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Was leisten ambulante
Herzgruppen?
Miriam Fröhlich, Klaus-Dieter Kolenda
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| Prof. Dr. Klaus-Dieter
Kolenda (Foto: Ostseeklinik) |
Nach der EUROASPIRE
(European Action on Secondary Prevention through Intervention to Reduce
Events)-III-Studie, deren Ergebnisse kürzlich auf dem Europäischen
Kardiologenkongress in Wien vorgestellt wurden, hat sich das kardiologische
Risikoprofil (Zigarettenkonsum, Übergewicht, Blutdruck und Diabetes
mellitus) der europäischen Bevölkerung innerhalb der letzten
zwölf Jahre so massiv verschlechtert, sodass man von einer Bankrotterklärung
der Sekundärprävention sprechen kann1. EUROASPIRE
ist ein Programm, mit dem die klinische Wirksamkeit der Koronarprotektion
in Europa erfasst werden soll. Zu diesem Zweck wurden in den Jahren
1995 (I), 2000 (II) und 2006 (III) mehr als 8 500 Koronarpatienten in
acht europäischen Ländern 1,5 Jahre nach dem akuten Ereignis
interviewt. Es handelte sich um Patienten mit Zustand nach akutem Koronarsyndrom
oder nach Revaskularisation (Bypass-Operation oder perkutane transluminale
Koronarangioplastie). Die Studien ergaben, dass sich die Zahl der Raucher
im Untersuchungszeitraum trotz Nichtraucher-Kampagnen nicht verringert
hat. Auch heute noch können 20 Prozent aller Koronarpatienten nicht
von der Zigarette lassen. Das Körpergewicht stieg im Untersuchungszeitraum
ständig an. Zuletzt waren vier von fünf Patienten übergewichtig
(BMI > 25) und mehr als ein Drittel sogar fettleibig (BMI > 30).
Die therapeutische Kontrolle des Blutdrucks hat sich seit 1995 nicht verbessert,
jeder zweite Patient war weiter hyperton. Auch die Diabetesprävalenz
hat sich in Deutschland fast verdoppelt (1995: 13,5 Prozent, heute: 22,6
Prozent).
Vor dem Hintergrund dieser dramatischen Ergebnisse stellt sich die Frage,
wie sich das koronare Risikoprofil bei Patienten entwickelt, die im Rahmen
der Sekundärprävention an einer ambulanten Herzgruppe teilnehmen.
Bei der Analyse der deutschen Ergebnisse der EUROASPIRE-Studien wurde
ja bisher leider nicht zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern von ambulanten
Herzgruppen unterschieden. Auf diese hochinteressante und wichtige Frage
gibt jetzt eine 2007 in der Zeitschrift herzmedizin veröffentlichte
Arbeit erste Antworten2. Diese Veröffentlichung beruht
auf einer Dissertation, die 2006 der Kieler Universität vorgelegt
wurde3.
Vorbemerkungen
Bei der Rehabilitation von Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit
(KHK) sind neben der medikamentösen und operativen Therapie und der
beruflichen Reintegration der Abbau von Risikofaktoren und der Aufbau
von Schutzfaktoren durch einen neuen, veränderten Lebensstil die
wichtigsten Ziele4. Zu den umfassenden Veränderungen des
Lebensstils gehören eine koronarprotektive Ernährung, eine regelmäßige
körperliche Aktivität, das regelmäßige Praktizieren
von Entspannungsübungen sowie das Nichtrauchen. Der Aufbau dieser
Schutzfaktoren durch Lebensstilveränderungen steht in Deutschland
im Mittelpunkt der meist stationären Rehabilitation von Patienten
mit einer KHK in der Phase II der Rehabilitation nach dem akuten Ereignis.
Die PIN (Post-Infarkt-Nachsorge-)-Studie hat an einem großen Patientenkollektiv
eine eindrucksvolle Verbesserung der kardiovaskulären Risikofaktoren
am Ende der stationären Rehabilitation, vier bis sechs Wochen nach
dem akuten Ereignis, gezeigt5. Leider lassen sich diese Interventionserfolge
im Langzeitverlauf nicht in vollem Umfang aufrechterhalten, was die Folgestudie
(PIN-II) mit Befragung derselben Patienten nach drei, sechs und zwölf
Monaten erbrachte6. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die
während der stationären Rehabilitation erreichte Reduktion des
kardiovaskulären Risikoprofils bei vielen Patienten in den folgenden
zwölf Monaten nur teilweise stabilisiert und aufrechterhalten werden
kann.
