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Daten zur Epidemiologie
Psychische Erkrankungen im Kontext von Berufsunfähigkeits-
bzw. Rentenversicherung
Margot Albus, Ursula Wandl
Frühberentungen nehmen stetig zu und belasten die sozialen Sicherungssysteme
erheblich. Im Jahr 2003 wurden nach Angaben des Robert Koch-Instituts
(RKI) bereits 2,9 Prozent des gesamten Sozialbudgets - 20,4 Milliarden
Euro - für gesundheitsbedingte Frührenten ausgegeben1.
Die häufigsten Gründe für eine vorzeitige Berentung sind
chronische Krankheiten. Allerdings verändert sich seit den Achtzigerjahren
der Anteil der verschiedenen Krankheitsgruppen, die zu Frühberentungen
geführt haben: Das Gewicht liegt immer stärker auf psychischen
Erkrankungen. Der Einfluss anderer Erkrankungen, vor allem der Kreislauf-
sowie der Muskel- und Skeletterkrankungen nimmt hingegen ab.
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Prof.
Dr. Dr. Margot Albus,
M. Sc. |
PD
Dr. Ursula Wandl
(Quelle: Bläk) |
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Die Statistik der
Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) bestätigt diesen
Trend: Sie weist in Bezug auf die im Jahr 2002 neuen Empfänger der
Erwerbsminderungsrente einen Anteil von 36 Prozent für psychisch
Erkrankte aus. Zehn Jahre zuvor lag er noch bei 21 Prozent. Auch der Verband
Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) berichtet, dass vorzeitige
Berentungen zunehmend auf psychische Erkrankungen zurückzuführen
sind. 2004 erfolgten 31 Prozent der Frühberentungen aufgrund einer
psychisch bedingten Erwerbsminderung2. Bezieht man einen Teil
der unter Affektionen des Muskel-Skelett-Systems und Bindegewebes
klassifizierten psychosomatischen Diagnosen (chronische Rückenschmerzen,
Fibromyalgiesyndrom usw.) ein, könnte bei bis zu 50 Prozent der Frühberentungsneuzugänge
in Deutschland eine psychische Störung zugrunde liegen3.
Damit nehmen psychische Diagnosen den ersten Platz unter den Gesundheitsstörungen,
die zu einer Frühberentung führen, ein. Zudem scheiden psychisch
Erkrankte fast 20 Jahre vor der gesetzlichen Altersgrenze und fast 13
Jahre vor dem tatsächlichen durchschnittlichen Rentenalter (derzeit
60,4 Jahre) aus dem Erwerbsleben aus. Im öffentlichen Dienst nahm
die Zahl der dienstunfähigen Beamten von 39 Prozent im Jahr 2000
auf 50 Prozent im Jahr 2003 zu. 65 Prozent der Frühpensionierungen
bei Lehrern waren auf psychische Erkrankungen zurückzuführen4.
In der privaten Versicherungswirtschaft wandeln sich die Ursachen für
Berufsunfähigkeit gleichermaßen. Mittlerweile wird schätzungsweise
jeder zweite Antrag auf Berufsunfähigkeitsrente mit psychosomatischen
Erkrankungen begründet, wobei chronische Erkrankungen, die schwer
zu objektivieren sind - vor allem Somatisierungsstörungen und Schmerzsyndrome
-, zunehmend an Gewicht gewinnen. Auch die Rentenversicherungsstatistik
und Daten zu stationären Rehabilitationsbehandlungen belegen diese
Ergebnisse. Bei vorzeitigen Berentungen standen depressive Episoden mit
30 Prozent im Vordergrund, gefolgt von Belastungs- und Anpassungsstörungen
(zehn Prozent) sowie somatoformen Störungen (zehn Prozent)5.
Bei den stationären Rehabilitationsbehandlungen zeigt sich, dass
von insgesamt 135 255 Erkrankten mit der Diagnose psychische Störungen
(ICD-10, Kapitel F) 29 Prozent auf Suchterkrankungen (F10-19) entfielen.
25 Prozent der Rehabilitationsbehandlungen erfolgten bei affektiven Erkrankungen
(F30-48), den größten Anteil nahmen mit 38 Prozent neurotische,
somatoforme und Belastungsstörungen (F40-48) ein. Die Behandlung
schizophrener Erkrankungen hingegen spielte bei der stationären Rehabilitation
fast keine Rolle6.
