Interdisziplinäre
Behandlung der Adipositas
Kooperationszentrum Adipositas Ostholstein
Thomas Schaum
Übergewicht und Adipositas gelten heute als die hauptverantwortlichen
Faktoren für die Zunahme an Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie,
Schlaf-Apnoe-Syndrom und Fettstoffwechselstörungen, die als metabolisches
Syndrom zusammengefasst werden1. Das metabolische Syndrom ist
wiederum der wichtigste Risikofaktor für eine Vielzahl von Folgeerkrankungen,
wie der koronaren Herzerkrankung, Herzinsuffizienz und cerebraler Insulte.
Degenerative Gelenkerkrankungen, Varikosis und eine erhöhte Inzidenz
an Tumorerkrankungen gelten als weitere Komplikationen der Adipositas2.
Hinzu kommen außerdem psychosoziale Probleme, insbesondere für
Patienten mit extremer Adipositas, die sich in Form von sozialem Rückzug,
Angststörungen, Suchterkrankungen und depressiven Symptomen manifestieren3.
Diese psychischen Störungen können ebenso Ursache wie Folge des
Übergewichtes sein. In der klinischen Praxis finden sich häufig
Patienten, die sich in einem Teufelskreis befinden, in dem sich das steigende
Körpergewicht, psychische Belastungen und gestörtes Essverhalten
negativ verstärken.
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| Einflussfaktoren
auf die Gewichtsentwicklung und Funktionen des Übergewichts aus
tiefenpsychologischer Sicht |
Übergewicht und
Adipositas werden nach dem Body-Mass-Index (BMI, kg/m2) klassifiziert.
Dabei gilt ein Body-Mass-Index von 18,5 bis 25 als Normalgewicht, unter
18,5 kg/m2 als Untergewicht, > 25 bis 29,9 kg/m2
als Übergewicht. Die Adipositas beginnt bei einem BMI über 30
kg/m2.
BMI > 30-34,9 Adipositas I°
BMI > 35-39,9 Adipositas II°
BMI > 40 Adipositas III° (morbide Adipositas4)
Da das Gesundheitsrisiko
eines einzelnen Patienten sehr stark vom Fettverteilungsmuster abhängt,
hat sich durchgesetzt, zusätzlich den Taillenumfang zu bestimmen,
der insbesondere mit dem kardiovaskulären Risiko korreliert. Taillenumfänge
beim Mann > 94 cm, bei der Frau > 80 cm weisen auf ein mäßig
erhöhtes Gesundheitsrisiko, Werte > 102 cm beim Mann und >
88 cm bei der Frau weisen auf ein deutlich erhöhtes kardiovaskuläres
Risiko hin.
Verglichen mit Normalgewichtigen liegt das relative Mortalitätsrisiko
bei Übergewichtigen in den USA für Männer bei 2,58, für
Frauen bei 2,0. Die Ergebnisse der Framingham-Studie zeigen bereits bei
einem BMI > 25 kg/m2 eine Reduktion der Lebenserwartung
von 3,3 Jahren bei Frauen und 3,1 Jahren bei Männern. Bei einem BMI
> 30 kg/m2 lag die Reduktion bei Frauen bei 7,1 Jahren und
5,8 Jahren bei Männern. Bei Patienten mit morbider Adipositas (Adipositas
III°, entsprechend einem BMI > 35 kg/m2) ist das Mortalitätsrisiko
extrem erhöht5. Andere Studien zeigen, dass leichtes bis
mäßiges Übergewicht statistisch die Lebenserwartung nicht
negativ beeinflussen, die individuellen Belastungen sind jedoch zweifelsfrei
erheblich.
Neben dem gesundheitlichen Risiko von Übergewichtigen und Adipösen
- aufgrund der Vielzahl von Folgeerkrankungen - stellt die Adipositas
somit auch ein volkswirtschaftliches Problem dar, welches sich durch die
Behandlungskosten der Komplikationen und den Arbeitsausfall und frühere
Erwerbsunfähigkeit von Patient z. B. mit koronarer Herzkrankheit
erklärt1.