Studien zur Lebensstilveränderung unter besonderer Berücksichtigung
von körperlicher Aktivität und Ernährungsumstellung haben
eine Verbesserung im Langzeitverlauf aufzeigen können7,8.
Die bereits genannte PIN- wie auch die EUROASPIRE-Studien9,10,11
weisen jedoch auf die Notwendigkeit hin, bessere Strategien zur langfristigen
Sekundärprävention zu entwickeln. Um dem Rückgang der Interventionserfolge
entgegenzuwirken, bedarf es einer intensivierten Nachsorge.
Die wichtigste Möglichkeit zur regelmäßigen Auffrischung
und Hilfe bei der effektiven und langfristigen Umsetzung der Lebensstilveränderungen
ist die Teilnahme der Patienten an einer ambulanten Herzgruppe. Dies bestätigen
verschiedene Studien12-16. Ziel ist dabei nicht allein die
dauerhafte Teilnahme des Patienten an einer ambulanten Herzgruppe, vielmehr
soll dem Patienten hier zu einer eigenverantwortlich gestalteten, aktiven
und gesundheitsorientierten Lebensführung verholfen werden, bei der
das in der Rehabilitationsklinik Erlernte im Alltag, im Beruf und in der
Freizeit weitergeführt wird.
In der vorliegenden Untersuchung geht es um den Lebensstil der Teilnehmer
und den Einfluss der ambulanten Herzgruppe. Insbesondere interessiert,
zu welchen Lebensstilveränderungen es bei den Patienten im Laufe
der Teilnahme einer Herzgruppe gekommen ist und welchen Einfluss die Herzgruppe
auf die Lebensstilveränderungen der Patienten hat.
Methodik
488 regelmäßig aktiv an Herzgruppen teilnehmende Patienten
mit einer KHK von 50 anerkannten Herzgruppen in Kiel und Lübeck wurden
anhand eines selbstständig entwickelten Fragebogens untersucht. Dieser
enthält Angaben zur befragten Person, zu bisherigen Aufenthalten
in Rehabilitationskliniken, zur Teilnahme der Patienten an einer Herzgruppe,
zur Reintegration des Patienten ins Berufsleben, weiter Angaben zu Risikofaktoren
und zum Lebensstil des Patienten, mit Unterscheidung zwischen früher,
dem Zeitpunkt der ersten Diagnose der Herzerkrankung, und heute, dem Zeitpunkt
der Befragung.
Die Befragung erfolgte zwischen November 2004 und November 2005 und war
anonym. Nach telefonischer Absprache mit den entsprechenden Übungsleitern
der Herzgruppen wurden die Fragebögen meist in der jeweils stattfindenden
Herzgruppe von der Autorin selbst an die Teilnehmer ausgegeben. Dabei
fanden immer eine Vorstellung der Untersuchung sowie deren Begründung
statt.
Um keine kostbare Übungszeit in der Herzgruppe für die Untersuchung
einzusetzen, nahmen die Teilnehmer ihren Fragebogen mit nach Hause und
brachten ihn ausgefüllt zu einem der nächsten Termine wieder
mit. Durch die gewahrte Anonymität der Befragung konnte kein Einfluss
darauf genommen werden, welche Teilnehmer einen Fragebogen ausfüllten
und welche nicht. Von den ausgegebenen 772 Fragebögen für Teilnehmer(innen)
von ambulanten Herzgruppen wurden 488 ausgefüllte Bögen von
348 Männern und 140 Frauen zurückgegeben. Die Rücklaufquote
betrug 63,2 Prozent. Alle ausgefüllten Bögen konnten in die
Auswertung eingehen.
