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Medizin und Wissenschaft

Bundesweites Reanimationsregister der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin gestartet
Jan-Thorsten Gräsner, Volker Dörges, Jens Scholz

Bei 60 Prozent der Patienten mit plötzlichem Herztod liegt die Ursache in einer koronaren Herzkrankheit. Häufig ist der plötzliche Herztod die Erstmanifestation einer koronaren Herzerkrankung, d. h., der Patient verstirbt ohne vorherige Beschwerden oder Therapieoptionen. Epidemiologische Daten in Europa geben eine Häufigkeit von 50 bis 66 Reanimationsbehandlungen pro 100 000 Einwohner und Jahr an. Bei einer Einwohnerzahl von 460 Millionen in der Europäischen Union ergibt sich die beachtliche Anzahl von mindesten 230 000 Reanimationen pro Jahr. Insofern stellt die Reanimationsbehandlung bezüglich der erforderlichen Logistik und der absoluten Häufigkeit eine besondere Herausforderung für den organisierten Rettungsdienst dar. Trotz anhaltender Bemühungen auf allen Ebenen der Versorgung ist die Erfolgsrate nach Reanimation bis heute eher ernüchternd. Werden noch primäre Erfolgsraten von bis zu 50 Prozent an der Einsatzstelle erreicht, verringert sich die Zahl der Überlebenden bis zum Zeitpunkt der Krankenhausentlassung auf unter zehn Prozent.1

(Foto: UK S-H)

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hat zum 6. Mai 2007 den offiziellen Start des DGAI-Reanimationsregisters bekannt gegeben. Nach mehrjähriger Vorlaufphase steht nun allen an der Versorgung von Patienten mit Kreislaufstillstand beteiligten Einrichtungen des Rettungsdienstes und den weiterbehandelnden Kliniken ein multifunktionelles Hilfsmittel in Form einer internetbasierten Datenbank zur Verfügung. Das Reanimationsregister der DGAI2 ist ins Leben gerufen worden, um als universelles Werkzeug des Qualitätsmanagements Kliniken und Rettungsdiensten die notwendigen Informationen zu liefern, um ihre CPR-Erfolgsraten zu steigern. Gerade auch die Implementierung der aktuellen Reanimationsrichtlinien des ERC lässt sich mithilfe des Registers auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Bereits Anfang der 90er Jahre wurde mit Schaffung des Utstein-Style-Protokolls3 die Grundlage für eine einheitliche und weltweit vergleichbare Datenerfassung4 gelegt.

Bei der Beschreibung der Wiederbelebungsmaßnahmen konzentriert sich die Datenerfassung auf die Bereiche Erstversorgung5, klinische Weiterversorgung und Langzeitverlauf6.

Das Basismodul „Erstversorgung“ erfasst die präklinische Logistik, Erstbefunde und Behandlung und erfragt das Outcome zum Abschluss der präklinischen Behandlung und nach 24 Stunden.

Das Krankenhausmodul „Klinische Weiterversorgung“ erfasst die ersten 24 Stunden der innerklinischen Behandlung sowie die Befunde und Therapie der weiteren Krankenhausbehandlung bis zur Entlassung oder zum Tod des Patienten.

Das Modul zum „Langzeitverlauf“
nach Reanimation erfasst die Dauer des Überlebens und die Qualität des Überlebens zu den Zeitpunkten Krankenhausentlassung, 30 Tage und zwölf Monate nach der Reanimationsbehandlung sowie die Durchführung essenzieller innerklinischer Behandlungskonzepte (z. B. thrombolytische Therapie, PTCA, Bypassoperation oder therapeutische Hypothermiebehandlung).

Inhalte der DGAI-Reanimationsdatensätze

Die DGAI-Reanimationsdatensätze sind das Ergebnis einer Expertenrunde unter Berücksichtigung der internationalen Vorgaben des Utstein-Style Protokolls ergänzt um andere für ein konsequentes Qualitätsmanagement wichtige Datenfelder. Der Minimale Notarzt Datensatz MIND 27 stellt dabei die Mindestgrundlage für die Dokumentation von Notarzteinsätzen in Deutschland dar.

