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Medizin und Wissenschaft
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Harnsäure
und metabolisches Syndrom In den zahlreichen Publikationen über das metabolische Syndrom (MetS) (Tab. 1) wird auf die Erhöhung der Harnsäure im Serum eher selten hingewiesen. Das ist insofern verständlich, als in international anerkannten Definitionen Harnsäure nicht ausdrücklich erwähnt wird. Dies scheint sich nach Auswertung weiterer Studien als zu korrigierender Mangel herauszustellen, denn die Hyperurikämie als integraler Bestandteil des MetS kann Schlüssel zum Verständnis des MetS als weltweite Epidemie sein. Dafür sprechen Arbeiten u. a. der Gruppe um Richard J. Johnson an der Abteilung für Nephrologie, Hypertonie und Transplantation der Universität Gainesville, Florida, USA.
Harnsäure
- Uricase - Gicht
Daten aus dem letzten
Jahrhundert aus den USA und Deutschland zeigen einen tendenziellen Anstieg
der Harnsäurewerte über Jahrzehnte und auch der Inzidenz der
Gicht, die verbunden ist mit Akkumulation von Harnsäure infolge reichlichen
Genusses von Fleisch, Fett, Alkohol (besonders Bier und höherprozentige
Alkoholika). Diese nicht so seltene Krankheit mit Ablagerung von Harnsäure-Kristallen
an diversen Körperpartien, besonders am Großzehengrundgelenk,
ist verbunden mit der bekannten Begleitsymptomatik Obesitas, Hypertonie
und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Kuna-Indianern aus Panama werden
trotz einer Hyperurikämie diese Symptome nicht beobachtet, da sie
gewohnt sind, reichlich Kakaobohnen zu kauen. Überliefert ist, dass
herausragende Persönlichkeiten, z. B. Karl V., von der Gicht geplagt
wurden. Man meinte lange, es sei ein Leiden der Wohlhabenden. Auch höhere
Intelligenz wurde mit höheren Harnsäure-Spiegeln assoziiert,
was allerdings der Überprüfung bedarf.
Wenn jetzt im Folgenden von erhöhter Harnsäure im Serum die Rede ist, sind leichte Erhöhungen gemeint, die z. B. über 5,5 mg/dl liegen (als Laborgrenzwert wird 6,1 mg/dl für Frauen und 8,2 mg/dl für Männer angegeben). Fruktose - Harnsäure - InsulinresistenzWeitgehend unbeachtet blieb bisher, dass die Zufuhr von Fruktose im Gegensatz zu Glukose zu einer Hyperurikämie führt. Der Grund hierfür sei kurz zusammengefasst (Abb. 3): Fruktose wird anders als Glukose unreguliert in die Zellen aufgenommen und mittels Fruktokinase zu Fruktose-1-Phosphat, was die Zellmembran nicht mehr passieren kann. Dabei wird der Vorrat an energiereichen Phosphaten geplündert. Der rasche Verlust von ATP, ADP und schließlich AMP stimuliert die AMP-Deaminase und damit den Purinabbau, d. h. die Harnsäure-Produktion wird hoch reguliert. Harnsäure bewirkt eine endotheliale Dysfunktion mit Minderung der Bioverfügbarkeit von NO, somit auch einen Blutdruckanstieg (Abb. 4). NO muss aber vorhanden sein, wenn Insulin am Insulinrezeptor wirken soll. Somit bewirkt die Zufuhr von Fruktose via Harnsäure-Anstieg und NO-Abfall eine Insulinresistenz (Tab. 2).
Der weitere Stoffwechselweg
von Fruktose-1-Phosphat (Abb. 5) mündet in die Triglyceridsynthese,
was sich als Hypertriglyceridämie und Ablagerung von Fett in den
Fettdepots der Haut, im Bereich der Organe u. a., aber auch von Fetttröpfchen
in die Myozyten der Skelettmuskulatur bemerkbar macht: Diese Befunde passen
zu einer Insulinresistenz.
