Tabak,
Fußball und Pharma
Hans Hellmut Koch
Beim Einsammeln von Leistungen der Privatwirtschaft liegt das Bundesgesundheitsministerium
(BMG) nicht schlecht. 2005 und 2006 hat Ulla Schmidts (SPD) Ministerium
geldwerte Sach- und Dienstleistungen sowie Spenden in Höhe von 49,74
Millionen Euro erhalten, was mit Abstand den größten Anteil der
insgesamt 80,3 Millionen Euro an Sponsoringleistungen von Privaten an Bundesministerien
darstellt. Der Ende Juli in Berlin veröffentlichte Zweite Zweijahresbericht
über die Sponsoringleistungen an die Bundesverwaltung weist alle
Einzelzuwendungen ab 5.000 Euro aus, erstmals auch mit Bezeichnung der privaten
Mittelgeber. Demnach zahlte gar die Tabakindustrie fünf Millionen Euro
an das BMG. Die Einnahmen finanzieren diverse Kampagnen, zum Beispiel der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Drogen-
oder AIDS-Prävention, zur Steigerung der Influenza-Impfrate oder gegen
die grassierende Bewegungsarmut.
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| Dr.
Hans Hellmut Koch |
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Der neue FC Bayern-Star
Franck Ribéry hängt neuerdings über dem Portal der Münchner
Theatinerkirche. Ja, dort hängt ein 250 Quadratmeter großes Werbeplakat
an einem die spätbarocke Kirchenfront verhüllenden Baugerüst,
das eben diesen Ribéry zeigt und für den Sportartikelhersteller
Nike wirbt. Die Einnahmen für das Transparent finanzieren einen Teil
der Restaurierungskosten für die Kirchenfassade.
Auf zahlreichen Flyern, Kongressführern oder Online-Portalen von Pharmafirmen,
die zu Fortbildungen einladen, prangen die Logos der Landesärztekammern.
Pharmafirmen sponsern ärztliche Fortbildungsveranstaltungen und schließen
zum Zweck der Zertifizierung so genannte Kooperations- und Akkreditierungsverträge
mit den Kammern ab. In diesen Verträgen verpflichten sich die Unternehmen,
die strengen Auflagen, wie Werbefreiheit und Neutralität, einzuhalten.
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Werbeplakat
an der Münchner Theatinerkirche
(Fotos: BLÄK) |
Panorama
Doch während die ersten beiden Sponsorings nur eine kleine Printmeldung
wert sind, rückt beim Thema ärztliche Fortbildung und Pharmaindustrie
gleich das ARD-Flagschiff Panorama ins Haus und wittert Korruption und
Bestechung. Konkret ging es um eine Fortbildung von univadis.de, hinter
der sich der Pharmakonzern MSD und der Verlag Elsevier verbergen, mit
dem Titel: Diabetes mellitus Typ 2 - Die Notwendigkeit einer Lipid
senkenden Therapie und beim Fortbildungsportal von Novartis, https://cme.novartis.de,
waren es zwei Schulungen zu den Themen Therapie der Psoriasis erythrodermica
und Diagnostik und Therapie des Morbus Paget. So behauptet
Panorama, bei Univadis/Elsevier würde Werbung für das Medikament
Inegy gemacht werden, um anschließend den Text Die
Kombination ... wäre deshalb eine vielversprechende, sehr gut verträgliche
Alternative einzublenden. Schaut man dagegen bei der original Fortbildung
nach, steht an der Stelle der drei Punkte: des Statins mit Ezetimibe
würde diese Rückresorption reduzieren und. Ähnlich
verhält es sich bei Novartis/ Springer, wo es einmal um den Stellenwert
von Zoledronsäure bei der Therapie des Morbus Paget geht. Im dritten
Beispiel, ebenfalls von Novartis/Springer wird bei der Therapie der Psoriasis
erythrodermica dargestellt, wie die Wirkung von Ciclosporin-Mikroemulsion
ist. Und hier wird tatsächlich das Präparat Immunosporin
genannt.
Darin sieht Prof. Dr. Peter Sawicki (Institut für Qualität und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen - IQWiG) große Nachteile
für Ärzte, Patienten und die Versicherten, Dr. Axel Munte
(Kassenärztliche Vereinigung Bayerns - KVB) bewertet die im Film
gezeigten Online-Fortbildungen granatenmäßig einseitig,
Prof. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen (ehemals Arzneimittelkommission
der deutschen Ärzteschaft) will es nicht einleuchten, dass Ärzte
Fortbildung umsonst bekommen und Theo Schröder (BMG) ruft die
Kammern auf, ihren Job an dieser Stelle zu machen.