Ergebnisse
Bei den untersuchten Herzgruppen handelt es sich um Übungs- und Trainingsgruppen
(jeweils 36 Prozent) sowie um gemischte Gruppen (28 Prozent). Die durchschnittliche
Mitgliederzahl beträgt 17. Die Patientencharakteristika des untersuchten
Gesamtkollektivs sind in Tab. 1 dargestellt. 71 Prozent der Patienten
sind männlich, 29 Prozent weiblich. Das durchschnittliche Alter der
Patienten beträgt 66,3 ± acht Jahre, die Hälfte ist zwischen
61 und 70 Jahre alt. Der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) der untersuchten
Patienten beträgt 27,0 ± 5,1. Etwa 31,9 Prozent der Probanden
haben einen BMI von unter 25 und damit Normalgewicht. Bei etwa 52,1 Prozent
liegt der BMI zwischen 25 und 29,9 (Übergewicht). Bei 16 Prozent
der Patienten besteht mit einem BMI von 30,0 und mehr eine Adipositas.
Bei allen Patienten besteht eine KHK. Daneben hat über die Hälfte
der Patienten einen Herzinfarkt hinter sich, fast die Hälfte eine
Bypass-Operation. 43,6 Prozent der Patienten gaben an, zum Zeitpunkt der
Diagnose der KHK einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck gehabt
zu haben, fast 13 Prozent hatten zu diesem Zeitpunkt einen Diabetes mellitus.
89 Prozent der Patienten waren aufgrund ihrer Herzerkrankung im Rahmen
einer Anschlussheilbehandlung in einer Rehabilitationsklinik, 92 Prozent
männliche und 82 Prozent weibliche.
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| Abb. 1: Prozentsatz
der Raucher früher (zum Zeitpunkt der Diagnose der koronaren
Herzkrankheit) und heute (zum Zeitpunkt der Befragung) |
Beim Vergleich der
Lebensstilfaktoren zum Zeitpunkt der Diagnose der Erkrankung (früher)
und zum Zeitpunkt der Befragung (heute) können erfreuliche Veränderungen
im Laufe der Herzgruppenteilnahme festgestellt werden. Besonders hervorzuheben
ist die in der vorliegenden Untersuchung große Zahl an Patienten,
die im Laufe der Herzgruppenteilnahme aufgehört haben zu rauchen,
sodass heute der Anteil an Rauchern in den untersuchten Herzgruppen unter
vier Prozent liegt (Abb. 1).
Auch die Veränderungen
im Bewegungs- und Ernährungsverhalten, in der Anwendung von Entspannungstechniken,
im Umgang mit Stress sowie bei der Wahrnehmung der eigenen Körpersignale
sind überwiegend bemerkenswert (Abb. 2).
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| Abb. 2: Lebensstilveränderungen
zwischen früher (zum Zeitpunkt der Diagnose der koronaren Herzkrankheit)
und heute (zum Zeitpunkt der Befragung) |
93 Prozent der Patienten
gaben zum Zeitpunkt der Befragung an, regelmäßig körperlich
aktiv zu sein, zum Zeitpunkt der Diagnose der KHK waren es 87 Prozent.
88 Prozent der Teilnehmer der vorliegenden Untersuchung gaben an, sich
heute - im Gegensatz zu früher - fett- und cholesterinbewusst (mit
möglichst niedrigem Fett- und Cholesteringehalt) zu ernähren.
Dabei muss aber beachtet werden, dass etwa 52 Prozent der Patienten übergewichtig
sind, 16 Prozent sind adipös (Tab. 1).
Für den vierten Lebensstilbereich, den Abbau von chronischen Stressbelastungen,
gaben zum jetzigen Zeitpunkt 86 Prozent der Teilnehmer an, chronischen
Stress zu vermeiden (früher 26 Prozent), jedoch wenden lediglich
39 Prozent regelmäßig Entspannungstechniken an (früher
elf Prozent). 91 Prozent der Patienten nehmen heute im Gegensatz zu früher
(45 Prozent) ihre Körpersignale wahr.
