|
Weiterbildung für
Ärztinnen und Ärzte
Raucherentwöhnung
Klaus-Dieter Kolenda
Rauchen ist die bedeutendste beeinflussbare Ursache von Krankheit und
vorzeitigem Tod in den westlichen Industriestaaten1,2. Auch
Passivrauchen verursacht eine erhebliche Anzahl von vermeidbaren chronischen
Krankheiten und Todesfällen3,4. Diese Erkenntnisse haben
in den letzten Monaten auch eine breite Öffentlichkeit erreicht.
Parallel dazu wurde intensiv über eine Verbesserung der gesetzlichen
Bestimmungen zum Nichtraucherschutz diskutiert und es wurden entsprechende
Gesetze auf Bundesebene und auf der Ebene der Länder auf den Weg
gebracht. Angesichts dieser begrüßenswerten Entwicklung darf
die Behandlung der aktiven Raucher jedoch nicht vernachlässigt werden.
Rauchen ist eine Suchterkrankung, der jährlich mindestens 110 000
Menschen in Deutschland zum Opfer fallen. 30 bis 80 Prozent der ca. 20
Millionen Raucher in Deutschland sind tabakabhängig. Die meisten
Raucher brauchen professionelle Hilfe. Um unserem Gesundheitswesen teure
Folgekosten zu ersparen, muss insbesondere die Ärzteschaft rauchenden
Patienten helfen. Aus diesem Grunde führt die Landesarbeitsgemeinschaft
Herz und Kreislauf in Schleswig-Holstein e. V. (LAG) seit zwei Jahren
in Zusammenarbeit mit der Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung
der Ärztekammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg Kompaktkurse für
Ärzte(innen) zum Erwerb von Kenntnissen auf dem Gebiet der Raucherentwöhnung
durch.
- Prävalenz
des Rauchens
- Tabakinhaltsstoffe
und Pharmakologie des Nikotin
- Gesundheitsschäden
des Rauchens (Übersicht)
- Rauchen
und Erkrankungen des Respirationstraktes
- Rauchen
und kardiovaskuläre Erkrankungen
- Rauchen
und Krebserkrankungen
- Rauchen
und gynäkologische Erkrankungen
- Rauchen,
Übergewicht und Diabetes
- Gesundheitsschäden
durch Passivrauchen
- Tabakabhängigkeit,
Suchtentwicklung und klinische Bedeutung
- Ärztliche
Therapie der Tabakabhängigkeit
- Psychologische
Therapie der Tabakabhängigkeit
- Prävention
des Rauchens
|
| Tab. 1: Themen
des Kompaktkurses für Ärzte(innen) zum Erwerb von Kenntnissen
auf dem Gebiet der Raucherentwöhnung |
Ärzte-Initiative
Raucherhilfe e. V.
Die Inhalte dieser Weiterbildungsveranstaltung wurden von der Ärzte-Initiative
Raucherhilfe e. V. (AIR) erarbeitet. Die AIR ist ein bundesweites unabhängiges
und interdisziplinäres Forum von Ärzten, das sich zum Ziel gesetzt
hat, dass Rauchertherapien flächendeckend von Ärzten angeboten
werden. Dafür sollen niedergelassene Ärzte, aber auch Ärzte
in Akutkrankenhäusern und Rehabilitationskliniken, gewonnen werden.
Als ersten Schritt gilt es, die Kenntnisse von Ärzten(innen) auf
dem Gebiet der Raucherentwöhnung durch Kursangebote bei den Landesärztekammern
zu verbessern, wie das derzeit in Schleswig-Holstein schon der Fall ist.
Darüber hinaus werden von der AIR Informationen und Materialien für
die Ausbildung und das Selbststudium auf diesem Gebiet erarbeitet. Kürzlich
wurde von der AIR eine CD mit dem Titel Tabakkonsum - Gesundheitsschäden
und ärztliche Verantwortung herausgegeben, die die Grundlage
für die angestrebten bundesweiten Weiterbildungsveranstaltungen sein
soll. Diese CD wurde von 20 namhaften Experten auf den verschiedenen Teilgebieten
erarbeitet und professionell hergestellt. Sie enthält ca. 450 Folien
und kann über die AIR (Waldklausenweg 20, 81377 München, Tel.