Der Datensatz „Erstversorgung“ ist in 14 Untergruppen eingeteilt. Diese beziehen sich auf einsatztaktische Aspekte, die Schwerpunkte Einsatzzeiten, Einsatzortklassifikation, auf Erstbefunde sowie Kernmaßnahmen und ergänzende Maßnahmen. Weiterhin bildet der Datensatz die Übergabesituation des reanimierten Patienten, die vermutete Diagnose und das primäre Reanimationsergebnis (Spontankreislauf bei Aufnahme und 24-Stunden-Überleben) ab. Ergänzt wird der DGAI-Reanimationsdatensatz durch eine Qualitätsanalyse in den Bereichen Defibrillatortyp und Energieform, eine Fehleranalyse im Bereich Atemwegssicherung und Technik sowie die Betrachtung der Ersthelfermaßnahmen, die bereits durch das Rettungsdienstpersonal eingeleiteten erweiterten Maßnahmen und weitere Leistungen des Notarztsystems. Die Erstellung des Datensatzes Weiterversorgung erfolgte analog der Entwicklung des Datensatzes Erstversorgung. Hierbei wurde neben den Vorgaben des Utstein-Style-Protokolls auch ein besonderes Augenmerk auf zusätzliche, zum Teil neue, Therapieverfahren gelegt. Der vonseiten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie8 entwickelte Reanimationsdatensatz, der vom Utstein-Style abweichende Felder enthält, wurde zur besseren Kombinierbarkeit der Datenbanken ebenso berücksichtigt. Durch die erhofften hohen Fallzahlen im bundesweiten Reanimationsregister werden Aussagen zur Effektivität der weiterführenden Therapien erwartet. Bei noch bestehender Differenzierung in präklinische und innerklinische Wiederbelebungsmaßnahmen im Datensatz Erstversorgung sind die Datensätze Weiterversorgung und Langzeitverlauf universell einsetzbar. In der Aufbaulogik folgen diese dem bereits aus dem Erstversorgungsdatensatz bekannten Schema. Die aktuellen Datensätze sind im Internet unter www.reanimationsregister.de hinterlegt. Die Erfassung der Langzeitdaten wird u. a. im Utstein-Style-Protokoll gefordert. Der den Datensatz Langzeitverlauf entwickelnden Expertenrunde ist die besondere Herausforderung bei der Gewinnung dieser Parameter für die abschließende Beurteilung des Reanimationserfolges bewusst. Durch eine aktuell startende Aufklärungs- und Informationskampagne seitens der DGAI sollen insbesondere auch die hausärztlichen Kollegen auf die bundesweite Datenbank aufmerksam gemacht werden, da gerade die Daten zum Langzeit-Outcome wichtige Informationen liefern. Auch die Erfassung des Langzeitverlaufes kann auf mehreren Wegen erfolgen. Neben der Rück-sendung der entsprechenden Seite des Reanimationsdatenerfassungsprotokolls kann auch hierfür die Internetplattform genutzt werden. Erfasst werden neben der neurologischen Beschreibung des Patienten zum Zeitpunkt „ein Jahr danach“ auch das Wohnumfeld sowie seine aktuelle berufliche Tätigkeit zur Beschreibung der aktuellen Lebenssituation. Die so abschließend zusammengestellte Fallbeschreibung vom Eintritt des Kreislaufstillstandes bis zum Zeitpunkt des Einjahresüberlebens spiegelt ein Einzelschicksal wieder. Durch die angestrebte hohe Fallzahl bei mehr als 100 000 Reanimationen pro Jahr in Deutschland soll darüber hinaus der Fokus auf Aussagen zu positiven Prädiktoren gelegt werden.