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| Tab. 1: Patientencharakteristika
des untersuchten Gesamtkollektivs (n = 488) |
Eine detailliertere
Betrachtung der Angaben der Patienten bezüglich einer Verbesserung
beziehungsweise Verschlechterung des Verhaltens hinsichtlich der Schutzfaktoren
ist in Tab. 2 dargestellt. In allen angesprochenen Bereichen des Lebensstils
hat sich der Prozentsatz derer, bei denen eine positive Veränderung
von früher zu heute festzustellen ist, deutlich gesteigert. 31,4
Prozent der Patienten haben im Laufe der Herzgruppenteilnahme mit dem
Rauchen aufgehört. Keiner gab an, in dieser Zeit mit dem Rauchen
angefangen zu haben. Über die Hälfte der Patienten (51,2 Prozent)
hat ihr Ernährungsverhalten verbessert und ernährt sich heute
fett- und cholesterinbewusster als früher. Nur 0,4 Prozent der Patienten
haben sich früher koronarprotektiv ernährt und tun dies heute
nicht mehr (zwei Männer). Bei der regelmäßigen körperlichen
Aktivität ist der Anteil derer mit Verhaltensverbesserung am geringsten
(8,8 Prozent). Dies erklärt sich durch den hohen Anteil an Patienten,
die sich früher schon regelmäßig bewegt haben (87 Prozent;
Abb. 2) und daher ihr Verhalten nicht verändern mussten. Mit knapp
Prozent ist hier der Anteil derer, bei denen es zu einer Verschlechterung
gekommen ist, das heißt die die regelmäßige körperliche
Aktivität aufgegeben haben, am höchsten. Beim Abbau chronischer
Stressbelastungen ist die Verhaltensverbesserung der Patienten am deutlichsten.
Fast 57 Prozent vermeiden heute Stress. Bei der Anwendung von Entspannungstechniken
ist der Anteil der Verhaltensverbesserung mit etwa 27 Prozent am geringsten
(abgesehen vom Bewegungsverhalten, bei dem der geringe Anteil anderweitig
erklärt werden kann). Bei der Wahrnehmung der eigenen Körpersignale
gibt fast die Hälfte der Patienten eine Verbesserung an.
In allen Bereichen besteht, wie auch beim oben genannten Rauchverhalten,
ein höchstsignifikanter Unterschied zwischen den Angaben zum früheren
und zum heutigen Lebensstil. Dies gilt auch für eine geschlechtsspezifische
Betrachtung. Lediglich beim Bewegungsverhalten der Frauen ist der Unterschied
statistisch nicht signifikant, hier kam es bei sechs Frauen zu einer Verhaltensverbesserung,
bei drei Frauen zu einer -verschlechterung.
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| Tab. 2: Prozentsatz
der Veränderung der Schutzfaktoren bei den Teilnehmern im Laufe
der Herzgruppen-Teilnahme |
Diskussion
Die vorliegende Arbeit zeigt auf, zu welchen Lebensstilveränderungen
es bei den von uns befragten Patienten im Laufe der Teilnahme an einer
Herzgruppe gekommen ist. Einen aktuellen Überblick über die
weltweit durchgeführten relevanten Studien zur Wirksamkeit von Lebensstilveränderungen
bei Patienten mit KHK gibt die Arbeit von Iestra und Mitarbeitern17. Diese
Arbeit zeigt überzeugend, dass der Verlauf der KHK unter anderem
durch einen Rauchstopp und regelmäßige körperliche Aktivität
günstig beeinflusst wird. Ebenso kann eine koronarprotektive, salzreduzierte
Ernährung die Prognose verbessern, hier fehlt es jedoch an aussagekräftigen
Studien. Im Ergebnis kommt es durch die untersuchten Lebensstilveränderungen
zu einer relativen Risikoreduktion der koronaren Sterblichkeit um 20 bis
35 Prozent.
Auch die PIN-, EUROASPIRE- und PROTECT (Prophylaxis of Thromboembolic
Complications in Acute Ischemic Stroke with Certioparin)-Studien haben
jeweils die Interventionserfolge der Sekundärprävention an Patienten
mit KHK kurz nach dem Akutereignis beziehungsweise in den Folgestudien5,6,9,10,11,18
im Langzeitverlauf untersucht. Leider fand sich im Langzeitverlauf ein
bis fünf Jahre nach dem Akutereignis eine unzureichende Sekundärprävention
der KHK. Die zunächst erreichten Interventionserfolge konnten nur
teilweise aufrechterhalten werden.
