Panorama
Nr. 686 vom 16.08.2007
Trotz Verbot - Pharmakonzerne manipulieren Ärztefortbildungen
Der Text einer Sendung
Christoph Lütgert, Panorama:
Wir wissen es seit langem: Die Pharmaindustrie ist per se darauf bedacht,
ihre Profite zu maximieren, bis unser Gesundheitssystem darunter zusammenbricht.
Vielleicht noch schlimmer aber ist die Naivität, mit der Politik und
Ärzteschaft darauf reagieren. Denn dass ausgerechnet die Pharmaindustrie
in Deutschland ärztliche Fortbildung finanzieren darf - was soll denn
da anderes rauskommen - als Werbung? Ben Bolz, Timo Grosspietsch und Torben
Schmidt mit einem Plädoyer: Schimpfen Sie bitte nicht auf die Pharmaindustrie.
Die tut doch nur, was sie immer tat.
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| Dr.
Christiane Fischer |
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Das Gut Höhne
in Mettmann - dort, wo das Rheinland am schönsten ist. Offenbar ist
hoher Besuch im Haus. Wir haben erfahren, dass Ärzte zu einer kostenlosen
Fortbildung eines Berliner Pharmaunternehmens geladen sind. Dr. Christiane
Fischer wird für Panorama diese Schulung besuchen.
Dr. Christiane
Fischer, Ärztin:
Ich war noch nie auf einer solchen Veranstaltung, da ich es prinzipiell
ablehne, auf Veranstaltungen, so genannte Fortbildungsveranstaltungen,
zu gehen, die von der Pharmaindustrie gesponsert sind.
Jeder Kassenarzt
muss sich fortbilden - das hat der Bundestag 2003 beschlossen - sonst
verliert er seine Zulassung. Und er hat festgelegt: Die Fortbildungsinhalte
... müssen frei von wirtschaftlichen Interessen sein. Doch
genau das ist bei der Schulung im Gut Höhne offenbar nicht der Fall.
Bilder, die Frau Fischer mit der Handykamera für uns gemacht hat.
Ein Vortrag über Betablocker, Werbematerial des Medikaments des Pharmaunternehmens
auf dem Tisch - und um die Fortbildung schmackhaft zu machen, gibt es
ein Vier-Gänge-Menü.
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Prof.
Peter T. Sawicki |
Christiane Fischer,
Ärztin:
Böse gesagt kann man auch sagen, sie werden bestochen, an der
Fortbildung teilzunehmen.
Das heißt: Werbung und Information werden auf so einer Fortbildung
eben auf ganz ungute Weise vermischt. Und in die Köpfe der Kolleginnen
und Kollegen brennt sich ein: der Name eines bestimmten Präparats.
Prof. Peter T.
Sawicki, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen:
Es ist eine Produktwerbung, und es ist schlimmer als Werbung, denn
sie ist getarnt als Fortbildung. Und der Arzt, der sich dort informieren,
fortbilden will, nimmt an, dass es sich um objektive Information handelt.
Denn die Fortbildungen werden seit knapp vier Jahren von den Ärztekammern
auf wirtschaftliche Unabhängigkeit geprüft, zertifiziert und
bringen den Ärzten dann die notwendigen Fortbildungspunkte. Doch
frei von den Interessen der Pharmaindustrie sind die Schulungen damit
immer noch nicht, wie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns feststellen
muss.
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| Dr.
Axel Munte |
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Dr. Axel Munte,
Kassenärztliche Vereinigung Bayern:
Wirtschaftliche Interessen werden - nach wie vor - massiv wahrgenommen
von der Pharmaindustrie. Insbesondere, wenn man sich die modernen Medien
anschaut, die internetbasierten Lernportale. Da gibt es Beispiele, die
zeigen, dass die Pharmaindustrie nicht neutral, sondern im Sinne ihrer
Medikamente massiv Einfluss nimmt.
Univadis - von Merck Sharp & Dohme. Wie alle Pharmakonzerne bietet
MSD den Ärzten kostenlose Kurse im Internet an und damit wichtige
Fortbildungspunkte. Eine Schulung über die Notwendigkeit einer lipid-,
also cholesterin-senkenden Therapie. Was sachlich daherkommt, ist letztendlich
nichts anderes als Werbung für das Medikament Inegy - eine neue Wirkstoffkombination.
Zitat aus der Schulung:
Die Kombination ... wäre deshalb eine viel versprechende, sehr
gut verträgliche Alternative.
Dr. Axel Munte:
Diese Schulung ist granatenmäßig einseitig. Hier bewirbt
die Firma ein neues Medikament, weil es dort Patentschutz hat und weil
sie das Zehnfache verdienen können im Vergleich zu dem anderen Medikament,
was sie vorher hatten.
Wir legen dem Präsidenten der Ärztekammer Bayern die Schulung
vor. Sein Haus hatte die Fortbildung geprüft und bewertet: Drei Fortbildungspunkte
für die Ärzte. Fast schon kleinlaut gibt er zu, dass dies wohl
ein Fehler war.
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Dr.
Hans Hellmut Koch |
Dr. Hans Hellmut
Koch, Präsident Ärztekammer Bayern:
Wir haben bei der Punktevergabe nur die ersten Seiten dieser Fortbildung
angeschaut und die waren in Ordnung. Aber wir sind Ihnen ja dankbar deswegen,
dass Sie uns jetzt darauf hinweisen, dass hier ein Fehler passiert ist,
dass sich hier die Firma nicht an den Vertrag hält.