Der steigende Anteil psychisch bedingter Frühberentungen lässt
sich zum Teil dadurch erklären, dass Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen
- die zum Beispiel bei Herz- und Kreislauferkrankungen das Risiko der
Erwerbsminderung senken konnten - bei psychischen Störungen weiterhin
ein Schattendasein führen7. Die Risikofaktoren für
psychische Erkrankungen sind vielen nur unzureichend bekannt, und empirische,
prospektive Untersuchungen dazu fehlen weitgehend.
Inwieweit es sich bei der Zunahme psychischer Erkrankungen um eine absolute
oder relative Häufigkeitszunahme handelt, wird noch diskutiert. In
den vergangenen Jahren haben sich nämlich nicht nur die Möglichkeiten
der Diagnostik weiterentwickelt, auch der Kenntnisstand hausärztlicher
Betreuung verbesserte sich. Die Zunahme psychischer und psychosomatischer
Krankheitsbilder, die zu Berufsunfähigkeit führen, muss auch
als Spiegel der marktwirtschaftlichen Situation (wachsender Stress am
Arbeitsplatz, drohender Arbeitsplatzverlust usw.) gesehen werden8.
Der enge Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung, beruflichem Status
und der Beeinträchtigung verschiedener Lebensbereiche wie Arbeit
und sozialem Umfeld wurde vielfältig beschrieben7.
Zur Inzidenz und Lebenszeitprävalenz psychischer Erkrankungen liegen
eine Reihe von epidemiologischen Studien vor, sodass folgende Häufigkeiten
angenommen werden:
Nach den Daten des Bundes-Gesundheitssurvey von 1998/99 erkrankt nahezu
jeder zweite Bundesbürger (41 Prozent) im Laufe seines Lebens wenigstens
einmal an einer psychischen Gesundheitsstörung8. Nach den Daten der
Global Burden of Disease Study aus dem Jahr 2000 rangieren bei den Krankheiten,
die weltweit die meisten Disability Adjusted Life Years (DALYs) verursachen,
also Jahre, die einem Menschen verloren gehen, weil er durch eine Erkrankung
früh stirbt oder stark beeinträchtigt ist, unipolare Depressionen
bei Frauen auf Platz vier und bei Männern auf Platz sieben. Angaben
des Statistischen Bundesamtes zufolge verursachten im Jahr 2004 psychische
Erkrankungen und Verhaltensstörungen Krankheitskosten von insgesamt
22,8 Milliarden Euro, wobei Demenz, Depressionen sowie neurotische, Belastungs-
und somatoforme Störungen besonders teuer waren.
Die häufigsten psychischen Erkrankungen sind depressive Erkrankungen
mit einer Lebenszeitprävalenz - in Abhängigkeit von den verwendeten
Diagnoseinstrumenten - zwischen zehn und 20 Prozent sowie einem Mediän
der Krankheitsdauer von drei Monaten. Somit ist lediglich jeder zweite
an einer depressiven Episode Erkrankte nach drei Monaten remittiert, 63
Prozent nach sechs Monaten, 76 Prozent nach zwölf Monaten, wobei
rund 20 Prozent der Erkrankten nach 24 Monaten noch keine Remission aufweisen.
Ähnlich häufig wie affektive Erkrankungen sind Angsterkrankungen.
In der NCS-Studie (National Comorbidity Survey) fanden sich folgende Lebenszeitprävalenzen:
Agoraphobie fünf Prozent, Panikstörungen 3,5 Prozent, generalisierte
Angsterkrankungen fünf Prozent, spezifische Phobien elf Prozent,
soziale Phobie 13 Prozent und posttraumatische Belastungsstörungen
acht Prozent.
Abhängigkeitserkrankungen liegen bei fünf bis sieben Prozent
der Bevölkerung vor, wobei hier die Dunkelziffer vor allem bezüglich
alkoholbedingter Störungen relativ hoch sein dürfte. So wird
davon ausgegangen, dass in Deutschland zwischen 1,6 und drei Millionen
Menschen an Alkoholabhängigkeit und ca. 150.000 Menschen an Drogenabhängigkeit
leiden.