Hinsichtlich der Beendigung des Rauchens zeigte die EUROASPIRE-I-Studie
eine Reduzierung des Raucheranteils in durchschnittlich 20 Monaten nach
dem Akutereignis von über 30 Prozent auf 17,6 Prozent, der bei der
Nachuntersuchung etwa fünf Jahre später nahezu unverändert
war. In der eingangs zitierten EUROASPIRE-III-Studie lag der Prozentsatz
der Raucher bei 20 Prozent.
Die vorliegende Untersuchung bestätigt mit ihrem geringen Anteil
an Rauchern, der zum Zeitpunkt der Befragung unter vier Prozent lag, die
ebenso erfreulichen Ergebnisse einer Patientenbefragung in Kölner
und Düsseldorfer Herzgruppen19, bei der es trotz eines hohen Anteils
an ehemaligen Rauchern (64 Prozent) nur eine geringe Zahl an aktiven Rauchern
(meist unter zehn Prozent) gab. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied
zu den oben zitierten PIN-, EUROASPIRE- und PROTECT-Studien, bei denen
1 bis 1,5 beziehungsweise fünf Jahre nach dem akuten Ereignis der
Anteil an Rauchern bei zehn Prozent und deutlich darüber lag.
Ein Großteil der befragten Patienten gab an, sich heute, also zum
Zeitpunkt der Befragung, fett- und cholesterinbewusst zu ernähren.
Jedoch ist der Anteil normalgewichtiger Patienten mit 31,9 Prozent erschreckend
gering. Der Anteil an adipösen Patienten in der vorliegenden Studie
liegt allerdings mit 16 Prozent deutlich unter den Angaben der PIN-II-
(25 Prozent) und der EUROASPIRE-I-Studie (22,7 Prozent), außerdem
hat sich dieser Risikofaktor in der EUROASPIRE-II-Studie fünf Jahre
nach dem Akutereignis deutlich verschlechtert (30,6 Prozent). Auch die
PROTECT-II-Studie bestätigte, dass die zunächst erreichte Abnahme
des BMI in der Anschlussheilbehandlung nach einem Jahr wieder verloren
ging. Jedoch konnte hier eine Gewichtsreduktion bei Patienten mit einem
BMI über 30 erreicht werden.
Der hohe Anteil übergewichtiger beziehungsweise adipöser Patienten
an dieser und der vorliegenden Studie verdeutlicht, dass eine fettarme,
koronarprotektive und - da kalorienreduziert - auch gewichtsreduzierende
Ernährung, wie sie in den Rehabilitationskliniken angestrebt wird,
im Alltag bei den derzeitigen Lebensbedingungen bei uns nur schwer beizubehalten
und selbstständig fortzuführen ist. Hier bedarf es einer intensivierten
und längerfristigeren Unterstützung und Schulung der Patienten.
Die Übersichtsarbeit von Halle und Mitarbeitern20 hat gezeigt, dass
bei Patienten mit einer KHK der wichtigste Effekt der körperlichen
Aktivität die Reduktion von Morbidität und Mortalität ist.
Bei letzterer ist durch regelmäßige körperliche Aktivität
eine relative Risikoreduktion von 31 Prozent zu erreichen. Fast jeder
befragte Patient unserer Studie betreibt neben der einmal wöchentlich
stattfindenden ambulanten Herzgruppe regelmäßig weitere sportliche
Aktivitäten. Damit wird eine in der Rehabilitationsklinik erreichte
Lebensstilveränderung nicht nur stabilisiert, sondern sogar weiter
ausgebaut.
86 Prozent der Patienten gaben an, heute chronische Stressbelastungen
zu vermeiden. Jedoch wenden nur 39 Prozent der Befragten regelmäßig
Entspannungstechniken an. Hier kann wiederholt werden, dass die Umsetzung
der Rehabilitationsziele des Positionspapiers der Deutschen Gesellschaft
für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen
im Bereich Stressbewältigung und Entspannung durch ein vermehrtes
Angebot verbessert werden muss. Bei regelmäßiger Durchführung
von Entspannungstechniken während der Teilnahme an der Herzgruppe
würden die Teilnehmer einerseits einmal wöchentlich entsprechende
Übungen durchführen, andererseits könnten sie durch die
Präsentation unterschiedlicher Entspannungstechniken während
der Herzgruppe eventuell die zu ihnen passende Übungsform kennen
lernen, die sie dann auch selbstständig im Alltag fortführen
könnten. Zu einer solchen Angebotserweiterung wäre jedoch wahrscheinlich
eine grundsätzliche Dauer der Herzgruppe von 90 Minuten die Voraussetzung.
