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Medizin und Wissenschaft

Strahlentherapie beim kleinzelligen Bronchialkarzinom
Jürgen Dunst, Dagmar Linde-Stoltenberg, Hans-Jürgen Brodersen

Das kleinzellige Lungenkarzinom (small cell lung cancer, SCLC) ist durch sehr rasches Wachstum und eine schnelle Metastasierung charakterisiert. Viele Patienten haben bereits bei Diagnose eine weit fortgeschrittene Erkrankung. Auch wenn keine hämatogenen Metastasen erkennbar sind, liegt bereits in fast 100 Prozent eine okkulte Metastasierung vor. Die Behandlung erfordert deshalb eine möglichst umgehende Chemotherapie mit konsolidierender Strahlentherapie bei Remission der Erkrankung. Operative Behandlungen spielen (außer bei den eher seltenen Frühfällen) eine untergeordnete Rolle.

Der Stellenwert der Strahlenbehandlung wurde lange Zeit kontrovers diskutiert. Mittlerweile gilt auf der Basis von Meta-Analysen aber als gesichert, dass die Bestrahlung wesentlich zur Langzeitheilung beiträgt. Als heilbar gelten vor allem Patienten, bei denen die Erkrankung zum Diagnosezeitpunkt auf eine Lunge und das Mediastinum beschränkt ist (sog. Stadium Limited disease). Bei alleiniger Chemotherapie beträgt die Drei-Jahres-Überlebensrate in diesem Kollektiv etwa acht Prozent. Durch die konsolodierende Bestrahlung von Primärtumor und Mediastinum verbessert sie sich um etwa fünf Prozentpunkte, durch die prophylaktische Schädelbestrahlung um weitere fünf Prozentpunkte (Tab. 1). Die Begründung für die Schädelbestrahlung ergibt sich aus der Tatsache, dass das Gehirn bei Patienten mit gutem Ansprechen auf die Chemotherapie den Ort höchsten Rückfallrisikos darstellt, bedingt durch die geringere Wirksamkeit der Chemotherapie im Gehirn. Für die Langzeitheilung ist die Strahlentherapie also mindestens ebenso wichtig wie die Chemotherapie. Möglicherweise kann dieser Effekt noch verbessert werden, wenn man die Strahlentherapie früher als bisher einsetzt und intensiviert.

Bei Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung bei Diagnose (sog. Stadium Extensive disease) hatte die Strahlentherapie bisher nur palliativen Charakter. Eine auf dem diesjährigen amerikanischen Onkologie-Kongress ASCO vorgestellte Studie zeigte jedoch auch einen Überlebensvorteil durch prophylaktische Schädelbestrahlung bei Patienten mit Extensive disease, die auf die Chemotherapie angesprochen hatten. Die Ein-Jahres-Überlebensrate verdoppelte sich (Tabelle 2). Die Schädelbestrahlung hatte keine negativen Auswirkungen auf Allgemeinbefinden oder Leistungszustand.

Tab. 1: Signifikante Verbesserungen der Heilungsrate durch Mediastinalbestrahlung und prophylaktische Schädelbestrahlung im Stadium Limited disease
Tab. 2: Prophylaktische Schädelbestrahlung bei Patienten mit Extensive disease und Ansprechen (CR oder PR) auf Chemotherapie. B. Slotman et al., ASCO 2007

Dass besonders ausgewählte Patienten mit Extensive disease von einer prophylaktischen Schädelbestrahlung profitieren können, war zwar schon früher vermutet worden. Die Studie bestätigt dies aber für ein wesentlich größeres Patientenkollektiv. Der Effekt war überraschend groß, wenn man berücksichtigt, dass auch Patienten mit geringer Remission in die Studie eingeschlossen wurden (z. B. solche mit extrazerebralen Metastasen, die nur mäßig auf die Chemotherapie angesprochen hatten). Die Studie wirft auch die Frage auf, ob nicht auch eine Bestrahlung von extrazerebralen Herden sinnvoll sein könnte, um die Remission zu verbessern.

Fazit: Bei Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom sollte man, sofern sie auf eine Chemotherapie ansprechen, immer an eine Bestrahlung denken.

Verein für Strahlentherapie Schleswig-Holstein e. V., Prof. Dr. Jürgen Dunst, Universität zu Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck; Dr. Dagmar Linde-Stoltenberg (Praxis für Strahlentherapie Pinneberg); Dr. Hans-Jürgen Brodersen (St. Franziskus-Hospital Flensburg)


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2007

S. 63,64