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Der
medizinische Fortschritt aus ethischer Sicht
Dietrich von Engelhardt
Kontext
Der medizinische Fortschritt weist in die Zukunft und basiert auf der
Vergangenheit. Mit Recht konstatiert der Psychiater und Philosoph Karl
Jaspers: Die Höhe der Humanität misst sich an der Tiefe
der Erinnerung. Mit dem Fortschritt der Medizin sind stets ethische
und juristische Herausforderungen verbunden. Seit der Antike stehen sich
zwei Orientierungen gegenüber, die es immer wieder zu verbinden gilt:
das Wohl des Kranken ist das oberste Gesetz (salus aegroti
suprema lex) und der Wille des Kranken ist das oberste Gesetz
(voluntas aegroti suprema lex).
Von ebenfalls bleibender Bedeutung für den medizinischen Fortschritt
in allen Disziplinen ist der Aphorismus des Hippokrates Die Kunst
ist lang, das Leben ist kurz, die günstige Gelegenheit ist flüchtig,
die Erfahrung ist trügerisch, die richtige Entscheidung ist schwierig.
Medizin ist nicht nur Wissenschaft, sondern immer auch Kunst; wer eine
Therapie beginnt, muss auf den günstigen Augenblick achten; bei aller
evidenzbasierten Medizin sind die statistischen Ergebnisse der Forschung
immer auf den Einzelfall zu beziehen; die ärztliche Entscheidung
wird deshalb stets schwierig sein.
Die entscheidenden Voraussetzungen des Fortschritts liegen im Sein und
im Bewusstsein, in den Möglichkeiten der Natur und in den Möglichkeiten
des Menschen; von diesen Voraussetzungen hängen Potenz und Dynamik
des Fortschritts ab. Zugleich muss nach Dimensionen und Bereichen differenziert
werden; ist die Rede von der gesamten Medizin oder nur von bestimmten
Disziplinen oder medizinischen Teilbereichen? Immer wieder kommt es zu
Fortschritten in der Diagnostik ohne entsprechende Fortschritte in der
Therapie.
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| Titelbild der
Instauratio magna, 1620 |
Positionen der Vergangenheit
Die eigentlichen Fortschrittskonzepte und praktischen Umsetzungen fallen
nach entsprechenden Vorläufern in Antike und Mittelalter in die Neuzeit.
Francis Bacon stellt seinem Grundwerk Instauratio magna (1620) das Bild
eines Schiffes voran, das zur Fahrt aufs Meer aufbricht: Viele werden
hinausfahren, und die Wissenschaft wird vermehrt. Wissenschaftlicher
Fortschritt vollzieht sich nicht über Einzelpersonen, sondern nur
in Gemeinsamkeit; wissenschaftlicher Fortschritt ist ein Aufbruch in eine
offene Zukunft mit Chancen und Risiken. Fortschritt ohne Zuversicht und
Vertrauen ist - wie menschliches Leben insgesamt - undenkbar; auf Kontrolle
und Kritik kann und soll aber nicht verzichtet werden.
Im europäischen Kontext orientiert sich das Fortschrittsziel - bewusst
oder eher unbewusst - am Paradies. Die Folgen der Vertreibung aus dem
Paradies sollen mithilfe der Medizin und der Naturwissenschaften rückgängig
gemacht oder aufgehoben werden, das Paradies soll bereits auf Erden erlebt
werden können. In der Offenbarung des Johannes wird versprochen:
Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.
Mit diesen Zielen gerät der Fortschritt zugleich mit der antiken
Figur der Hybris in eine bedenkenswerte Verbindung.