Auf die Pathophysiologie,
sowie genetische Faktoren der Entstehung der Adipositas soll in diesem
Artikel nicht eingegangen werden.
Die Behandlung der Adipositas ist somit die wichtigste präventive
Maßnahme, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Aber auch bei bereits
eingetretenen Folgeerkrankungen, wie bei Patienten mit Diabetes mellitus
Typ 2, spielt die Gewichtsreduktion eine entscheidende Rolle in der Behandlung,
die auch zur deutlichen Verbesserung der Prognose der Erkrankungen führt.6
Bisherige therapeutische Ansätze, die monokausal angelegt waren,
zeigten keine langfristigen Erfolge, sodass ein ganzheitlicher und multimodaler
Therapieansatz erforderlich ist. Das Kooperationszentrum Adipositas Ostholstein
hat sich im Sommer 2003 mit der Intention gegründet, um mit einer
primär interdisziplinären Herangehensweise die Diagnostik und
Therapieoptionen für Patienten mit morbider Adipositas zu koordinieren.
Es kooperieren die Curtius Klinik in Bad Malente als psychosomatisches
Fachkrankenhaus mit den SANA-Ostholstein Kliniken in Oldenburg (Diabeteszentrum,
Pulmonologie mit Schlaflabor) und Eutin (Abteilung für Allgemein-,
Kinder- und Viszeralchirurgie). Für den diagnostisch-therapeutischen
Weg ist nicht entscheidend, welche Fachdisziplin der Patient als erstes
aufsucht. Alle Patienten werden hinsichtlich der möglichen Behandlungsoptionen
in monatlich stattfindenden Fallkonferenzen gemeinsam besprochen.
Das Konzept des Kooperationszentrums Adipositas wurde im Februar 2004
bei einem Einführungssymposium, bei dem etwa 80 niedergelassene Kollegen(innen)
und Vertreter des MDK anwesend waren, vorgestellt. Bisher wurden über
40 Patienten mit Adipositas III° untersucht, davon wurden bei fünf
Patienten operative Maßnahmen (Magenband OP) durchgeführt.
Ziel der interdisziplinären
Zusammenarbeit ist eine umfassende Betreuung von Patienten, die in der
Regel als multimorbide eingestuft werden müssen. Es sollen insbesondere
psychische Erkrankungen, die zu einer Adipositas führen oder mitverantwortlich
sind, erkannt und fachgerecht behandelt werden. Auch gilt es die psychischen
Folgen des langjährig bestehenden Übergewichtes, insbesondere
im Bereich der Selbstwertregulation zu therapieren. Auch bereits eingetretene
somatische Folgeerkrankungen (aus dem internistischen oder orthopädischen
Bereich) sollten rechtzeitig einer Behandlung zugeführt werden. Operative
Maßnahmen können bei einem Teil der Patienten zusätzlich
in Frage kommen.
Erfahrungen aus drei Jahren
Viele Patienten kommen mit der Vorstellung und mit dem Wunsch, ein operativer
Eingriff könne Ihnen helfen, primär zum Chirurgen. Hierbei zeigt
sich in den meisten Fällen, dass die Patienten oft seit Jahren im
Alleingang versuchen, mit dem Gewichtsproblem umzugehen. Diverse
Diäten, teilweise unter ärztlicher Begleitung oder in Gruppen,
meistens aber solche aus der Regenbogenpresse werden erwähnt.
Dabei werden durchaus Gewichtsreduktionen von bis zu 40 kg erreicht -
jedoch nie von Dauer, sondern mit dem bekannten Jo-Jo- Effekt.