Der niedrige postprandiale
Blutzucker nach Zufuhr von Fruktose in der Nahrung, d. h. niedrige Glykämische
Index der Fruktose, wird vielfach von Diätberatern positiv
bewertet, was eine unter anderen Erklärungen dafür ist, dass
immer mehr industriell gefertigte Lebensmittelprodukte mit Zusätzen
von Fruktose - oder Invertzucker - angeboten werden. Das geschieht häufig
mit dem Zusatz für Diabetiker unbedenklich auf der Etikettierung
oder verbunden mit einem Image pro Fitness; dabei wird der
Gehalt an Kalorien vergessen, d. h. die Bewertung unter dem Gesichtspunkt
der Glykämischen Last einfach unterlassen. Nach Kenntnis
der Zusammenhänge ist somit festzuhalten: Fruktose macht nicht fit,
sondern fett. Biologisch macht eine Akkumulation von Fett, wie sie bei
Zugvögeln vor Interkontinentalflügen oder Bären vor extrem
kalten Wintern zu beobachten ist, beim Menschen gewöhnlich keinen
Sinn mehr.
Anhand der pro Kopf
verbrauchten Lebensmittel lässt sich nachvollziehen, wo die Ursachen
für das MetS zu suchen sind. Bei einer solchen Analyse fanden US-amerikanische
Forscher heraus, dass der Verzehr von Fleisch- und Wurstwaren rückläufig
ist, jedoch gerade der Zuwachs beim Verbrauch von Fruktose-Glukose-Sirup
mit der Entwicklung der Praevalenz der Obesitas korreliert (Abb. 6). Dieser
High Fructose Corn Syrup (HFCS), der in Reaktoren aus Maisstärke
enzymatisch gewonnen wird, hat einen 55-prozentigen Anteil freier Fruktose
und ist als sweetener in Fruchtsäften, Konserven, Backwaren,
Süßwaren, Speiseeis, Fruchtjoghurt etc. in jedem Supermarkt
auch bei uns in Deutschland zu finden. Seine Verwendung nach Einführung
Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts hat zahlreiche, letztlich
finanzielle Vorteile für die Lebensmittelindustrie. Dadurch sinkt
der absolute Verbrauch an Tafelzucker (Rüben-, Rohr-Zucker, Sucrose).
In den USA wurde der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch der Jahre 1966
und 2001 gegenübergestellt: Abfall bei Sucrose von 44 kg auf 30 kg
und Anstieg bei HFCS von 0 kg auf 29 kg.
Auch bei uns wandelt
sich der Zuckermarkt: Die Anbaufläche für Zuckerrüben wird
verringert, Zuckerfabriken in Regensburg und Groß Gerau werden geschlossen.
Das sind Auswirkungen der neuen Zuckermarktordnung der EU, die auf den
über die WTO vermittelten Druck reagiert, der von den sinkenden Welthandelspreisen
ausgeht. Sie plant entsprechend einen jährlichen Zuwachs von 100
000 Tonnen Isoglukose (Terminus der EU für HFCS) ein. Bildlich gesprochen
entspricht das der Ladekapazität eines Güterzuges von über
70 Kilometern Länge.
Wie oben dargestellt bewirkt die Zufuhr von Fruktose via Harnsäure-Anstieg endotheliale Dysfunktion und NO-Abfall, was sich als Vasokonstriktion äußert und Hypertonie bedeutet. Im Tierversuch lässt sich mittels oxonischer Säure die Uricase hemmen und eine milde Hyperurkämie ohne die ungewünschte Bildung von Kristallen erzeugen (im Uricase-knock-out-Tiermodell treten durch Harnsäurekristalle Organschäden auf). Der so induzierte NO-Abfall ist durch Gabe von Allopurinol oder Benzbromaron reversibel (Abb. 8). Auch bei Jugendlichen mit essenzieller Hypertonie gelang es, mittels Gabe von Allopurinol den Blutdruck zu normalisieren (Abb. 9). Dass die Senkung der Harnsäure mittels Allopurinol die endothialiale Dysfunktion gerade bei Patienten mit Herzinsuffizienz, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen bessert, ist hinlänglich bekannt. Hyperurikämie wurde als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung arterieller Hypertonie durch die nachträgliche Auswertung der Framingham und Bogalusa Heart Study und als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung von Insulinresistenz und Obesitas in anderen Studien identifiziert. Darüber hinaus mehren sich die Befunde, dass ein Zusammenhang zwischen Hyperurikämie und der Pathogenese der essenziellen Hypertonie, der Arterio-/Arteriolosklerose und vaskulärer Nephropathie besteht; der histologische Befund entspricht dem der präglomerulären oder afferenten Arteriolosklerose.