Der Wandel im Fortschrittsdenken vom religiösen Mittelalter zur säkularisierten
Neuzeit kann mit zwei Bildern zutreffend veranschaulicht werden. Luca
Signorellis Auferstehung (1499/1504) symbolisiert eine vertikale Bewegung:
nur im Jenseits kann es zu vollständiger Gesundheit, Schönheit
und ewigem Leben kommen. In der Neuzeit wird diese vertikale Bewegung
in eine horizontale Bewegung verkehrt, wie auf dem berühmten Bild
Der Jungbrunnen (1546) von Lucas Cranach beeindruckend zu sehen ist: Die
Menschen begeben sich von links krank, alt und hässlich in das Wasser
der Medizin, das sie rechts auf der anderen Seite jung, schön und
gesund wieder verlassen. Die Pointe dieses Bildes ist allerdings nicht
zu übersehen: Die Menschen stoßen in den Zelten der Lüste
und an den überladenen Tischen auf Risikofaktoren, denen sie rettungslos
ausgeliefert sind; in Bälde sind sie wieder auf der linken Seite.
Die Zukunft der Medizin mit anderen Worten ist nicht gefährdet, immer
wieder wird es Krankheit, Behinderung, Schmerzen geben.
Wiederholt wurde nicht nur über die Möglichkeiten und Chancen,
sondern auch über die Risiken und Gefahren nachgedacht, die mit dem
Fortschritt für den Schutz der Natur und der Würde des Menschen
verbunden sind. Der gläubige Pico de la Mirandola bestimmt die Würde
des Menschen (De dignitate hominis, 1486) als Fähigkeit, die äußere
und eigene Natur verändern, darauf aber auch verzichten zu können.
Der Mensch muss sich entscheiden, seine Würde liegt in dieser Freiheit
der Wahl.
Der Begriff Utopie stammt von Thomas Morus, der unter diesem
Titel 1516 eine vielbeachtete Schrift veröffentlichte. Die Sache
gibt es bereits in der Antike; Platons Staatsentwurf ist auch Utopie.
Nach Morus gibt es verschiedene Typen der Utopie: möglich und unmöglich,
positiv und negativ. Utopien beziehen sich entweder auf das gesamte menschliche
Leben oder nur auf einen spezifischen Bereich. Schließlich werden
Utopien unter Diktaturen oder in Freiheit zu realisieren versucht.
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| Lucas Cranach:
Der Jungbrunnen, 1546 |
René Descartes erklärt den Menschen zum Herren und Besitzer
der Erde, aber im ursprünglich biblischen Sinne einer Verantwortung
für die Pflege und Kultivierung der Natur. Immanuel Kants Definitionen
der Würde, Aufklärung und Autonomie bestimmen das medizinethische
Denken der Gegenwart. Handle so, dass du die Menschheit sowohl in
deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich
als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. Autonomie besteht
aus zwei Bestandteilen (autos = selbst, nomos = Gesetz, Vernunft) und
bedeutet deshalb vernünftige Selbstentscheidung und nicht nur Selbstentscheidung.
Auch Kunst und Literatur greifen ihrerseits immer wieder das Thema Fortschritt
auf. In dem Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus (1818) der
englischen Schriftstellerin Mary Shelley gelangt der Schöpfer des
Monsters zu tiefen Einsichten über Motivation und Bedingungen von
Fortschritt und Forschung und muss sich eingestehen, ethische Grenzen
nicht beachtet zu haben; in einem Anfall wahnsinniger Verblendung erschuf
ich ein vernünftiges Wesen. Das Monster hält Frankenstein
entgegen: Du bist zwar mein Schöpfer, aber ich bin jetzt Dein
Herr, gehorche also. Entwicklungen, die einmal in die Wege geleitet
wurden, laufen mit einer eigenen Logik weiter, der Fortschritt ist nur
teilweise steuerbar.
Über die Chancen und Gefahren, Möglichkeiten und Grenzen des
Fortschritts machen sich Naturwissenschaftler und Mediziner auch im positivistischen
oder fortschrittsbegeisterten 19. Jahrhundert Gedanken. Emil du Bois-Reymonds
erkenntnistheoretische Grenzziehung: Wir wissen nicht, wir werden
nicht wissen (ignoramus et ignorabimus) bezieht sich
auf den Zusammenhang von Stoff und Kraft sowie Materie und Bewusstsein,
der nur korrelativ, nicht aber kausal wirklich erkannt werden kann. Rudolf
Virchows wissenschaftspolitische Aufforderung richtet sich an die Wissenschaftler:
Begrenzen wir uns selbst (restringamur), bevor
wir von Politikern begrenzt werden, bringen wir Darwins Evolutionslehre
noch nicht in die Schulen, bevor diese Lehre wirklich bewiesen ist. Gegen
beide Grenzziehungen wandte sich vehement Ernst Haeckel mit seiner fortschrittsgläubigen
Aufforderung: Furchtlos schreiten wir voran (impavidi
progrediamur). Diese Kontroverse war repräsentativ für
das 19. Jahrhundert und ist auch heute noch von aktueller Bedeutung.