Ich habe mir das selber angeschaut, sie ist nicht frei von Werbung, diese
Fortbildung.
MSD will das prüfen.
Anderes Beispiel: Fortbildung von Novartis.
Hier wird in einer Schulung zu einer Knochenkrankheit der eigene Wirkstoff
namens Zoledronsäure geradezu penetrant hervorgehoben. Die bayrische
Ärztekammer findet das jedoch in Ordnung. Und bei einer Schulung
zur Therapie einer Schuppenflechte nennt Novartis einfach mal direkt den
Namen des eigenen Medikaments: Immunosporin - und das Ganze
zertifiziert durch eine Ärztekammer.
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| Prof.
Bruno Müller-Oerlinghausen |
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Prof. Bruno Müller-Oerlinghausen,
ehem. Vorsitzender der Arzneimittelkommission:
Das ist keine objektive Information, sondern das ist eindeutige
Werbung für eine spezielle Form dieses Wirkstoffes, den genau dieser
Hersteller produziert.
Prof. Peter T. Sawicki:
Diese Prüfung durch die Ärztekammern ist also entweder
gar nicht erfolgt, oder sie ist so schlampig, nachlässig erfolgt,
dass dann solche Falschaussagen, solche fehlerhaften Ärztefortbildungen
dann tatsächlich ins Netz kommen können - und dann auch noch
mit Punkten bewertet werden.
Panorama:
Sind Sie mit der Überprüfung dieser Anträge überfordert?
Dr. Hans Hellmut Koch:
Personell ja.
Man verlasse sich darauf, so Dr. Koch, dass die Pharmaunternehmen nur
gesetzeskonforme Lehrveranstaltungen anbieten. Dies hätten sie vertraglich
zugesichert. Die Ärztekammern selbst würden bei rund 5 000 eingehenden
Fortbildungen pro Monat nur einzelne überprüfen.
Panorama:
Die Portale der Industrie haben Sie offenbar ja nicht überprüft?
Dr. Hans Hellmut Koch:
Wir haben sie schon auch überprüft ...
Panorama:
Aber die Schulungen sind da ja drinnen.
Dr. Hans Hellmut Koch:
... aber natürlich nicht bis zum allerletzten Punkt. Weil, wie gesagt,
das mit dem Internet ist relativ neu, wir müssen unsere Mitarbeiter
aufstocken, wir müssen sie schulen am Internet.
Wir können sie nicht alle bis ins Einzelne überprüfen.
Prof. Peter T. Sawicki:
Das ist auch nicht schwierig, man braucht da nicht Tage, man braucht
da Minuten, um eine solche Fortbildung zu durchschauen.
Doch offenbar wollen Ärzte auch gar nicht hinterfragen, was die
Pharmaindustrie in ihren Portalen anbietet. Denn alle Fortbildungskosten,
die die Industrie trägt, müssen die Ärzte nicht selber
zahlen.
Prof. Bruno Müller-Oerlinghausen:
Warum wir Fortbildungen umsonst bekommen müssen, warum Akademien
für ärztliche Fortbildung sagen, ohne pharmazeutische Industrie
geht es überhaupt nicht, das hat mir nie eingeleuchtet.
Prof. Peter T. Sawicki:
Das ist der einfachere Weg für die Ärztekammern. Für
Ärzte und Patienten und für die Versicherten ist es aber von
Nachteil - von großem Nachteil.
Konfrontiert mit den Panorama-Recherchen hat das Gesundheitsministerium
heute die Landesärztekammern aufgefordert, ihrer Aufsichtspflicht
nachzukommen.
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Klaus
Theo Schröder |
Klaus Theo Schröder,
Staatssekretär Bundesgesundheitsministerium:
Das, was ich dazu gehört habe, halte ich für nicht akzeptabel.
Es kann nicht sein, dass es am fehlenden Personal liegt. Es war im Interesse
der Ärztinnen und Ärzte selber, aus dem Verdacht herauszukommen,
dass Fortbildungen viel zu stark beeinflusst werden durch die pharmazeutische
Industrie und das kann man nur dadurch beseitigen, dass die Ärztekammern
ihren Job an der Stelle machen.
Oder wenn der Bundestag die Sache selbst regeln und Pharmaunternehmen
in der gesetzlichen Fortbildung einfach verbieten würde. Doch bis
dahin ist es wohl noch ein weiter Weg.
Christoph Lütgert:
Das Pharma-Unternehmen Novartis hat uns auch geschrieben. Den Zwei-Seiten-Brief
kann man ganz kurz zusammenfassen: Novartis-Präparate sind gut. Deshalb
hat es seine Berechtigung, wenn bei den von Novartis gesponserten Fortbildungsveranstaltungen
für Ärzte Novartis-Präparate genannt werden. So denken
sie eben. Und das haben wir gezeigt.
Bericht: Ben Bolz, Timo Grosspietsch, Torben Schmidt
Schnitt: Birgit Böttcher
Fotos: aus Panorama
Der Beitrag von Panorama
kann im Internet unter
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2007/t_cid-4189190_mid-4192432_
typ-mshigh_loc-int.html aufgerufen werden.
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 9/2007
S. 36-38
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