Die international
bekannte Nieren-Histopathologin Kincaid-Smith stellt aufgrund neuerer
Daten einen Wandel in der Auffassung zu den Bluthochdruckfolgen an der
Niere fest. Sie folgert, dass es hinreichende Daten gibt, dass eine arterielle
Hypertonie Herzinsuffizienz und Hirninfarkte verursachen kann, jedoch
nicht eine terminale Niereninsuffizienz, wenn man den Spezialfall maligne
Hypertonie ausklammert. Der sonst als hypertensive Nephrosklerose bezeichnete
histologische Befund, der genauer als Glomerulomegalie mit fokaler und
segmentaler Glomerulosklerose charakterisiert ist, ist durch Obesitas
mit Insulinresistenz, Hyperlipidämie und Hyperurikämie erklärt
und nur deshalb mit einer Hypertonie assoziiert, weil sie mit den anderen
Ursachen in deutlich über der Hälfte der Fälle vergesellschaftet
ist (Abb. 10). Diese Auffassung wird so z. B. von Prof. Udo Helmchen,
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, nicht geteilt. Er hält
diesen Unterschied in der Auffassung jedoch hinsichtlich therapeutischer
Konsequenzen nicht für relevant.
Die Ausbreitung der
Epidemie des MetS/der Obesitas und die Zunahme der Dialysepatienten besonders
in Industrie-Gesellschaften wurden bereits von namhaften Wissenschaftlern
vorhergesagt. Aktuelle Daten des deutschen Registers QuaSi-Niere
zeigen, dass inzwischen die Inzidenz der terminalen Niereninsuffizienz
infolge vaskulärer Nephropathie (2005: 23 Prozent) schneller zunimmt,
als die der terminalen Niereninsuffizienz infolge Diabetes Mellitus Typ
2 (2005: 32 Prozent). Beide Gruppen zusammen machen jetzt über die
Hälfte der Neuzugänge zur Nierenersatzbehandlung aus.
Schlussfolgerung Entscheidungen auf
politischer Ebene, wie die neue Zuckermarktordnung der EU, sind zu kritisieren;
denn sie drohen dem Gesundheitswesen Lasten aufzubürden, indem sie
z. B. den völlig überflüssigen Verzehr freier Fruktose
bzw. HFCS massiv fördern. Die gleichen Minister und Kommissare in
der EU appellieren im Rahmen der WHO, den Ursachen der Globesity
zu begegnen, und unterstützen wohlgemeinte
Programme. Sie ignorieren jedoch weiterhin die Besonderheiten des menschlichen
Stoffwechsels, die sich schwer publikumswirksam vermitteln lassen.
Der Öffentlichkeit
erfolgreich zu erklären, worauf zu verzichten ist, erscheint unpopulär
und kann nur gelingen, wenn eindeutig aufgezeigt wird, wie folgenreich
der Irrweg ist, den z. B. Lebensmittelindustrie und Getränkehersteller
beschreiten. Auf das Grundrecht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit,
das höherrangig ist als materieller Gewinn oder außenpolitische
Rücksichtsnahme, ist immer wieder hinzuweisen. Ermutigende Beispiele
lassen sich nennen (Abb. 11).
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Schleswig-Holsteinisches
S. 56-61 |
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