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Schleswig-Holstein

Lübecker Symposion „Rehabilitation und Wiedereingliederung - der Rehabilitand im Mittelpunkt“
Hat der Rehabilitand nichts zu sagen?

Horst Kreussler

 
Dr. Ruth Deck (li.) vom Institut für Sozialmedizin und Dr. Nathalie Glaser-Möller von der DRVN (Foto: hk)  
Im Prozess der medizinischen und sozialen Rehabilitation muss der Rehabilitand viel stärker aktiv beteiligt werden als dies bisher offenbar geschieht - von der Früherkennung des Bedarfs, der Antragstellung, über die stationäre oder ambulante Versorgung bis zur beruflichen Wiedereingliederung. Diese im Kern eigentlich selbstverständliche, vielleicht überfällige Botschaft kam am 19. November aus Lübeck: Die nunmehr vierte Fachtagung des vffr (Verein zur Förderung der Rehabilitationsforschung in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein) und des Instituts für Sozialmedizin des UK S-H Lübeck führte weit über 100 medizinische und medizinnahe Fachleute aus Norddeutschland und darüber hinaus nach Lübeck, diesmal wieder in das Scandic Hotel. Mitveranstalter waren die Deutsche Rentenversicherung Nord (DRVN) und die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege (BGW).

Die Referate zeigten nicht nur den Verbesserungsbedarf, sondern auch verschiedene schon praktizierte Ansätze einer erfolgversprechenden Patientenbeteiligung. Gerade bei chronisch Kranken wird ja die gemeinsame Entscheidungsfindung („shared decision making“) von Arzt und Patient seit längerem diskutiert. Im Reha-Bereich hätten sich in dieser Hinsicht sowohl das System wie die Rehabilitanden weiterentwickelt, sagten die Organisatorinnen Dr. Ruth Deck (Institut für Sozialmedizin UK S-H, Lübeck) und Dr. Nathalie Glaser-Möller (DRVN). Viele Rehabilitanden wollen offenbar stärker informiert werden und mitentscheiden. Und erste empirische Daten zeigten bei aktiver Einbindung eine höhere Compliance und bessere Behandlungseffekte.

 
  Prof. Dr. José M. Valdueza
(Foto: SH)
Beispiele für erste Ansätze in dieser Richtung brachten die Referate über das ärztliche Gespräch mit Reha-Antragstellern, über „Empowerment“ oder über die partizipative Gestaltung der Nachsorge. Im letztgenannten Referat wies Dr. Angelika Hüppe vom Institut für Sozialmedizin, Lübeck, auf die neue „Reha-Philosophie“ einer ressourcenorientierten Rehabilitation im Unterschied zur herkömmlichen eher defensiven Reha hin: „Wir müssen wegkommen von der Enttäuschung der Rehabilitanden“. Eine noch laufende dreijährige Studie zur partizipativen Reha von chronischen Patienten in sieben Rehakliniken solle brauchbare Ergebnisse zur Versorgungsqualität liefern.

Die Podiumsdiskussion - geleitet von Prof. Dr. Thomas Kohlmann (Univ. Greifswald) anstelle des kurzfristig verhinderten Prof. Raspe - machte die immer noch ungelösten Aufgaben deutlich. „Alle bei der Rehabilitation Beteiligten müssen stärker aufeinanderzugehen“, war das Fazit (Kohlmann). Zwar wurden einzelne Fortschritte genannt, so von Sabine Zerdick (DRV Nord, Reha-Strategie und -steuerung) eine z. T. schnellere Begutachtung, mehr wohnortnahe und berufsnahe Reha, auch gewisse Vernetzungen der Beteiligten, aber: „Wir möchten gern flexibler agieren, uns sind aber die Hände gebunden, weil wir ja nur ein Kostenträger sind.“

   
Als Vertreterin von Rehabilitanden äußerte Andrea Vogt-Bolm (Amputierte e. V., Hamburg) die Hoffnung, dass in Zukunft Reha-Anträge nicht erst nach Widerspruch genehmigt würden.
Aus sozialrechtlicher Sicht bestätigte PD Dr. Felix Welti (Hochschule Neubrandenburg) den Verbesserungsbedarf: „Das Sozialrecht des SGB IX ist viel rehabilitandengerechter als die (nachhinkende) Praxis!“ Das Sozialrecht fordere aktive Teilhabe des Rehabilitanden, der ja kein „Patient“ sei. Wunsch- und Wahlrechte müssten beachtet werden. Die Rehabilitation solle gerade nicht träger- oder einrichtungsorientiert sein wie in der Realität, sondern individuell orientiert (§ 10). Ein trägerübergreifendes Reha-Konzept müsse also schon am Anfang einer Maßnahme stehen.

Aus klinischer Sicht anerkannte Prof. Dr. Ulrich Peschel (ärztlicher Direktor der Mühlenberg-Klinik Malente) den Nachholbedarf: „Viele kommen in die Rehakliniken, die eigentlich nicht sollten, während umgekehrt andere nicht kommen, die sollten.“ Die Frage sei, ob nicht noch zuviel Akutmedizin in der Rehaklinik geleistet werde. Intern leide die Organisation unter der neuen Arbeitszeitregelung, die zu häufigem Wechsel bei Ärzten und Therapeuten führe (so eine kritische Frage aus dem Plenum).

Auch Prof. Dr. José M. Valdueza (Segeberger Kliniken, Neurologie) verwies auf interne Probleme: „Vernetzung ja, aber wo sind denn die flexiblen Mitarbeiter in den Kliniken? Wir haben schon Probleme bei der Rekrutierung von Ärzten...“ Auf der anderen Seite seien schon Verbesserungen realisiert wie die differenzierende Behandlung der Patientengruppen (etwa MS- oder Schlaganfall-Patienten). Sein Grundsatz sei, die Rehabilitanden so zu behandeln, wie er selbst behandelt werden möchte.

PD Dr. phil. Oskar Mittag, langjähriger psychologischer Mitarbeiter in der Mühlenbergklinik und in der LVA Schleswig-Holstein (jetzt Univ. Freiburg), sprach von einer wenig rehabilitandengerechten Arbeit. Personen mit psychischen Problemen, aber auch die Rehabilitandinnen bekämen zu wenig bedarfsgerechte Betreuung. Dies liege auch an der Uneinigkeit über optimale Rehakonzepte und am Fehlen von Leitlinien.

Während Prof. Valdueza diesen Punkt (fehlende Leitlinien) bestätigte, zeigte Dr. Ruth Deck die Unsicherheit selbst in diesem Bereich auf: „Wir müssen prüfen, ob Rehakliniken effektiver sind, wenn sie leitliniengerecht arbeiten.“

Finale Anmerkung des Beobachters: Wieso eigentlich wissen wir das noch nicht? Wenigstens bei kleineren Fallbeispielen? Wie steht es überhaupt mit der wissenschaftlichen und fachlichen Transparenz im Reha-Bereich?

Und eine Literaturankündigung: Der Tagungsband mit den Referaten soll im Frühjahr im Jacobs Verlag (Lage) für 19,95 Euro erscheinen.

Dr. jur. Horst Kreussler, An der Karlshöhe 1, 21465 Wentorf


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 1/2008

S. 36/37