089/74140715) gegen einen Unkostenbeitrag von 60 Euro bezogen werden.
Mitglieder und Teilnehmer einer AIR-Weiterbildungsveranstaltung erhalten
die CD zum Vorzugspreis von 22 Euro.
Programm des Kompaktkurses
In dem von der LAG durchgeführten Kompaktkurs werden innerhalb von
acht Stunden die in der Tabelle 1 aufgeführten Themen behandelt und
mit den Teilnehmern diskutiert. Es handelt sich dabei um eine Auswahl
aus der Themenliste der oben angeführten CD der AIR. In der ersten
Hälfte der Veranstaltung geht es vorwiegend um die Gesundheitsschäden
des Rauchens in ihren verschiedenen Facetten. Im zweiten Teil der Veranstaltung
stehen die Tabakabhängigkeit und deren ärztliche Behandlung
im Mittelpunkt. Die psychologische Therapie der Tabakabhängigkeit
wird dabei von einer erfahrenen Diplom-Psychologin dargestellt.
Ärztliche Raucherentwöhnung
In einer kürzlich erschienenen Arbeit des Autors wurde beschrieben,
wie eine Raucherentwöhnung in der ärztlichen Praxis durchgeführt
werden kann5,6. Es handelt sich um eine Einzeltherapie, die
aus den zwei Säulen motivierende Beratung und Gesprächsführung
und medikamentöse Therapie besteht.
Die motivierende Gesprächsführung wurde im Kontext der Behandlung
von substanzabhängigen Menschen entwickelt. Sie beruht vor allem
auf einer empathischen Grundhaltung des beratenden Arztes, einer Vermeidung
von konfrontativen und moralisierenden Argumentationen und dem Standpunkt,
dass die Erfahrung von Selbstwirksamkeit eine wichtige Voraussetzung für
eine erfolgreiche Verhaltensänderung ist.
Wer sich heute mit der Raucherentwöhnung befasst, stößt
unweigerlich auf das Stufenmodell der Veränderung von Prochaska und
DiClemente. Nach diesem Modell durchläuft jede Verhaltensänderung,
auch der Rauchstopp bzw. die Raucherentwöhnung, regelmäßig
die folgenden fünf Stufen: Absichtslosigkeit, Absichtsbildung, Vorbereitung,
Handlung und Aufrechterhaltung.
Bei Patienten auf der Stufe der Absichtslosigkeit konzentrieren sich die
Beratungsinhalte vor allem auf Informationsangebote, in denen die Risiken
des Rauchens vor dem Hintergrund der individuellen Risikokonstellation
des Patienten herauszuarbeiten sind. Auf der Stufe der Absichtsbildung
sind die Patienten ambivalent gegenüber einer Veränderung. Beratungsziel
ist hier, dem Patienten ein Abwägen von Vor- und Nachteilen eines
Rauchstopps zu ermöglichen und Zuversicht in die eigene Handlungskompetenz
aufzubauen. Auf der Stufe der Handlung sollten unterstützende Strategien
angeboten werden, zum Beispiel das Vermeiden von Versuchungssituationen
und der Einsatz von medikamentösen Hilfen, insbesondere der Nikotinersatztherapie.
Auf der Stufe der Aufrechterhaltung schließlich steht der Umgang
mit Rückfällen im Mittelpunkt.
- Termin:
Beginn mit GT (8-12 Patienten)
Thema: Gesundheitsschäden des Rauchens, Durchführung
der Raucherentwöhnung, Vorstellung Fagerström-Test und
Rauchertagebuch;
Dauer: 60-90 Minuten
- Termin (ET)
Thema: Auswertung Fagerström-Test und Rauchertagebuch, CO-Messung
(fakultativ), Bewertung der Veränderungsbereitschaft, eventuell
Verordnung medikamentöser Therapie
- Termin (ET):
Am Tag nach Beginn des Rauchstopps
Thema: individuelle Beratung: Überprüfung des Rauchstopps
(CO-Messung fakultativ), Einschätzung der eingetretenen Entzugssymptome,
Überprüfung der Pharmakotherapie, stützendes und
motivierendes Gespräch, Angebot zu Telefonkontakten oder
kurzfristigen neuen Terminen bei Entzugssymptomen, Suchtdruck
u. a.
