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Medizin und Wissenschaft

Krankenhaushygiene - dringender nötig denn je

Bakterien und Viren treten im Krankenhaus immer häufiger auf, gefolgt von immer mehr Krankenhaus-Infektionen. In einer Veranstaltung des Arbeitskreises Interdisziplinäres Ethik-Seminar am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) stellten sich Fragen wie: Gibt es eine ständig wachsende Anzahl multiresistenter Mittel, etwa aufgrund des unnötigen und wahllosen Einsatzes von Antibiotika?
Ist jede vierte Infektion vermeidbar?

Dipl.-Soz. Helmut Schröder
(Fotos: wl)

Viele Zahlen und Daten
Dipl.-Soz. Helmut Schröder, Forschungsbereichsleiter Arzneimittel, Heilmittel und Betriebliche Gesundheitsförderung am Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in Bonn, stützte sich in seinen Erläuterungen auf Daten von 70,5 Millionen GKV-Versicherten. Die Leistungsausgaben für diese Versicherten liegen bei rund 135 Milliarden Euro im Jahr. Davon entfallen 34 Prozent auf den Krankenhaussektor, 17,6 Prozent werden für Arzneimittel ausgegeben. Zu den Auftraggebern von WIdO gehören die AOK, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und zahlreiche Kliniken. Die Aufgabenbereiche unter anderem: Statistiken über ambulante und stationäre Versorgung, aber auch über die Pflege. Bei rund 600 Millionen Arzneimittelverordnungen im Jahr mit einem Umsatz von etwa 23 Milliarden Euro gibt es eine Menge Daten: „Wir wissen, welcher Arzt wie viele Medikamente verordnet, und wir sind bemüht, die Ärzte ganz allgemein für eine bessere Arzneimittelversorgung zu gewinnen“, erklärte Helmut Schröder. Aus den Statistiken ergebe sich zudem ein Trend zu mehr ambulantem Operieren, „wir sehen aber auch, wenn Menschen länger als vier Wochen im Jahr krankgeschrieben werden“. Und: Rund 2 500 Wirkstoffe werden verordnet, wobei der einzelne Arzt oft von der Pharmaindustrie gesteuert werde (siehe Kasten). Allerdings könne auch niemand eine solche Flut an Wirkstoffen überschauen.

Kommen wir zurück auf die genannten 2 500 Wirkstoffe - da sind Medikamenten-Zwischenfälle kaum auszuschließen. Dazu die Süddeutsche Zeitung am 16.11.2007: „ ,Arzneimittel zu geben, ist ein Hochrisikoprozess, sagt Daniel Grandt von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen schätzt in seinem Gutachten 2007, dass in Deutschland 80 000 Patienten jährlich wegen Nebenwirkungen ins Krankenhaus müssen - 40 Prozent der Fälle wären vermeidbar, schätzen Experten.“

Bei den Antibiotika gibt es etwas mehr als 37 Millionen Verordnungen im Jahr, allein im ambulanten Bereich - über die entsprechenden Verordnungen in den Kliniken gibt es keine Zahlen und Daten. Seit 1991 ist der Verbrauch von Antibiotika in Deutschland etwa gleich groß; 2004 waren es 327 Millionen verordnete Tagesdosen: „Zwar gibt es mit steigendem Alter einen höheren Verbrauch, aber: Jedes Kind bis zehn Jahre hat jährlich rein rechnerisch eine einwöchige Antibiotikatherapie!“ So werden bei uns dreimal mehr Antibiotika bei einer Mittelohrentzündung gegeben als in den Niederlanden, obwohl sie nichts nützen.

Immer mehr Antibiotika
In den Bereichen der ostdeutschen Kassenärztlichen Vereinigungen werden erheblich weniger Antibiotika verschrieben. Andererseits steht auch fest, dass bei den so genannten Feld-, Wald- und Wiesenkrankheiten bereits 35 Prozent der (teuren) Reserveantibiotika verschrieben werden, etwa Gyrasehemmer, die bei anders nicht beherrschbaren Keimen durchaus sinnvoll sein können. Als Grund nannte Helmut Schröder etwa den erhöhten Druck der Pharmaindustrie auf die Ärzte. Und: der Trend geht deutlich nach oben: „In 80 Prozent aller Erkältungsfälle werden Antibiotika verschrieben, obwohl 80 Prozent dieser Erkrankungen von Viren verursacht werden.“ Demnach müsse die Regel heißen: so wenig wie nötig und so gezielt wie möglich, „damit Antibiotika auch künftig noch wirken“. Um das zu erreichen, gibt es seitens WIdO gezielte Informationen für Ärzte und so genannte Peer-Besuche, das heißt, Hausärzte suchen Hausärzte auf, um mit ihnen über diese Problematik zu sprechen. „Es geht darum, die hohen Resistenzraten aufgrund von offensichtlich zu hohen Verordnungsraten zu reduzieren“, sagte Helmut Schröder und nannte Länder wie die Niederlande und Skandinavien, in denen weniger Antibiotika verordnet werden und zugleich erheblich geringere Resistenzraten zu verzeichnen sind. Gleiches gilt übrigens, wenn man das Saarland und Sachsen vergleicht. Wichtig seien also die richtige Diagnose und eine indikationsgerechte Therapie.