Zertifikat
Was will uns diese Gemengelage sagen? Zunächst die Fakten: Die
Fortbildungsinhalte (...) müssen frei von wirtschaftlichen Interessen
sein, so hat es der Gesetzgeber festgeschrieben. Das Sozialgesetzbuch
(SGB) V fordert in den §§ 95 d und 137 seit 2003 ärztliche
Fortbildung ein und verweist mittelbar auf unter anderem die Bundesärztekammer
(BÄK) als Regelungsinstitution. Wie kam es dazu? Schon die Gesundheitsminister-Konferenz
hatte 1996 in Cottbus festgehalten: Die Berechtigung zum Führen
von Weiterbildungsbezeichnungen sollten vom Nachweis einer kontinuierlichen
Fortbildung abhängig gemacht werden. Die BÄK wird gebeten, Vorschläge
für entsprechende Änderungen der Musterweiterbildungsordnung
vorzubereiten. Heraus kam als Antwort der Ärzte das Modellprojekt
Fortbildungszertifikat, das die BLÄK von April 1998 bis April
2000 einführte. Auf Antrag des Vorstandes der BÄK beschloss
der 102. Deutsche Ärztetag 1999 in Cottbus: Der 102. Deutsche
Ärztetag nimmt das Fortbildungszertifikat der Ärztekammern zum
freiwilligen Fortbildungsnachweis zustimmend zur Kenntnis und bittet die
Landesärztekammern, die bisher keine Modellversuche zum Fortbildungsnachweis
angeboten haben, diese auf der Basis der hier formulierten Rahmenbedingungen
einzuführen. Das Fortbildungszertifikat ist der Nachweis für
die freiwilligen Fortbildungsaktivitäten des Arztes. Die Modalitäten
des Erwerbs des freiwilligen Fortbildungszertifikats der BLÄK sind
in der jeweils gültigen Richtlinie festgeschrieben, zuletzt veröffentlicht
im Bayerischen Ärzteblatt, Ausgabe Mai 2007.
Fakten
Fortbildungsanmeldungen gehen seit Mitte 2003 mit steigender Tendenz bei
der BLÄK zur Bewertung ein. Im Jahr 2007 waren dies durchschnittlich
4.500 Fortbildungsveranstaltungen monatlich. Ebenfalls seit 2003 schließt
die BLÄK Verträge mit Kooperations- bzw. Akkreditierungspartnern,
wie Kongressveranstaltern, Akademien oder eben Pharmaunternehmen. Aktuell
haben 84 Akkreditierungspartner, zum Beispiel ärztliche Kreisverbände,
die KVB oder wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaften, und 38
Kooperationspartner, überwiegend Online-Module der Kategorie D, wie
auch Fachzeitschriften, einen Vertrag mit der BLÄK geschlossen. Halten
sich die Vertragspartner nicht an die BLÄK-Richtlinien - übrigens
eine der striktesten im ganzen Bundesgebiet - kommt es zu Nachfragen bzw.
Kündigungen. So wurde bereits einem Kooperationspartner fristlos
wegen Vertragsverletzung gekündigt, ein Kooperationspartner hat seine
Online-Fortbildung wegen Androhung einer fristlosen Kündigung komplett
umgestellt. Monatlich hat die BLÄK bei verschiedenen Kooperationspartnern
bis zu zehn Nachfragen hinsichtlich des Aspekts Fortbildungsangebot
frei von wirtschaftlichen Interessen.
Dass das BMG in Sachen Präventionskampagnen und die katholische Kirche
in Sachen Kirchensanierung sich des Sponsorings durch Wirtschaftsunternehmen
bedienen, bewerten die Bürger sicherlich unterschiedlich. Manche
kommen ins Grübeln, staunen oder finden es gewagt. Doch mal ganz
ehrlich: Die meisten von uns nicken innerlich einsichtig, sind doch Prävention
und Kirchensanierung wichtige Aufgaben und Sponsoring allgegenwärtig.
Den schnöden Mammon Geld kann man dort akzeptieren. Das
zeichnet unsere Welt nun mal aus. Aber bei der ärztlichen Fortbildung,
da hört diese Welt anscheinend auf. Machen wir uns da
nicht alle etwas vor? Ist das nicht zweierlei Maß, Pseudo-Ethik,
Doppelmoral oder Unaufrichtigkeit? Sollen wir etwa auch im Bayerischen
Ärzteblatt auf die Anzeigenerlöse verzichten? Sind wirklich
alle medizinisch-wissenschaftlichen Studien frei von wirtschaftlichen
Interessen? Gilt dies auch für Vortragende und Referenten? Werden
Kongressprogramme nicht durch die sie begleitende Industrieausstellung
beeinflusst? Ich kenne die Literatur (Marcia Angell, Jörg Blech)
und meine trotzdem, dass wir mit dieser Welt umgehen müssen.
Offen, ehrlich und transparent - auch was den eigenen conflict of
interest anbelangt. Denn eine andere Realität gibt es nun einmal
nicht. Und am moralischen Nasenring sollten wir Ärztinnen
und Ärzte uns nicht durch die Medien ziehen lassen. Übrigens:
Mit Gourmetessen - wie am Anfang des TV-Beitrags gezeigt - und Luxusreisen,
bezahlt von der Industrie, hat das nichts zu tun. Gegen solche Formen
der Bestechung und Korruption werden wir auch weiterhin vorgehen. Hier
geht es vielmehr um neutrale Finanzierung für gute Fortbildung.
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Bayerischen Ärzteblattes
9/2007
Dr. Hans Hellmut Koch, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer,
Mühlbaurstraße 16, 81677 München
Link zum Artikel:
"Trotz
Verbot - Pharmakonzerne manipulieren Ärztefortbildungen",
SHÄ 9/2007, S. 36-38
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2008
S. 43-45
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