Aktuelle Herausforderungen
Forschung und Fortschritt müssen sich, wofür die Gegenwart reich
an Beispielen ist, dem Urteil von Ethik und Recht stellen, die sich ihrerseits
verändern und in den Ländern der Welt auch abweichend ausfallen.
Das so genannte bioethische Quartett mit seinen vier Prinzipien: Gerechtigkeit,
Nutzen, Schadensvermeidung und Autonomie gilt für Diagnostik und
Therapie und liegt auch den Deklarationen des Weltärztebundes von
Tokio und Helsinki über die ethischen und juristischen Bedingungen
der medizinischen Forschung zugrunde. Prinzipienethik ist notwendig, aber
nicht ausreichend, hinzukommen müssen Tugendethik, auch Würde
und Solidarität. Prinzipien anerkennen ist eine Sache, sie zu verwirklichen
aber eine andere.
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| Sandro Botticelli:
Die Geburt der Venus, 1485 |
Die Geburt der Venus
(1485) von Sandro Botticelli kann als Visualisierung der Geburt in der
Petrischale, der vieldiskutierten In-vitro-Fertilisation mit anschließender
Präimplantationsdiagnostik begriffen werden; missfällt das Ergebnis,
kann die befruchtete Eizelle wieder in das Meer der unendlichen Möglichkeiten
verschwinden und ein neuer Versuch unternommen werden, was in Deutschland
verboten ist, nicht aber in der Mehrzahl der europäischen Länder.
Im Blick auf die überaus liberale Gesetzgebung der Abtreibung sollte
bei Gefahr schwerwiegender genetischer Behinderungen PID zugelassen werden;
wer auf sie verzichten muss, verzichtet nicht auf die pränatale Diagnostik.
Beim Umgang mit Stammzellen stellt sich ebenfalls die Frage von Verheißung
oder Hybris. Die Differenz von adulten und embryonalen Stammzellen, die
Differenz ihrer Herkunft aus künstlich befruchteten Eizellen, abgetriebenen
Föten oder über Zellkerntransfer wird in den unterschiedlichen
Religionen im Blick auf den Zeitpunkt der Beseelung abweichend beurteilt.
Konträre Auffassungen existieren bekanntlich auch in den europäischen
Ländern. Der Fortschritt hat zu einem Medizintourismus geführt,
für den es kaum überzeugende ethische und juristische Lösungen
gibt.
Embryonale Stammzellforschung sollte - auch zur Verbesserung der Therapie
mit adulten Stammzellen - zugelassen werden. Die Stichtagsregelung 1.
Januar 2002 kann nicht überzeugen. Entweder sollte die embryonale
Stammzellforschung unter bestimmten Bedingungen grundsätzlich zugelassen
oder verboten werden. Im Übrigen ist auch das Wort von der embryonenvernichtenden
Forschung ungenau oder irreführend; Embryonen werden nicht
für die Forschung hergestellt oder kommen ohne diese Forschung zur
Lebensentwicklung; zutreffend lautet die Alternative vielmehr: Vernichtung
der Embryonen ohne oder mit Nutzen, wozu die Eltern ihre Zustimmung geben
müssen.
Jeweils spezifische Probleme stellen sich auch in der Organtransplantation
- bei der postmortalen Spende, der Lebendspende, der Xenotransplantation.
Bei der Lebendspende geht es um Freiwilligkeit der Spende und Ausschluss
des Organhandels. Erneut sollte in diesem Bereich über die Möglichkeit
der anonymen Spende und auch der Cross-over-Spende nachgedacht werden,
die zurzeit in Deutschland noch ausgeschlossen sind.