- Termin (ET):
eine Woche nach Beginn des Rauchstopps
Thema: individuelle Beratung: Überprüfung des Behandlungsverlaufs
und der Pharmakotherapie, Rückfallprävention anhand
individueller Schwerpunkte, Angebot zu Telefonkontakten
- Termin (ET):
drei bis vier Wochen nach Beginn des Rauchstopps
Thema: individuelle Beratung: Überprüfung des Behandlungsverlaufs
bezüglich Abstinenz, Suchtdruck, Umgang mit rückfallnahen
Situationen, individuelle Rückfallprävention
- Termin (ET):
acht Wochen nach Beginn des Rauchstopps
Thema: individuelle Beratung: Überprüfung des Behandlungsverlaufs
bezüglich Abstinenz, Suchtdruck, Umgang mit rückfallnahen
Situationen, individuelle Rückfallprävention
- Termin (ET):
zwölf Wochen nach Beginn des Rauchstopps
Thema: individuelle Beratung: Bilanzierung und Erfolgskontrolle
mittels CO-Messung oder Cotinin-Bestimmung im Urin (fakultativ)
|
Tab. 2: Konzept
einer ärztlichen Raucherentwöhnung in der Praxis.
GT: Gruppentermin; ET: Einzeltermin |
Nach dem Stufenmodell
ist zunächst immer Beratungsziel, dem Patienten zu helfen, die nächste
Stufe zu erreichen und nicht den sofortigen Rauchstopp. Ebenso muss mit
Ausrutschern und Rückfällen bei den Patienten gerechnet werden.
Diese gehören zum Veränderungsprozess dazu. Eine förderliche
Grundhaltung in der Beratung zeichnet sich meist stärker durch das
Anbieten von Hilfen als durch das Drängen zur Veränderung aus.
Eine motivierende Beratung von Rauchern in einer Hausarztpraxis muss jedoch
nicht zeitaufwändig sein. Sie kann darin bestehen, dass man den Rauchstatus
feststellt und notiert und jeden Raucher bei einem Kontakt unmissverständlich
darauf hinweist, dass es für seine Gesunderhaltung und Verbesserung
seiner Risikofaktoren bzw. Stabilisierung seiner chronischen Krankheit
besser ist, das Rauchen aufzugeben. Während bei Spontanentwöhnung
ohne Unterstützung Abstinenzquoten nach einem Jahr von weniger als
fünf Prozent zu erwarten sind, lässt sich durch derartige Kurzinterventionen
bei circa zehn Prozent der rauchenden Patienten eine erfolgreiche Tabakabstinenz
erreichen. Dieser Prozentsatz lässt sich durch einen größeren
Zeitaufwand bei der motivierenden Beratung und Gesprächsführung
sicher noch erhöhen.
Im Gegensatz zu anderen
Professionen können die Ärzte bei der Raucherentwöhnung
auch qualifiziert die medikamentöse Therapie einsetzen. Für
diese Indikation ist die Nikotinersatztherapie in Deutschland zugelassen,
aber auch das Medikament Bupropion (Zyban) und neuerdings das Präparat
Variniclin (Champix). Auf die Einzelheiten der Durchführung der Nikotinersatztherapie
sei auf die ausführliche Darstellung in den oben aufgeführten
Aufsätzen verwiesen5,6. Diese Therapie ist in mehr als
130 wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten 20 Jahre gut evaluiert
und führt in randomisierten und kontrollierten Studien zu Abstinenzquoten
von ca. 20 Prozent nach einem Jahr. In einer viel beachteten Arbeit konnte
K. O. Haustein zeigen, dass bei nicht-selektionierten entwöhnungswilligen
Rauchern, die eine motivierende Beratung und eine Nikotinersatztherapie
erhielten, eine Abstinenzquote nach sechs Monaten von 33,3 Prozent im
Rahmen einer Intention-to-treat-Analyse zu erreichen war7.