Das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung wird bei etwa 20
Prozent der Bevölkerung angenommen. Hier dürfte - vergleichbar
mit den Suchterkrankungen - die Dunkelziffer ebenfalls hoch sein. Die
Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen bei psychiatrisch
Behandelten liegt bei 50 Prozent, bei forensisch untergebrachten Patienten
zwischen 70 und 90 Prozent.
Ein chronisches Schmerzsyndrom liegt bei 17 Prozent vor, wobei mehr Frauen
als Männer betroffen sind. Chronische Schmerzen machen 30 Prozent
der Arbeitsunfähigkeitstage aus und verursachen Kosten von 15 bis
20 Millionen Euro pro Jahr.
Vergegenwärtigt man sich die Häufigkeit, das Ausmaß an
Chronifizierung und damit die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen
psychischer Erkrankungen durch einen zunehmenden Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen
und Frühberentungen, so wird deutlich, wie wichtig Prävention
und Therapie psychischer Erkrankungen sind. Hinsichtlich der Prävention
sind zumindest im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung geförderten Kompetenznetzwerke einige Früherkennungsprogramme
implementiert worden.
Die zur Verfügung stehenden Therapien reichen von psychodynamisch-psychoanalytisch
orientierten über (kognitiv-)verhaltenstherapeutisch, supportiv-psychotherapeutisch,
psychopharmakologisch und deren Kombinationen bis hin zu den so genannten
alternativen Therapieverfahren. Zunehmend nutzen Betroffene das Internet,
um Informationen über ihre Symptome und spezifische Therapieangebote
ambulanter, teilstationärer und stationärer Leistungserbringer
einzuholen. Es ist zu hoffen, dass sich dadurch eine größere
Anzahl Betroffener frühzeitig in Behandlung begibt, um so - trotz
der nach wie vor zu beobachtenden Stigmatisierung psychischer Erkrankungen
und dem unzureichenden Wissen des sozialen Umfeldes über psychische
Erkrankungen - eine Chronifizierung der Erkrankungen zu verhindern.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Bayerischen Ärzteblattes,
Heft 11/2007
Prof. Dr. Dr. Margot Albus, M. Sc., Isar-Amper-Klinikum München-Ost,
Vockestraße 72, 85540 Haar, PD Dr. Ursula Wandl, Swiss Re Germany
AG, Dieselstraße 11, 85774 Unterföhring
Literatur:
[1] Rehfeld, U. G.:
Gesundheitsbedingte Frühberentung. Gesundheitsbe-richterstattung
des Bundes. Robert-Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen
Bundesamt. Heft 30 (2006).
[2] Verband Deutscher
Rentenversicherungsträger (VDR): Rentenzugän-ge wegen Erwerbsminderung,
Frankfurt/Main 2004.
[3] Huber, M.: Aspekte
der Berufsunfähigkeit bei psychosomatischen Er-krankungen. Versicherungsmedizin
52 (2) (2000), 66-75.
[4] Weber, A.; Weltle,
D.; Lederer, P.: Frühinvalidität im Lehrerberuf: Sozi-al- und
arbeitsmedizinische Aspekte. Deutsches Ärzteblatt 101 (13) (2004),
A 850-859.
[5] Irle, H.; Grünbeck,
P.; Klosterhuis, H.: Rehabilitation vor Frühberentung bei Menschen
mit psychischen Störungen. Bundesversicherungsanstalt für Angestellte
(BfA), Berlin, 2007 eingereichtes Abstract.
[6] VDR: Rehabilitation
2001, Frankfurt 2001.
[7] Stadtland, C.;
Schütt, S.; et al.: Klinische Prädiktoren für die Vorhersa-ge
einer späteren Berentung bei Probanden mit somatoformen Sympto-men:
Erste Ergebnisse einer katamnestischen Untersuchung. Der Medizi-nische
Sachverständige 55 (3) (2004), 111-117.
[8] Rief, W.; Cuntz,
U.; Fichter, M. M.: Diagnostik und Behandlung soma-toformer Störungen
(funktioneller körperlicher Beschwerden). Versiche-rungsmedizin 53
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Stevens, A.; Foerster, K.: Diagnostik und Umgang mit neurotischen Ar-beitsstörungen
(vor dem Rentenantrag). Nervenarzt 66 (1995), 811-819.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt /2008
S. 49-51
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