Die Dateneingabe und Teilnahme

Die Datenerfassung für das bundesweite Register kann auf mehreren Wegen erfolgen, die letztlich alle in der internetbasierten Datenbank zusammengeführt werden. Neben reinen Reanimationserfassungsprotokollen stehen seit mehreren Jahren Kombinationsprotokolle, bestehend aus DIVI-Notarzteinsatzprotokoll und Datensatz Erstversorgung, zur Verfügung. Die Stärke der WEB-Datenbank liegt jedoch in der direkten Importmöglichkeit aus bereits vorhandenen Notarzterfassungssystemen, wie z. B. NADOK®9 oder DOKUFORM-online®. Unabhängig von allen Hilfsmitteln ist auch eine direkte Eingabe über ein Internetportal möglich, die für den Anwender mit zahlreichen Hilfetexten und Hinweisen erleichtert wurde.

Teilnehmen können alle an der Versorgung von Reanimationspatienten beteiligten Einrichtungen, wobei sowohl präklinische wie auch innerklinische Kreislaufstillstände erfasst werden können. Die Teilnahme ist kostenlos.

Sowohl direkte Interneteingabe als auch Export aus eigenen Systemen erfordern eine einmalige Anmeldung des teilnehmenden Notarztsystems oder der teilnehmenden Klinik. Hierfür steht die DGAI Geschäftstelle mit weiteren Informationen zur Verfügung. Ein Anmeldeformular wie auch der Teilnehmervertrag sind auf der offiziellen Homepage www.reanimationsregister.de hinterlegt.

Auswertungen und Analysen

Das Reanimationsregister stellt allen Teilnehmern online verschiedene Auswertungsmöglichkeiten ihrer Daten zur Verfügung. Der Vergleich mit der Grundgesamtheit und den besten Teilnehmern (anonymisiert) bietet die Möglichkeit, die eigene Leistungsfähigkeit zu analysieren sowie Stärken und Schwächen zu erkennen. Darüber hinaus werden jährliche Berichte für die teilnehmenden Zentren erstellt, welche im Sinne eines umfassenden Qualitätsberichtes die Online-Auswertungen ergänzt.

Aktuelle Situation
Zum Oktober 2007 dokumentieren schon über 80 Notarztstandorte an mehr als 35 Zentren ihre Reanimationseinsätze nach dem definierten einheitlichen Standard. Aus dem Bereich der innerklinischen Reanimationsbehandlungen sind 23 Kliniken am bundesweiten Register beteiligt.

Bitte um Mitarbeit an die niedergelassenen Kollegen
Zur abschließenden Beurteilung des Erfolges der Reanimationsbemühungen ist jedoch über die Rettungsdienste und Krankenhäuser hinaus die Unterstützung der niedergelassenen Kollegen notwendig. Gerade die Erfassung des Langzeitverlaufs mit der einfachen Beurteilung des neurologischen Zustandes, der Wohn- und Arbeitssituation des Patienten zum Zeitpunkt ein Jahr nach Kreislaufstillstand rundet das Bild ab. Rückschlüsse auf Therapieerfolge können daher nur durch eine gute Zusammenarbeit zwischen klinischen und niedergelassenen Kollegen erreicht werden.

Gemeinsame Projekte zur Prävention und Ersten-Hilfe
Eine enge Verzahnung der klinischen Versorgungsforschung mit der hausärztlichen Nachbetreuung von Reanimationspatienten eröffnet darüber hinaus die Möglichkeit zum fachlichen Austausch und zu gemeinsamen Präventionsprojekten. Die gezielte Schulung von Angehörigen von Risikopatienten in den einfachen Maßnahmen der Wiederbelebung ermöglicht eine Versorgung der Patienten innerhalb des sonst therapiefreien Intervalls. Nach ersten Ergebnissen aus der Reanimationsdatenbank ereignen sich mehr als 75 Prozent aller Kreislaufstillstände im häuslichen Umfeld. Hierdurch nutzen Bemühungen, wie z. B. die Aufstellung von automatischen externen Defibrillatoren (AED) an öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Flughäfen etc. diesen Patienten nicht. Effektive Laienreanimation, die durch Angehörige durchgeführt wird, vervielfacht jedoch das positive Outcome der Patienten. Gerade diese für die Praxis relevanten Ergebnisse aus dem Reanimationsregister sollten künftig für eine noch bessere Versorgung der Patienten genutzt werden.

