenen auf die Situation bei Kindern zu übertragen. Dabei geht es insbesondere darum, bewährte Konzepte der Erwachsenenmedizin anzupassen und kindgerechte Therapieformen neu zu entwickeln beziehungsweise entsprechend zu verbessern.

 
  Dr. Andreas Gremmelt
Hier stellen sich natürlich besondere Herausforderungen: Der in ständiger Entwicklung befindliche kindliche Organismus reagiert sensibler auf Störungen der äußeren und inneren Homöostase. Die oft unzureichende Toleranz gegenüber Medikamenten und die bisweilen etwas schwierige Logistik, verbunden mit eingeschränkter sprachlicher Mitteilungsfähigkeit, erschweren oft die Umsetzung des Konzepts einer multimodalen Schmerztherapie. Leider mangelt es vor dem Hintergrund der gesetzlichen Bestimmungen und kommerzieller Interessen darüber hinaus an kontrollierten Studien, sodass in vielen Bereichen evidenzbasierte Daten fehlen. Schließlich muss das gesamte Wissen dann auch noch Eingang in die tägliche Praxis finden, damit es den kleinen Patienten nützen kann.

 
PD Dr. Boris Zernikow
(Fotos: Inke Asmussen)
 
In seinem Einführungsvortrag wies Dr. Alexander Gick, niedergelassener Kinderarzt aus Schleswig, darauf hin, dass nach seiner Erfahrung die Häufigkeit chronischer Schmerzen im Kindesalter in der Praxis vielleicht eher überschätzt werde. Er präsentierte Daten, die den Schluss nahe legen, dass entgegen anders lautenden Studienergebnissen nur etwa acht Prozent der Patienten gesichert unter chronischen Schmerzen - meist des Kopfes oder des Bauches leiden - regionale Unterschiede nicht berücksichtigend. Sehr viel häufiger kämen mit über 50 Prozent akute Schmerzzustände in der kinderärztlichen Praxis vor. Unter seinen eigenen Patienten leiden aber auch 45 Prozent unter Schmerzen unklarer Ursache - ein wichtiges Indiz in Richtung Dunkelziffer.

PD Dr. Boris Zernikow, Kinderarzt, ltd. Arzt der Vestischen Kinder- und Jugendklinik der Universität Witten/Herdecke aus Datteln, wies in seinen Vorträgen vor allem darauf hin, dass das so genannte biopsychosoziale Modell, welches bei Erwachsenen gut evaluiert ist, sich auf die Kinderheilkunde ebenfalls problemlos übertragen lässt. Er setzte sich zum einen mit chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen im Kindesalter und zum anderen mit palliativmedizinischen Aspekten, Sterbebegleitung und Tumorschmerztherapie auseinander. Von herausragender Bedeutung sei ein integrativer Ansatz, der berücksichtige, dass chronische Schmerzen bei Kindern nahezu immer auch Ausdruck eines funktionell gestörten Gesamtsystems seien. Insoweit ergebe sich oft die Frage, inwieweit Kinder nicht doch „kleine Erwachsene“ sind. Boris Zernikow wies ergänzend darauf hin, dass ein erheblicher Anteil der in seiner Einrichtung, die als einzigartig in Europa gilt, stationär betreuten Kinder neben klassischen Schmerzdiagnosen wie Migräne oder Rückenschmerzen auch sehr häufig die Kriterien einer so genannten somatoformen Schmerzstörung nach ICD 10 erfüllen. In beeindruckender Weise konnte Dr. Zernikow darüber hinaus deutlich machen, welche Aspekte im Rahmen palliativmedizinischer Betreuungskonzepte von Bedeutung sind. Eine überzeugende Grundhaltung, geprägt durch Achtsamkeit, Wissen und medizinisches Können, die gleichzeitige Meidung von Überforderungsaspekten im Sinne einer Opferrolle des Therapeuten sowie ein klares medizinisch-ausbalanciertes Konzept sind nach seiner Erfahrung Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie.

Ein ambulantes Modell, das so genannte Delfin (Den Eigenen Lebensweg FINden)-Kids-Projekt stellte anschließend Dr. Raymund Pothmann, Neurologe, Kinderarzt und Leiter des Zentrums für integrative Kinderschmerztherapie in Hamburg vor. Am Beispiel chronischer Kopfschmerzen im Kindesalter hob Dr. Pothmann hervor, dass eine Dokumentation in jedem Fall praxisrelevant sein müsse. Auch halte er es für erforderlich, die Kinder sehr klar mit schlüssigen Therapiekonzepten zu konfrontieren. Nur etwa vier Prozent der kopfschmerzkranken Migränekinder benötigen eine medikamentöse Prophylaxe. Dies steht in klarem Gegensatz zur entsprechenden Behandlung bei Erwachsenen, ungeachtet der Daten aus verschiedenen Studien.