Wenn man die Patienten, die nur einmal zur Beratung erschienen waren,
nicht mitrechnet, betrug die Erfolgsquote ca. 40 Prozent.
Wie vor diesem Hintergrund
die ärztliche Raucherentwöhnung in der Praxis durchgeführt
werden kann, ist in Tabelle 2 dargestellt. Es handelt sich dabei um ein
beispielhaftes Konzept, das bei seiner Umsetzung entsprechend den individuellen
Gegebenheiten des Einzelfalles variiert werden kann. So kann der 1. Termin,
der hier als Gruppentermin (GT) ausgewiesen ist, natürlich auch als
Einzeltermin (ET) durchgeführt werden. Wichtig ist, dass die Einzeltermine
vom zeitlichen Umfang her (zehn bis 30 Minuten) in den Arbeitsablauf einer
Einzelpraxis flexibel eingepasst werden können. Dieses Konzept beruht
auf Vorstellungen, die kürzlich von einer Arbeitsgruppe der AIR unter
Leitung von Dr. Dieter Geyer, Chefarzt der Suchtklinik Fredeburg, erarbeitet
wurden.
Mithilfe der beschriebenen Kompaktkurse verfolgt die AIR das Ziel, ein
regionales Netzwerk, bestehend aus hochmotivierten niedergelassenen Ärzten
in Deutschland zu schaffen, die in der Lage und Willens sind, ärztliche
Raucherentwöhnung in ihrer Praxis durchzuführen. Dabei ist eine
enge Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen wie Psychologen, die eine
verhaltenstherapeutisch-orientierte Gruppentherapie für Raucher anbieten,
und anderen Institutionen wie Rehakliniken, in denen Raucherentwöhnungsprogramme
durchgeführt werden, erwünscht.
Angesichts der großen Zahl von Rauchern und der bekannten Gesundheitsschäden
des Rauchens gibt es keinen anderen praktikablen Weg, mit dem das bestehende
Versorgungsdefizit auf dem Gebiet der Raucherentwöhnung verringert
werden kann. Ein Weiterbildungskurs für Ärzte(innen) zum Erwerb
von Kenntnissen auf dem Gebiet der Raucherentwöhnung wird in Zukunft
von der AIR in allen Bundesländern angeboten werden. Darüber
hinaus wird sich die AIR darum bemühen, dass Kollegen für die
Raucherentwöhnung von den Krankenkassen eine angemessene Vergütung
erhalten.
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Medizinisches Versorgungszentrum Blücherplatz,
Blücherpaltz 11, 24105 Kiel, Tel. 0431/87205, Privat: Villenweg 21,
24119 Kronshagen, Tel. 0431/588234,
E-Mail kd-kolenda@web.de
Literatur
- Kolenda KD. Aktuelle
Daten über die Tabakepidemie - ein Überblick. In: Kolenda
KD. Rauchen oder Gesundheit. Edition Zenk. Forchheim (2006) 9-16.
- Kolenda KD. Rauchen
oder Gesundheit? Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 7/2005; 58:
53-59.
- Kolenda KD. Gesundheitsschäden
durch Passivrauchen. In: Kolenda KD. Rauchen oder Gesundheit. Edition
Zenk. Forchheim (2006) 17-20.
- Kolenda KD. Gesundheitsschäden
durch Passivrauchen. Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 5/2006;
59: 49-52.
- Kolenda KD. Raucherentwöhnung
in der ärztlichen Praxis. In: Kolenda KD. Rauchen oder Gesundheit.
Edition Zenk. Forchheim (2006) 37-44.
- Kolenda KD. Raucherentwöhnung
in der ärztlichen Praxis. Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt
9/2006; 59: 49-57.
- Haustein KO et.
al. Die Behandlung der Tabakabhängigkeit mit Nikotin - Erfahrungen
aus dem Raucherberatungszentrum Erfurt. Z Allg Med (2004) 80: 108-112.
|

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 9/2007
S. 71-74
|