Zu eindrucksvollen Fortschritten ist es ebenfalls in der Chirurgie gekommen,
in der plastischen Chirurgie zum Beispiel mit der Möglichkeit einer
nahezu totalen Gesichtstransplantation, die unter anderem von dem Chirurgen
Peter Butler in England entwickelt und inzwischen auch von der englischen
Ethikkommission positiv beurteilt wurde. In Frankreich wurde am 27. November
2005 einer Frau mit einem fast vollständig verbrannten Gesicht das
Gesicht einer bereits verstorbenen hirntoten Frau mit Haut und Muskeln,
Nase, Mund, Kinn und Teilen der Wangen übertragen. Sicherlich kann
dieser Fortschritt unterschiedlich beurteilt werden - im Blick auf psychische
und soziale Aspekte sowie auch in ethischer und juristischer Hinsicht.
Fortschritt und Kontinuität schließen sich nicht aus. Euthanasie
hat es in der Antike als Begriff und in der Sache bereits gegeben, mit
entsprechenden Kontroversen, von denen die Gegenwart ebenfalls erfüllt
ist. Seit der Renaissance lassen sich verschiedene Typen unterscheiden:
aktive und passive Euthanasie, direkte und indirekte Euthanasie, arzt-assistierter
Suizid, äußere und innere Euthanasie, autonome und heteronome
Euthanasie, Anlass der Euthanasie und ausführendes Subjekt der Euthanasie.
In Holland wünschen nur drei bis vier Prozent äußere Euthanasie
als Lebensbeendigung. Wenn innere Euthanasie als Sterbebeistand bei guter
Schmerztherapie gelingt, werden Bitten um Lebensverkürzung kaum mehr
gestellt.
Der medizinische Fortschritt hat mit der Kostensteigerung schließlich
die Mittelverteilung zu einem ethischen Problem werden lassen. Mittelverteilung
bedeutet Makro- und Mikroallokation zwischen allgemeiner Verteilung des
Bruttosozialproduktes und ärztlicher Entscheidung für den einzelnen
Kranken. Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung ist die zu beachtende
Reihenfolge; zuerst geht es um Rationalisierung und dann um Rationierung,
die selbst wieder nach einer Prioritätenliste oder Hierarchisierung
erfolgen sollte.
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| Caspar David
Friedrich: Lebensstufen, 1835 |
IV. Perspektiven
Kunst und Wissenschaft, Fortschritt und Lehre sind frei, garantiert
der Artikel 5 des Grundgesetzes. Der Fortschritt ist notwendig, offen,
nur begrenzt prognostizier- und steuerbar. Freiheit und Notwendigkeit
gehören zusammen. Grenzen setzen Ökonomie, Recht und Ethik,
letztlich Sein und Bewusstsein oder die Möglichkeiten der Natur und
die Möglichkeiten des Menschen. Verschiedene Länder mit abweichenden
Gesetzen, Traditionen und Lebensverhältnissen existieren nebeneinander
und miteinander. Maßstab sollten stets Autonomie, Würde und
Gerechtigkeit sein.
Francis Bacon stellte das Bild eines Schiffes, das zu einer Fahrt der
ungeahnten und unbegrenzten Möglichkeiten aufbricht, über den
Fortschritt. Caspar David Friedrich lässt auf dem Gemälde Lebensstufen
(1835) die Fahrt der Schiffe vom Geist einer Solidarität zwischen
Natur und Mensch und zwischen den Generationen bestimmt sein. Diese Lebenskunst
und diese Solidarität sollten ebenfalls den Fortschritt der Medizin
auch in der Zukunft stimulieren und lenken.
Mit freundlicher
Nachdruckgenehmigung des Saarländischen Ärzteblattes 11/2007
Prof. em. Dr. phil. Dietrich v. Engelhardt, Universität zu Lübeck,
Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, Königstr.
42, 23552 Lübeck
* Festvortrag anlässlich
der Eröffnung des Fortbildungsjahres 2007/2008 der Ärztekammer
des Saarlandes am 5. September 2007 im Haus der Ärzte, Saarbrücken
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/2007
S. 51-55
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