Prof. Dr. Martin Aepfelbacher

Regeln beachten
Diese Aussagen bestätigte Prof. Dr. Martin Aepfelbacher, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene am UKE. Es gelte, nosokomiale Infektionen im Krankenhaus zu vermeiden. Die Prävalenz dieser Infektionen in Deutschland: 3,5 Prozent. 140 000 davon sind postoperative Wundinfektionen, 30 000 Pneumonien und 10 000 Fälle von Sepsis. „Solche Infektionen führen bei chirurgischen Patienten zu einer fast doppelt so hohen Letalität und zu einer 30 Prozent höheren Letalität bei beatmungsassoziierten Pneumonien.“ Wir haben Infektionsschutzgesetze, die ganz genau regeln, was in einem Krankenhaus in einem Verdachtsfall zu tun ist, die aber auch mit hohen Strafen drohen, wenn diese Regeln nicht eingehalten werden. Außerdem gibt es, je nach Bundesland unterschiedlich, Krankenhaushygieneverordnungen - „also haben wir in rechtlicher Hinsicht keine Schwierigkeiten“, sagte Martin Aepfelbacher. Wichtig sei es, diese Regeln zu beachten, den Antibiotikaeinsatz zu kontrollieren, und „da wir uns mit den Bakterien sozusagen im Krieg befinden, nach dem Motto Search and Destroy zu verfahren“. Hilfreich seien bereits Statistiken, die in einzelnen Krankenhausstationen geführt werden: „Allein das Wissen, dass solche Statistiken existieren, führt zu einer Reduktion der Infektionsfälle!“ Zwar gebe es noch keine gesicherten Zahlen, doch liege die Minderung in entsprechenden Stationen bei sicher 30 Prozent. Unklar sei, warum 60 bis 70 Prozent der Infektionen nicht vermieden werden können.

Mangelhafte Hygiene
Nach wie vor werden die meisten Keime durch die Hände des Personals übertragen. Die Desinfektion der Hände ist also die einfachste und billigste Maßnahme, um Kreuzinfektionen zu verhüten. Weitere Infektionsquellen: Instrumente, Geräte, Medizinprodukte, Kittel und Krawatten (der Ärzte). Martin Aepfelbacher zeigte aber auch OP-Fotos, auf denen ohne Mundschutz gearbeitet wurde, auf denen Mitarbeiter Armbanduhren trugen; gelegentlich lagen Urinbeutel auf dem Patientenbett.

„Was noch nötig ist: Wir brauchen dringend eine Schmalspektrum-Antibiotikatherapie! Nötig ist eine frühzeitige und konsequente Isolierung von Patienten mit multiresistenten Keimen.“ Die Tendenz der Antibiotika-resistenten Erreger steige unaufhörlich, dazu zählen Staphylokokken, coliforme Bakterien und Enterokokken. Vor allem in Nordeuropa gebe es bessere und striktere Hygienemaßnahmen. Es komme darauf an, sie auch in Deutschland umfassend einzusetzen, denn: „Allein MRSA-Infektionen kosten bei uns rund 350 Millionen Euro - jährlich!“ Martin Aepfelbacher stellte aber auch fest, dass wir den Kampf gegen die Bakterien trotz aller Mittel verlieren werden, vor allem deshalb, weil sie überall in der Natur vorkommen. Nötig seien daher ein verstärktes Hygienebewusstsein und ein konsequenterer Einsatz der existierenden Mittel. Es sei unverständlich und in höchstem Maß bedauerlich, dass es in Deutschland für die Krankenhaushygiene nur einen Lehrstuhl gebe, dass der Nachwuchs ebenso fehle wie die Drittmittelförderung. (wl)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2007

S. 71, 72