Die Aufgabe, nicht medikamentöse Verfahren in der Therapie des kindlichen Kopfschmerzes darzustellen, fiel PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Peter Kropp, kommissarischer Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Rostock, zu. Kropp betonte die Spezifika der Chronifizierung bei Kindern mit Kopfschmerzen und wies auf die unbedingte Notwendigkeit von Edukation und Aufklärung vor allem auch der Eltern vor Therapiebeginn hin. In der Folge stellte er verschiedene, inzwischen auch bei Kindern gut evaluierte und untersuchte Therapieverfahren vor. Beispielsweise lassen sich unter Biofeedback in 50 Prozent der Fälle klare Verbesserungen erzielen, dies konnte Kropp anhand einer eigenen Studie anschaulich machen. Ergänzende Verfahren im Rahmen der Schmerztherapie bestehen in Aufmerksamkeits- und Signalfokussierung. Darüber hinaus sind Schmerz- und Stressbewältigungsaspekte von wesentlicher Bedeutung. Schließlich bieten operante und kognitive Therapieverfahren im Rahmen multimodaler Konzepte, ambulant wie auch stationär, einen entsprechenden Behandlungsrahmen.

Als letzter Redner betonte Dr. Josef Althaus, niedergelassener Kinderarzt und Psychotherapeut aus Lübeck die Bedeutung psychosomatischer Aspekte bei Schmerzen im Kindesalter. Dabei wies er einleitend auf die politische Dimension des Themas hin. Beispielsweise konnten in einer Studie an 6.200 Kindern im Alter von neun bis 14 Jahren, die zu einem Drittel unter Kopf- und zu einem Viertel unter Bauchschmerzen litten, Stress und Überforderungssituationen im Rahmen der im Übrigen „normalen“ Alltagsbewältigung als wesentliche psychosomatische Unterhaltungsfaktoren ausgemacht werden. Der „hilflose Arzt“, der sich angesichts oft organisch ausgerichteter Vorstellungen und Konzepte, einem gewissen Schonungsbedürfnis und einem Drängen auf Diagnostik seitens der Eltern ausgesetzt sieht, steht nach Althaus Ansicht vor dem Problem, somatisch, funktionell und somatoform zu unterscheiden und das dann auch noch entsprechend zu vermitteln. Insoweit sei in der Einbeziehung psychosomatischer Aspekte in den Diagnose- und Behandlungsprozess eine echte therapeutische Chance zu sehen. Für die Praxis zog der Referent das Fazit, dass in jedem Fall eine prophylaktische Behandlung auch im Sinne einer Primärprophylaxe sinnvoller sei als eine, beispielsweise auch gezielte Therapie. Wesentlicher Aspekt hierbei sei vor allem - und hier gab es erneut Parallelen zu den Vorreferenten - die Vermittlung eines adäquaten Krankheitsmodels für Eltern und Kinder.

Die mit nahezu 100 Teilnehmern gut besuchte Veranstaltung wurde, wie in den vergangenen Jahren, in bewährter Weise moderiert von Dr. Andreas Gremmelt, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Schlei-Klinikum Schleswig/MLK und Dr. Harald Lucius, Oberarzt und Leiter der Schmerzambulanz, Schlei-Klinikum Schleswig/FKSL.

In ihrem Schlusswort wiesen die Moderatoren darauf hin, dass Schmerzkongresse in der Schleistadt selbstverständlich auch in den nächsten Jahren thematisch spannend und herausfordernd besetzt werden sollen. In diesem Sinne lautet das Thema für die 14. Schleswiger Schmerztagung am 8. November 2008: „Akutschmerz - wie verhindere ich Chronifizierung?“

Diese Veranstaltung wird dann gleichzeitig die erste sein, die das im November 2007 gegründete „Schmerzzentrum-Nord“ des Schlei-Klinikums ausrichtet.

Dr. Harald Lucius, Leiter der Schmerzambulanz, Schlei-Klinikum Schleswig/FKSL, Am Damm 1, 24837 Schleswig


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2008

S. 56-58