Wie schon eingangs ausgeführt, wurde leider weder in den EUROASPIRE-Studien
noch in einer der weiteren zitierten Studien im Langzeitverlauf zwischen
Herzgruppenteilnehmern und -nichtteilnehmern unterschieden. Dass jedoch
die Teilnahme an ambulanten Herzgruppen dazu beitragen kann, die in der
Rehabilitationsklinik erreichten Lebensstilveränderungen in wesentlichen
Teilen zu stabilisieren, verdeutlichen die Ergebnisse der von uns durchgeführten
Studie. Es zeigten sich günstigere Ergebnisse als in anderen Studien
zum Langzeitverlauf der Risikofaktoren bei Herzpatienten ohne Teilnahme
an einer ambulanten Herzgruppe.
Zusammenfassung
488 regelmäßig an Herzgruppen teilnehmende Patienten mit einer
KHK von 50 anerkannten Herzgruppen in Kiel und Lübeck wurden in einer
Studie anhand eines selbstständig entwickelten Fragebogens untersucht.
Im Vergleich des Lebensstils der befragten Patienten zu früher ist
besonders die in der vorliegenden Untersuchung große Zahl von Patienten
hervorzuheben, die im Laufe der Herzgruppenteilnahme aufgehört haben
zu rauchen, sodass es zum Zeitpunkt der Befragung nur noch wenige Raucher
in den untersuchten Herzgruppen gab (unter vier Prozent). Mit der Teilnahme
an der ambulanten Herzgruppe üben die Patienten der vorliegenden
Untersuchung mindestens einmal wöchentlich eine sportliche Aktivität
von mindestens 60 Minuten Dauer aus. Außerdem betreibt fast jeder
Teilnehmer neben der Herzgruppe regelmäßig weitere körperliche
Aktivitäten. Während der Teilnahme an der ambulanten Herzgruppe
hat sich der Anteil der Teilnehmer, die sich regelmäßig körperlich
bewegen, auf 92 Prozent erhöht.
Neben der Beendigung des Rauchens und der Durchführung einer regelmäßigen
körperlichen Aktivität haben in der vorliegenden Studie über
50 Prozent der Teilnehmer angegeben, ihr Ernährungsverhalten verbessert
zu haben. So berichten 87 Prozent der Teilnehmer, sich heute, also zum
Zeitpunkt der Befragung, fett- und cholesterinbewusst zu ernähren.
Jedoch ist der Anteil normalgewichtiger Teilnehmer mit knapp 32 Prozent
(28 Prozent der Männer, 42 Prozent der Frauen) niedrig, 16 Prozent
(Männer wie Frauen) sind adipös.
Für den Abbau von chronischen Stressbelastungen sind die Ergebnisse
der vorliegenden Studie in Schleswig-Holstein einerseits positiv, da zum
Zeitpunkt der Befragung 86 Prozent der Teilnehmer nach eigenen Angaben
Stress vermeiden, jedoch wenden lediglich 39 Prozent regelmäßig
Entspannungstechniken an.
Zusammenfassend zeigen sich in der vorliegenden Studie hinsichtlich der
Beendigung des Rauchens, bei der Weiterführung einer regelmäßigen
körperlichen Aktivität und der koronarprotektiven Ernährung
günstigere Ergebnisse als in anderen Studien zum Langzeitverlauf
der Risikofaktoren bei Herzpatienten ohne Teilnahme an einer ambulanten
Herzgruppe.
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Landesarbeitsgemeinschaft Herz und Kreislauf
in Schleswig-Holstein e. V., Winterbeker Weg 49, 24114 Kiel, E-Mail info@laghk.lsv-sh.de;
Dr. phil. Miriam Fröhlich, Christian-Kruse-Str. 4, 24118 Kiel, E-Mail
miriam.froehlich@gmx.net
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