Informationen
Innerhalb von Schleswig-Holstein steht die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holsteins, Campus Kiel, für Rückfragen und Informationen zur Verfügung. E-Mail anaesthesie@uk-sh.de, Tel. 0431/597-2991.

Dr. Jan-Thorsten Gräsner (Korrespondenz), Prof. Dr. Volker Dörges, Prof. Dr. Jens Scholz, UK S-H, Campus Kiel, Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Schwanenweg 21, 24105 Kiel,
E-Mail graesner@anaesthesie.uni-kiel.de


Literatur

  1. Böttiger BW, Grabner C, Bauer H, Bode C, Weber T, Motsch J et al (1999) Long term outcome after out-of-hospital cardiac arrest with physician staffed emergency medical services: the Utstein-Style applied to a midsized urban/suburban area. Heart 8: 684-679.
  2. Gräsner JT, Messelken M, Scholz J, Fischer M. Das Reanimationsregister der DGAI. Anaesth Intensivmed 47: 630-631, 2006
  3. Jacobs I, Nadkarni V, Bahr J, Berg RA, Billi JE, Bossaert L, Cassan P, Coovadia A, D'Este K, Finn J, Halperin H, Handley A, Herlitz J, Hickey R, Idris A, Kloeck W, Larkin GL, Mancini ME, Mason P, Mears G, Monsieurs K, Montgomery W, Morley P, Nichol G, Nolan J, Okada K, Perlman J, Shuster M, Steen PA, Sterz F, Tibballs J, Timerman S, Truitt T, Zideman D; International Liaison Committee on Resuscitation; American Heart Association; European Resuscitation Council; Australian Resuscitation Council; New Zealand Resuscitation Council; Heart and Stroke Foundation of Canada; InterAmerican Heart Foundation; Resuscitation Councils of Southern Africa; ILCOR Task Force on Cardiac Arrest and Cardiopulmonary Resuscitation Outcomes (2004): Cardiac arrest and cardiopulmonary resuscitation outcome reports: update and simplification of the Utstein templates for resuscitation registries: a statement for healthcare professionals from a task force of the International Liaison Committee on Resuscitation (American Heart Association, European Resuscitation Council, Australian Resuscitation Council, New Zealand Resuscitation Council, Heart and Stroke Foundation of Canada, InterAmerican Heart Foundation, Resuscitation Councils of Southern Africa). Circulation 110(21):3385-97
  4. Gräsner JT, Dörges V. Internationales webbasiertes Reanimationsregister. Design, Rationale und vorläufige Ergebnisse. Notfall Rettungsmed 9: 630-631, 2006.
  5. Gräsner JT, Fischer M, Altemeyer KH, Bahr J, Böttiger BW, Dörges V, Franz R, Gries A, Krieter H, Messelken M, Rosolski T, Ruppert M, Schlechtriemen T, Scholz J,Schüttler J, Wolke B,Zander JF. Nationales Reanimationsregister: Strukturierte Datenerfassung mit dem DGAI-Reanimationsdatensatz Erstversorgung. Notfall Rettungsmed 8: 112-115, 2005
  6. Gräsner JT, Messelken M, Fischer M, Rosolski-Jantzen T , Bahr J, Böttiger BW, Dörges V, Franz R, Gries A, Krieter H, Schüttler J, Wnent J, Zander JF, Scholz, J: DGAI-Reanimationsregister -
    Die Datensätze Weiterversorgung und Langzeitverlauf. Vervollständigung des DGAI-Reanimationsdatensatzes. AnaesthIntenisiv 2007, in press
  7. Messelken M, Schlechtriemen Th (2003) Der minimale Notarztdatensatz MIND 2 - Weiterentwicklung der Datengrundlage für die Notfallmedizin. Notfall Rettungsmed 6:189-192
  8. Tebbe U (2005) Reanimationsregister der Arbeitsgemeinschaft Leitender kardiologischer Krankenhausärzte. Notfall Rettungsmed 8:306-314
  9. Messelken M, Fischer M, Dirks B, Throm G, Wettig T (2005): Externe Qualitätssicherung im Rettungsdienst - Das Baden-Württemberger Modell. Notfall Rettungsmed 8:476-48


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2007

S. 67-69