Folgeerscheinungen des Übergewichtes werden am häufigsten für
den Bewegungsapparat genannt (Gelenkbeschwerden der unteren Extremität,
Wirbelsäulenbeschwerden), teilweise auch schon mit prothetischer
Versorgung von unter 50-Jährigen. Diabetes Typ 2 fand sich bei etwa
1/3 der Patienten, die primär chirurgisch gesehen wurden, arterieller
Hypertonus bei 2/3. Für die häufig assoziierte Schlafapnoe finden
sich oft wegweisende Symptome (Tab. 2), die bis dato in den meisten Fällen
keine diagnostischen Konsequenzen hatten. Selten hat eine qualifizierte
Ernährungsberatung stattgefunden. Selten auch - trotz offensichtlicher
Belastung - eine psychosomatische/psychotherapeutische Diagnostik. Die
Schilderungen der Betroffenen spiegeln teilweise auch die Tatsache, dass
die Hausärzte keine Ansprechpartner haben, die sie unterstützen,
dem komplexen Problem der morbiden Adipositas mit einem interdisziplinären
Konzept entgegenzutreten.
Diese diagnostisch-therapeutische Lücke versucht das
Kooperationszentrum Adipositas Ostholstein durch eine fachübergreifende
Vorgehensweise zu füllen. Abhängig von den bereits durchlaufenen
Therapien bzw. Therapieversuchen wird eine weitergehende Diagnostik empfohlen
und mit den Hausärzten abgestimmt. Die im Rahmen der monatlichen
interdisziplinären Konferenzen gestellten Indikationen zu diagnostischen
und therapeutischen Maßnahmen werden in der Regel von den Krankenkassen
akzeptiert, ggf. auch nach Überprüfung durch den MDK.
Die bisherigen Erfahrungen des Kooperationszentrums sind ermutigend. Zum
einen wurden häufig bei Patienten, die sich z. B. in der chirurgischen
Klinik mit der Frage nach einer Magenband OP vorstellten, behandlungsbedürftige
internistische oder psychosomatische Erkrankungen erkannt und konnten
so einer Behandlung zugeführt werden. Zum anderen zeigt sich der
Erfolg bei den operierten Patienten durch die strenge Indikationsstellung
und interdisziplinäre Patientenführung. (siehe Tabelle).
Ungeklärt ist bis dato die Frage der Finanzierung eines solchen Konzeptes.
Für einen solchen interdisziplinären Ansatz gibt es keine geregelte
Vergütung.
Dr. Thomas Schaum, Leiter Diabeteszentrum Oldenburg, Sana Kliniken
Ostholstein GmbH, Mühlenkamp 5, 23758 Oldenburg i. H., Dr. Iris Koper,
Sana Kliniken Ostholstein, Klinik Oldenburg, Dr. Hinrich Seesko, Sana
Kliniken Ostholstein, Klinik Eutin, Dr. Eberhard Wilke, Curtius-Klinik
Malente-Gremsmühlen
Literatur:
1 Haslam DW, James
WP (2005) Obesity. Lancet 366; 1197-1209
2 Calle EE et al (1999); BMI and mortality in a prospective cohort of
US adults. N EnglJMed 341; 1097-1195
3 WHO (2000) Obesity: preventing and managing the global epidemic. WHO
Technical Report Series 864
4 Federation ID (2005), The IDF consensus wordwide definition of the metabolic
syndrome.
5 Peeters A. ET AL (2003), Obesity in adulthood an consequences for life
expactancy:A life table analysis. AnnIntern Med 138; 24-32
6 Pi-Sunyer FX (1996) A review of long term studies evaluating the efficacy
of weight loss in ameloring disorders associated with obesity. Clin Ther
18; 1006-1035
1. Pudel, V., Westenhöfer J.: Ernährungspsychologie. Hogrefe
1998
2. Wechsler,J.G.; Deutsches Ärzteblatt 04, 36, Seite A-2250/ B-1918/
C-1801
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 10/2007
S. 57-59
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